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Georgios Chatzoudis | 12.02.2019 | 767 Aufrufe | 4 | Interviews

"Das Überlegenheitsgefühl der Militärs wurde verletzt"

Interview mit Matthias Häussler über den Genozid an den Herero

Beim Krieg der deutschen Kolonialtruppen gegen Herero und Nama im damaligen Deutsch-Südwestafrika (1904-1908) geht man heute in der Forschung überwiegend von einem Genozid aus. So auch der Kultur- und Sozialwissenschaftler Dr. Matthias Häussler in seiner zuletzt erschienenen Dissertationsarbeit. Allerdings legt er dabei weniger den Fokus auf die Folgen des Krieges, sondern vielmehr auf seine Entstehung und vor allem seinen Verlauf. Misserfolge, verletzte Ehrgefühle und mehrere Zufälle seien letztlich entscheidend für die Entfesselung von exzessiver Gewalt gewesen, die aus dem Hererokrieg einen Genozid haben werden lassen. Wir haben Matthias Häussler dazu unsere Fragen gestellt.

"Im Unterschied zu vielen Darstellungen erzähle ich eine Geschichte des Scheiterns"

L.I.S.A.: Herr Dr. Häussler, Sie haben im Rahmen Ihrer Dissertation über die frühere deutsche Kolonie Deutsch-Südwestafrika, heute: Namibia, geforscht. Genauer: Über den sogenannten Hererokrieg von 1904 bis 1907, den Sie als Genozid bezeichnen. Bevor wir auf Details zu sprechen kommen, warum dieses Thema, zu dem schon mehrfach publiziert worden ist? Was machen Sie in Ihrer Studie anders?

Dr. Häussler: In der Einleitung zur „Phänomenologie des Geistes“ schreibt Hegel: „Das Bekannte ist darum, weil es bekannt ist, nicht erkannt.“ Als ich begann, mich mit „Deutsch-Südwestafrika“ zu beschäftigen, gewann ich schnell den Eindruck, dass dieses Diktum auch auf dieses Thema und seine Aufarbeitung zutrifft. Als sich die Kriege zum hunderten Mal jährten, entstand eine nicht unbeträchtliche Zahl von Fallstudien. Deren vornehmliches Verdienst lag darin, die extreme Gewalt in dem ehemaligen deutschen „Schutzgebiet“ wieder stärker in das öffentliche Bewusstsein zu rücken – erschöpfend behandelt haben sie das Thema allerdings nicht. Im Gegenteil werfen die geläufigen Narrative meines Erachtens oft mehr Fragen auf, als sie beantworten. So fasste ich seinerzeit jedenfalls die nötige Zuversicht, noch einen Beitrag zu dieser Debatte leisten zu können. Und selbst nach Jahren der Forschung zeigt sich mir immer deutlicher, dass noch sehr viel Arbeit vor uns liegt.

Was ich anders mache? Ich habe gewiss nicht das Rad neu erfunden! Im Unterschied zu vielen herkömmlichen Darstellungen erzähle ich allerdings eine Geschichte des Scheiterns und gehe der Frage nach, was ein solches Scheitern im Lichte des unbedingten Überlegenheitsgefühls von Kolonialherren und Exponenten einer militärischen „Victory Culture“, wie sie das Wilhelminische Deutschland zweifellos darstellte, bedeutete und was es in Gang setzte. Heuristisch gehe ich dabei von einem komplexen System aus und versuche zu zeigen, dass die Entwicklung nicht so sehr von einer starken Zentrale, als von einer Vielzahl von Akteursgruppen und ihren Wechselwirkungen bestimmt war. Um es in einfachen Worten zu sagen: Der Zufall spielte eine weit wichtigere Rolle, als manch eine Darstellung glauben macht.

In Parenthese sei angemerkt, dass ich mit weiteren Autoren den Krieg anders datiere. Da die letzten Konzentrationslager erst 1908 geschlossen wurden, und die Konzentrationslager integraler Bestandteil der kriegerischen ‚Pazifizierung‘ Südwestafrikas waren, spricht vieles dafür, das Jahr 1908 als das Ende des Kriegszustandes anzusetzen – wobei das Ende des Kriegszustandes keineswegs mit einem Ende der Gewalt gleichzusetzen ist. Die ‚Selbstpazifizierung‘ der gewalttätigen kolonialen Gesellschaft ist nämlich nicht gelungen.

