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Georgios Chatzoudis | 12.01.2015 | 1650 Aufrufe | Interviews

"Den Satz 'Je suis Charlie' darf man nicht zu wörtlich nehmen"

Interview mit Claude Haas über Reaktionen nach dem Attentat auf "Charlie Hebdo"

Es dauerte nur wenige Minuten nach der Meldung vom Attentat auf das französische Satiremagazin "Charlie Hebdo" in Paris bis sich in den Sozialen Netzwerken das Bild mit dem Schriftzug "Je suis Charlie" verbreitete. Der Hashtag #JeSuisCharlie wurde über den Kurznachrichtendienst Twitter millionenfach geteilt - nach einer Grafik vor allem in Europa und an der Ostküste der USA. Was veranlasst Millionen von Menschen sich in dieser Form zu äußern? An wen richtet sich die öffentliche Bekundung von Betroffenheit beziehungsweise Trauer? Und: In welcher Tradition stehen solche Akte der öffentlichen Anteilnahme? Wir haben unsere Fragen dem Germanisten Dr. Claude Haas vom Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin (ZfL) gestellt, der sich aus kulturwissenschafticher Perspektive mit öffentlicher Trauer beschäftigt.

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"Weniger eine Identifikation als eine umfassende Solidaritätsbekundung"

L.I.S.A.: Herr Dr. Haas, die öffentliche Anteilnahme nach dem Terroranschlag in Paris ist gewaltig. In den Sozialen Netzwerken kursiert fast überall der Satz "Je suis Charlie". Wie schätzen Sie das ein? Echte Betroffenheit oder eher ein eingeübtes Ritual?

Dr. Haas: In meinen Augen tun wir gut daran, Kategorien wie "Echtheit", "Authentizität" usw. Ritualen und Konventionen nicht einfach diametral gegenüberzustellen wie es gerade in Deutschland bis heute leider allzu oft der Fall ist. Es gibt keine 'Wahrhaftigkeit' des Affekts, die seinem sozialen oder kulturellen Ausdruck prinzipiell opponieren würde oder gar müsste. Wenn die sozialen Netzwerke hinsichtlich von Trauerbekundungen regelrecht ansteckend wirken, spricht dies also weder gegen die potenzielle 'Tiefe' der Trauer, noch handelt es sich dabei an sich bereits um ein fragwürdiges oder gar gefährliches Phänomen.  

Den Satz "Je suis Charlie" darf man so oder so nicht zu wörtlich nehmen, sonst liefe er leicht auf eine Opferidentifikation hinaus, die sehr schnell anmaßende Züge bekommt. In den letzten Tagen ließ sich aber erfreulicherweise beobachten, dass weniger eine Identifikation als eine umfassende Solidaritätsbekundung gemeint ist. Das ist sehr zu begrüßen, schließt aber freilich politisch problematische Vereinnahmungen in dem einen oder anderen Fall nicht aus.

Dr. Claude Haas, Germanist, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsprojekt Deutsch als Sprache der Geisteswissenschaften um 1800

"Eine größere Besonnenheit als 2001 nach 9/11"

L.I.S.A.: "Je suis Charlie" erinnert an das Bekenntnis "Heute sind wir alle Amerikaner" von 2001. Sehen Sie in der Art der öffentlich bezeugten Betroffenheit zwischen heute und 2001 Unterschiede? Wer ist der Adressat solcher Aussagen?

Dr. Haas: Wie schon gesagt, "Je suis Charlie" ist eine klassische, ja topische Bekundung von Solidarität. Denken Sie nur an Kennedys "Ick bin ein Berliner" oder eben an Gerhard Schröders Wort von der "uneingeschränkten Solidarität" nach 9/11, die ja Ähnliches meinte wie "Heute sind wir alle Amerikaner".

Ein großer Unterschied zu damals besteht heute vermutlich darin, dass wir der Fassungslosigkeit etwas schneller Herr werden oder ihr zumindest schneller eine Form verleihen. Der Pariser "Marche Républicaine" scheint mir dafür ein beispielloser Beleg - schon rein logistisch in kürzester Zeit so etwas auf die Beine zu stellen. Auch und nicht zuletzt in den immens wichtigen Aufrufen zur Differenzierung und damit in den Warnungen vor (wie es in Frankreich seit Mittwoch immer wieder heißt) "Amalgamierung" von sogenannten Tätergruppen lässt sich eine größere Besonnenheit beobachten als 2001. Dies spricht aber nicht etwa gegen Amerika und für Europa, sondern scheint mir eher das Indiz einer Art Gefasstheit zu sein, die sich seit 9/11 nicht ohne eine gewisse Zwangsläufigkeit einstellen musste. Hinzu kommt, auch wenn man solche Anschläge nicht gegeneinander aufrechnen darf: Die Monstrosität von 9/11 blieb bisher letztlich doch uneingeholt. Einen weiteren wichtigen Unterschied würde ich darin sehen, dass in Paris zunächst – und damit vor dem Anschlag auf den jüdischen Supermarkt – die Presse und die Satire zum Ziel wurden. Das hat die bemerkenswerte Konsequenz, dass zumindest teilweise auch mit den Mitteln von Satire und Humor reagiert und geantwortet wird. Der ausgestreckte Stinkefinger in Bleistiftform und dergleichen waren nicht von schlechten Eltern.

