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Nikolaos Chatzoudis | 08/06/2019 | 422 Views | 1 | Interviews

"Das Menschenopfer als der wirkungsvollste Opferritus"

Interview mit Benedict Thomas zu Menschenopfern im vor- und frühgeschichtlichen Mitteleuropa

Das Phänomen des Menschenopfers fasziniert und verunsichert gleichermaßen: Auf der einen Seite steht Unverständnis, auf der anderen die Neugierde, wie es zu einem solchen rituellen Opfer kommen kann. Es verwundert daher nicht, dass das Menschenopfer auch in der Populärkultur präsent ist und entsprechende Stätten, die von archäologischen Teams bearbeitet werden, große öffentliche Aufmerksamkeit erfahren. Meist ist in diesem Kontext jedoch von den frühen Hochkulturen wie den Maya und Inka die Sprache, seltener von mitteleuropäischen Kulturen. Benedict Thomas M.A., der an der Universität Würzburg promoviert und von der Gerda Henkel Stiftung gefördert wird, geht dieser Beobachtung in seinen Forschungen nach. Wir wollten in einem Interview außerdem wissen, was unter einem Menschenopfer zu verstehen ist, wie sich Menschenopfer und Ritualmord unterscheiden und welche Rückschlüsse sich für gesellschaftliche Strukturen ziehen lassen: Welche sozialen Gegebenheiten bedingen die rituelle Tötung von Menschenleben? 

"‚Sonderbestattungen‘ oder irreguläre Bestattungen genannt"

L.I.S.A.: Herr Thomas, Sie promovieren aktuell zur Thematik der Menschenopfer im vor- und frühgeschichtlichen Mitteleuropa. Können Sie Ihre Studie kurz erläutern? Wie lässt sich Ihr Forschungsgegenstand beschreiben? Und welche Untersuchungen gingen dem Thema voraus?

Benedict Thomas: Da muss ich erst einmal etwas ausholen und zunächst die Hintergründe meines Dissertationsvorhabens erläutern. Es ist so, dass bestimmte Fundkategorien wie menschliche Skelettreste in Höhlen, Siedlungen und Erdwerken häufig als Menschenopfer angesprochen werden, eine ausführliche Begründung jedoch ausbleibt. In erster Linie sind solche Deutungen auf den Kontext der menschlichen Überreste zurückzuführen, der aus unserer westlichen Kultur heraus betrachtet etwas seltsam anmuten mag. Da jedenfalls derartige Befunde aus fast allen vor- und frühgeschichtlichen Epochen vorliegen, glauben viele, dass Menschenopfer in einem entsprechenden Ausmaß verbreitet waren, es die Praktiken sozusagen ‚schon immer‘ gegeben hat[1]. Die Ethnologie zeigt allerdings, dass auch andere Erklärungsmöglichkeiten für die genannten Befunde in Frage kommen können und beispielsweise vielen Kulturen Bestattungen in den genannten Kontexten nicht unbekannt sind[2].

Bei der Argumentation für Menschenopfer hält man oft nicht einmal den Nachweis eines gewaltsamen Todes für relevant. Doch selbst wenn dieser gegeben ist, können verschiedene Motive für die Tötung in Frage kommen. Dies gilt es für jeden Einzelfall abzuklären, weshalb ich mir zur Aufgabe gemacht habe, eine umfangreiche quellenkritische Aufarbeitung der bevorzugt als Menschenopfer gedeuteten Befunde, in der Literatur häufig ‚Sonderbestattungen‘ oder irreguläre Bestattungen genannt, vorzulegen. Somit gehe ich letztendlich der Frage der Nachweisbarkeit von Menschenopfern für das vor- und frühgeschichtliche Mitteleuropa nach. Unter Berücksichtigung ethnologischer Quellen und eindeutiger archäologischer Belege, wie sie für frühe Hochkulturen vorliegen, sollen archäologische und anthropologische Kriterien zum Nachweis der Praktiken erarbeitet werden. Ebenso müssen Kriterien für weitere Formen von Tötungen gesucht werden, die im weitesten Sinne rituell, d. h. in einem routinierten Handlungsablauf erfolgen. Dies betrifft z. B. Hinrichtungen von Normbrechern oder Kriegsgefangenen, Kopfjagd, Infantizid (Kindstötung) oder auch Senizid (Altentötung). In vorindustriellen Gesellschaften ist außerdem die Hinrichtung von Individuen, die der Hexerei bezichtigt werden, weltweit und ohne erkennbaren historischen Zusammenhang verbreitet, weshalb auch von vor- und frühgeschichtlichen Hexenverfolgungen ausgegangen werden kann, was bei archäologischen Deutungen hingegen nur selten in Erwägung gezogen wird[3]. Tötungen von ‚Hexen‘ ereignen sich auch heute noch in einem erschreckenden Ausmaß in vielen Teilen der Welt[4].

