Registrieren
merken
Georgios Chatzoudis | 12.05.2020 | 857 Aufrufe | Interviews

"Ungleichgewicht der statistischen Repräsentation"

Interview mit Tim Schanetzky über Zahlen und Expertentum in der Coronakrise

Viele Forschungseinrichtungen und wissenschaftliche Institute haben in den vergangenen Wochen Blogs zur Coronakrise aufgesetzt. Darin verfassen und veröffentlichen Angehörige dieser Institutionen ihre Gedanken zur gegenwärtigen Situation aus unterschiedlichen Perspektiven. Zuletzt hatten wir einen interessanten Beitrag des Literaturwissenschaftlers Prof. Dr. Uwe Steiner auf dem Blog der Fernuniversität Hagen gefunden und ihn daraufhin um ein Interview zur sogenannten Seuchenliteratur gebeten. Nun ist uns auf dem Blog des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen (KWI) der Artikel des Historikers PD Dr. Tim Schanetzky von der Universität Jena, derzeit Fellow am KWI, aufgefallen. Darin diskutiert er Zahlen und Expertentum rund um Corona. Wir haben ihm dazu unsere Fragen gestellt.

"In jedem Stadium der Pandemie gibt es besser und schlechter geeignete Indikatoren"

L.I.S.A.: Herr Dr. Schanetzky, Sie leiten das Jenaer Forschungsprojekt „Politische Bildung. Ideen und Praktiken der Demokratisierung nach 1945" und sind zurzeit Fellow am Kulturwissenschaftlichen Institut (KWI) in Essen. Im Blog des KWI haben Sie sich zuletzt zum Umgang mit Zahlen und anderen zentralen Argumentationsfiguren im Zusammenhang mit der Coronakrise geäußert. Fangen wir doch zunächst mit einigen zentralen Begriffen und deren Halbwertszeit an: „flatten the curve“, Verdopplung, Reproduktion. Jeder dieser Begriffe hatte seine Konjunktur, verschwand dann aber irgendwann wieder, um vom nächsten abgelöst zu werden. Haben wir es bei diesen Begriffskonjunkturen mit einer gewissen Willkürlichkeit zu tun oder eher mit einem Fall, bei dem Sprache die verschiedenen Stadien der Seuche bzw. die Wirklichkeit abbildet?

PD Dr. Schanetzky: Nein, willkürlich sind diese Konjunkturen nicht. Die Verdopplungszeit verliert in dem Moment an Aussagekraft, wo die Zunahme der Neuerkrankungen nicht mehr exponentiell verläuft. Heute wissen wir: In jedem Stadium der Pandemie gibt es besser und schlechter geeignete Indikatoren. Nur ist dieses Wissen eben erst das Ergebnis eines Lernprozesses. Man muss sich die Unsicherheit noch einmal in Erinnerung rufen: Anfang März hat die Politik eine Reihe von Entscheidungen getroffen, für die es in der Geschichte der westlichen Industriestaaten kein Beispiel gibt. Anlass dafür war keine akute Krise, sondern es ging um die Bewältigung künftiger und nur von Experten abschätzbarer Risiken. Vergleicht man das mit der Finanzkrise von 2008, gab es auch damals enorme Unsicherheit - aber alle Beteiligten hatten doch Vorstellungen davon, was der typische Verlauf einer Wirtschaftskrise ist, welche Begriffe sie beschreiben und wie man sie misst. Das alles fehlte zu Beginn der Corona-Krise.

"Es gibt ein Ungleichgewicht der statistischen Repräsentation"

L.I.S.A.: Kommen wir zu den Zahlen: Der Mathematiker und Statistiker Prof. Dr. Gerd Bosbach hat mal gesagt: „Politiker benutzen die Statistik wie ein Betrunkener einen Laternenpfahl: nicht, um eine Sache zu beleuchten, sondern um sich daran festzuhalten.“ Das ist in Zeiten von Corona leicht gesagt. Wenn man sich gedanklich in die Rolle eines Politikers bzw. einer Politikerin begibt, an was soll bzw. kann man sich denn sonst halten, wenn nicht an Zahlen und Statistiken über Krankenhauskapazitäten, Infizierte, Erkrankte oder Tote? Was kann denn in dieser Situation sonst die Grundlage politischen Handelns sein?

