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Christen und Muslime im mittelalterlichen Nordapulien: Archäologische Untersuchungen in Tertiveri (Prov. Foggia)

EPISODE 6 | Das Ende der Muslime

Die gesellschaftliche Situation der Muslime verschlechterte sich mit dem zunehmenden Machtverlust der Staufer in der Capitanata. Nach dem Tod Friedrich II. besiegte Karl I. von Anjou dessen Nachfolger und belagerte die Festung Lucera. Wie erging es in der Folge den muslimischen Bewohnern der Capitanata und dem Ritter von Tertiveri? Welche neuen gesellschaftlichen Umstände ergaben sich aus dem Zuzug neuer Bevölkerungsgruppen unter Karl I und seinem Sohn? Prof. Lukas Clemens ging diesen Fragen vor Ort nach.

Forschungsprojekt
Verschiedene Ethnien, Sprachen, Religionsgemeinschaften und Kulturen prägten den als »Capitanata« bezeichneten Raum Nordapuliens während des Mittelalters. Im 13. Jahrhundert lebten dort neben der einheimischen Bevölkerung Nachfahren von im 11. Jahrhundert zugezogenen normannischen Personenverbänden und kleine, im Gefolge der Staufer eingewanderte Gruppen aus dem nordalpinen Raum. Muslime, die auf Veranlassung des Stauferkaisers Friedrichs II. aus Sizilien deportiert worden waren, stellten einen weiteren, besonders signifikanten demographischen Faktor dar: Neuere Forschungen gehen davon aus, dass 15.000 bis 20.000 Familien in die Capitanata und hier vor allem nach Lucera umgesiedelt wurden. Die Männer dienten den Staufern und nach deren Untergang auch den anjouvinischen Nachfolgern vor allem im militärischen Bereich.

Im Mittelpunkt eines Forschungsprojekts unter der Leitung von Prof. Dr. Lukas Clemens und Prof. Dr. Michael Matheus steht der mittelalterliche Siedlungsplatz Tertiveri im nördlichen Apulien. Der kleine Bischofssitz bestand mindestens seit dem 11. Jahrhundert und wurde bereits im 13. Jahrhundert zur Siedlungswüstung. 1296 erhielt der muslimische Ritter Abd al-Aziz das damals unbewohnte Tertiveri für seine militärischen Leistungen als königliches Lehen, und zwar unter der Bedingung, dass dort keine Christen wohnen dürften. Der Personenverband des neuen dominus umfasste 40 Männer und 60 Frauen. Die in Lehensform gekleidete Übergabe von Tertiveri unterstreicht eindrücklich die herausgehobene Stellung des ritterlichen Muslims, über dessen Herrschaft schriftliche, aufgrund gerichtlicher Auseinandersetzungen mit benachbarten Herrschaftsinhabern angefertigte Zeugnisse Auskunft geben. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts konvertierte Abd al-Aziz auf herrschaftlichen Druck zum Christentum und nahm den Taufnamen Nikolaus an.

Ziel des Projekts ist es, die Transformation Tertiveris von einem christlichen Bischofssitz in eine sarazenische Adelsresidenz nachzuzeichnen und dabei zum einen die Nutzung der christlichen Kultbauten in muslimischer Zeit, zum anderen die unterschiedlichen sozialen und ethnischen Bevölkerungsgruppen in den Blick zu nehmen. Die seit 2006 unter Federführung des Deutschen Historischen Instituts in Rom begonnenen Untersuchungen in Tertiveri ergaben bislang Ausdehnung und Struktur des Bischofssitzes, zu dem unter anderem zwei Kirchen gehörten. Bei Ausgrabungen wurden Teile der Kathedrale sowie daran angrenzende Grablegen dokumentiert, von denen eine die Bestattung eines Bischofs, eine andere, jüngere, eine vermutlich muslimische Bestattung enthielt. Neben gezielten Ausgrabungen in Teilen der beiden Kirchen sollen die bereits geborgenen Skelettserien der verschiedenen Bestattungsplätze durch begrenzte archäologische Untersuchungen ergänzt und anthropologisch ausgewertet werden. Die geplanten Untersuchungen versprechen Rückschlüsse auf die soziale Schichtung, die demographischen Strukturen sowie auf Krankheiten, an denen die Bevölkerung von Tertiveri litt. Isotopenanalysen lassen Erkenntnisse zu den eingewanderten Personengruppen (vermutlich vor allem den Muslimen) und unterschiedlichen Ernährungsgewohnheiten erwarten. Ergänzend zu den archäologischen Ergebnissen sollen auch schriftliche Quellen und vorhandene Fundobjekte in die Untersuchung mit einbezogen werden. Das Forschungsprojekt verspricht einen wesentlichen Beitrag zur Erforschung der Kultur- und Sozialgeschichte christlicher und muslimischer Bevölkerungsteile im südlichen Italien während des Mittelalters zu leisten.

Fördermaßnahmen
Die Gerda Henkel Stiftung unterstützt das Forschungsprojekt durch die Gewährung eines Forschungsstipendiums für den Projektbearbeiter Prof. Dr. Wolf-Rüdiger Teegen und stellt Fördermittel zur Übernahme von Kosten für zwei Grabungskampagnen in Tertiveri in den Jahren 2015 und 2016 sowie für die Auswertung, Untersuchung und Dokumentation der Funde zur Verfügung.

Projektleitung:

Prof. Dr. Lukas Clemens (Universität Trier)
Prof. Dr. Michael Matheus (Universität Mainz)

Ort:

Tertiveri (Provinz Foggia/Italien)

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