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Einbeziehung des sozialen Kontextes von Menschenopfern, der in der Vor- und Frühgeschichtlichen Archäologie weitgehend vernachlässigt wird. Dabei stellt sich die Frage, wann und wo die entsprechenden sozialen Bedingungen in der Vor- und Frühgeschichte Mitteleuropas überhaupt zu erwarten sind. Dieses Thema habe ich bereits im Rahmen meiner Masterarbeit mit dem Titel „Menschenopfer im Kontext von Gesellschaftssystemen und Sozialarchäologie“ interdisziplinär bearbeitet. Nach meinem derzeitigen Kenntnisstand sind Menschenopfer ausschließlich bei hierarchischen Gesellschaften zu suchen, hierarchisch in dem Sinne, dass sich eine institutionalisierte Herrschaft etabliert hat. In der Ethnologie spricht man diesbezüglich von Ranggesellschaften und stratifizierten Gesellschaften, die sich politisch in sogenannten Häuptlings- und Königtümern organisieren. Wann und wo es in Mitteleuropa frühestens hierarchische Gesellschaften gab, ist umstritten.

Für den größten Zeitraum der Menschheitsgeschichte, dem Paläo- und Mesolithikum (Alt- und Mittelsteinzeit), lebten die Menschen als mobile Wildbeuter, auch Jäger und Sammler genannt. Solche sogenannten Hordengesellschaften, die in der Regel aus 30 bis 100 Individuen bestehen, sind ethnologisch gut erforscht und durchwegs herrschaftsfrei sozial organisiert, man spricht hier von akephalen oder egalitären Gesellschaften. Davon abgesehen, dass bei derartigen Gesellschaften keine Menschenopferpraktiken bekannt sind, kennen sie generell wenig Gewalt, da man sich bei Konflikten aufgrund der mobilen Lebensweise aus dem Weg gehen kann. Menschenopfer erscheinen mir für diesen Zeitraum folglich äußerst unwahrscheinlich. Ab dem Übergang zu einer sesshaften Lebensweise, basierend auf Ackerbau und Viehzucht – ausgehend vom Fruchtbaren Halbmond um etwa 10.000 v. Chr., in Mitteleuropa ab ca. 5.500 v. Chr. – sind schließlich verschiedene soziopolitische Verhältnisse denkbar, doch muss nicht zwingend von Hierarchien ausgegangen werden. Die Ethnologie zeigt, dass auch große Gemeinschaften von mehreren hunderttausend Menschen aufgrund ihrer verwandtschaftlichen Organisation akephal funktionieren können[5], die man als segmentäre Gesellschaften bezeichnet.

Meiner Meinung nach hat es in Mitteleuropa ab der sogenannten Urnenfelderkultur der späten Bronzezeit (ca. 1.300 bis 800 v. Chr.) immer mal wieder herrschaftliche Strukturen gegeben, wofür u. a. Großsiedlungen, Hinweise auf einen Wandel hin zu einer Kampfweise, die für hierarchische Gesellschaften typisch ist[6], sowie Indizien auf Sklavenhaltung sprechen[7]. Ob es zuvor schon hierarchische Gesellschaften gegeben hat, halte ich nach meinen bisherigen Studien für eher unwahrscheinlich. Ich vermute, dass der Einfluss der Hochkulturen des Mittelmeerraumes, der sich insbesondere ab der Urnenfelderzeit in der archäologischen Sachkultur widerspiegelt, diese soziopolitischen Verhältnisse nach Mitteleuropa gebracht hat. Diese sozialarchäologische Kontextualisierung soll in meiner Dissertation noch weiter ausgearbeitet und überprüft werden, aber derzeit vermute ich, dass vor der späten Bronzezeit für Mitteleuropa eher keine Menschenopfer zu erwarten sind. Selbstverständlich müssen auch die sozialen Bedingungen für andere Formen der rituellen Tötung erörtert werden. Hinrichtungen von Normbrechern und ‚Hexen‘ sind z. B. auch für egalitäre Gesellschaften belegt, weshalb schon früher mit ihnen gerechnet werden kann.

