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Ingolf Seidel | 24.05.2014 | 2243 Aufrufe | 1 | Ankündigungen

Das unschuldige Deutschland? NS-Aufarbeitung zwischen Schuldabwehr und staatlichem Antifaschismus

Der Titel der neuen Ausgabe des LaG-Magazins „Das unschuldige Deutschland?“ verweist auf den immer noch weit verbreiteten Mythos, in der DDR hätte es eine umfassende Entnazifizierung und eine gründlichere Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit gegeben als in der Bundesrepublik. Vielmehr gab es in beiden deutschen Staaten, wenn auch je unterschiedlich in den konkreten Ausprägungen, weitverbreitete Formen der Erinnerungs- und Schuldabwehr. Daher macht es Sinn zur Betrachtung dessen wie die „Aufarbeitung der Vergangenheit“ in beiden deutschen Staaten stattgefunden hat, vergleichende Perspektiven heranzuziehen, aber auch die jeweiligen Besonderheiten zu betrachten. Aus den unterschiedlichen Formen der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus haben sich verschiedene Formen der Erinnerungs- und Gedenkkultur entwickelt, die bis heute wirkmächtig sind. Dies in Betracht zu ziehen scheint uns für Schulunterricht wie für die außerschulische Bildung bis heute notwendig. Materialien und Projekte, die eine Ost-West-Perspektive berücksichtigen sind ebenso rar, wie überhaupt didaktische Konzepte, die sich differenziert mit der Geschichte des, so die Selbststilisierung, antifaschistischen Staats auseinandersetzen. Hier sehen wir ausdrücklich Handlungsbedarf. Dementsprechend stellen wir im Besprechungsteil auch Materialien vor, die in erster Linie die Auseinandersetzung mit dem NS in der Bundesrepublik zum Thema haben, während die einleitenden Essay den Schwerpunkt auf die Auseinandersetzung mit der DDR-Geschichte legen.

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Mit der Frage, wie das Verfolgungsinteresse des Ministeriums für Staatssicherheit gegenüber ehemaligen NS-Tätern war, setzt sich Henry Leide auseinander. Dabei kommt er zu dem Befund, dass eine konsequente Verfolgung von NS-Verbrechen zugunsten eines Antifaschismus, der vor allem auf die Systemauseinandersetzung mit der Bundesrepublik zielte, ausblieb.

Thomas Haury widmet sich in seinen Betrachtungen dem Verhältnis von Antifaschismus und Schuldabwehr in der frühen DDR. Sein Fazit: Im Ergebnis würde sich der Umgang mit dem NS durch das Zusammenwirken von kommunistischer Ideologie und Herrschaftsabsicherung in der DDR mit dem in der Bundesrepublik, jenseits der politischen Orientierungen, sehr ähneln.

Eine persönliche Reflexion und Auseinandersetzung des Umgangs mit der Schoa in der DDR hat Christoph Ehricht verfasst. In seinen Betrachtungen greift er die verkürzte bis verfälschende Darstellung der Judenvernichtung ebenso auf wie die Haltung eines staatsoffiziellen Antizionismus, der sich bis zum Antisemitismus steigern konnte, und zeigt, wie andererseits frühe schulische Angebote existierten, die allerdings oft in Propaganda gegen den Klassenfeind mündeten.

Eine vergleichende Perspektive nimmt Georg Weininger ein. Er beschreibt, ausgehend von den unterschiedlichen Einschätzung des Nationalsozialismus durch die KPD und das Institut für Sozialgeschichte, wie sich sehr verschiedene Formen der Auseinandersetzung mit dem NS in Bundesrepublik und DDR abgeleitet haben.
 
IN EIGENER SACHE
Für das zweite Halbjahr 2014 gibt es wieder die Möglichkeit Beiträge einzureichen.Bitte beachten Sie dafür unseren Call for Papers.

Unser nächstes LaG-Magazin erscheint am 18. Juni 2014. Es befasst sich mit der aktuellen und historischen Situation von Roma in Deutschland und Europa.

Kommentar

von Quentin Quencher | 24.05.2014 | 17:50 Uhr
Christoph Ehricht berichtet es anschaulich, und lässt für mich den Schuss zu, dass eben durch die Antizionistische Doktrin, die, wie Ehricht schreibt, sich in Antisemitismus steigern konnte, alte NS-Erklärungsmuster lebendig gehalten wurden. Sie wurden eben nur politisch angepasst.

Gleichzeitig verschwand noch das Bürgertum in der DDR, welches mäßigend hätte wirken können.
http://glitzerwasser.blogspot.com/2013/01/was-passierte-mit-dem-burgertum-in-der.html

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