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Judith Wonke | 01.05.2018 | 610 Aufrufe | Interviews

"Dahrendorf war kein Wissenschaftler im Elfenbeinturm"

Interview mit Franziska Meifort zu Ralf Dahrendorf

Heute vor 89 Jahren - am 1. Mai 1929 - wurde Ralf Dahrendorf geboren. Der 2009 verstorbene Intellektuelle und Sohn eines SPD-Politikers gilt heute als unabhängiger Geist und Vordenker der Liberalen: Während des Krieges engagierte er sich im Widerstand, später schloss er sich erst der SPD, dann der FDP an. In den 1960er Jahren diskutierte er mit Rudi Dutschke, Mitte der 70er wurde er Direktor der London School of Economics and Political Science. An gesellschaftlichen Entwicklungen war er stets beteiligt. Betrachtet man Dahrendorfs Leben rückblickend, erscheint es umso verwunderlicher, dass eine Gesamtbiografie bislang ausblieb. Diese Forschungslücke schloss Franziska Meifort, die zu Dahrendorf promovierte und im letzten Jahr eine Biografie veröffentlichte. Wir haben Sie um ein Interview gebeten und Fragen nach seinem Einfluss auf den Liberalismus, aber auch seiner Rolle als Wissenschaftler und Soziologe gefragt. 

Copyright (r.): tristan vankann / fotoetage

"Ein Prisma, durch das sich viele Aspekte der Geschichte der Bundesrepublik auffächerten"

L.I.S.A.: Was hat Sie motiviert, sich mit Ralf Dahrendorfs gesamter Biografie zu beschäftigen? Welche Vorüberlegungen gehen Ihrem Projekt voraus?

Dr. Meifort: Zunächst einmal fand ich Ralf Dahrendorf als Person spannend. Er hat ein so vielseitiges und facettenreiches Leben gelebt und war in ganz unterschiedlichen Positionen in der Bundesrepublik und in Großbritannien tätig. Er war Soziologe, Bildungsreformer, Politikberater, Politiker, Wissenschaftsmanager, Wirtschaftsberater und Publizist. Was mich aber am meisten fasziniert hat, war seine Rolle als öffentlicher Intellektueller, die er nahezu sein ganzes Erwachsenenleben lang ausgefüllt hat. Bereits als Jugendlicher hat er nach Kriegsende in Radiodiskussionen des Nordwestdeutschen Rundfunks mitgewirkt und bis zu seinem Tod im Jahr 2009 hat er immer wieder zu gesellschaftspolitischen Themen öffentlich Stellung bezogen.

Ich wollte wissen: Wie schafft es jemand, immer wieder und über einen so langen Zeitraum in der öffentlichen Debatte präsent zu sein und sie zum Teil sogar mitzubestimmen? Welche – inneren und äußeren – Voraussetzungen sind dafür nötig? Also welchen Antrieb hatte Dahrendorf selbst, sich an Diskussionen zu beteiligen und was war das soziale und kulturelle Kapital, dass ihn als Intellektuellen legitimierte? Und welche Strategien verfolgte er, um seinen Ideen Gehör zu verschaffen?

In zeithistorischer Perspektive erschien mir Dahrendorf zudem wie ein Prisma, durch das sich viele Aspekte der Geschichte der Bundesrepublik auffächerten. Um nur ein paar Beispiele zu nennen: die Neugründung der Soziologie in den fünfziger Jahren, die Bildungsreform und Planungseuphorie in den Sechzigern, die Studentenbewegung um 1968, der Machtwechsel 1969, die Europapolitik, die „Tendenzwende“ der siebziger Jahre, die Diskussion um den Sozialstaat in den neunziger Jahren oder auch die Debatte um den Kriegseinsatz im Irak 2003 – Dahrendorf hat da überall „mitgemischt“.

"Ein reicher Fundus, aus dem ich für meine Biographie schöpfen konnte"

L.I.S.A.: Auf welches Quellenmaterial beziehen Sie sich in Ihren Forschungen und welche Rolle spielten Gespräche mit Zeitzeugen?

