Registrieren
merken
Georgios Chatzoudis | 30.09.2014 | 1777 Aufrufe | Interviews

"Das Balkanbild des Westens hat sich um den Ersten Weltkrieg herum verfestigt"

Interview mit Daniela Schanes über das Serbienbild im Ersten Weltkrieg

Serbien und die Serben sind im Zuge der aktuellen Diskussionen über den Ausbruch des Ersten Weltkriegs immer wieder in den Blickpunkt gerückt worden. Mit ein Grund dafür ist Christopher Clark, der sein Buch "Die Schlafwandler" 1903 mit der dramatischen Schilderung der Ermordung des serbischen Königs Aleksandar Obrenović beginnen lässt. Es folgt auf fast achtzig Seiten eine Darstellung der serbischen Politik, die mit den anschließenden gut siebzig Seiten über die Habsburgermonarchie kontrastiert - zugespitzt: hier die gewalttätigen und zum Terrorismus neigenden Serben, dort die aufgeklärten und an Ordnung und Frieden interessierten Österreicher.

Wir haben bereits in Interviews mit Prof. Dr. Gerd Krumeich und Prof. Dr. Holm Sundhaussen das Serben- und Serbienbild besprochen. Nun sind wir auf die Historikerin Dr. Daniela Schanes aufmerksam geworden, die sich in ihrer Dissertation ausschließlich mit Serbien im Ersten Weltkrieg beschäftigt hat und sich dabei auf Feind- und Kriegsdarstellungen konzentriert.

Dr. Daniela Schanes und ihre Dissertationsschrift "Serbien im Ersten Weltkrieg. Feind- und Kriegsdarstellungen in österreischisch-ungarischen, deutschen und serbischen Selbstzeugnissen"

Google Maps

"Die sogenannte 'Balkankampfweise' verfestigte Vorurteile"

L.I.S.A.: Frau Dr. Schanes, Sie haben zum Thema „Serbien im Ersten Weltkrieg“ geforscht und ein Buch mit eben diesem Titel veröffentlicht. Wo liegt dabei der Schwerpunkt Ihrer Studie?

Dr. Schanes: Es ging mir in erster Linie darum, eine Alltagsgeschichte des Krieges in Serbien zu schreiben. Mit Hilfe von Selbstzeugnissen österreichisch-ungarischer, deutscher sowie am Rande serbischer Militärs habe ich versucht, die Ereignisse nachzuzeichnen. Operative Kriegshandlungen dienen als Raster, spielen in der Studie jedoch keine Rolle, soll doch vielmehr ein alternativer Blick auf den serbischen Kriegsschauplatz aufgezeigt werden. Im Mittelpunkt stehen stereotype Vorstellungsmuster über Serbien und dessen Bevölkerung, wie sie in Memoiren und Tagebüchern von Feldherren tradiert wurden. Mit welchen stereotypen Vorstellungen, Vorurteilen und Feindbildern gingen die österreichisch-ungarischen Militärs in den Krieg gegen Serbien? Die große Spannbreite und der Facettenreichtum, der sich aus der Quellenanalyse eröffnete, erstaunten.

Die Feind- bzw. Kriegsdarstellung hoher k. u. k. Militärs war zwar einheitlich ablehnend gegenüber Serbien und dessen Bevölkerung. In Bezug auf die Handlungsweisen während des Krieges kann jedoch keine Einheitlichkeit festgestellt werden. Während sich ein Teil der Militärs aus Mitleid mit Soldaten und Bevölkerung „milde“ verhielt, trat der andere Teil mit Strenge und Härte auf. Die über die Vorkriegsjahre hindurch aufgebaute Ablehnung und negative Beurteilung Serbiens hatte zu einem Feindbild geführt, das während des Krieges durch die Propaganda noch weiter bedient und geschürt wurde.

Ein wichtiges Element, das im Übrigen, auch durch propagandistische Maßnahmen überzeichnet, bei vielen österreichischen Militärs sogar noch zu einer Verfestigung von Vorurteilen führte, war die sogenannte „Balkankampfweise“, mit der sie in Serbien konfrontiert waren und die zweifellos für zahlreiche Normübertretungen verantwortlich war, aber häufig auch als Deckmantel diente. Zum einen trug diese „balkanische“ Kriegsführung, die vom Einsatz irregulärer Verbände und kämpfender Zivilbevölkerung gekennzeichnet war, zu chaotischen Zuständen im Kriegsgebiet und daraus resultierender Willkür bei; die Verhaltensweisen der k. u. k. Truppen waren daher häufig von Angst, Irrationalität und Hilflosigkeit geprägt. Zum anderen führte gerade diese Kampfweise zu einer besonderen Härte: In den Augen der österreichisch-ungarischen Militärs musste man einem ‚solchen’ Gegner vorab mit Erbarmungslosigkeit entgegentreten.