"Die Quellenlage ist im Allgemeinen äußerst problematisch"

L.I.S.A.: Was interessiert Sie an dem Thema besonders? 

Benedict Thomas: Mein besonderes Interesse gilt vor allem der Frage, wie man sich überhaupt ein Menschenopfer, seine Funktion und sein Zustandekommen konkret vorzustellen hat. Tatsächlich ist die Quellenlage im Allgemeinen äußerst problematisch. Für meine Studie benötige ich ein umfangreiches ethnographisches Vergleichsmaterial, das ich auf seine Authentizität und die sozialen Zusammenhänge der geschilderten Phänomene untersuche. Tatsächlich ist es selbst in der Ethnologie schwierig, eindeutige Beweise für Menschenopfer zu finden. Dies mag am Alter der schriftlichen Zeugnisse liegen, da sie niedergeschrieben wurden, bevor die Ethnologie als Wissenschaft, wie wir sie heute kennen, etabliert war, und die Berichte somit nicht den heutigen ethnologischen Anforderungen gerecht werden. Es ist kaum möglich, überhaupt Augenzeugenberichte festzustellen, meistens scheinen die Beschreibungen vielmehr auf Hören-Sagen zurückzugehen. Diese Tatsache hat allerdings nicht zu bedeuten, dass es Menschenopfer nie gegeben hat. So wurden beispielsweise die Berichte der spanischen Konquistadoren über die altamerikanischen Menschenopferpraktiken vor wenigen Jahrzehnten aufgrund ihres Quellencharakters stark angezweifelt[8], in den letzten Jahren durch einschlägige archäologische Funde jedoch mehrfach bestätigt. So sorgte zuletzt 2017 der Fund eines Massengrabes in Peru für Schlagzeilen. Es wurden in der ehemaligen Hauptstadt des präkolumbischen Chimú-Reiches Chan Chan vor rund 550 Jahren 140 Kinder zusammen mit 200 jungen Lamas niedergelegt, nachdem man ihnen offenbar das Herz entnommen hatte, wofür Manipulationen an Rippen und Brustbein sprechen. Da die Skelette alle in einer Lehmschicht im Boden gefunden wurden, vermuten die Ausgräber, dass alle Kinder bei einer einzigen rituellen Zeremonie getötet wurden. Auch in Mexiko-Stadt, der ehemaligen Hauptstadt des Aztekenreichs Tenochtitlán, fand man am ehemaligen Templo Mayor die Reste von ca. 42 Kindern, denen vermutlich das Herz herausgeschnitten wurde[9]. Dennoch erscheinen die Zahlen der geopferten Menschen, die die Spanier nennen, stark übertrieben. Inwiefern die Fülle an Berichten im Detail jedoch authentisch sind, ist fragwürdig. Qualitative Forschungen zu Menschenopfern sind daher kaum möglich. Meines Wissens stellen die Menschenopferpraktiken der Kondh, einem Adavasi-Stamm in Indien, der nordamerikanischen Skidi Pawnee und der ozeanischen Tongaer die am besten überlieferten Fälle dar. Über alle wird im 19. Jahrhundert berichtet. Ich setze mich derzeit mit diesen Beispielen auseinander.

Etwas besser belegt ist die sogenannte Totenfolge, die in der freiwilligen oder unfreiwilligen Nachfolge eines oder mehrerer Menschen als Begleitung eines Verstorbenen in den Tod besteht. Dieses Phänomen scheint unter den gleichen soziopolitischen Verhältnissen wie sie Menschenopfer erfordern und oft auch zeitgleich mit diesen aufgetreten zu sein. Sati, die Witwenverbrennung in Indien, ist z. B. durch eine umfangreiche Eigenüberlieferung nachgewiesen[10] und wird trotz Verbot auch heute noch praktiziert[11].

