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Georgios Chatzoudis | 06.09.2016 | 1496 Aufrufe | 6 | Interviews

"Das Abendland verändert seine geistige und soziale Physiognomie"

Interview mit Ferdinand Fellmann über Migration nach Deutschland

Seit Beginn der großen Fluchtbewegung aus den Kriegsgebieten im Nahen und Mittleren Osten nach Europa und vor allem nach Deutschland ist man sich darin einig, dass der Zuzug von Flüchtlingen bestehende Verhältnisse bedeutend verändern wird. Mehrere Indizien scheinen dafür zu sprechen, insbesondere die gegenwärtigen Verschiebungen im politischen Koordinatensystem - nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen anderen europäischen Staaten. Worüber zurzeit vor allem gestritten wird, sind Vorstellungen und Ideen, wie dieser Wandel zu bewältigen ist. Der Philosoph und Anthropologe Prof. Dr. Ferdinand Fellmann, Emeritus der Technischen Universität Chemnitz, hat sich zuletzt in einem Beitrag im Blog Philosophie indebate zu dieser Thematik geäußert und uns diesen Artikel zur Kenntnisnahme eingereicht. Daraus entwickelte sich zwischen der L.I.S.A.Redaktion und Prof. Fellmann ein kontroverser, aber in der Sache konstruktiver E-Mail-Wechsel, den wir mit Einverständnis des Autors zu einem Interview kompiliert haben. Unsere Leitfrage: Ist Deutschland tatsächlich erst seit der aktuellen Flüchtlingskrise ein heterogenes Land geworden?

"Man wusste, mit wem man es zu tun hatte"

L.I.S.A.: Herr Professor Fellmann, Sie haben auf dem Blog "Philosophie InDebate" einen Beitrag zur aktuellen Flüchtlingsproblematik veröffentlicht. Den letzten Abschnitt leiten Sie mit dem Satz ein, dass es Ihnen bei dem Text darum gehe "eine Vorstellung von der gelebten Realität in einem heterogenen Land, wie es Deutschland durch die Flüchtlinge geworden ist, zu vermitteln." Ist Deutschland denn nicht schon seit Jahrzehnten ein heterogenes Land, wenn man beispielsweise an die sogenannte Gastarbeitermigration in die Bundesrepublik Deutschland seit den 1950er denkt? Der westdeutsche Teil der heutigen Republik hat doch seit mehr als fünfzig Jahren Erfahrungen mit Zuwanderung aus dem Süden.

Prof. Fellmann: Die Gastarbeitermigration in den 1960er Jahren ist nicht vergleichbar mit der unkontrollierten Flüchtlingswelle aus Syrien und anderen Ländern aus dem nahen und fernen Osten, die zunächst Züge einer modernen Völkerwanderung aufwies. Bei den Gastarbeitern handelte es sich um überschaubare Gruppen aus Europa, deren Einordnung durch Stereotype erfolgte. Aus meiner persönlichen Erfahrung (1939 geboren und in Westdeutschland aufgewachsener Flüchtling aus Schlesien) sah das etwa so aus: Unter den „Zuwanderung aus dem Süden“, wie Sie das nennen, wurden zunächst die Italiener wahrgenommen, die „Luigis“, die sich abends in den Bahnhofshallen trafen und aus Heimweh an Magengeschwüren litten. Bis sie sich dann in den Eisdielen etablierten und dort gern aufgesucht wurden. Dann kamen die Jugoslawen, die als mürrisch und unfreundlich galten, in den Restaurants dann aber Gerichte anboten, die viele Besucher anzogen. Ähnlich verhielt es sich mit den Griechen, deren Charakter aller windiger Unternehmungen zum Trotz offener und liebenswerter eingeschätzt wurde. Nicht zuletzt nach dem Vorbild von Alexis Sorbas. Der Song aus dem Film war fest mit dem Bild des Griechen verbunden.