Da die Herero-Gruppen im nördlichen Zentralnamibia und die Nama- und Oorlam-Gruppen im Süden unabhängig voneinander operierten, ist außerdem von mindestens zwei verschiedenen Kriegen auszugehen.

"Über weite Strecken war der deutsche Feldzug kein Ausrottungsfeldzug"

L.I.S.A.: Ihre These lautet, dass dem Krieg von Seiten des Deutschen Reiches keine genozidale Absicht zugrunde gelegen habe. Vielmehr habe sich der Genozid an den Herero erst aus dem Verlauf des Krieges ergeben. Könnten Sie das bitte erklären?

Dr. Häussler: Nun, die Bewertung hängt freilich von dem Genozidbegriff ab, den man zugrunde legt. Aber das führt an dieser Stelle zu weit. Ich will es so sagen: Über weite Strecken war der deutsche Feldzug – selbst unter dem berüchtigten General Lothar von Trotha – kein Ausrottungsfeldzug, sondern wurde erst mit der Zeit zu einem solchen, und zwar infolge des Scheiterns der ursprünglichen Planungen. Nach Michael Mann stellen „Endlösungen“ kaum je den „Plan A“ der Täter dar, sondern so etwas wie einen „Plan B“ oder „C“, und sie kristallisieren sich als Option oft genug erst im Zuge des Gewaltgeschehens selbst heraus. (Mann, Michael (2007): Die dunkle Seite der Demokratie. Eine Theorie der ethnischen Säuberung, Hamburg: Hamburger Edition)

So auch hier. Pointiert gesagt: Wäre die Schlacht am Waterberg im August 1904 so verlaufen, wie Lothar von Trotha sich das vorgestellt hatte, müssten wir heute möglicherweise nicht von einem Genozid an den Herero sprechen. In seiner maßlosen Arroganz hätte es sich das militärische Establishment, allen voran Trotha, nicht träumen lassen, zur physischen Vernichtung der Herero schreiten zu müssen, um diesen Krieg zu einem endgültigen Abschluss zu bringen. Dafür war man sich zu sicher, dem Gegner einen militärischen Totalsieg beibringen zu können, der – sofern sich dies mit Blick auf Kolonialkriege sagen lässt – vergleichsweise konventionell hätte ausfallen können. Es war das Ausbleiben eines solchen operativen Sieges, welches das Überlegenheitsgefühl der Militärs verletzte und sie zur weiteren Entgrenzung der Gewalt antrieb, so jedenfalls meine These.    

"Der 'Schießbefehl' ist und bleibt ein wichtiger Markstein der genozidalen Eskalation"

L.I.S.A.: Anders als in der öffentlichen Debatte, insbesondere unter vielen Deutsch-Namibiern, ist in den Geschichts- und Sozialwissenschaften inzwischen unstrittig, dass es sich beim Krieg der deutschen Kolonialtruppen gegen die einheimischen Herero und Nama um einen Genozid handelte. Eine besondere Rolle spielt dabei der Schießbefehl des Kommandeurs der sogenannten deutschen Schutztruppe, General Lothar von Trotha. Welche Bedeutung messen Sie diesem Befehl für die Bewertung des Krieges als genozidal geführten Krieg bei?

Dr. Häussler: An diesem „Befehl“ werden die Defizite der Fachdebatte besonders deutlich. Er wird beständig zitiert, aber nur selten hinreichend diskutiert; oft verlässt man sich auf die Suggestivität der blutrünstigen Sprache Trothas. Wie über viele andere wichtige Details dieses Krieges ist über den „Schießbefehl“ also längst nicht alles gesagt, übrigens auch nicht in meiner Arbeit. Mit der Veröffentlichung der letzten erhaltenen Kopie dieses „Befehls“, seiner Übersetzung und Kontextuierung, haben Andreas Eckl, Jekura Kavari und ich den Versuch unternommen, eine Debatte darüber anzustoßen. (Eckl, Andreas; Häussler, Matthias; Kavari, Jekura (2018): Oomambo wandje komuhoko wOvaherero. Lothar von Trotha's 'Words to the Ovaherero people'. In: Journal of Namibian Studies, 23/2018, S. 125-133.)

