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Lena Reuter | 24.05.2020 | 538 Aufrufe | Interviews

Was macht Corona mit der Liebe?

Interview mit Simone Gmelch und Marcel Schär über Liebe und Partnerschaft in der Krise

In diesen Zeiten wird uns bewusst wie nie, wie wichtig soziale Kontakte und körperliche Nähe sind. Dass diese fehlen, bekommen insbesondere allein lebende Menschen deutlich zu spüren, und auch wenn die Kontakteinschränkungen der eigenen Sicherheit dienen, fällt es schwer, auf diese zwischenmenschlichen Begegnungen im Alltag zu verzichten. Doch auch für Familien und Paare, die sich körperlich nah sein können, ist diese Situation eine Belastungsprobe. Seit Wochen verbringen sie mehr Zeit miteinander als je zuvor, hinzu kommen die Verunsicherung wegen des Virus, Stress und Existenzangst, fehlende Freizeitbeschäftigungen oder gar ein fehlender Tagesrhythmus. Was es mit uns Menschen macht, wenn jegliche Struktur im Alltag wegbricht und Grundbedürfnisse zu kurz kommen, haben wir Diplom-Psychologin Simone Gmelch und Professor Marcel Schär im L.I.S.A.Interview gefragt.

"Nicht entmutigen lassen"

L.I.S.A.: Diplom-Psychologin Gmelch, Professor Schär, Sie arbeiten seit vielen Jahren in der Psycho- und Paartherapie und haben vor Kurzem das Buch "Liebe ist mehr, als wir denken" herausgebracht. Was hat Sie dazu bewegt, dieses Buch zu schreiben?

Prof. Schär: Die Idee für dieses Buch kam gar nicht von uns selbst. Der Springerverlag hatte uns angefragt, ob wir ein Buch für Laien schreiben könnten, nachdem ich vorher das Buch „Paarberatung und Paartherapie“ veröffentlicht hatte, das sich an Fachpersonen richtet. Wir fanden die Idee vor allem deswegen spannend, weil wir ja selber schon lange beides sind: ein Paar und gleichzeitig Fachpersonen. Wir wollten ein Buch schreiben, das nicht aus dem Elfenbeinturm kommt. Das ist auch der Grund, warum die Idee unseres Buches nicht ist, Ratschläge oder 5-Schritte Anleitungen mit Gelinggarantie zu geben. Das wird aus unserer Sicht der Komplexität von Partnerschaften nicht gerecht. Uns geht es mehr darum, eine Haltung zu beschreiben, die aus unserer Erfahrung hilft, dass wir uns von den vielfältigen Schwierigkeiten, die Partnerschaften und das Leben an uns stellen, nicht entmutigen zu lassen. Wir wollten Wege aufzeigen, wie wir trotz Herausforderungen, immer wieder neu aufeinander zugehen können.

"Überhöhte Erwartungen aneinander werden früher oder später zwangsläufig enttäuscht"

L.I.S.A.: Sie schreiben: „Je mehr ein Paar hofft, durch den anderen komplett zu werden, desto stärker wird die Verstrickung.“ Den Wunsch, sich in einer Beziehung gegenseitig zu ergänzen, sehen Sie also durchaus als kritisch an. Warum?

Dipl.-Psych. Gmelch: Der Wunsch sich in der Beziehung gegenseitig zu ergänzen ist noch nicht problematisch. Im Gegenteil: Er ist eine große Triebkraft, überhaupt eine Beziehung einzugehen. Die Frage ist, wie es dann weiter geht. Die Punkte, wo wir ergänzt werden wollen, haben meist etwas mit unseren Schwächen zu tun, mit den Bereichen, in denen wir uns selbst entwickeln müssten. Entwicklung ist aber anstrengend. Und deswegen passiert es schnell, dass wir insgeheim hoffen, durch unseren Partner um Entwicklungen herum zu kommen. Kein Partner kann aber dauerhaft unsere Wünsche, unsere Bedürfnisse erfüllen oder/und unsere Lücken schließen. Unsere Lücken sind eben unsere eigenen Lücken und fordern von jedem einzelnen von uns eine Entwicklung. Der Gegenpol dazu wäre die Hoffnung, durch unseren Partner erlöst zu werden oder ihn erlösen zu wollen. Die Hoffnung auf Erlösung ist deswegen so problematisch, weil sie zunächst einfacher und weniger anstrengend erscheint. Sie führt dann aber relativ schnell zu komplett überhöhten Erwartungen aneinander, die früher oder später zwangsläufig enttäuscht werden und in undurchsichtige Abhängigkeiten und Machtverstrickungen münden. Was das Ganze noch komplizierter macht, ist, dass uns unsere Hoffnung auf Erlösung häufig wenig bewusst ist.