Dr. Meifort: Das Herzstück meines Quellenmaterials bildet der Nachlass Ralf Dahrendorf, der im Bundesarchiv Koblenz liegt. Zwei Jahre lang habe ich diesen Nachlass im Auftrag des Bundesarchivs selbst erschlossen, das heißt sortiert, verzeichnet und dabei auch ausgewertet. Mit ursprünglich über 100 laufenden Metern ist er einer der größten privaten Nachlässe im Bundesarchiv. Natürlich wurde davon einiges kassiert, doch am Ende sind über 1000 Bände übriggeblieben; vor allem Korrespondenz, Manuskripte und Arbeitsunterlagen. Das war für mich ein reicher Fundus, aus dem ich für meine Biographie schöpfen konnte. Und natürlich war es auch etwas ganz Besonderes, die Erste zu sein, die die vielen Umzugskisten – zum Teil nach Jahrzehnten der Lagerung – öffnen durfte.

Ich habe aber natürlich auch andere Archive besucht, etwa das Archiv der London School of Economics and Political Science (LSE), an der Dahrendorf von 1974 bis 1984 Direktor war, oder das Archiv des Liberalismus in Gummersbach, um mehr über Dahrendorfs Zeit als Politiker der FDP herauszufinden. Neben dem Archivmaterial gehörten auch die publizierten Schriften Dahrendorfs – ob nun Monographien, Aufsätze, Zeitungsartikel oder auch Interviews – zu meinem Quellenbestand.

Zeitzeugen spielten auch eine ganz wichtige Rolle für meine Recherche. Die Gespräche mit ihnen konnten mir mehr über die Person und Persönlichkeit Dahrendorfs verraten, als Akten es können. Außerdem habe ich den einen oder anderen wichtigen Hinweis bekommen, wo es sich lohnen könnte, noch genauer zu recherchieren. Eine besondere Erfahrung waren dabei die Gespräche in New York mit dem inzwischen leider verstorbenen Historiker Fritz Stern, mit dem Dahrendorf seit den späten fünfziger Jahren befreundet war.

"Als Jugendlicher auf der Seite des Widerstands"

L.I.S.A.: Dahrendorf distanzierte sich bereits vor 1945 vom Nationalsozialismus. Sein Vater war Mitwisser des Hitler-Attentats, er selbst wurde im Winter 1944/45 zu einer vierwöchigen Haftstrafe in einem Arbeitserziehungslager verurteilt. Wie beeinflussten diese Geschehnisse seine weiteren Handlungen?

Dr. Meifort: Ralf Dahrendorf hatte sich als 15-Jähriger einer illegalen Schülervereinigung angeschlossen, die sich gegen den Nationalsozialismus stellte und kritische Flugblätter hergestellt und zum Teil auch verteilt hatte. Dafür wurden er und seine Freunde in einem Arbeitserziehungslager der Gestapo interniert. Allerdings wurden sie nicht verurteilt, sondern ohne Gerichtsverhandlung einfach eingesperrt – daran zeigt sich einmal mehr der totalitäre Charakter des NS-Regimes. Dahrendorf selbst hat den Freiheitsentzug und die in dem KZ-ähnlichen Lager erlebte Gewalt später zur Initialzündung für seinen unbedingten Drang zur Freiheit und für sein Misstrauen gegenüber allem Totalitärem erklärt.

Sicher haben die Erfahrungen im Nationalsozialismus dazu beigetragen, dass Dahrendorf Demokratie und Freiheit nie als etwas Selbstverständliches begriffen hat, sondern als etwas, das immer wieder erstritten bzw. verteidigt werden muss. Diese Überzeugung teilte er mit anderen Generationsgenossen, der sogenannten „45er Generation“. Allerdings war er – anders als andere „45er“ – kein Flakhelfer, der erst durch den Schrecken des Krieges vom Nationalsozialismus desillusioniert wurde, sondern er hatte, geprägt durch seinen Vater, schon als Jugendlicher auf der Seite des Widerstands gestanden.

"Zur Zeit der Großen Koalition die einzige Oppositionspartei"

L.I.S.A.: Ralf Dahrendorf ist der Sohn des SPD-Reichstagsabgeordneten Gustav Dahrendorf, nach dem Krieg gehörte auch Ralf Dahrendorf der SPD an. Warum aber hat er sich dann der FDP angeschlossen?

Dr. Meifort: Im Rückblick könnte man meinen, dass es für den Liberalen Dahrendorf ja nur folgerichtig war, in die FDP als Partei des Liberalismus einzutreten. Aber  tatsächlich war er bis in die sechziger Jahre parteipolitisch nicht festgelegt. Dahrendorf kam zwar aus einem sozialdemokratischen Elternhaus und war selbst in jungen Jahren Mitglied der SPD, doch es ging ihm vor allem darum, seine Ideen, die er als Wissenschaftler, als Soziologe entwickelte, in praktische Politik umgesetzt zu sehen.