PD Dr. Schanetzky: Ohne Statistik geht es nicht. Aber es fällt doch auf, wie lange die Krisenkommunikation die epidemiologischen Größen in den Mittelpunkt gestellt hat. Als die Bundesanstalt für Arbeit kürzlich die Zahl der Anträge auf Kurzarbeit mitteilte, war das ein Schock, weil niemand mit knapp elf Millionen Fällen gerechnet hatte. Auch erheben die Ämter keine Daten über die Einsamkeit von Pflegeheimbewohnern oder die Kontaktarmut der Kindergartenkinder, so dass es ein Ungleichgewicht der statistischen Repräsentation gibt. Nun war die Lage so unübersichtlich, dass man von Politikerinnen und Politikern gar keine „richtigen“ Entscheidungen erwarten kann. Was man aber erwarten darf, ist eine öffentliche Reflexion über die Ziele ihrer Entscheidungen. Anfangs ging es darum, die Überlastung der Intensivstationen zu vermeiden. An die Stelle dieses Ziels ist später die Eindämmung getreten; die Neuerkrankungszahlen sollen so niedrig gehalten werden, dass die Gesundheitsämter die Kontakte nachverfolgen können. Eine Debatte über diesen Kurswechsel und seine ethischen und verfassungsrechtlichen Implikationen hat dann erst Wolfgang Schäuble angestoßen – mit gehöriger Verspätung.

"Tenor der Verharmlosung, was zum Verlauf beigetragen haben dürfte"

L.I.S.A.: Sie vermuten in Ihrem Beitrag, dass die Aufrechterhaltung des Alarmzustandes eine gewisse Methode hat. War „flatten the curve“ erfolgreich, kommt die Verdopplungszahl zum Zuge. Hat man diese zeitlich erfolgreich ausgedehnt, kommt der Reproduktionsfaktor ins Spiel usw. Ist die Aufrechterhaltung eines permanenten Ausnahmezustands sinnvoll bei einer anhaltenden Seuche? Sind gute Nachrichten in diesem Fall sogar eher schlechte Nachrichten?

PD Dr. Schanetzky: Die Kanzlerin hat die Dauer der Kontaktsperre mehrfach von der Erreichung bestimmter Werte der Verdopplungszeit abhängig gemacht. Diese waren kurz vor Ostern erreicht, und dann hieß es, die Messziffer sei ungeeignet. Es gab Medien wie den Online-Auftritt der Süddeutschen Zeitung, die das sofort mitgemacht und die Verdopplungszeit gar nicht mehr ausgewiesen haben. Diesen Gleichklang kann man begrüßen und konstatieren, dass die Medien damit einen Anteil an der in Deutschland bisher doch relativ erfolgreichen Eindämmung der Pandemie haben - in Großbritannien oder den USA zielte der Tenor der Krisenkommunikation anfangs ja eher auf Verharmlosung, was zum dortigen Verlauf beigetragen haben dürfte. Aber ich bin ziemlich skeptisch: Es gab schon vor der Krise eine verschwörungstheoretische Fundamentalkritik an den „Systemmedien“, und diese erhält gerade neuen Zulauf. Ein einschlägiger Youtube-Kanal wie „KenFM“ hat seit Anfang März massiv neue Abonnenten gewonnen – deren Zahl liegt inzwischen höher als die im Geiste addierte Stammleserschaft von Frankfurter Allgemeine und Süddeutscher Zeitung.

Grafik von PD Dr. Tim Schanetzky

"Es kann keine automatisch richtige politische Entscheidung geben"

L.I.S.A.: Bei der Aufrechterhaltung des Alarmzustandes spielen, wie Sie in Ihrem Artikel zeigen, nicht nur die Meldungen wissenschaftlicher Institutionen wie des Robert-Koch-Instituts oder der Johns Hopkins Universität eine entscheidende Rolle, sondern auch die der Massenmedien. Wie sieht hier das Zusammenspiel aus Wissenschaft, Medien und Politik aus? Bildet schon die Reihenfolge dieser Aufzählung ein Muster ab, wie im Laufe der Corona-Epidemie agiert wird: Wissenschaft stellt fest, Medien verbreiten, Politik handelt? 