"Geopferte Menschen fungierten als Gabe an Gottheiten"

L.I.S.A.: Was wird unter einem Menschenopfer verstanden? Wie unterscheiden sich Menschenopfer und Ritualmord?

Benedict Thomas: Über die Opferdefinition kann gestritten werden, demnach auch um die des Menschenopfers. Meiner Meinung nach handelt es sich bei einer Opferung um einen magisch-religiösen Ritus, der auf der Vorstellung basiert, durch die Entäußerung, im Speziellen die Zerstörung von Materie eine Wirkungskraft freizusetzen. Dabei spielt ein Wertgedanke eine Rolle, denn je wertvoller Materie ist, um so mehr Kraft und Wirkung verspricht sie. Das Menschenopfer kann folglich als der wirkungsvollste Opferritus betrachtet werden. Die geopferten Menschen fungierten wohl meist als Gabe an Gottheiten. Weitverbreitet scheint außerdem das sogenannte Bauopfer gewesen zu sein, das dem Schutz eines Bauwerks diente, indem die rituell getötete Person fortan beispielsweise als übernatürlicher Wächter fungierte. In Afrika sollen z. B. auch heilige Trommeln durch Menschenopfer geweiht worden sein[12]. Hierzu müssen die Quellen allerdings noch überprüft werden. ‚Ritualmord‘ ist ein wertender Ausdruck für eine rituelle Tötung, da ‚Mord‘ die Inakzeptanz der Tötung impliziert. Zugleich diente der Begriff auch der Verunglimpfung. Beispielsweise warf man den Juden vor, Christenkinder rituell zu töten.

"Verleumdung und barbarische Stereotypisierung"

L.I.S.A.: Menschenopfer verbinden wir unter anderem mit den frühen Hochkulturen, beispielsweise den Maya und Inka – seltener hingegen mit mitteleuropäischen Kulturen. Inwiefern widerlegen Sie diese These?

Benedict Thomas: Ich kann die These insofern widerlegen, dass man Menschenopfer durchaus mit Mitteleuropa verbindet. Bisher bin ich noch keinem überzeugenden archäologischen ‚Beleg‘ dafür begegnet, doch da zumindest in manchen mitteleuropäischen Kulturen die sozialen Bedingungen für Menschenopfer gegeben gewesen waren, würde ich deren Existenz nicht ohne Weiteres ausschließen. Außerdem berichten antike Autoren wie Gaius Iulius Caesar über Menschenopfer bei Kelten (BG 6, 16, I-5), die sich archäologisch mit dem sogenannten Westhallstattkreis (ca. 800 bis 450 v. Chr.) und der Latènekultur (ca. 450 v. Chr. bis 0) identifizieren lassen. Diese Berichte dürfen jedoch nicht als Beleg gewertet werden, da sie dem Anschein nach auf Hören-Sagen basieren oder abgeschrieben wurden. Oft dienten sie auch der Verleumdung und barbarischen Stereotypisierung.

"Ethnographische Quellen und archäologische Befunde"

L.I.S.A.: Welches Quellenmaterial liegt Ihren Studien zu Grunde? Wie lässt sich ein Ritual heute rekonstruieren?

Benedict Thomas: Wie gesagt liegen meinen Studien einerseits ethnographische Quellen zugrunde und andererseits archäologische Befunde. Allein auf den Bodenfunden basierend ein Ritual rekonstruieren zu wollen, ist problematisch, da uns höchstens die letzte Stufe davon überliefert wurde, d. h. sofern die Niederlegung der Geopferten im Boden überhaupt eine Rolle spielte. Was den konkreten Ablauf eines Menschenopferrituals betrifft, sind die Berichte über die Praktiken der Kondh und der Skidi Pawnee aufschlussreich. Die Berichterstatter schildern äußerst komplexe Rituale, die mehrere Tage andauerten und von festlichen Zeremonien begleitet waren, denen die gesamte Gemeinschaft beiwohnte. Die als Opfer vorgesehenen Personen seien aus anderen Gemeinschaften entführt und nach umfangreichen rituellen Vorbereitungen von einem Priester getötet worden. Im Tötungsritus sollen auch Häuptlinge involviert gewesen sein.