Eine erste Grenzerfahrung bildeten die türkischen Gastarbeiter, für die es in Deutschland noch kein gängiges Bild gab. Hier half sich die Alltagspsychologie mit Reinhard Meys Song „Du wohl Türke, nix blabla, neu in Alemania“. In Berlin und Köln bildeten sich die ersten muslimischen Ghettos, die allerdings kaum Probleme machten. Eine besondere Gruppe waren die persischen Studenten, die von deutschen Kommilitonen mit Misstrauen betrachtet wurden, da wir fürchteten, sie würden uns die Mädchen wegschnappen. Als die Perser dann Ärzte waren, wurden sie als Randgruppe der deutschen Gesellschaft akzeptiert.

Von den Gastarbeiterinnen wurden zunächst die Portugiesinnen wahrgenommen, die meist niedere Arbeiten wie Putzen verrichteten, dann aber als Krankenschwestern in Erscheinung traten. Meine Schilderung will deutlich machen, dass mit den Gastarbeitern bestimmte Stereotype verbunden waren, die der Integration den Weg geebnet haben. Man wusste, mit wem man es zu tun hatte.

"Das Entscheidende ist der Mangel an Identifikationsmöglichkeiten"

L.I.S.A.: Heute wissen wir, dass bei der gesellschaftlichen Integration der sogenannten Gastarbeiter Fehler gemacht wurden, was nicht zuletzt der Vorstellung sowohl auf deutscher als auf Seiten der Migranten geschuldet war, dass es sich um eine vorübergehende Zuwanderung handelt. Die wenigsten hatten sich damals auf eine dauerhafte Niederlassung eingestellt, was letztlich auch dazu führte, dass echte Begegnungen zwischen Einheimischen und Zugewanderten ausblieben. Stattdessen setzten sich die von Ihnen aufgezählten Stereotype durch, die viele als problematisch empfinden, oder?

Prof. Fellmann: Die Funktion von Stereotypen darf nicht nur negativ eingeschätzt werden. Sie ermöglichen eine Einordnung; sie machen das Fremde übersichtlich und sogar vertraut. „So sind die Griechen eben“, sagte man. „So ist ihre Mentalität, die sich in langer Tradition herausgebildet hat und die man kennen muss, wenn man mit ihnen zu tun hat und nicht über den Tisch gezogen werden will.“ Eine Bestätigung dieses Stereotyps liefert die Tatsache, dass derzeit die deutsche Bundesregierung mit ihrer preußischen Disziplin in Finanzfragen beim griechischen Normalbürger auf Unverständnis stößt. Die Mentalitätsdifferenz darf im öffentlichen Diskurs wegen der political correctness allerdings nicht ins Feld geführt werden, da man sich damit des Rassismus verdächtig machen würde.

Die frühen Migrationsbewegungen haben uns nicht in die Lage versetzt, die derzeitige Einwanderung erfolgreich zu bewältigen. Der Grund liegt aber nicht an unserer Unwilligkeit, sondern darin, dass man gemeinsame Geschichte und vertraute Werte durch Programme nicht einüben kann. Wenn Migranten aus fernen Ländern mit anderem Phänotypus, anderer Hautfarbe und anderem sozialem Verhalten im öffentlichen Raum dominieren, fühlen sich die Einheimischen selbst als Fremde im eigenen Land. Das mag mit der Angst um die Fleischtöpfe zusammenhängen. Wie die Wahl in Mecklenburg-Vorpommern gezeigt hat, tendiert das politische Bewusstsein des Bürgertums nach rechts, wenn es seinen gewohnten Zugang zu den Töpfen als gefährdet empfindet.