PD Dr. Schanetzky: Die Vorstellung, dass Politik unabhängig und dem gesellschaftlichen Interessen- und Meinungsstreit übergeordnet sein könnte, ist ja eigentlich schon im Laufe der 1970er Jahre aus der Mitte der Gesellschaft verschwunden. So, wie es nicht die eine wissenschaftliche Wahrheit gibt, so kann es eben auch keine sachlich gebotene und damit automatisch richtige politische Entscheidung geben. Es hat ja Gründe, weshalb gerade die AfD in Thüringen eine „Expertenregierung“ ins Spiel brachte. Technokratische Vorstellungen wie diese zielen darauf, Vielstimmigkeit und Kompromisssuche zu delegitimieren - die wichtigsten Ressourcen liberaldemokratischer Gesellschaften.

"Eine wachsende Bereitschaft, den Forschungsstand als Meinungsäußerung zu relativieren"

L.I.S.A.: Sie forschen unter anderem zu Expertenkulturen. Derzeit sind Experten natürlich besonders gefragt. Tonangebend sind nun vor allem Experten aus den empirischen Wissenschaften – Virologen, Mathematiker, Ökonomen, hin- und wieder auch Sozialwissenschaftler. Wissenschaften also, die aus deren Perspektive auf objektiv verfügbares Datenmaterial zurückgreifen. Von Geistes- und Kulturwissenschaften weiß man, dass es dort immer eine Frage der Perspektive ist, welcher Position man eher zugeneigt ist – anything goes. Nun erleben wir aber auch in den Naturwissenschaften, wie perspektivisch Analysen und Modelle beispielsweise von Virologen sein können. In den Medien hat sich in diesem Zusammenhang schon sehr früh eine Sicht der Dinge als die objektive durchgesetzt, andere gelten seither als unsauber arbeitend oder schlicht als unseriös. Ist das für das Expertenwesen ein ganz typischer Befund oder spielt hier eine gesonderte Corona-Variable eine entscheidende Rolle?

PD Dr. Schanetzky: Dem „anything goes“ würde ich nur zustimmen, wenn wir uns darauf verständigen könnten, dass Perspektivität auch in den Geistes- und Kulturwissenschaften immer an Tatsachen gebunden sein muss - ohne Fakten kein Wahrheitsanspruch, und ohne Wahrheitsanspruch keine Wissenschaftlichkeit. Wir sehen das seit geraumer Zeit in Leserdiskussionen oder erleben es auf Veranstaltungen und Podien: Es gibt doch eine wachsende Bereitschaft, den Forschungsstand als Meinungsäußerung zu relativieren. Demgegenüber ist die Objektivität technisch-naturwissenschaftlichen Wissens natürlich ein Mythos, der sich aber auch deshalb so hartnäckig hält, weil er im Kampf um Forschungsmittel systematisch bewirtschaftet wird. Wissenschaftssoziologisch entzaubert wurde er spätestens in den 1980er Jahren, und zwar auch unter dem Eindruck der höchst widersprüchlichen Expertenäußerungen zum Umgang mit der Radioaktivität nach Tschernobyl.

Was wir momentan an politisch-medialem Streit über Expertenwissen beobachten können, ist also weder neu noch ungewöhnlich. Wissenschaftliche Expertise steht in konkreten Anwendungskontexten, in denen sie mit Prozessen der Medialisierung, Ökonomisierung oder Politisierung einhergeht: Ihre Akteure buhlen auch um mediale Aufmerksamkeit, um zusätzliche Forschungsmittel oder um Reputationsgewinne, die aus politischen Beratungserfolgen resultieren können, und das wirkt auch auf die Inhalte der Expertise zurück.

PD Dr. Tim Schanetzky hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar erstellen

ORZFH2