"Ethisch und aufgrund der Quellenlage in vielerlei Hinsicht schwer nachzuvollziehen"

L.I.S.A.: Aus heutiger, westlicher Perspektive scheint der Vollzug eines Menschenopfers schwer nachvollziehbar. Lässt Ihre Studie Rückschlüsse zu, welche Voraussetzungen die Menschenopfer bedingen?

Benedict Thomas: Voraussetzung für Menschenopfer ist zunächst eine große soziale Gruppe, in der sich eine institutionalisierte Befehlsgewalt etabliert hat, die es ermöglicht, über Leben und Tod von Individuen zu verfügen, doch glaube ich nicht, dass in jedem Fall die religiösen und sozialen Eliten Menschenopfer wider den Willen der Gesamtbevölkerung befohlen haben. Im Beispiel der Kondh etwa scheint das Ritual weitgehend in einem gesellschaftlichen Konsens von statten gegangen zu sein. Man vollzog es offenbar nicht gerne, es geschah in erster Linie aus Furcht vor der Göttin Tari Penu. Auch die Menschenopfer auf Tonga sollen aus Furcht vor den Göttern, beispielsweise bei Krankheit des Häuptlings, begangen worden sein.

Sicherlich spiegelten sich die gesellschaftlichen Machtverhältnisse im religiösen Weltbild wider, weshalb man bestimmte Gottheiten als besonders mächtige Wesen erachtete, die gnädig gestimmt werden müssen. Unglücke aller Art erklärte man nicht mit Zufall, sondern u. a. mit göttlicher Missgunst aufgrund menschlichen Versagens. Durch Menschenopfer erhoffte man sich entweder diese zu vermeiden, oder in Notsituationen die Gunst der übernatürlichen Wesen wiederzugewinnen – im Falle des Kinderopfers aus Peru beispielsweise gibt es Hinweise darauf, dass sich zur Zeit als man es durchführte starke Regenfälle und Überschwemmungen ereigneten.

In vielen Fällen werden die rituellen Praktiken außerdem in Zusammenhang mit Sklaverei und Krieg geschildert. Die zeremonielle Tötung des Außenseiters sollte möglicherweise die Solidarität der Gemeinschaft stärken sowie politische Macht nach außen hin demonstrieren. So wurden z. B. die Kondh von Seiten der hinduistischen Rajas und der britischen Kolonialherren in ihrer politischen Unabhängigkeit bedroht. Möglicherweise waren die Menschenopfer ein verzweifelter und zuletzt auch vergeblicher Versuch, jene Unabhängigkeit zu bewahren. Selbiges erscheint etwa auch im Falle der Azteken, die sich letztlich den spanischen Eroberern beugen mussten, naheliegend. Ebenso versuchten die keltischen Stämme, von den Römern politisch unabhängig zu bleiben[13].

Alles in allem kann man sagen, dass wir es bei Menschenopfern mit äußerst komplexen Systemen zu tun haben, die nicht nur ethisch, sondern aufgrund der Quellenlage in vielerlei Hinsicht schwer nachzuvollziehen sind. Da sie ein sehr populäres Thema darstellen, ist es umso wichtiger, historische und archäologische Quellen kritisch zu analysieren und zu bewerten.

Benedict Thomas M.A. hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet. 

