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Prof. Dr. Manfred Clemenz | 07.09.2017 | 788 Aufrufe | 1 | Artikel

Das Kanzler-Duell: Wie nach dem TV-Duell mit Umfragen Politik gemacht wurde

Ein Meinungsbeitrag

Wer sich für Politik und aus professionellen Gründen auch für Umfragen interessiert, reibt sich nach dem sogenannten TV-Duell vom vergangenen Sonntag verwundert die Augen. In den Medien werden Umfragewerte verbreitet, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. In der ARD wurden während (!) und unmittelbar nach der Sendung Ergebnisse von Infratest bekanntgegeben: Merkel liege insgesamt mit 55% vor Schulz (35%). Beim ZDF (Forschungsgruppe Wahlen) sehen die Ergebnisse dramatisch anders aus: 32% für Merkel, 29% für Schulz. 39% der noch unentschiedenen Wähler sehen keinen nennenswerten Unterschied. Beide Befragungen beanspruchen Repräsentativität, wobei allerdings die Forschungsgruppe Wahlen einräumt, dass ihre Ergebnisse nur repräsentativ für Politbarometer-Zuschauer sind, die zuvor angegeben haben, sich das TV-Duell anzuschauen, also überdurchschnittlich politisch interessiert sind. Objektiv betrachtet haben wir es also mit zwei unterschiedlichen Erhebungen zu tun.

"TV-Duell" Angela Merkel (CDU) - Martin Schulz (SPD): Bundestagswahl 2017

Hinzu  kommt noch eine dritte Umfrage: die - nicht repräsentative - Umfrage von 20.000 Teilnehmern mit dem sogenannten Debat-o-mat (entwickelt von der Uni Freiburg). Hier ist das Ergebnis fast schon umgekehrt: 40,4% für Schulz. 40,3% für Merkel. Auch die - sicher nicht repräsentative - Bild-Zeitung sieht es ähnlich: unentschieden. Wir haben es also mit unterschiedlichen Gruppen und Ergebnissen zu tun, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten.

Irgendetwas hätte der Aufklärung bedurft: (1.) wegen der divergierenden Ergebnisse selbst, (2.) weil ausschließlich das ARD-Ergebnis für die folgenden ARD-Sendungen relevant war und (3.) weil sich offenbar kaum jemand über die unterschiedlichen Ergebnisse und ihre Bedeutung Gedanken machte. Nach meinem Informationsstand hat sich lediglich Spiegel-Online kurz mit der Diskrepanz der Ergebnisse beschäftigt: „Für viele Beobachter sind die Ergebnisse der Umfragen überraschend. […] Selbst im Unionslager könnten sie nicht so recht glauben, wie das Duell draußen im Lande angekommen ist“.

Man könnte die Achseln zucken und in das Lamento über die Umfrageforschung einstimmen (keine mir bekannte Umfrage hat bekanntlich den Sieg Trumps vorausgesagt), gäbe es nicht die postwendende Funktionalisierung der ARD-Umfrage (natürlich in der ARD selbst). In der an das Duell anschließenden Talkshow von Anne Will wurde ausschließlich auf der Basis der sendereigenen Ergebnisse diskutiert. Bemerkenswert war, wer eingeladen war. Müntefering (SPD) der seinen eigenen Parteifreund kaum unterstützte, er beklagte vielmehr vorwiegend, was nicht diskutiert wurde und die Abgehobenheit des ganzen Formats, zu Guttenberg (CSU) argumentierte erwartungsgemäß für die CSU, Gottschalk (als kompetenter Polit-Analytiker) hätte gern eine Gottschalk-Show gesehen und Christiane Hoffmann (Der Spiegel), die nach  nach Kräften versuchte, Schulz abzuwerten (und damit an einigen Stellen sogar den Widerspruch der Moderatorin provozierte). Ein pikantes Detail der Teilnahme von Frau Hoffman ist, dass sie im  vorausgegangenen Spiegel (zusammen mit René Pfister) ein abwertende Titelgeschichte über Schulz verfasst hatte, und Anne Will diesen Artikel mit „super“ bewertete.

