Login

Registrieren
merken
Lennart Pieper | 27.09.2018 | 651 Aufrufe | Interviews

"Das gesamte System von Wissenschaft und Forschung steht zur Debatte"

Interview mit Heinz-Elmar Tenorth über die Universitätsreform Wilhelm von Humboldts

Nächste Woche vor 208 Jahren nahm die Berliner Universität, die heute den Namen der Gebrüder Humboldt trägt, ihren Lehrbetrieb auf. Wenn es um Vorschläge zur Reform des Universitätssystems geht, fällt früher oder später unweigerlich der Name Wilhelm von Humboldt. Dabei vermischen sich sachliche Bezüge auf die Leistungen des preußischen Politikers mit retrospektiver Verklärung. Neben einer unverkennbaren Mythisierung Humboldts und seiner Ideen zur Universität lassen sich aber auch distanzierte und kritische Positionen ausmachen. Der Erziehungswissenschaftler Heinz-Elmar Tenorth, emeritierter Professor der Humboldt-Universität zu Berlin, hat es sich in seinem neuen Buch deshalb zur Aufgabe gemacht, zum einen den historischen Humboldt freizulegen und in den Kontext der zeitgenössischen Reformdiskurse einzubetten, zum anderen die Rezeptionsgeschichte der letzten zwei Jahrhunderte nachzuzeichnen. Was war und ist das bleibende Verdienst Humboldts, was bloße Zuschreibung, und was kann er uns heute noch sagen? Darüber haben wir mit Professor Tenorth gesprochen.

"Urteil über Humboldt höchst ambivalent"

L.I.S.A.: Herr Professor Tenorth, Wilhelm von Humboldt und seine Ideen zur Universitätsreform sind seit jeher Gegenstand intensiver Mythenbildung. Wie haben Sie die Feierlichkeiten zum 250. Geburtstag Humboldts im vergangenen Jahr erlebt?

Professor Tenorth: Die Feierlichkeiten waren unübersehbar breit, die Akademie der Wissenschaften und der Bundespräsident haben Humboldt eingehend gewürdigt, aber das Datum wurde nicht nur in Berlin oder gar nur in unserer Universität wahrgenommen, sondern bundesweit und international. Aber das Urteil über Humboldt war gleichzeitig nicht nur so facettenreich, wie es einem Werk entspricht, in dem Humboldt Bildungsphilosophie und Zeitdiagnose, linguistische und ethnologische Studien, Bildungspolitik und Staatstheorie reflexiv und handelnd zum Thema gemacht hat, sondern auch höchst ambivalent, im systematischen Status zugleich radikal kritisiert und zum unüberholbaren Vorbild überhöht, in der historischen Wirkung so übersteigert wie abgewertet. Die Linguisten z.B. zeigen neben großer Distanz auch, wie bei Jürgen Trabant, emphatische Nähe, die Bildungsphilosophen vermissen immer noch das große geschlossene Werk, und seine Theorie von Staat und Nation wird zwar international, selbst in China, beachtet, in Deutschland aber auch als frühes Exempel des verderblichen ‚Neoliberalismus‘ getadelt. Im Blick auf die Bildungspolitik und zumal auf die Universität zeigten sich die Widersprüche am stärksten: Ein liberales Blatt wie „Die Zeit“ wünschte sich, dass man endlich von Humboldt Abschied nimmt, weil er zum Mythos stilisiert eine distanzierte Wahrnehmung und eine reflektierte Reform blockiert; die Protagonisten einer ‚unbedingten Universität‘ sehen ihn dagegen als immer noch gültigen Propheten universitärer Autonomie und lassen den historischen Humboldt hinter dem mythischen Konstrukt des „Humboldtianismus“ verschwinden. Realistische Bilder von Humboldts Erbe kann man heute eher im Ausland – von Schweden bis in die USA – lesen als in Deutschland.

"Humboldt gewinnt die Leitbildfunktion erst in Zeiten des Kalten Krieges"

L.I.S.A.: Neben tatsächlichen Mythisierungen konstatieren Sie in Ihrem Buch die zunehmende Rede vom „Mythos Humboldt“. Wer sind ihre Träger und was soll sie bezwecken?