Aber das ist nicht das Entscheidende. Aus meiner Sicht als Philosoph und Anthropologe ist das Entscheidende der Mangel an Identifikationsmöglichkeiten. Wenn ich in meinem Wohnviertel, in dem ein Flüchtlingsheim eingerichtet worden ist, verschleierten Frauen begegne, deren Sprache ich nicht verstehe, so weiß ich nicht, was sie empfinden und denken. Mir fehlen die Stereotype. Emotionale Ferne schafft ein Klima der Unpersönlichkeit, der Gleichgültigkeit, ja sogar der Feindseligkeit. Was für New York schon früh als „lonely crowd“ beschrieben worden ist, ist für Europa und für Deutschland neu. Darin liegt die noch nie dagewesen Herausforderung der Migration, die einen Menschentyp erfordert und erzeugt, dessen Selbstverständnis nicht von einer durchgängigen Biographie und einer gemeinsamen Tradition und Kultur getragen wird.

"Ein Zweckverband, der das größte Glück der größten Zahl anstrebt"

L.I.S.A.: Wenn Sie davon ausgehen, dass diese Art der Zuwanderung neu für Deutschland sei, wie definieren Sie dann Deutschland heute? Was macht in Ihrer Sicht Deutschland aus? Wer kann daran teilhaben?

Prof. Fellmann: Die Einheit eines Landes setzt sich aus vielen Faktoren zusammen, aus klimatischen, politischen, religiösen Faktoren, die kulturell bestimmte Lebensformen erzeugen, die im heute verdächtigen Begriff der Nation enthalten waren. Das Andere und das Fremde gehörten immer zum Eigenen, es fungierte als Resonanzboden für nationale Identität. Ein zentrales Moment ist die gemeinsame Sprache, die Menschen miteinander verbindet. Ich verweise dazu auf den amerikanischen Beststellerautor Steven Pinker, der in seinem Buch The Stuff of Thought (2007) die Sprache als Fenster in die menschliche Natur bezeichnet hat. Da kaum ein Deutscher bereit ist, die Sprache der arabischen Syrer zu lernen, und umgekehrt die meisten Syrer überfordert sind, die schwere deutsche Sprache zu erlernen, haben wir es mit einem echten Problem der zwischenmenschlichen Kommunikation zu tun.

Infolge der Sprachverwirrung ist Deutschland heute nicht mehr definiert durch nationale Einheit, sondern rein politisch durch geographische Grenzen, eine Regierungsform, eine Wirtschaftsform und ein Rechtssystem. Migranten können sich daran halten und so Teil der Gesellschaft werden. Die neue Gesellschaft aber ist keine historisch gewachsene Gemeinschaft mehr, keine Nation im alten Sinne, mit der man sich identifizieren kann. Sie ist ein Zweckverband, der das größte Glück der größten Zahl anstrebt. Von der funktionalen Verbindung bleiben kulturelle Differenzen unberührt. Hauptsache die Wirtschaft boomt und der Wohlstand ebnet alle Differenzen ein.

"Wie ein Elementarteilchen im urbanen Raum"

L.I.S.A.: Das klingt bei Ihnen, als sei der Prozess der Einebnung von Differenzen ein Problem. Warum? Könnten Sie das genauer ausführen?  

Prof. Fellmann: Das Problem liegt darin, dass die Einebnung von Differenzen kulturelle Heimatlosigkeit erzeugt. Dieser Prozess entspricht der fortschreitenden Urbanisierung und Säkularisierung, die multikulturellen Gesellschaften Tor und Tür öffnet. Die multikulturellen Gesellschaften der Zukunft werden immer unpersönlicher, da sich das kulturelle Erbe verflüchtigt und keine vitale Option mehr ist. Das birgt die Gefahr in sich, dass der Einzelne wie ein Elementarteilchen im urbanen Raum herumschwirrt.

Dagegen gibt es allerdings ein Mittel, das die Natur dem Menschen in die genetische Wiege gelegt hat: die Liebe und die Familie. Sie bilden das Bollwerk gegen die Ausweitung der Kampfzone; denn wer als Paar lebt und eine Familie hat, wird sich bemühen, mit anderen gut auszukommen. Schon der Kinder wegen, die auf dem Spielplatz alle Schranken überwinden. Insofern ist der „Untergang des Abendlandes“ noch nicht besiegelt, aber das Abendland verändert seine geistige und soziale Physiognomie.

