Registrieren
merken
Georgios Chatzoudis | 19.05.2020 | 809 Aufrufe | 1 | Interviews

"Der Denunziant ist eine ganz eigentümliche Figur"

Interview mit Michael Niehaus über den Staat in der Coronakrise

In der Coronakrise ist das Primat des Staates sehr sichtbar. Mit Ver- und Anordnungen, Ge- und Verboten zur Bewältigung der Corona-Epidemie führt er das Zepter fest in seiner Hand. So sehr der Staat aber auch Manager der Krise und Hüter seiner Anweisungen ist, so sehr wird er mit Argusaugen verfolgt und in seinem Tun bewertet. Ist er zu autoritär, verletzt er fundamentale Rechte, sorgt er ausreichend für die Bevölkerung, sind seine Maßnahmen gerechtfertigt, ist sein Agieren transparent genug oder ist er eher undurchsichig und zu unentschlossen in seinem Tun? Wie auch immer - der Staat wird wieder kontrovers diskutiert, sein Verhältnis zu Bürgerinnen und Bürgern ist Dreh- und Angelpunkt vieler gegenwärtiger Debatten: Wie stehen polis und oikos jetzt und in Zukunft zueinander? Der Kulturwissenschaftler Prof. Dr. Michael Niehaus von der Fernuniversität Hagen hat seine Gedanken zum Staat im "Blog: Corona | Krise | Unsicherheit" niedergeschrieben. Wir haben das zum Anlass genommen, ihn um ein Interview zu bitten.

"Zeiten, in denen wir unser Verhältnis zum Staat psychoanalytisch durcharbeiten"

L.I.S.A.: Herr Professor Niehaus, Sie sind Literaturwissenschaftler und Mitglied der Forschungsgruppe "Figurationen von Unsicherheit" an der Fernuniversität Hagen. Die Forschungsgruppe hat einen Blog zur Coronakrise aufgelegt. Sie haben darin zwei Beiträge zur besonderen Rolle des Staates verfasst, man könnte sogar sagen zur Rückkehr und Sichtbarkeit des Staates, den man sich in den vergangenen Jahrzehnten als so unsichtbar und unauffällig wie möglich gewünscht hat. Nun kehrt er in Zeiten von Corona in vollem Ornat zurück: Vorschriften, Verfügungen, Regeln - möglichst ohne lange (parlamentarische) Deliberationen. Feiert der Staat gerade eine Art Wiedergeburt?

Prof. Niehaus: Zunächst einmal: Es ist schon richtig, dass ich Literaturwissenschaftler bin, aber in diesem Fall fühle ich mich eher als Kulturwissenschaftler. Mir geht es also nicht um literarische Texte, die sich mit Seuchen, Pandemien, Krisen usw. beschäftigen. Man ist ja automatisch ein teilnehmender Beobachter dessen, was in dieser Corona-Krise alles so abläuft und unsere Kultur beeinflusst. Ich würde allerdings sagen, dass Literaturwissenschaftler, die eine kulturwissenschaftliche Auffassung ihres Faches haben, hier in besonderer Weise zu interessanten Beobachtungen befähigt sind. Leider spielen sie in den derzeitigen Diskussionen nicht die entsprechende Rolle. Aber nun zu Ihrer Frage. Nein, der Staat feiert nicht eine Art Wiedergeburt – das würde ich nicht sagen. Das hieße ja, dass er tot gewesen wäre. Er war sozusagen immer die Möglichkeit dessen, als was er sich jetzt zeigt. Und wir wünschen uns den Staat doch nur in bestimmten Hinsichten unsichtbar und unauffällig. Immer, wenn es Krisen gibt – und es gibt ja immer Krisen – dann wünschen wir uns den Staat als Krisenmanager; in der Flüchtlingskrise etwa oder in der Finanzkrise haben wir staatliches Handeln ja auch eingefordert. Das Besondere an der Corona-Krise ist doch vielmehr, dass jeder (nicht nur jeder und jede Deutsche, sondern jeder und jede auf ‚deutschem Boden‘) die Wirkungen staatlichen Handelns am eigenen Leib erfährt und reflektiert. Es ist dieser Zugriff, der uns frappiert und mit dem wir uns die ganze Zeit auseinandersetzen. Und wir haben viel Zeit, das zu tun.

