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Georgios Chatzoudis | 30.04.2011 | 4010 Aufrufe | 1 | Interviews

"Das Internet ist ein wissenschaftliches Werkzeug"

Interview mit Dr. Anna Schreurs, Carsten Blüm und Thorsten Wübbena

Warum sind Geisteswissenschaftler nach wie vor zögerlich bis passiv, wenn es darum geht, das Internet als wissenschaftliches Werkzeug zu betrachten und zu nutzen? Im Kunsthistorischen Institut in Florenz haben sich Ende März Geisteswissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen mit dieser Frage beschäftigt. Thema des zweitägigen Workshops: "Wissen(schaft) online".

 

Wir haben im Anschluss die Organisatoren der Veranstaltung befragt:

Dr. Anna Scheurs, Kunsthistorikerin am Kunsthistorischen Institut in Florenz und Privatdozentin an der Goethe-Universität Frankfurt am Main,

Carsten Blüm, Web-Programmierer und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main,

Thorsten Wübbena, Kunsthistoriker und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main.

 

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L.I.S.A.: Frau Dr. Schreurs, Herr Blüm und Herr Wübbena, Sie haben Ende März im Kunsthistorischen Institut in Florenz einen Workshop und Round Table zum Thema "Wissen(schaft) online" abgehalten. Worum ging es genau? Und warum differenzieren Sie im Workshop-Titel zwischen Wissen und Wissenschaft?

Dr. Schreurs/Blüm/Wübbena: Die Formulierung "Wissen(schaft)" haben wir zum einen gewählt, um eine gewisse inhaltliche Offenheit zu wahren – was uns auch deshalb passender schien, da ein Vertreter von Wikimedia Deutschland eingeladen war, also einer Organisation, die zwar vermehrt Wissenschaftler für die Wikipedia gewinnen möchte, aber derzeit dennoch deutlich mehr mit Wissen als Wissenschaft befasst ist.


Zum anderen spiegelt sich in der Differenzierung von Wissen und Wissenschaft aber ebenso wider, dass Wissenschaft online durchaus nicht immer Wissen repräsentieren muss. Ein plakatives Beispiel ist die Veröffentlichung von Forschungsdaten im Open Access – hierbei handelt es sich weniger um Wissen, sondern eher um Information. Das Beispiel der Forschungsdaten ist zwar für die Geisteswissenschaften weniger typisch als etwa für die Naturwissenschaften, aber auch hier gibt es solche Fälle, zum Beispiel die Nachnutzung von Textkorpora. Bezeichnenderweise kam in der Diskussion in Florenz die Sprache auf dieses Thema.

Dr. Anna Schreurs, Kunsthistorikerin am Kunsthistorischen Institut in Florenz

L.I.S.A.: Zu welchen Ergebnissen sind Sie gekommen? Welche Rolle spielt das Internet beim wissenschaftlichen Arbeiten heute? Verändern sich dadurch wissenschaftliche Arbeitsprozesse – Recherche, Methode, Narration bzw. die Vermittlung von Wissen?

Dr. Schreurs/Blüm/Wübbena: Nicht einmal in den – zugegebenermaßen in dieser Hinsicht meist weniger progressiven – Geisteswissenschaften wird man heute noch viele Stimmen vernehmen, die dem Internet keine oder eine nur geringe Rolle beimessen. In den Wissenschaften ist das Internet heute mindestens ein ebenso zentrales Arbeitswerkzeug wie in den meisten Zweigen der Wirtschaft und im Privatleben. Auch eher neuartigere Formen der Nutzung wie etwa kollaborative Arbeitsformen von Texten werden angenommen.


"Sandrart.net", das DFG-Projekt, in dem der Impuls zu diesem Workshop entstanden ist, zeigt dies exemplarisch: die Mitarbeiter arbeiten u.a. von Frankfurt, Florenz, Hamburg, Berlin und Karlsruhe aus in einer virtuellen Arbeitsumgebung und entwickeln damit eine kommentierte Online-Edition eines Textes des 17. Jahrhunderts – aber eben mit den Möglichkeiten und Instrumentarien, die das Web gegenüber Büchern anbietet. Selbst das Verfassen des Projekt-Förderantrags an die Deutsche Forschungsgemeinschaft geschah – schon vor fünf Jahren – in einem kollaborativen Online-Tool.