Das ist für ältere Menschen wie mich gewöhnungsbedürftig. Mit Schrecken denke ich an Die Zeitmaschine von H. G. Wells, der eine Welt der Zukunft beschreibt, in der die Schere zwischen der gebildeten Oberschicht und der sie erhaltenden Unterschicht ihren zynischen Höhepunkt erreicht. Trotz alledem: Der Mensch ist ein zähes Geschöpf und wird sich in neuen Welten behaupten, auch wenn diese derzeit noch unsere Vorstellungskraft übersteigen.

Prof. Dr. Ferdinand Fellmann hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Beitrag von Prof. Dr. Ferdinand Fellmann bei Philosophie InDebate

InDebate | Flüchtlingskrise: die Erfahrung der Unbehaustheit (56.32 KB)

Kommentar

von Dr. Markus Welby | 16.09.2016 | 14:24 Uhr
Ja, das Abendland verändert sich, aber nicht nur, weil wir Deutschen mit den 'lieben' Flüchtlingen Probleme haben. Die Kravalle in Bautzen zeigen die andere Seite der Medaille. Bisher waren es immer die als fremdenfeindlich eingestuften Einheimischen, die auf die Asylanten losgegangen sind. Dass nun umgekehrt sich junge Asylanten zusammenrotten und die Einheimischen bedrohen, wird zwar nicht gern zugegeben, ist aber nicht überraschend. Ich bin zwar kein Wissenschaftler, sondern Unternehmer, der viel im Nahen Osten unterwegs ist. Das macht mich sensibel für die Zusammensetzung der gegenwärtigen Flüchtlingsklientel. Ungefähr 80 % Männer zwischen 15-30 Jahren, alleine, kaum Familien. Der Großteil dieser Menschen kommt aus Stammesgesellschaften und ist islamischen Glaubens. In vielen islamischen Ländern herrscht Polygynie, hochrangige Männer monopolisieren die vorhandenen Frauen, so dass es dort einen drastischen Überhang von jungen Männern gibt. Diese kommen nach Europa, weil sie mit großer Wahrscheinlichkeit zu Hause einen niedrigen sozialen Status haben und ihren Status in westlichen Ländern erhöhen wollen. Sie auf Ressourcen programmiert: Geld, Job und Frauen. Geld kriegen sie vom Sozialstaat. Was wir ihnen nicht von heute auf morgen geben können, ist ein Job, der Qualifikation erfordert, und offensichtlich sind die freizügig gekleideten deutschen Frauen auch nicht so leicht zu haben. Was ist das für ein Flash für einen Mann aus einer Stammesgesellschaft kommend, wo sich Frauen verschleiern und ihren Körper den Blicken der Männer entziehen! Vor diesem Hintergrund sind die Anleitungen zum Sexualverhalten im Sinne der sexuellen Vielfalt, die von der „Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung“ für Migranten ausgegeben werden, reiner Wahn. Die Macher bedenken nicht, welchen Frust sie damit bei Migranten erzeugen, wenn die durch Bilder geschürten Erwartungen enttäuscht werden. Und wenn den Moslems bei der Sexualaufklärung auch noch homosexuelle Männer präsentiert werden, ist das geradezu kriminell. Denn schwul sein ist das Schlimmste, was man im Islam machen kann. Für Moslems das Beispiel schlechthin, wie primitiv wir Ungläubigen sind! Diese Mentalität führt zur Gewalt, wie wir sie nun in Bautzen erleben. Es ist mir klar, dass meine Ausführungen mich in den Augen der Gutmenschen diskreditieren, aber das nehme ich auf mich, da ich glaube, dass nur eine realistische Einschätzung der Mentalitätsdifferenz ein friedliches Zusammenleben ermöglicht.