"Hinterlistigkeit, Heimtücke, Verrat, Charakterlosigkeit, Primitivität, Grausamkeit"

L.I.S.A.: Wie würden Sie das Serbenbild des Westens zu Zeiten des Ersten Weltkriegs umschreiben? Was waren typische Attribute, die dem Land und seiner Bevölkerung zugeschrieben wurden?

Dr. Schanes: Das Feindbild Serbe ist natürlich vielschichtig. Ein wesentliches Charakteristikum ist, dass die Serben nicht als „normale“, sondern als charakterlose, gemeine und hinterlistige Gegner eingestuft wurden. Mordbuben (bezieht sich auf das Attentat von Sarajevo), Friedensstörer oder Königsmörder (damit wurde auf den Mord am eigenen König 1903 sowie auf den Mord im Juni 1914 angespielt) waren Bezeichnungen, die rund um die Zeit des Ersten Weltkriegs kursierten. Dabei war es nicht notwendig, diesen Ausdrücken das Adjektiv „serbisch“ voranzustellen, da die Mehrheit wusste, wer damit gemeint war.

Die am häufigsten aufzufindenden Eigenschaften, die der serbischen Bevölkerung meist in ihrer Gesamtheit zugeschrieben wurden, lauteten: Hinterlistigkeit, Heimtücke, Verrat, Charakterlosigkeit, Primitivität, Grausamkeit. Im Gegensatz zu den positiven Zuschreibungen, die in den meisten Fällen nur einer bestimmten Gruppen von Serben nachgesagt und die häufig mit negativen Urteilen einhergingen, bezogen sich die pejorativen Stereotypen auf das gesamte serbische Volk. Positive Vorurteile betrafen häufig das serbische Heer; so seien die Serben als Krieger geboren und die Leistung, Ausdauer, Tapferkeit sowie der Mut der Soldaten wurden hervorgehoben, wenn auch meist im selben Atemzug mit negativen Bewertungen. Aber es gibt auch Gegenbeispiele, was für mich die Forschung besonders interessant machte. So wurden die Serben in den Erinnerungen eines österreichisch-ungarischen Oberst, der in serbische Kriegsgefangenschaft geraten war, ausdrücklich positiv bewertet, was mitunter auch aufzeigte, dass viele Vorurteile und Feindbilder bei direktem Kontakt mit der Bevölkerung über Bord geworfen wurden. 

"Antiserbische Feindbilder hatten sich gefestigt"

L.I.S.A.: Bei der Lektüre Ihres Buches fällt auf, dass das Serbenbild vor allem von Militärs geprägt war. Woran lag das?

Dr. Schanes: Vor Kriegsausbruch entstand vor allem in Militärkreisen das Feindbild Serbe, einerseits um einen Krieg gegen Serbien legitimieren zu können, andererseits um den inneren Zusammenhalt der inhomogenen Gruppe zu stärken. Der Schritt von negativen Zuschreibungen, wie sie im Allgemeinen gegenüber Serbien bzw. dem Balkan bestanden, hin zum Feindbild vollzog sich spätestens zur Zeit der Annexionskrise 1908. Die verfestigten und oftmals absurden Feindbilder, die den Blick auf die Wirklichkeit verschleierten, trugen wesentlich zur Kriegshetze bei. Jedoch nicht nur auf Seiten der Militärs, sondern auch in den politischen Lagern innerhalb der Monarchie hatten sich antiserbische Feindbilder gefestigt.

Ich zog in meiner Studie in erster Linie militärische Quellen, das heißt Selbstzeugnisse von hochrangigen Militärs heran, einerseits weil es sich bei vielen Nachlässen um bisher ungesichtetes Quellenmaterial handelte, andererseits weil die Militärs Kontakt mit der serbischen Bevölkerung hatten und ich somit untersuchen konnte, ob das vorher aufgebaute Feindbild im Kriegseinsatz Änderungen unterzogen war. Daneben analysierte ich auch Selbstzeugnisse von einzelnen zivilen Personen – wie einer österreichisch-ungarischen Kriegsfotografin oder von Kriegsjournalisten.   

"Ich setze hier noch früher an als Clark"

L.I.S.A.: Die meisten Bücher über den Ersten Weltkrieg beginnen mit dem Attentat von Sarajevo. Christopher Clarks Buch „Die Schlafwandler“ setzt beim serbischen Königsmord von 1903 ein. Gibt es bei der Erklärung des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs eine Fixierung auf Serbien? Wie ist das zu erklären?

Dr. Schanes: Die Fixierung auf Serbien bei der Erklärung des Kriegsausbruchs ist einerseits naheliegend, da das Attentat vordergründig unmittelbar zum Kriegsausbruch beitrug. Anderseits werden die damaligen Bündnissysteme, der Rüstungswettlauf, Verträge und Abmachungen, wirtschaftliche Interessen, Rivalitäten sowie kulturelle Tendenzen viel zu wenig in die Analyse miteinbezogen. Schon die Kriegsschulddebatte, wie sie unmittelbar nach Kriegsende einsetzte, war gekennzeichnet von einseitigen Betrachtungsweisen und vorschnellen Beschuldigungen.