1961 schloss er sich einem Beraterstab für Willy Brandt, damals Kanzlerkandidat der SPD, an und seit 1964 war er ein enger Berater des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Kurt Georg Kiesinger (CDU), v.a. in bildungspolitischen Fragen. Doch als Kiesinger 1966 Kanzler der Großen Koalition in Bonn wurde, verlor diese Beziehung an Bedeutung. Dahrendorf war zudem ein prinzipieller Gegner von Großen Koalitionen. In seinen Augen waren solche Regierungsbündnisse undemokratisch, da sie den argumentativen Wettstreit im Parlament unterdrückten.

Als ihm dann von der FDP ein aussichtsreicher Wahlkreis für die baden-württembergische Landtagswahl 1968 angeboten wurde, entschied er sich, in die FDP einzutreten. Später hat er selbst gesagt, dass die Entscheidung für diese Partei vor allem damit zusammenhing, dass die FDP zur Zeit der Großen Koalition die einzige Oppositionspartei war. Zudem bot ihm die kleine Partei für ihn auch die Chance schnell in hohe Positionen aufzusteigen. Innerhalb kürzester Zeit wurde er Mitglied im Parteivorstand, Landtags- und Bundestagabgeordneter und Parlamentarischer Staatssekretär im Auswärtigen Amt. Und es gelang ihm, die Partei 1968/69 auf ihrem Weg zur sozialliberalen Koalition programmatisch entscheidend zu prägen.

Trotz dieses „politischen Senkrechtsstarts“, wie der steile Aufstieg des Seiteneinsteigers in der Presse genannt wurde, hielt es Dahrendorf nicht lange in der Politik. Zu sehr war er Solist, als dass er sich einer Parteidisziplin unterordnen konnte und er eckte immer wieder mit unabgesprochenen Äußerungen in der Öffentlichkeit an. Schon nach neun Monaten verließ er die Bundespolitik und ging als EG-Kommissar nach Brüssel. 1974 wechselte er dann an die London School of Economics and Political Science (LSE), um dort Direktor zu werden.

Manche haben Dahrendorf deshalb als „gescheiterten politischen Seiteneinsteiger“ charakterisiert. Ich würde eher von einer Geschichte der Erwartung und Enttäuschung sprechen – sowohl die Fremd- als auch die Selbsterwartungen an den intellektuellen Politiker waren zu hoch, als dass Dahrendorf sie erfüllen konnte.

"Demokratisierung und Liberalisierung der Gesellschaft"

L.I.S.A.: Wie würden Sie das wissenschaftliche Vermächtnis Dahrendorfs beschreiben? Wofür steht Dahrendorf als Soziologe?

Dr. Meifort: Als Soziologe wurde Dahrendorf in den fünfziger und sechziger Jahren bekannt. Er etablierte sich als Industriesoziologe und beschäftigte sich mit der Klassen- und Schichtentheorie. Sein Essay über den Homo Sociologicus, begründete die Rollentheorie in Deutschland.

In der konsensorientierten Nachkriegszeit exponierte er sich mit einer Konflikttheorie, die soziale Konflikte als etwas Natürliches, ja Positives, ansah, da Konflikte zum gesellschaftlichen Fortschritt führten. Diese Konflikttheorie führte er auch in seinem einflussreichen Werk Gesellschaft und Demokratie in Deutschland (1965) aus, in dem Dahrendorf forderte, dass nach der Demokratisierung und Liberalisierung der Institutionen der Bundesrepublik nun auch eine Demokratisierung und Liberalisierung der Gesellschaft folgen müsse.

Außerdem erkannte er in den sechziger Jahren durch empirische Studien herkunftsbedingte Benachteiligungen in den Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen. In der Streitschrift Bildung ist Bürgerrecht (1965) forderte er die Politik zum Handeln auf. Daran zeigt sich: Dahrendorf war kein Wissenschaftler im Elfenbeinturm, sondern er wollte Wissenschaft und Politik immer zusammendenken.

"Dem „Bürgerschreck“ Rudi Dutschke ein ebenbürtiger Diskussionspartner"

L.I.S.A.: Aus welcher Motivation heraus hat Dahrendorf sich auf die Auseinandersetzung mit einem Systemkritiker wie Rudi Dutschke im Zuge der 68er-Bewegung eingelassen? Welchem eigenen Antrieb war dieser Schlagabtausch gewidmet?