Kommentar

von Prof. Ferdinand Fellmann | 17.09.2016 | 08:47 Uhr
Danke, Dr. Welby, für Ihre hoch interessanten Informationen. Ich habe im Netz recherchiert und Ihre Angaben zur Sex Ratio (wie die Anthropologen das Zahlenverhältnis von Männern und Frauen nennen) in islamischen, insbesondere sunnitischen Ländern bestätigt gefunden. Ich habe mich auch über die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung schlau gemancht und bin darauf gestoßen, wie BILD das medial ausschlachtet: "Anleitung mit Bildchen. Wie die Regierung Flüchtlingen Sex erklärt". Da kann man vor dem Hintergrund Ihrer Ausführungen nur den Kopf schütteln. Ich ziehe daraus das Fazit, dass die Integrationsprogramme mit diesem Thema viel sensibler umgehen müssen. Wir dürfen unsere sehr liberale Auffassung der Erotik den Muslimen nicht einfach aufdrücken. Ich bin zwar kein Politiker, werde aber in meiner Stadt die zuständigen Ämter darauf hinweisen.

Kommentar

von Dr. Michael Zweigart | 24.10.2016 | 11:12 Uhr
Herr Prof. Fellmann verweist in dem Interview, befragt auf die Differenz zwischen der Gastarbeiterimigration der 1960er Jahre und der Flüchtlingswelle von heute, auf die Stereotypen, die bei den Gastarbeitern vorhanden waren, während sie bei den Flüchtlingen fehlen, was ihre Integration schwerer gestaltet. Die Kritik an der Aufrufung des Stereotyps ist berechtigt, reduziert man die Gruppe, die man durch dieses greifbar machen möchte, einzig und alleine, unabweichlich und starr auf ihr Stereotyp, was "viele als problematisch empfinden". Ebenso berechtigt ist jedoch auch die Rehabilitation des Stereotyps, dank dessen eine Annäherung an den Fremden stattfinden kann. "Die Funktion von Stereotypen darf nicht nur negativ eingeschätzt werden. Sie ermöglichen eine Einordnung; sie machen das Fremde übersichtlich und sogar vertraut." Beides Vorbedingungen, um sich an das Fremde heranzutasten, um es letztlich zu verstehen.
Besondere Verdienste um das Verstehen erwarb sich bekanntlich Gadamer, der ebenfalls eine, zumindest seit der Aufklärung, negativ konnotierte Bedingung von Verstehen wieder aufgriff, um sie ins rechte Licht zu rücken: das Vorurteil. Zwischen beiden, dem Stereotyp und dem Vorurteil, gibt es Parallelen, die es vielleicht Wert sind, dass man darauf hindeutet, da sich hieraus die Berechtigung des Stereotyps erklären kann.
Kurzum: Es soll der Rehabilitation des Stereotyps durch Fellmann die Rehabilitation des Vorurteils durch Gadamer an die Seite gestellt werden (zumal Stereotypen eine Subsumtion von Vorurteilen sind – sie sind Vorurteile über Personengruppen), um aufzuzeigen, wie notwendig ein derartiger Verstehensvorentwurf für die Erlangung von Verständnis überhaupt ist. Und Verständnis ist conditio sine qua non für so ziemlich alles, auch für Integration und richtiges moralisches Handeln. Verstehe und erkenne ich den Anderen nicht, so wird der richtige Umgang mit ihm zum Glücksspiel, dann verkehrt sich das "gut Gemeinte" recht schnell in das Gegenteil des "gut Gemachten".
Die Grundstruktur des Verstehens stellt sich für Gadamer in der Form des hermeneutischen Zirkels dar. Dieser besagt, dass das Verstehen des Ganzen aus dem Einzelnen und des Einzelnen aus dem Ganzen hervorgeht. Gadamer exemplifiziert diese zirkelhafte Verschränkung von Teil und Ganzem an der Erlernung von fremden Sprachen, wo ein Satz zuerst konstruiert werden muss, bevor seine Teile zu verstehen sind. Der Vorgang des Konstruierens fällt hierbei jedoch keineswegs neutral aus, sondern ist "selbst schon dirigiert, von einer Sinnerwartung, die aus dem Zusammenhang des Vorangegangenen stammt" (Gadamer: Vom Zirkel des Verstehens). Wir treten einem Text (und darüber hinausgehend jeglichem zu Verstehenden) mit einer Sinnerwartung entgegen und in dieser Sinnerwartung kommen unsere Vorurteile zum Tragen. Wer sich über seine Vorurteile erhaben glaubt oder meint, sie methodisch ausschalten zu können, der unterliegt ihrer Macht, die sie auch dann besitzen – nur umso mehr. Aus diesem Grunde Gadamers Rehabilitierung des Vorurteils und der Autorität. Vorurteile schränken, wie gemeinhin angenommen, unser Verstehen nicht nur ein, vielmehr sind sie Bedingung von Verstehen. Ihre Anerkennung heißt: "Anerkennung der wesenhaften Vorurteilshaftigkeit alles Verstehens" (Gadamer: Wahrheit und Methode). Ein unmittelbares, direktes Verstehen gibt es nicht, vielmehr verstehen wir immer unter dem antizipierenden Entwurf einer bestimmten Ausdruckstendenz. Ohne einen vorauseilenden Verstehensentwurf, der sich aus Vorurteilen (aus Urteilen, die nicht endgültig, sondern vorläufig sind, die das aufgreifen, was unserem derzeitigen Wissenstand zur Verfügung steht) speist, können wir überhaupt nicht verstehen, sie sind deren Voraussetzung. Sie geben uns einen ersten Anhaltspunkt über dasjenige, was da verstanden werden soll, sie ermöglichen uns einen Zugang zu ihm.