"Jeder ist für sein eigenes Glück und seine eigene Entwicklung verantwortlich"

L.I.S.A.: Neben der Partnerschaft gehen Sie auch auf die Entwicklung der eigenständigen Persönlichkeit ein. Was kann jede und jeder Einzelne tun, um sich selbstsicher und wertvoll zu fühlen, um so ein gesundes Verhältnis mit anderen Menschen eingehen zu können?

Prof. Schär: Das ist natürlich ein weites Feld. Eine der wichtigsten Einsichten scheint uns zu sein, dass jeder sich selbst für sein eigenes Glück und seine eigene Entwicklung verantwortlich sieht. Intuitiv machen wir oft das Gegenteil: wir machen unseren Partner (oder etwas anderes) dafür verantwortlich. Und genau wie bei der eben beschriebenen Hoffnung auf Erlösung merken wir es oft nicht einmal. Denn mit jedem „Wenn du dich endlich ändern könntest, ginge es mir viel besser“, „Wenn ich nicht diesen bescheuerten Job hätte, wäre ich viel ausgeglichener“ oder selbst bei „Wenn ich nur mehr Energie hätte, könnte ich mich darum kümmern,“ richten wir den Finger der Veränderung von uns selbst weg. Weg von dem, was wir hier, heute selber für unser Wohl tun könnten. Es ist meistens wenig hilfreich, die Frage, wer welche Schuld an meinem Unglück trägt, zu erörtern. Vielmehr scheint uns die Frage relevant, was ich jetzt gerade hier tun kann, welche Verantwortung ich im Moment (für mich und andere) wahrnehmen kann. Auch wenn wir dies erkennen und die Verantwortung für unser Leben übernehmen, führt das nicht dazu, dass wir einfach glücklich sind, uns durchgängig selbstbewusst oder wertvoll fühlen. Eigentlich geht es genau ums Gegenteil: Es geht darum, dieses unrealistische Ziel aufzugeben. Es geht darum, zu akzeptieren, dass sowohl Glück als auch Unglück zum Leben gehören. Es geht darum, um die eigenen Stärken und die eigenen Schwächen zu wissen. Und wir können mehr und mehr lernen, das eigene Glück zu sehen, zu nähren und zu stärken und auf der anderen Seite das eigene Unglück zu verstehen und anzunehmen. Denn wir selbst spielen eine entscheidende Rolle dabei, wie unser Unglück entsteht und aufrechterhalten wird.

"Isolation fördert Lähmung und Passivität"

L.I.S.A.: Auch wenn Ihr Buch vor Ausbruch der Krise erschienen ist, möchten wir über (Selbst-)Liebe in Corona-Zeiten sprechen: Neben körperlichen Bedürfnissen, die uns eigen sind, benennen Sie auch folgende mentale Grundbedürfnisse: Bindung und Nähe, Identität und Selbstwert, Orientierung und Kontrolle und Freiheit und Autonomie. Gerade jetzt fehlen uns doch einige davon, wie die Kontrolle über unseren Alltag, die Nähe zu anderen. Was macht das mit uns Menschen, wenn jede Struktur im Alltag wegbricht? Wie wirkt sich dies auf unsere Beziehungen aus?