In der Vermittlung sieht dies nicht viel anders aus. Allerdings begegnet man hier bei Studierenden mitunter sogar einer etwas zu starken Fixierung auf digitale Medien, nach dem Motto "Bei Google habe ich nichts dazu gefunden, also gibt es nichts". Ein solchermaßen verengter Blick mag im Privatleben noch angehen, aber in den Wissenschaften stellt er natürlich ein Problem dar. Eine entsprechende Medienkompetenz kann durch die heutigen Hochschullehrer – wegen starker Lehrbelastung und zum Teil auch wegen mangelnder eigener Kompetenz – nur schwer oder gar nicht vermittelt werden kann. Eine Beschäftigung mit den neuen Formen des Wissenserwerbs im Internet müßte stärker in die Hochschullehre eingebunden werden.


Wenn Sie danach fragen, welche Rolle das Internet heute beim wissenschaftlichen Arbeiten, aber auch bei der Kommunikation untereinander bietet, müssen wir schließlich selbstkritisch bemerken, daß eine Veranstaltung wie die von uns durchgeführte eventuell ihren besseren Ort im Internet gehabt hätte: zumindest wurde im Vorfeld angefragt, warum so ein Workshop nicht als Forum im Netz stattfinden könne. Der Round Table sollte jedoch eher als ein Startpunkt verstanden werden für eine fruchtbare Auseinandersetzung zwischen Befürwortern und Skeptikern, und dafür erschien uns ein renommiertes Forschungsinstitut wie das Kunsthistorische Institut in Florenz als geeigneter Ort. Wir sind Ihnen, Herr Chatzoudis dankbar, dass wir durch dieses Interview das Gespräch in Gang halten können. Und vielleicht wäre der Gedanke eines Forums über die Problematiken des Online-Publizierens vor allem von geisteswissenschaftlicher Seite ja eine Initiative, die von Ihnen und Ihrer Stiftung aufgenommen werden könnte. Gerne spielen wir den Ball weiter.

Thorsten Wübbena, Kunsthistoriker und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main

L.I.S.A.:. Die bisherigen Erfahrungen zur Nutzung des Internets durch Wissenschaftler zeigen vor allem eines: Geisteswissenschaftler nutzen das Internet eher passiv als Konsumenten, aber sind bei der Generierung von Inhalten und bei der Vernetzung mit anderen Wissenschaftlern eher zurückhaltend. Haben Sie beim Workshop eine Erklärung für dieses Phänomen gefunden? Wie erklärt sich die Online-Zurückhaltung bei Geisteswissenschaftlern?

Dr. Schreurs/Blüm/Wübbena: Nein, eine einfache Erklärung gibt es nicht, es sind wohl viele verschiedene Faktoren, die zu der Zurückhaltung führen: Dazu gehören sicher die grundlegenden Bedenken gegenüber der Datensicherheit und der langfristigen Verfügbarkeit. Doch auch die Frage, wie man Online-Publikationen einen vergleichbaren "Stellenwert" und eine äquivalente wissenschaftliche Wertschätzung wie Print-Editionen geben kann, wurde diskutiert.

 

Carsten Blüm, Web-Programmierer und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main

Was die grundsätzliche Frage nach der Zukunft der Bücher angeht, so markieren zwei Positionen wohl die Ränder von einer ganzen Bandbreite dazwischen oszillierender Meinungen: Die moderateren Verfechter des Online-Publizierens wünschen keine völlige Ablösung vom Buch im wissenschaftlichen Bereich, sondern halten nur für bestimmte Formate (Zeitschriften, Tagungsbände, Rezensionen, Texteditionen etc.) die leichte und schnelle Verfügbarkeit der Online-Publikation im Netz für das Mittel der Wahl.

 

Entschieden weiter geht die Fraktion derer, die nicht nur auf die vollkommene Abwendung vom gedruckten Buch im wissenschaftlichen Umfeld und damit auf eine effiziente Verbreitung des Wissens hofft. Dabei sehen sie besonders die Wissenschaftler an den Hochschulen in der Pflicht, ihre – durch öffentliche Gelder finanzierten – Forschungsergebnisse zuerst online zu publizieren und der scientific community rasch verfügbar zu machen. Visionär erkennen sie darüber hinaus den Medienablösungsprozeß als so weit fortgeschritten an, daß sie eine Spekulation über "Wünsche", was den Erhalt der Printpublikationen angeht, als hinfällig erachten.