Ähnlich verhält es sich mit den Stereotypen: Sie definieren denjenigen, der verstanden werden soll, sie geben ihm eine erste Kontur, wenn auch nur grob, vereinfachend und verallgemeinernd – stereotypisch eben, aber sie geben uns ein Wissen über und einen Zugriff auf den Fremden an die Hand, die weiterreichendem und tiefergehendem Verständnis die Türen öffnen können. Stereotypen vermögen es, dass wir eine Beziehung mit dem Fremden herstellen, und dass man überhaupt mit ihm in einer Beziehung stehen muss, ist selbst dafür notwendig, damit man ihn als Fremden wahrnimmt, worauf auch Georg Simmel in seinem "Exkurs über den Fremden" hinweist: "Denn das Fremdsein ist natürlich eine ganz positive Beziehung, eine besondere Wechselwirkungsform; die Bewohner des Sirius sind uns nicht eigentlich fremd – dies wenigstens nicht in dem soziologisch in Betracht kommenden Sinne des Wortes –, sondern sie existieren überhaupt nicht für uns, sie stehen jenseits von Fern und Nah." Das Stereotyp gewährleistet immerhin eine diesseitige Beziehung zum Fremden. Und wo aus Ferne Nähe hergestellt werden soll, da muss das Wechselspiel von Nähe und Ferne wenigstens in Gang gebracht werden, wofür das Stereotyp als Impulsgeber dienen kann.
Was Stereotypen inhaltlich vermitteln, ist Tradiertes, vielleicht sogar nur Kolportiertes, zumindest jedoch nicht selbst Generiertes. Sie gehören zur Überlieferung. Doch gerade weil sie Teil der Überlieferung sind, kann sich unser Verstehen ihnen nicht entziehen. Wie Gadamer nicht müde wird zu erwähnen, Verstehen wir immer auf der Basis einer Tradition. Als Verstehende stehen wir in einer Tradition der Deutung von Gegenständen, welche die Möglichkeit neuer Deutungen einschränkt: jede neue Deutung muss in Beziehung zur vorgängigen gebracht werden, was den systemhaften Zusammenhang der Tradition zum Vorschein bringt. Als Teilhabende an der Tradition speist sich unser Verständnis aus dieser Teilhabe; aus ihr schöpfen wir die Vorurteilshaftigkeit unseres Verstehens. Aus diesem Grunde ist es trügerisch, um nicht zu sagen: gefährlich zu glauben, man könnte sich den eigenen Vorurteilen (respektive den Stereotypen) entziehen. Wir gehören diesen weit mehr, als diese uns.
Gerade dort, wo wir glauben, die Stereotypen tun dem Fremden Unrecht, müssen wir ihre Macht, die sie über unseren deutenden Blick haben, anerkennen, gerade weil wir diese Macht gar nicht immer eindeutig ausmachen können. Wir unterliegen ihr, da wir in der Überlieferung stehen, "und dieses Darinstehen ist kein vergegenständlichendes Verhalten, so daß das, was die Überlieferung sagt, als ein anderes, Fremdes gedacht wäre – es ist immer schon ein Eignes" (Gadamer: Wahrheit und Methode). Der durch das Stereotyp geprägte Blick auf den Fremden kann gar nicht vollständig ausgeblendet werden, da wir als Teilhabende der Tradition von ihm geprägt sind, er ist unser eigener, nur vermeintlich unvoreingenommene, Blick.
Dort, wo wir uns dessen eingedenk sind, vermögen wir es, dass wir Aufklärung über unser Geschichtlichsein erlangen, indem wir unsere hermeneutische Situation ausarbeiten. Wer möglichst weitgehend sachangemessen verstehen will, an den ergeht die Forderung, sich der eigenen Geschichtlichkeit, der Wirkungsgeschichte des zu Verstehenden sowie der eigenen Bedingtheit durch diese, bewusst zu werden, um nicht der Naivität eines unmittelbaren Verstehens aufzuliegen. Wer sich seiner hermeneutischen Situation bewusst ist, für den stellt das Vorurteil keine unbewusste Erkenntnisverfälschung mehr dar, sondern es wird zum Einstiegsportal für Verständnis.
Übertragen auf die Stereotypen bedeutet dies, dass sie der Türöffner zum Verständnis des Fremden sein können. Aufgrund der Unmöglichkeit, die Welt auf den ersten Blick, unmittelbar, direkt und bis in Detail wahrzunehmen, ist es notwendig, ein Vehikel zur Konturierung, zur Greifbarmachung, zur Annäherung zu nutzen. Als Vehikel zum Verständnis des Fremden bieten sich hierfür die Stereotypen an.