Dipl.-Psych. Gmelch: Sie sagen es bereits: Es werden eigentlich alle unserer wesentlichen psychischen Grundbedürfnisse von der Krise empfindlich berührt.
Dies führt zu einer ungewohnten und teilweise sehr tiefgehenden Verunsicherung, insbesondere deswegen, weil viele von uns existentiell getroffen werden. So kann es auch ansonsten psychisch gesunden Menschen passieren, dass ihnen durch Struktur- und/oder Sinnverlust der Boden entgleitet, es sich anfühlt, als ob man in ein tiefes dunkles Loch fallen würde. Oder man entwickelt Ängste, Zwänge oder Suchtverhalten. Je länger der Ausnahmezustand andauert, desto grösser die Gefahr, in ein solches Loch zu fallen.  
Gleichzeitig beobachten wir aber auch, dass es vielen Menschen nach der anfänglichen Schockstarre bislang erstaunlich gut gelungen ist, die Grundbedürfniseinschränkungen hinzunehmen. Vermutlich deswegen, weil man durch Einhaltung der Maßnahmen etwas tun kann gegen die Angst und Orientierungslosigkeit. Auch erfährt man gesellschaftliche Anerkennung dafür bzw. müsste fürchten, ausgeschlossen zu werden, wenn man sich nicht daran hält. Auch das ist eine Form der Erfüllung der Bedürfnisse nach Orientierung und Kontrolle und Bindung, einfach auf einer komplett anderen Ebene.

Eine der größten Gefahren sehen wir darin, dass die Personen und Paare, denen es gerade schlecht geht, nicht sichtbar sind. Die aktuell sinnvolle Strategie der (teilweisen) Isolierung steht einer der wichtigsten Strategien in Notsituationen entgegen: Hilfe holen, wenn es uns schlecht geht. Die Isolation fördert Lähmung und Passivität. Sie fördert den emotionalen und sozialen Rückzug. Aus der psychologischen Forschung weiß man: In der Regel holen die Menschen professionelle psychologische Hilfe viel zu spät. Und so liegt die Vermutung nahe, dass in der aktuellen Situation erst recht keine Hilfe gesucht wird, obwohl sie notwendig wäre. Wir befürchten, dass sich das Ausmaß der psychologischen Auswirkungen der Krise jetzt noch gar nicht abschätzen lässt und vermutlich noch viel auf uns alle zukommen wird.

"Es kommt zu mehr Streit"

L.I.S.A.: In einigen Beiträgen wurde über die Zunahme häuslicher Gewalt während des „Lockdowns“ berichtet. Wie erklären Sie dies aus Sicht der Paartherapie?

Prof. Schär: Durch die erhöhte Präsenz aller Familienmitglieder zuhause, durch die zusätzlichen Belastungen z.B. durch gleichzeitiges Homeoffice und Kinderbetreuung und den damit verbundenen Stress ist es offensichtlich, dass Spannungen in Familien und Partnerschaften zunehmen. Insbesondere dann, wenn bereits vorher Spannungen vorhanden waren. Es kommt zu mehr Streit, zu mehr Auseinandersetzungen, zu mehr Verletzungen, sowohl körperlicher als auch psychischer Art. Dies führt zu erhöhter sozialer und emotionaler Distanz zwischen den Familienmitgliedern bei gleichzeitig behördlich verordneter räumlicher Nähe. Die Konsequenz: Ein Teufelskreis von Streit und Distanz.

"Das Wegfallen von Möglichkeiten ist auch eine Chance"

L.I.S.A.: Derzeit haben viele von uns mehr Zeit für die von Ihnen erwähnten „neutralen Momente als Quelle der Ruhe“. Innehalten fällt uns sowohl im Berufs- als auch Privatleben zunehmend schwer; nun sind wir, oder zumindest einige von uns, dazu gezwungen. Kann daraus etwas Positives entstehen?

Dipl.-Psych. Gmelch: Ja, das geschieht auch! Viele Menschen berichten neben den ganzen Schwierigkeiten, die die Krise mit sich bringt, auch von positiven Veränderungen: dass eine wohltuende Verlangsamung eintritt, dass Zeit da ist zum Innehalten, dass das Wegfallen von Möglichkeiten auch eine Chance ist, weil gewisse Konflikte dadurch überflüssig werden, dass die Beziehungen, die man aktuell pflegen darf, intensiver werden. Das geschieht aber in der Regel eher dort, wo schon Ressourcen vorhanden sind: dort wo Beziehungen nicht allzu konflikthaft sind und Menschen bereits gewisse Ideen haben, wie sie innehalten und zur Ruhe kommen können.

Diplom-Psychologin Simone Gmelch und Professor Marcel Schär haben die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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