Das ist, nebenbei bemerkt, ein ganz wesentlicher Punkt, der oft unterschlagen wird. Es lag von Anfang an nahe, für die gegenwärtige Situation die Kategorie des Ausnahmezustands (mit allen ihren Implikationen) heranzuziehen, und das ist ja auch richtig: Der Staat wird ja gerade sichtbar im Außer-Kraft-Setzen dessen, was er sonst garantiert. Nur wird dieses Außer-Kraft-Setzen für gewöhnlich auch mit so etwa wie Gefahr-im-Verzuge verbunden, also mit einer Forderung zu schnellem Handeln usw. Das stimmt aber nur auf einer Ebene. Natürlich musste der Staat sehr schnell reagieren usw., er hat in Tagen und Wochen Entscheidungen getroffen, für die er sonst Jahre braucht (zum Beispiel, wenn es um den Klimaschutz geht), und in kürzester Zeit war das öffentliche Leben lahmgelegt. Aber das Resultat ist eben nicht zuletzt dieses ‚Lahmlegen‘, eine Streckung der Zeit. Erst muss gewartet werden, ob die Maßnahmen greifen, dann muss gewartet werden, welche Wirkungen die Lockerungen haben usw. Der Feind – nämlich das Virus – lässt sich eben Zeit; es führt keinen Blitzkrieg (wie überhaupt die Metaphorik des Krieges, die verschiedentlich bemüht wurde, hier völlig verfehlt ist). Derweil haben die meisten von uns – freilich nicht alle! – viel Zeit, sich damit auseinanderzusetzen, wie sie zu dieser ganzen Sache stehen, und sich ein Bild davon zu machen, wie die anderen zu dieser ganzen Sache stehen. Und das heißt für mich: Wir haben Zeit, darüber nachzudenken, welches Verhältnis wir zum Staat haben. Insofern ist es für die meisten von uns ein sehr luxuriöser Ausnahmezustand, wo schon das Fehlen von Klopapier Anlass von Diskussionen ist. Mir ist aufgefallen, wie häufig ich ‚in letzter Zeit‘ in Mails die Wendung von den „seltsamen Zeiten“ oder von den „merkwürdigen Zeiten“ gelesen habe, in denen wir derzeit leben. Es liegt auch deshalb nahe solche Wendungen zu gebrauchen, weil wir die Zeit als sehr gedehnt erfahren. Man kann vielleicht einfach sagen, es sind Zeiten, in denen die Erfahrungen, die wir machen und die wir mit uns selbst machen, untrennbar mit dem Staat verknüpft sind – Zeiten, in denen wir unser Verhältnis zum Staat gewissermaßen im psychoanalytischen Sinne durcharbeiten (oder zumindest durcharbeiten können). Das bezieht sich nicht nur darauf, dass wir unablässig darüber diskutieren, ob die getroffenen Maßnahmen angemessen sind, ob sie erfolgreich sein werden, inwiefern sie ungerecht sein müssen, ob sie gelockert werden müssen, ob das ‚schwedische Modell‘ das bessere gewesen wäre usw. Schon in diesen Erörterungen setzen wir uns ja hypothetisch an die Stelle der staatlichen Entscheidungsträger und wägen Werte ab. Aber wir tun noch viel mehr: Wir beobachten auch, was die anderen sagen, wie sie sich zu den getroffenen Maßnahmen verhalten, wie ernst sie es mit der Befolgung der Abstandsregel nehmen, ob sie eher die Risikogruppen oder eher die Wirtschaft im Blick haben usw. Wir sind sozusagen völlig vom Staat durchdrungen und schauen immer auch mit seinen Augen auf die Corona-Welt. Das gilt auch für jene, die – wie etwa Giorgio Agamben – meinen, der Staat verwandle nunmehr den Ausnahmezustand in das normale Regierungsparadigma. Dass man auf der anderen Seite immer wieder von Denunzianten gehört und gelesen hat, die Verstöße gegen die Maßnahmen melden, ist doch nur die Spitze eines Eisbergs. Der Denunziant ist aus dieser Perspektive eine ganz eigentümliche Figur. Er hat ein sehr schlechtes Image, obwohl er doch als verlängerter Arm des Staates agiert (oder wenigstens zu agieren behauptet). Dass das in einem totalitären Staat etwas Schlimmes ist, leuchtet ein, aber wir leben nicht in einem totalitären Staat. Mir kommt es so vor, als zeige sich in unserer Einschätzung des Denunzianten unser eigenes, abgründiges Verhältnis zum Staat, mit dem wir uns weder identifizieren können, von dem wir uns aber auch nicht verlässlich unterscheiden können. Wenn wir sozusagen einen Gegensatz bilden zwischen der zivilen Gemeinschaft auf der einen Seite und dem Staat auf der anderen Seite, dann ist das eben naiv. Man führt ja oft leichthin die aristotelische Bestimmung des Menschen als zoon politikon an. Aber was das eigentlich heißt, ist alles andere als klar (es heißt jedenfalls nicht nur animal sociale). Im Moment können wir viel darüber lernen.