Kommentar

von Prof. Ferdinand Fellmann | 24.10.2016 | 21:08 Uhr
Herr Dr. Zweigart, ich finde es äußerst interessant, dass Sie Stereotypen und Vorurteile in Verbindung bringen. Philosophen werden normalerweise ja als Bewohner des Elfenbeinturms eingeschätzt, die von der Lebenswirklichkeit angeblich keine Ahnung haben. Und nun zeigen Sie, dass der Philosoph Hans-Georg Gadamer, der in den 1960er Jahren das Verstehen antiker Texte zum Thema gemacht hat, damit keineswegs weltfremd war. Er hat, wie Sie zeigen, mit dem sog. „hermeneutischen Zirkel“ eine Denkform bereitgestellt, die für die Integration von Migranten wegweisend sein kann. Einheimische und Fremde begegnen sich immer mit bestimmten Vorstellungen, die sie sich vom anderen machen. Diese mögen weitgehend illusorisch sein, aber sie sind besser als vollkommene Unbedarftheit und Gleichgültigkeit. Sie sind der Ausgangspunkt für den langen Weg gegenseitigen Verstehens. Unsere Aufgabe besteht darin, diese Vorurteile als Muster emotionaler Annäherung zu aktivieren. Zur Nähe gehört immer auch Distanz, ohne die jede Seite ihre Identität verlieren würde. Ihr Hinweis auf den Lebensphilosophen Georg Simmel, der über die Rolle des Fremden Grundsätzliches gesagt hat, ist Gold wert. Es bleibt zu hoffen, dass praktische Integrationsprogramme, die oft relativ naiv auf Empathie ausgelegt sind, sich an der Idee des Ausgleichs wechselseitiger Vorurteile orientieren. Vielleicht können Sie, Dr. Zweigart, dort, wo Sie wohnen, die lokalen Institutionen darauf hinweisen. Nur so schaffen wir es!