Die pure Freude am "schönen Buch", in dem die Forschungsergebnisse wie auch – bei Kunsthistorikern wichtig – die Objekte der Forschung in prachtvollen Abbildungen gebündelt und – vor allem – präsentabel vorliegen, führte schließlich zu einem zentralen und nicht abschließend zu klärenden Punkt: den Bildrechten in der Online-Publikation. Zwar kann nämlich die Online-Publikation, anders als das gedruckte Buch, das oft aus Kostengründen nur eine kleine Auswahl von Abbildungen zeigen kann (oder viele Farbabbildungen aufweist und dafür unerschwinglich wird), möglicherweise sämtliche Bilder in Farbe präsentieren, doch werden die Abbildungsrechte offensichtlich immer noch von jedem Museum und Archiv unterschiedlich und oft sehr rigide festgeschrieben.

Weshalb hingegen, um die Frage von einer anderen Seite zu betrachten, andere Disziplinen – namentlich die Naturwissenschaften – ihren Weg ins Internet so viel schneller und leichter gefunden haben, fällt uns als Geisteswissenschaftlern zu beantworten zwar schwer. Aber unserem Eindruck nach dürfte alleine schon der mutmaßlich höhere Aktualitäts- bzw. Zeitdruck für Naturwissenschaftler Motivation genug gewesen sein, die neuen Veröffentlichungsformen früh zu nutzen. Auch vermeintlich untergeordnete Aspekte wie die Möglichkeit, online – anders als im Print – Forschungs-Rohdaten publizieren zu können, hat vermutlich einen Anreiz gebildet. Dass die Naturwissenschaften aber zudem von Anfang an mit einem deutlichen Vorsprung ins Rennen gegangen sind, weiß jeder, der die Geschichte des World Wide Web kennt und somit weiß, wo und warum es entwickelt wurde: am CERN in Genf, mit der Absicht, physikalische Forschungsergebnisse publizieren zu können.

 

Dr. Anna Schreurs, Carsten Blüm und Thorsten Wübbena haben die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar

von Thomas Riepe | 01.05.2011 | 11:07 Uhr
Als interessiertem Laien würde ich mir der Mathematik (ist übrigens auch eine Geisteswissenschaft, nicht wahr?) und Physik analoge Formen, im Internet interaktiv präsent zu sein, wünschen. Also beispielsweise Äquivalente der sehr erfolgreichen (und anerkannten) preprintserver des arxiv, inhaltlich hochwertige Diskussionsforen wie mathoverflow und Vortragssammlungen wie diffusion.ens.fr . Als ausserordentlich wichtige und häufig genutzte Ergänzung dienen noch die oft mit ausgiebigen Artikelsammlungen versehenen persönlichen Webseiten einzelner Wissenschaftler (auf deren Arbeiten man oft erst über obige Angebote aufmerksam wird) und Konferenzwebseiten bzw. in kurzen Fristen aktualisierte Sammlungen solcher (etwa: http://math.stanford.edu/~vakil/conferences.html ).

Wie sich so etwas auch in den (kommunikativ, also auch intellektuell... ?) trägeren Geisteswissenschaften anstoßen liesse? Beispielsweise durch das Einrichten von preprintservern mit einem deutlichen Druck, Vorabversionen von Publikationen oder Vortägen/Vorlesungen dort hineinzustellen, durch das Verschieben von relevanten Informations- und Kommunikationsvorgängen bei Konferenzen u. dergl. in offene Onlinebereiche? Vor allem wäre es sicher nützlich, die enge Verknüpfung von Kommunikationsweisen (und -umständlichkeiten!) mit einer allgemeinen geistigen (Un)bewegichkeit ins Bewußtsein zu rufen, dadurch dann - in Analogie zu den vielgenannten "Scheren in den Köpfen" - geeignete Sensibilitäten in den Köpfen hervorzurufen und zu stabilisieren. Gibt es historische Anknüpfungspunkte, z.B. vergangene Bildungs- und Aufklärungskonzepte, die vielleicht am Anfang der Geisteswissenschaften eine Rolle spielten?

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