Professor Tenorth: Die Rede vom „Mythos Humboldt“ wurde für die deutsche Debatte über die Geschichte und Struktur, die erwünschte Gestalt und das „Wesen“ der deutschen Universität zuerst formuliert, u.a. von Mitchell Ash, dann breit behandelt. Zentral ist dabei die – universitätshistorisch durchaus zutreffende – kritische Beobachtung, dass in der Debatte über die „Idee der deutschen Universität“ und im Rekurs auf das „Modell Humboldt“ mehrfache Differenzen, ja Fehlurteile unverkennbar sind, und zwar historisch wie systematisch: Die Gründung in Berlin hat nicht, wie die Humboldt-Propheten behaupten, ein „Modell Humboldt“ in die Welt gesetzt, sondern ein weiteres Exempel des „deutschen Modells“ der Universität realisiert. Humboldts meist zitierte Denkschrift „Über die innere und äußere Einrichtung der höheren Lehranstalten in Berlin“ war 1809/10 überhaupt nicht politisch und philosophisch präsent, sondern wurde erst nach 1890 entdeckt. Auch die Wirkungsgeschichte international und seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bezieht sich auf das ‚deutsche Modell‘, nicht primär auf Humboldt. Der Diskurs über die „Idee der Universität“ wiederum war seit den Gründungsschriften in Berlin breiter und widersprüchlicher als der Bezug auf Humboldt sagt, was sich deutlich zeigt, wenn man nur Fichte mit Humboldt vergleicht. Humboldt gewinnt die heute dominierende Leitbildfunktion erst sehr spät, in Zeiten des Kalten Krieges um 1960, wie ich in meinem Buch gezeigt haben, als sich Ost und West, die DDR und Westberlin über die Frage streiten, wo das wahre Erbe Humboldts und die richtige Idee der Universität bewahrt ist, in der SED-kontrollierten ‚Kaderschmiede‘ Unter den Linden oder in der 1948-er Gründung in Dahlem, die sich selbst zur „Freien Universität“ als Gegenmodell stilisiert hat. Und schließlich gilt gegen den Mythos von der ‚Humboldtschen Universität‘ das kühle Diktum des amerikanischen Altphilologen Glen Most: Es mag ‚Humboldtsche Universitäten‘ gegeben haben, sicherlich nicht in Deutschland.

"Die Universität wird zur zentralen Instanz des preußischen Wissenschaftssystems"

L.I.S.A.: Was war die Grundidee Humboldts und inwieweit wurde sie mit der Gründung der Berliner Universität im Jahr 1810 verwirklicht?

Professor Tenorth: Die historische Leistung und die bildungspolitische Zäsur, die Humboldt mit der Gründung der Universität gelingt, das muss man gegen alle Entmythisierung festhalten, hat mehrere, je für sich gewichtige Dimensionen: Zunächst gelingt es ihm, eine schon sehr lange andauernde Diskussion über die Frage, ob es in Berlin eine Universität geben soll, zu einer positiven Lösung zu führen. Das ist, zweitens, eine bildungspolitische Leistung hoher Qualität, weil er sich gegen manifeste Widerstände in der preußischen Regierung durchsetzen muss, aber auch mit machttaktisch klugen Kompromissen durchsetzen kann. Die dabei gegründete Universität, das ist die dritte Leistung, zeigt ihr genuines Profil darin, dass sie gegenüber den historisch dominierenden Alternativen – z.B. einem professionsorientierten Fachschulmodell nach französischem Vorbild oder einer unreformierten klassischen Universität – eine neue und moderne Gestalt im alten Gewande findet. Universitär und modellhaft bedeutet das, viertens, dass Humboldt und sein Mitstreiter Schleiermacher, scheinbar widersprüchliche Prämissen organisatorisch zur Einheit bündeln können, v.a. die Eigenlogik von Forschung und die moralische Bildung der Studierenden, prüfungsbasierte Elitenrekrutierung für Staat und Gesellschaft und die Autonomie der Institution, Selbstverwaltung in akademischen Angelegenheiten, wie sie die Durchsetzung des Forschungsimperativs belegt, und staatliche Anbindung. Dauerhaft systemprägend ist, fünftens, die Einbindung in das Bildungssystem, wie sie vor allem über das Abitur geschieht, das den Zugang von schulischen Prüfungen abhängig macht und damit zugleich die Qualitätskriterien für das Gymnasium formuliert. Systemisch gedacht und konzeptionell langfristig wirksam ist, sechstens, auch die Ordnung des gesamten Wissenschaftssystems, die Humboldt gleichzeitig konzipiert, die Rollenzuschreibung an die Akademie einerseits, die Relationierung zu Fachschulen, Bibliotheken und außeruniversitären Forschungseinrichtungen andererseits. Damit wird, siebtens, die Universität in ihrer spezifischen Funktion zugleich zur zentralen Instanz des preußischen Wissenschafts- und Forschungssystems, eine Rolle, die sie bis weit ins 20. Jahrhundert bewahren kann, bevor die Expansion des Zugangs in die Universität und die Ausdifferenzierung der außeruniversitären Forschung das Gesamttableau von Forschung und akademischer Qualifizierung verändern, so, wie es sich heute als ungelöstes Neuordnungsproblem darstellt. Was aktuell fehlt – und das bestätigt noch einmal Humboldts historische Leistung – ist deshalb eine Konzeption, in der die Spezifik der Universität im Wissenschaftssystem und die Struktur der tertiären Bildung und der gesamtstaatlichen Forschung in der gesamten inzwischen ausdifferenzierten Breite neu geordnet werden, so, dass auch die Vorbildung und der Zugang zur Universität systematisch mit geordnet werden.