Das Format der Talkshows zeigt, wie entscheidend die Auswahl der Gäste für das Ergebnis der Diskussion ist. Hinzu kommen noch einige Besonderheiten des Formats: intensivere sachliche Klärungen sind unerwünscht, Vorliebe für Meinungs- statt für Sachfragen etc. Die Auswahl der Gäste bestimmte somit auch den Wirklichkeitsausschnitt der Will-Sendung. Als Gedankenexperiment könnte man sich vorstellen, anstelle von Gottschalk wären - als Pendant zu Journalistin Hoffmann - Bettina Gaus, Heribert Prantl oder Albrecht von Lucke anwesend gewesen. Es wäre eine andere Diskussion geworden.  Man hätte neben vielen anderen Punkten etwa die Rolle des Kanzler/Innen-Bonus diskutieren können, etwa am Beispiel des skurrilen Ergebnisses der ARD-Umfrage, wer die „besseren Argumente“ hatte. Merkel und Schulz lagen hier sehr nahe beieinander (44% zu 38%), während Schulz aber bei der Frage, wer „kompetenter“ sei, weit abgeschlagen war (20% zu 60%). Obwohl - meiner Meinung nach - Schulz außenpolitisch die Akzente setzte (und mit seinen Äußerungen zur zukünftigen Türkei-Politik Merkel dazu zwang, auf seine Linie einzuschwenken, übrigens der einzig wirklich überraschende Punkt des ganzen „Duells“) wurde die Kompetenz im Bereich internationaler Politik eindeutig zu Gunsten von Merkel beantwortet (61% zu 30%).

Die Funktionalisierung ging am Montag bei Plasberg (ARD) weiter. Plasberg stimmte die Gäste vom Anfang an auf die ARD-Umfragewerte ein. Als Oppermann (SPD) und Sittler (Schauspieler) brav und fast schuljungenhaft Einwände erhoben, wurden sie von Plasberg abgeschmettert: „Wir haben offenbar unterschiedliche Sendungen gesehen“. Die Wahrheit ist: sie hatten nicht unterschiedliche Sendungen gesehen, sondern Plasberg hatte die ARD-Ergebnisse, also die Ergebnisse seines eigenen Senders, zur unumstößlichen Wahrheit erklärt und versucht, dies auf die ihm eigene autoritäre Weise durchzusetzen. Oppermann versuchte später noch einmal - zögerlich - die Debat-o-Mat Ergebnisse einzubringen (leider ohne präzisere Kenntnisse), blieb allerdings ohne Chance gegen die Medienprofis Plasberg und Gottlieb (CSU/Bayrischer Rundfunk). Das Politik-Erstsemester, das angeblich die „Interessen der Jugendlichen“ vertreten sollte, kam kaum über den Status der sogenannten „Betroffenen“ hinaus (vergleichbar der obligaten Hartz IV-Putzfrau, der die anwesenden Politiker einfühlungsvoll die Ursachen ihrer Misere erklären).

Welche Schlussfolgerung lässt sich aus dieser Diskrepanz der Umfragergebnisse zum TV-Duell vom 3. September ableiten? Ein populistisches Umfrage-Bashing wäre sicher nicht die Lösung. Umfragen sind heikle Instrumente: eine kleine Variation des theoretischen Konstrukts oder der einzelnen Fragen werden unterschiedliche Ergebnisse zur Folge haben: Umfrageergebnisse sind Hypothesen, keine sakrosankten Ergebnisse. Medien, aber auch alle anderen Institutionen sollten diese berücksichtigen, statt mit bestimmten Ergebnissen Politik zu machen. Dies wäre den Journalisten der ARD zumutbar gewesen.

Kommentar

von Philipp Bockenheimer | 21.09.2017 | 19:51 Uhr
Danke für diesen Beitrag.

In den Anfängen der Bonner Republik hat sich das zweite entstandene öffentlich rechtliche TV-Programm, das ZDF, rasch zum CDU-freundlichen "Adenauerprogramm" eintwickelt. Das Erste, ARD, wurde eher als regierungskritsch empfunden.

Seit einigen Jahren ist zu beobachten, dass beide Programme zunehmend regierungsfreundlich werden. Im derzeitigen Wahlkampf ist das beim "Schulz-bashing" in Berichterstattung, Kommentierung so und am krassesten in der Einseitigkeit von Comedybeiträgen verschärft sichtbar geworden.

Hier wird "regierungsfreundlich" mit "staatstragend" verwechselt und das sollten eigentich die Rundfunkräte verhindern. Das ist leider nicht mehr so und die öffentlich rechtlichen Medien werden sich bald erübrigt haben. Eine objektive und gut gewichtete Berichterstattung und Information bieten sie längst nicht mehr.

Philipp Bockenheimer

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