Mir ging es in meiner Studie darum, den Konfliktverlauf zwischen Serbien und Österreich-Ungarn nachzuzeichnen, das heißt aufzuzeigen, warum sich die Lage 1914 so zuspitzten konnte. Ich setze hier noch früher an als Clark und zwar 1848, als der Innenminister Ilija Garasanin den serbischen König dafür gewinnen konnte, die Serben unter der Herrschaft Österreichs inoffiziell mit größeren militärischen Mitteln zu unterstützen und sich Serbien bzw. Belgrad zum Brennpunkt südslawischer Vereinigungsbestrebungen herauskristallisierte. In der Folge führte eine Reihe von zwischenstaatlichen Krisen zu einer Verhärtung der Fronten. Vertreter des Militärs trugen auf beiden Seiten dazu bei, dass sich schon vor Kriegsausbruch ein Feindbild Serbien bzw. Donaumonarchie verfestigt hatte.   

"Man wähnt sich in die Zeit des Ersten Weltkriegs zurück"

L.I.S.A.: In Clarks Buch fällt auf, dass er die Serben als ein Volk beschreibt, dass der Gewalt eng verbunden war. Die Habsburgermonarchie erscheint dagegen als ein Hort der Zivilisation, als ein Kulturbringer. Wiederholen sich hier stereotype Zuweisungen von vor 100 Jahren?  

Dr. Schanes: Die stereotypen Zuschreibungen wiederholen sich nicht nur in Clarks Buch, sondern wurden in den vergangenen 100 Jahren immer wieder tradiert – in historischen Werken, in der Literatur, in den Medien sowie in der Politik. So bezeichnet beispielsweise der britische Historiker John Keegan (Der Erste Weltkrieg: eine europäische Tragödie, Hamburg 2000) in seiner Studie die Serben von Natur aus kriegerisch, und ihre Kriegsführung sei von barbarischer Grausamkeit gekennzeichnet gewesen. Das serbische Heer habe aus urwüchsigen Gebirgsbewohnern bestanden. Beim Lesen solcher stereotypen Zuweisungen wähnt man sich in die Zeit des Ersten Weltkriegs zurück – die von mir untersuchten Selbstzeugnisse waren voll mit solcherart pejorativen Stereotypen. Auch das Bild des österreichischen-ungarischen Heeres als Kulturbringer findet sich in den Memoiren und Tagebüchern wieder. Man könnte meinen, dass insbesondere die Geschichtsschreibung im 21. Jahrhundert von Verallgemeinerungen und Stereotypisierungen, wie sie in der zeitgenössischen Literatur gang und gebe waren, Abstand nimmt – dem ist aber leider nicht so.

Stereotype Urteile über Serbien bzw. dem gesamten Balkanraum finden wir heute immer noch in Presse und Politik, wenn auch die Formulierungen nicht mehr so scharf sind wie zur Zeit des Krieges. So löste zum Beispiel der Krisenherd Balkan den Hexenkessel ab. In Zusammenhang mit wirtschaftlichen Problemen wie Bankaffären wurde in jüngster Zeit häufig von Balkansitten gesprochen. Dass diese Stereotypen jeglicher Erklärung entbehren, zeigt, wie sich die Zuschreibungen von vor 100 Jahren in den Köpfen der Menschen verfestigten.

"Negative stereotype Zuschreibungen wurden als 'balkanisch' zusammengefasst"

L.I.S.A.: In Ihrer Untersuchung diskutieren Sie auch das Balkan-Bild. Ist Balkan mit Serbien gleichzusetzen, was die stereotype Betrachtung des Westens betrifft?  

Dr. Schanes: Ja. Das Balkanbild des Westens hat sich um den Ersten Weltkrieg herum verfestigt. Dabei wurden die Staaten des Balkans und deren Bevölkerung in einen Topf geworfen. In diese Zeit der allgemeinen Negativbewertung des Balkans von Seiten „des Westens“ fällt die Zuspitzung des Konfliktes zwischen Österreich-Ungarn und Serbien. Und so führte nicht zuletzt der Thronfolgermord von Sarajevo dazu, dass der gesamte Balkanraum stigmatisiert wurde; nicht nur von den Mittelmächten, sondern auch von Serbiens späteren Verbündeten Frankreich und England. Negative stereotype Zuschreibungen wurden unter dem Attribut „balkanisch“ zusammengefasst. Darunter wurden Grausamkeit, Rüpelhaftigkeit, Instabilität, Unberechenbarkeit, Primitivität, Rückständigkeit oder Unsauberkeit verstanden. Demgegenüber sah sich „Europa“ als Ort der Sauberkeit, Ordnung, Selbstbeherrschung, Gerechtigkeit, kurz einer höher stehenden Kultur.  

Dr. Daniela Schanes hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar erstellen

Z5BAU5