Die Frage nach dem Adressaten ist nicht leicht zu beantworten. Idealerweise soll und kann dies praktisch jeder Nicht-Terrorist sein. Damit entsteht eine gewaltige Trauergemeinschaft, die auf kultureller und politischer Ebene aber notgedrungen imaginär bleibt. Sie hat beinahe etwas Utopisches. Die höchsten Vertreter Israels und Palästinas demonstrierten heute gemeinsam in Paris. Das ist eine fulminante Geste. Dass ihr über die Trauerbekundung hinaus Stabilität eignen könnte, scheint leider undenkbar.

"Der Begriff 'Betroffenheit' ist im deutschen Sprachgebrauch arg überstrapaziert"

L.I.S.A.: Welche Bedeutung hat das öffentliche Betroffenheits- bzw. Trauerbekenntnis für die Gesellschaft? Welche Motive und Bedürfnisse drücken sich dabei aus? Und: Sind Trauer und Betroffenheit ein- und dasselbe?

Dr. Haas: Zunächst zeugen diese Bekenntnisse von einem Wunsch nach gesellschaftlicher Einheit. Dies ist in Frankreich besonders stark zu beobachten, nicht zufällig wurden hier sehr schnell Appelle gegen den Auseinanderfall des gesellschaftlichen Zusammenhaltes laut, was schon insofern verständlich ist, als exakt dieser in den letzten Jahren in Frankreich massiv auf dem Spiel stand – und wohl leider sehr bald auch wieder auf dem Spiel stehen wird.

Trauer und Betroffenheit würde ich zumindest begrifflich tatsächlich voneinander unterschieden, weil "Betroffenheit" im deutschen Sprachgebrauch arg überstrapaziert und verbraucht scheint. Auf affektiver Ebene ist die Lage insofern komplizierter, als Trauer den vielleicht "sozialsten" Affekt überhaupt darstellt und die Versuche nicht abreißen, sie normativ und moralisch zu definieren. Selbst in der Trauerforschung kann man sehen, dass es immer wieder darum geht, ein bestimmtes und vermeintlich richtiges, moralisch "integres" Konzept von Trauer gegen andere (vermeintlich falsche) auszuspielen und durchzusetzen. Das gilt für Alexander und Margarete Mitscherlichs weithin missverstandenes Buch über die deutsche "Unfähigkeit zu trauern" bis hin zu den Überlegungen Judith Butlers zu Krieg, Terror, Folter und Trauer.     

"Beschwörungen einer gesellschaftlichen und nationalen Einheit"

L.I.S.A.: Gibt es eine historische Tradition in der Auslebung von öffentlicher Betroffenheit und Trauer?  

Dr. Haas: Die gibt es unbedingt, weil Trauer, wie gesagt, ein sozial, kulturell und politisch eminent überhöhter Affekt ist. Der Religionssoziologe Emile Durkheim stellt bereits 1912 in "Die elementaren Formen des religiösen Lebens" fest, dass die "Trauer keine natürliche Bewegung der persönlichen Sensibilität [ist], die durch einen grausamen Verlust hervorgerufen wurde", sondern dass sie "eine Pflicht [ist], die von der Gruppe auferlegt ist." Hieraus folgt in den Augen Durkheims: "Man klagt nicht, weil man traurig ist, sondern weil man die Pflicht hat, zu klagen." Dem würde ich auch heute noch zustimmen, allerdings mit der Einschränkung, dass sich Trauer von den kulturell und politisch vorgesehenen Formen ihres Ausdrucks immer auch lösen kann und dass es folglich alles andere als leicht ist, ihr ein – etwa staatlich – kontrolliertes oder auch nur kontrollierbares Ventil zu verschaffen. Die "Gruppe", von der Durkheim spricht, kann schnell in Opposition zu etablierten Ordnungen geraten und eine Art Gegenöffentlichkeit bilden. Beobachten lässt sich dies oft im Kriegsfall, wenn Staaten etwa den Angehörigen von getöteten Soldaten ein zeremoniell klar reglementiertes Angebot unterbreiten, ihre Trauer auszuleben und das heißt immer auch: zu zeigen. Die Erfindung des 'Unbekannten Soldaten' als Hauptkriegsdenkmal nach dem Ersten Weltkrieg wäre dafür ein einschlägiges Beispiel. Und in dieser Tradition stehen möglicherweise auch noch die derzeitigen Beschwörungen einer gesellschaftlichen und nationalen Einheit vor allem in Frankreich, die über eine klar koordinierte Form der Trauerbekundung hergestellt werden soll.      

"Eindeutiger Fall von Leichenfledderei"

L.I.S.A.: Inwieweit höhlt die öffentliche Imitation, Wiederholung und Ritualisierung von Betroffenheit sie auch aus? Ist sie vielleicht auch Ausdruck einer sozialen Aphasie?

Dr. Haas: Genau dies würde ich prinzipiell bestreiten, weil Ihre Frage die Idee einer rein privaten, kulturell "freien" und letztlich aseptischen Trauer oder Betroffenheit impliziert, die es in meinen Augen so nicht gibt.     

L.I.S.A.: Was ist, wenn heute Abend in Dresden 20.000 Menschen bei der Pegida sind und mehrfach das Plakat "Je suis Charlie" hochhalten?  

Dr. Haas: Dann liegt hier ein eindeutiger Fall von Leichenfledderei vor und es bleibt zu hoffen, dass Pegida nie wichtig genug wird, um den Spott der internationalen Satire auf sich zu ziehen.

Dr. Claude Haas hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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