Dr. Meifort: Von dieser Szene gibt es das berühmte Foto, auf dem Dahrendorf und Dutschke 1968 in Freiburg auf einem Autodach vor einer Studentenmenge diskutieren. Ich habe es für den Umschlag meiner Dahrendorf-Biographie ausgewählt, weil sich in dem Bild kondensiert, was Dahrendorf als Intellektuellen ausmachte: Er hat immer dafür plädiert, das Gespräch zu suchen – auch und gerade mit Menschen, die eine andere Meinung als er vertraten. Er wollte durch die Kraft des Arguments überzeugen und war – ganz im Sinne seiner Konflikttheorie – der Auffassung, dass nur dadurch, dass man widerstrebende Interessen und Meinungen zulässt und verhandelt, Fortschritt und gesellschaftlicher Wandel entstehen kann. Dabei verfügte er über ein entschiedenes demokratisches Selbstbewusstsein und er wusste, dass er dem „Bürgerschreck“ Rudi Dutschke ein ebenbürtiger Diskussionspartner war. Deshalb hat er sich – im Unterschied zu anderen Politikern oder Professoren – getraut, zu Dutschke in den Ring zu steigen und mit ihm zu debattieren.

"Ein Höchstmaß an individueller Freiheit"

L.I.S.A.: Dahrendorf gilt als Vordenker des Liberalismus. Für welches Verständnis von Liberalismus stand er?

Dr. Meifort: Dahrendorf war tatsächlich der einzige Intellektuelle der Bundesrepublik, der bewusst und entschieden die Position des liberalen Intellektuellen einnahm. Seit den siebziger Jahren bezeichnete er sich selbst immer häufiger als Liberaler. Er war jemand, der stets in großen Zusammenhängen und Kategorien und anwendungsbezogen dachte und so ist auch seine Auffassung von Liberalismus zu verstehen. Für ihn bedeutete eine liberale Gesellschaft ein Höchstmaß an individueller Freiheit. Dabei dachte er die Freiheit jedoch auch immer mit dem Sozialen und der Frage nach den Bedingungen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt zusammen. Für ihn bedeutete Liberalismus, die Maximierung von Lebenschancen für einen jeden einzelnen. Lebenschancen waren für ihn Gelegenheiten für individuelles Handeln, die sich aus der Wechselbeziehung von Optionen und „Ligaturen“, also sozialen Bindungen, ergaben. Jeder Mensch sollte also die gleichen Ausgangschancen haben, wie er sie dann aber nutzte konnte und sollte individuell höchst unterschiedlich sein. Dabei war soziale Ungleichheit für Dahrendorf ein natürlicher Bestandteil der menschlichen Gesellschaft. „Liberalismus will Unterschied, denn Unterschied heißt Freiheit“, schrieb er in Konflikt und Freiheit (1972).

Liberalismus war für Dahrendorf eine Grundhaltung, die ideologischen Dogmatismus ablehnte und eine „Offene Gesellschaft“ im Sinne von Karl Popper verteidigte.

"Autobiographische Quellen besonders kritisch gelesen werden"

L.I.S.A.: Wie gehen Sie mit Kritiken um, Biografien würden psychologisierend historisieren und darüber hinaus eine Geschichtsschreibung der „großen Männer“ unterstützen?

Dr. Meifort: Ach, das ist doch ein alter Hut! Zum Glück sind die Zeiten vorbei, in denen man den Biographen diesen Vorwurf machen konnte. Die biographische Geschichtsschreibung hat die Heroisierung „großer Männer“ längst überwunden. Die heutigen Biographien mit geschichtswissenschaftlichen Anspruch zeigen, dass theoretisch reflektierte Arbeiten inzwischen der Standard sind und die Erkenntnisse und Herangehensweisen der modernen Geschichtswissenschaft mit der biographischen Methode kombiniert werden.

Selbstverständlich muss man vermeiden, der „biographischen Illusion“, wie Bourdieu das genannt hat, auf den Leim zu gehen. Deshalb müssen autobiographische Quellen besonders kritisch gelesen werden, aber auch die eigenen Schlussfolgerungen müssen immer wieder überprüft werden. Dann bietet die Biographie wie kaum ein anderer Ansatz die Möglichkeit, individuelles Denken und Handeln und individuelle Erfahrung vor dem Hintergrund kultur- und strukturgeschichtlicher Ansätze zu analysieren.

Dr. Franziska Meifort hat die Fragen der Redaktion schriftlich beantwortet.

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