References

[1] Eine Zusammenstellung entsprechender Deutungen siehe bei: M. Rind, Menschenopfer. Vom Kult der Grausamkeit (Regensburg 1998). Aktuelle Debatten bestehen u. a. zu den Fundorten Herxheim bei Landau/Pfalz und Pömmelte, Sachsen-Anhalt.
[2] Siehe hierzu etwa: I. Schwidetzky, Sonderbestattungen und ihre paläodemographische Bedeutung. Homo 16, 1965, 230-247; P. J. Ucko, Ethnography and Archaeological Interpretation of Funerary Remains. World Archaeology. Vol. 1, No. 2, Techniques of Chronology and Excavation (1969) 262-280.
[3] Vgl. hierzu etwa: W. H. Walker, Where Are the Witches of Prehistory? Journal Arch. Meth. Theory 5, 3/1998, 245-308.
[4] Siehe hierzu etwa: https://de.richarddawkins.net/articles/hexenverfolgung-im-21-jahrhundert (abgerufen am 22.05.2019).
[5] Siehe hierzu etwa: Ch. Sigrist, Regulierte Anarchie. Untersuchungen zum Fehlen und zur Entstehung politischer Herrschaft in segmentären Gesellschaften Afrikas (Frankfurt a. M. 1979).
[6] So treten in der Urnenfelderzeit beispielsweise häufig Lanzen und erstmals Schutzbewaffnung auf, die für Kampf in Formation sprechen. Ebenso typisch für hierarchische Gesellschaften sind Feldschlachten, die bis zur blutigen Niederlage einer Seite führen, wofür Massengräber mit Männern, die im Kampf fielen, sprechen, wie sie sich ab der Eisenzeit gelegentlich finden. Siehe hierzu: H. Peter-Röcher, Gewalt und Sozialstruktur. Wann beginnen institutionalisierte Konfliktstrategien? In: S. Hansen/J. Müller (Hrsg.), Sozialarchäologische Perspektiven. Gesellschaftlicher Wandel 5000-1500 v. Chr. zwischen Atlantik und Kaukasus. Tagung Kiel 2007. Arch. Eurasia 24 (Darmstadt 2011) 451-463.
[7] Vgl. hierzu etwa: Ch. Meyer/L. Hansen/F. Jacobi/C. Knipper/M. Fecher/Ch. Roth/K. Alt, Irreguläre Bestattungen in der Eisenzeit? Bioarchäologische Ansätze zur Deutung am Beispiel der menschlichen Skelettfunde am Glauberg. In: N. Müller-Scheeßel (Hrsg.), ‚Irreguläre‘ Bestattungen in der Urgeschichte: Norm, Ritual, Strafe …? Akten der Internationalen Tagung in Frankfurt a. M. vom 3. Bis 5. Februar 2012 (Bonn 2013), 425-438; M. Schönfelder, Sklaven und Sklavenketten in der jüngeren Latènezeit. Zu neuen Nachweismöglichkeiten. In: St. Wefers/M. Karwowski, J. Fries-Knoblauch/P. Trebsche/P. C. Ramsl (Hrsg.), Waffen – Gewalt – Krieg. Beiträge zur Internationalen Tagung der AG Eisenzeit und des Instytut Archeologii Uniwersytetu Rzeszowskiego – Rzeszów 19. – 22. September 2012 (Langenweissbach 2015), 83-91.
[8] Siehe hierzu: P. Hassler, Menschenopfer bei den Azteken? Eine quellen- und ideologiekritische Studie (Bern/Frankfurt a.M./New York/Paris/Wien 1992).
[9] Siehe hierzu: http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/peru-archaeologen-entdecken-massengrab-mit-geopferten-kindern-a-1205238.html (abgerufen am 21.05.2019).
[10] Siehe hierzu etwa: N.-M. Lehmann, Über den Tod hinaus. Sati, das Ideal der Kshatriya-Ehefrau. Mitt. Berliner Ges. Anthr. 22, 2001, 49-72.
[11] Laut Medien ereignete sich z. B. am 11.10.2008 ein Fall im indischen Bundesstaat Chhattisgarh. Siehe hierzu: https://www.hindustantimes.com/india/chhattisgarh-village-celebrates-sati/story-wzBNGc65YY32yzCUrZWKfL.html (abgerufen am 21.05.2019).
[12] G. Liesegang/S. Seitz/J. C. Winter, Das äquatoriale Ostafrika. In: H. Baumann (Hrsg.) Die Völker Afrikas und ihre traditionellen Kulturen. Teil 2. Ost-, West- und Nordafrika (Wiesbaden 1979) 1-67, 52.
[13] Vgl. hierzu: F. Padel, The Sacrifice of Human Being. British Rule and the Konds of Orissa (Delhi 1995), 125 f., 135-141.

Comment

by Anna Neumann | 17.08.2019 | 13:56
Danke für dieses Interview!
LG Anna
p.s.
Auf meinem Blog erzähle ich wie vermeidet man typische Fehler in einer Abschlussarbeit
https://topkorrektur.com/blog/fehler-in-abschlussarbeiten-vermeiden

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