Jedenfalls fällt es leichter zu sagen, was dieser „Befehl“ nicht ist. Es handelt sich primär um eine in Otjiherero abgefasste Proklamation an die Herero und nur sekundär um einen Befehl an die Truppen. Sodann handelt es sich nicht um die vorprogrammierte Klimax eines Ausrottungsfeldzuges; vielmehr entstand die Proklamation, als Trotha die Verfolgung der Herero erfolglos abbrechen musste, weil seine Truppen endgültig nicht mehr weiterkonnten. Nach meiner Lesart sollte sie zunächst mit martialischen Drohungen sicherstellen, was die deutschen Truppen aus eigener Macht nicht mehr gewährleisten konnten: dass der Gegner nicht in ‚deutsches‘ Territorium zurückkehren und den Krieg wieder aufnehmen würde. Im Großen Generalstab erregte die Proklamation wohl vor allem deswegen Unmut, weil man befürchtete, sich mit derart leeren Drohungen nur lächerlich zu machen. Die Beiläufigkeit, mit der Trotha das Abfassen dieser Proklamation in seinem Tagebuch erwähnt, mag als Hinweis darauf gelten, dass wir der Proklamation rückblickend eine viel zentralere Stelle zuweisen als der Urheber zum Zeitpunkt ihrer Abfassung.

Doch ganz unabhängig davon: Wie sich nach ihrem Inkrafttreten immer deutlicher zeigte, war die Proklamation mitsamt der darin niedergelegten Strategie dazu angetan, die Herero auszurotten. Da sich Trotha der Folgen seiner Anordnungen bewusst war und dennoch auf ihrer Umsetzung beharrte, muss man von ‚Völkermord‘ sprechen. Die Proklamation ist und bleibt ein wichtiger Markstein der genozidalen Eskalation.

"ich hatte Einsicht in das handschriftliche 'Kriegstagebuch' Lothar von Trothas"

L.I.S.A.: Welche Quellen lagen Ihnen vor? Haben Sie neue Bestände ausmachen und verwenden können?

Dr. Häussler: Meine Forschungen führten mich nicht nur in Archive in Deutschland oder Namibia, sondern auch in Botswana, Südafrika oder England. Die großzügige Förderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft ermöglichte es mir, eigene Wege einzuschlagen. Zudem hatte ich das Glück, dass mir der Familienverband von Trotha als erstem Forscher Einsicht in das handschriftliche „Kriegstagebuch“ Lothar von Trothas gewährte. Insofern findet sich in meiner Arbeit auch manch neue Quelle. Aber dies finde ich gar nicht so entscheidend, und für diese Einschätzung spielt vielleicht eine Rolle, dass die Idee zu meiner Arbeit an einem soziologischen Lehrstuhl entstanden ist. Ich neige jedenfalls nicht zu der Auffassung, dass eine Neuinterpretation der Geschehnisse zwingend eine grundlegend neue Quellenbasis voraussetzt, gleichwohl eine solche hilfreich sein kann. Ein Neuinterpretation kann sich auch auf einen neuen methodischen Ansatz gründen.

"Die Kontinuität wurde nirgends wirklich nachgewiesen"

L.I.S.A.: In der akademischen Debatte wird nach wie vor darüber gestritten, welche Bedeutung nicht nur die Kriegshandlungen an sich sondern auch die kriegsbegleitenden Phänomene, insbesondere das Kriegsgefangen- und Internierungslagerwesen, für die Brutalisierung nachfolgender Kriege hatten. Zugespitzt: Die Kriegspraxis in den afrikanischen Kolonien, vor allem im Zweiten Burenkrieg (1899-1902) und kurz darauf im Hererokrieg, habe dem Vernichtungskrieg im Zweiten Weltkrieg den Weg bereitet. Wie sehen Sie das?

Dr. Häussler: Die Kontinuität wurde immer wieder behauptet, aber – soweit ich jedenfalls sehe – nirgends wirklich nachgewiesen. Es mag sein, dass die Kontinuitätsthese eines Tages eine gründliche Untersuchung erfährt und sich dadurch erhärten lässt. Ich bin gespannt, wie sich die Debatte entwickelt!      

Dr. Matthias Häussler hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar

von Rene Schierenbroich | 12.02.2019 | 16:24 Uhr
Der Text ist gut, ABER er krankt an den üblichen Problemen deutscher Historiker. Diese sind mangelndes Einfühlungsvermögen in die jeweile historische Zeit und eine Tendenz, in jedem Fall am Ende Deutschland als „schuldig“ darzustellen. Aber konkret:

1.) Die Rede Trothas war sicherlich martialisch, aber im Duktus der Zeit auch nichts Besonders. Solle Reden können sie um 1900 wohl in allen Ländern finden. Richtig schreibt er, dass das ständige Erwähnen als "Beweis" für einen Völkermord grotesk ist.