"Das amerikanische System ist viel weniger staatlich geprägt"

L.I.S.A.: Sie zeigen, dass die seit Humboldt geführte Diskussion um die „Idee der Universität“ eine sehr deutsche ist. Worin unterscheidet sie sich von den in anderen Ländern geführten Diskursen?

Professor Tenorth: Die nationale Fixierung zeigt sich schon in dem hypertrophen Anspruch, dass die deutsche Universität zugleich das „Wesen der Universität“ überhaupt darstellt, historisch wie systematisch. Die „essence“ der Universität meint zwar auch der prominenteste englische Text über die „Idea of a University“ (1852) von John Henry Newman gefunden zu haben, aber die Differenzen sind eindeutig. Für Newman ist Elitenerziehung im Modell der „liberal education“ der Kern, Qualifizierung für und Beteiligung an Forschung, Distanz zum Wissen und Autonomie sind seiner Idee fremd. In der starken zeitlichen und sachlichen Unterscheidung von undergraduate und graduate education bzw. graduate schools behauptet sich diese Differenz im angelsächsischen Universitätsmodell bis heute, der Forschungsimperativ gilt nicht für die ganze Institution. Die „Idee“ findet auch nicht in der Universität, sondern im gesamten system of higher education ihren organisatorischen Ausdruck, in sich graduiert und sequenziert. Das System ist zugleich nach Organisation, Trägerschaft und Finanzierung sehr viel weniger staatlich, sondern stärker zivilgesellschaftlich geprägt. Intern deshalb autonomer und zugleich offener für gesellschaftliche und politische Erwartungen, ist die amerikanische Universität „not Oxford nor is it Berlin", wie man bei dem Vordenker der „multiversity“ und ihrer Idee, Charles Kerr lesen kann. Das französische System der „université“ ist schließlich in der ihm eigenen Geschichte zwischen Prüfungsinstanz und Forschungseinrichtungen, staatlichen Forschungsinstituten und elitären Grandes Écoles ein drittes Modell, ohne einheitsstiftende Idee oder nationale Mythologisierung.

"Von Humboldt kann man immer noch viel lernen"

L.I.S.A.: Jenseits bloßer Schlagworte: Wie lassen sich Humboldts Ideen für die gegenwärtige Bildungspolitik fruchtbar machen?

Professor Tenorth: Die leitenden Ideen von Humboldts Berliner Gründung können nicht unverändert zur Lösung der aktuellen Krise der Universität übernommen werden. Schon die Rahmendaten – die Expansion der Studentenzahlen und der außeruniversitären Forschung, der Strukturwandel der Fach(hoch)schulen und der gesellschaftliche Wissensbedarf, die Ausdifferenzierung der wissenschaftlichen Disziplinen und akademischen Berufe, erweiterte Staatstätigkeit und neue Formen der Bildungsfinanzierung (etc.)  – verlangen neue systematische und dann vor allem kreative Anstrengungen. Von Humboldt kann man dann immer noch viel lernen, vor allem, dass es nicht reicht, allein an die Universitäten zu denken, sondern dass das gesamte System von Wissenschaft und Forschung zur Debatte steht, samt der Relationierung zur Sekundarschule, einschließlich des Abiturs und des Zugangs in akademische Berufe. Von ihm sollte man auch lernen, dass man Fachhochschulen und Universitäten in ihren Aufgaben systematisch und quantitativ neu einander zuordnen muss, und schließlich und vor allem, dass man in diesem System eine spezifische Institution neu erfinden muss, die wieder zu Recht „Universität“ genannt werden kann, anders als die jetzige Einrichtung, die ohne klares Selbstbild ihrer Funktion an der Fiktion festhält, noch immer allein die zentrale Einrichtung für Forschung und akademische Qualifizierung zu sein. Das Pochen auf „Autonomie“ im Ideal der „unbedingten Universität“ ist dafür nicht die Lösung, schon weil es Humboldts Einsicht unterbietet, dass erst im Prozedieren scheinbarer widersprüchlicher Imperative die Universität ihre Spezifik findet. Thesenhaft zugespitzt: Die Zukunft der Universität und ihre unersetzbare Leistung besteht im Beharren auf der „Anomalie“ (Luhmann) einer Einrichtung, die Forschung und akademische Ausbildung, institutionelle Selbständigkeit innerhalb des Wissenschaftssystems und Bildung durch Wissenschaft zur Einheit bündelt und auf Dauer stellt, auch durch ein Sozialmodell, das aus der alltäglich präsenten Differenz der Generationen Selbstkritik und Innovation erfährt und sichert.

Prof. Dr. Heinz-Elmar Tenorth hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar erstellen

AY1EEJ