Kommentar

von Dr. Markus Welby | 28.10.2016 | 10:45 Uhr
Vielen Dank, Dr. Zweigart, dass Sie mit Ihrer Interpretation der Stereotypen als lebendige Vorurteile die Diskussion allgemeinverständlich auf den Punkt gebracht haben. Sie sind, nehme ich an, ein richtiger Lebensphilosoph. Darum beneide ich Sie. Ich war geschäftlich wieder in den Emiraten unterwegs und musste erfahren, dass die Freizügigkeit in Sachen Sexualität dort nur Kopfschütteln hervorruft. Die europäischen Frauen, so meint man, sind zwar körperlich frei, seelisch aber Sklavinnen ihrer Sucht, allen Männern zu gefallen. Dagegen sind im Islam die Frauen gerade wegen ihrer Verschleierung seelisch frei. Merkwürdig, wie hier zwei Vorurteile aufeinander prallen. Unsere Integrationsprogramme sollten hier ansetzen. Das Thema Migration ist noch lange nicht abgearbeitet. Nochmals Danke, Dr. Zweigart.

Kommentar

von Dr. Michael Zweigart | 31.10.2016 | 11:16 Uhr
Ich habe zu danken, Dr. Welby, für den Kommentar – wenngleich der einzig wirkliche, noch lebende Lebensphilosoph Prof. Fellmann ist.
Zu danken ist Ihnen auch für die empirischen Daten, die sie liefern, die das Gemeinte sehr schön veranschaulichen: Hält man die westlichen Frauen für körperlich frei, seelisch jedoch für Sklavinnen ihrer Sucht, allen Männern zu gefallen, so zeigt dies recht deutlich den Gesamtentwurf des Frauenbildes, der dahinter steht: die Frauen haben offensichtlich nichts anderes zu tun, als den Männern zu gefallen. Hinter dieser Rollenzuweisung der Frau scheint mir eine Tradition männlicher Wunschprojektion zu stehen – sozusagen ein Tendenzvorurteil, das für die Frauen nicht ohne Folgen bleibt: sie müssen zu ihrem eignen Schutz verhüllt werden – zum Schutz vor denen, die ihr diese Rolle zuschreiben! Nicht, dass auf westlicher Seite nicht gleichfalls zweifelhafte Rollenzuschreibungen gemacht würden. In diesem Punkt jedoch fallen sie anders aus (sonst könnte man sie uns nicht vorwerfen), da sie sich aus einer anderen Tradition speisen. Genau daran zeigt sich ein gewisser Schwachpunkt bei Gadamer: für ihn ist die alles Überspannende Tradition, der wir alle unterliegen und aus der wir unsere Vorurteile schöpfen, Garant für Intersubjektivität. Da wir alle der gleichen Tradition unterliegen, können wir uns überhaupt gegenseitig verstehen. Was jedoch, wenn es nicht nur eine, sondern mehrere, unterschiedliche, vielleicht sogar nicht miteinander kompatible Traditionen gibt? Ein Problem, das gerade beim Aufeinanderprallen unterschiedlicher Kulturen mit ins Verstehenskalkül gezogen werden muss.

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