2.) Trotha handelte NICHT im Einvernehmen mit Kaiser und Reichsregierung. Im Gegenteil – Berlin unterband die brutale Kriegsführung des Mannes, der dazu auch noch (berechtigt) in Ungnade fiel. Für einen Völkermord wäre eine offizielle politische Intention aber unabdingbar gewesen. Ansonsten bräuchte man nur einen Soldaten, der seine eigene Agenda hat, um jeden Krieg als Völkermord darzustellen. Das wäre absurd. Ilja Ehrenburg hat ähnliche Texte im WW 2 gegen die Deutschen verfasst.

3.) Ausdrücklich zustimmen kann man bei der These, dass es sich um ein Aufschaukeln im Militärischen handelte. Die Herero hatten den Deutschen herbe Verluste zugefügt und viele deutsche Siedler ermordet. Die war eine Katastrophe für die stolzen Militärs, die daraufhin in dieser unglaublichen Brutalität reagierten. Diese überstieg dann in der Tat jedes Maß.

Nach heutigen Maßstäben ist das Geschehene in seiner Brutalität sicherlich kaum fassbar. Aber ein Historiker sollte sich der historischen Wahrheit verpflichten und die damaligen Bedingungen in sein Urteil einfließen lassen. Das hat der Autor teilweise getan und dafür gebührt ihm Dank. Teilweise ist er aber auch wieder in die Haltung verfallen, das Geschehene mit einer heutigen Wertung zu belegen.

Kommentar

von Annika Fromsberg | 14.02.2019 | 13:39 Uhr
Aus meiner Sicht krankt die gesamte Diskussion um Namibia an der Definition eines Völkermordes, wie der Autor auch eingangs sagt. Um es mal vergleichend darzustellen:

- Waren die Gulags, in die die Sowjets ganze Völker verschleppten Völkermord?
- Waren die Sowjetgreuels im Osten Deutschland Völkermord oder die Bombenangriffe der Allierten?
- War Vietnam ein Völkermord?


Wer ernsthaft dieses Vergleiche zieht kann nur zu einem Urteil kommen. Bei aller Grausamkeit muss es Kriterien geben, die "neutral" zutreffend sind. Wenn die Proklamation eines Offiziers, die nicht von der Regierung geteilt wird, der wichtigste Beweis ist, dann sieht es düster aus für die deutsche Historikerzunft.

Eines aber sollten Historiker in der Tat den Populisten überlassen - ein "bluttriefendes Dokument", wie das von Trotha als Kern ihrer Argumentation heranzuziehen. Das ist pure Emotionalisierung und hat mit Wissenschaft wenig zu tun.

Kommentar

von Frank W. | 22.02.2019 | 07:34 Uhr
Aus Wikipedia: Infolge einer längeren Dürreperiode um 1830 dehnten die rinderzüchtenden Herero (Herero bedeutet ursprünglich Viehbesitzer) ihre Weidegebiete immer stärker nach Süden aus und verdrängten dabei die dort seit 1700 siedelnden Nama.


... Frage: wird das eigentlich von den Herero thematisiert? Genau dieser Satz sollte eigentlich diese ganze Diskussion als absurd entlarven. Es ist schlechterdings nicht möglich die Geschichte der Vergangenheit im Heute "wiedergutzumachen", zumindest nicht wenn die Betroffenen seit langer, langer Zeit unter der Erde liegen. Es ist ein sehr deutsches Konzept, bis zum heutigen Tag einer Erbschuldanahme über x Generationen nachzuhängen.

Aber Deutschland war ja schon immer das Land der Sonderwege und Extreme, oder mit Churchill: Die Deutschen liegen einem entweder zu Füßen oder sie halten einem das Messer an die Kehle.

Kommentar

von Frank W. | 08.03.2019 | 07:06 Uhr
"Wir haben eine Schlacht verloren, aber der Krieg geht weiter, und wir sind zuversichtlich, dass wir am Ende siegen werden."


Oberhäuptling des Volkes der Herero, Vekuii Rukoro vor 50 Jahren ....

Ach nein, gestern!

So viel dann zum Thema sensibler Umgang mit Sprache. Man stelle sich vor ein deutscher Vertreter hatte den gestrigen Prozessausgang ähnlich kommentiert.

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