"Der rationale, nicht-ängstliche Umgang mit Unsicherheiten heißt Risikoabschätzung"

L.I.S.A.: Ausgangspunkt Ihrer Überlegungen ist der Zustand von Unsicherheit, also nach Hobbes der unregulierte Naturzustand. In der Coronakrise herrscht sehr viel Unsicherheit, niemand weiß etwas Genaues, die Fakten von gestern sind der Fake von morgen, Angst legitimiert politisches Handeln. Nun erleben wir, dass der Staat auf der einen Seite sich bemüht, Sicherheit zu vermitteln - Beispiel: obligatorisches Maskentragen. Andererseits tut er viel, die Unsicherheit aufrechtzuerhalten - nicht zu früh Entwarnung, wir wissen nicht, was noch kommt, zweite Welle etc. Wie ist das zu verstehen: Dialektisch, paradox oder ironisch?

Prof. Niehaus: Wir haben natürlich in unserer interdisziplinären Forschungsgruppe „Figurationen von Unsicherheit“ an der Fernuniversität in Hagen viel über den Stellenwert der Kategorie der Unsicherheit in der gegenwärtigen Situation diskutiert. Und es drängt sich allerdings die Beobachtung auf, dass es sich um eine Schlüsselkategorie handelt, weil sie auf allen Ebenen eine zentrale Rolle spielt und beständig im Mund geführt wird. Ein interessanter Aspekt dabei ist, dass der Staat, der nicht nur nach Hobbes dazu da ist, für Sicherheit – zumindest für Erwartungssicherheit – zu sorgen, dieses Ziel in der pandemischen Situation nur verfolgen kann, indem er das Gefühl der Unsicherheit verstärkt. Als Ironie würde ich das nicht bezeichnen, als dialektisch auch nicht – dann wohl am ehesten als paradox. Eine Paradoxie müsste sich freilich auflösen lassen. In diesem Fall müsste man den Begriff der Unsicherheit genauer analysieren. Sie sagen, der Staat tue viel dafür, „die Unsicherheit aufrecht zu erhalten“. Dagegen kann man ja einwenden, dass der Staat einfach daran erinnert, dass die Zustände eben so sind, wie sie sind: Wir sollen keine Angst haben, sondern uns nach Maßgabe der Einsicht, dass die Lage eben unsicher ist, vernünftig verhalten. Als vom österreichischen Bundeskanzler Kurz kolportiert wurde, er habe mehr oder weniger gesagt, man müsse den Leuten ordentlich Angst einjagen, gab es einen Aufschrei: Der Staat will uns Angst einjagen? Das geht doch nicht. Das kann er doch nicht wollen! Natürlich will der Staat nicht die Angst, und es wäre ihm lieber, wenn die Leute einfach seine Gebote und Verbote befolgen würden, ohne Angst zu haben, einfach weil sie so vernünftig sind. Aber so sind die Leute eben nicht. Hinzu kommt, dass man die Art der Vernunft, die dem Staat vorschwebt, nicht teilen muss.

Das Gebot, an verschiedenen Stellen einen Mundschutz zu tragen, dient dazu, die Beteiligten von Ansteckung zu schützen und insofern auch zu sichern. Aber trotzdem erinnert uns jeder Mundschutz daran, dass unsere Nächsten außer Haus in der gegenwärtigen Situation einen Unsicherheitsfaktor darstellen. Jeder kann infiziert sein, und deshalb soll ich mich ihm gegenüber so verhalten, als sei ich sicher, dass er tatsächlich infiziert ist, denn nur dann können die anderen sicher sein, dass ich mich nicht ebenfalls infiziere. Schon allein dies bewirkt sozusagen eine latente Neurotisierung. Hinzu kommt aber, dass ich gar nicht sicher weiß, wie ich mich sicher vor einer Infektion schützen kann. Mehr als ein „Dann sind Sie so gut wie sicher“ lässt sich ja den Experten nicht entlocken. Man kann von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern nicht verlangen, dass sie die Hände ins Feuer legen. Daher schwirren virengleich ansteckende Aussagen umher, dass auch der Sicherheitsabstand von anderthalb Metern nicht immer ausreicht, dass die Aerosole möglicherweise soundso lange in der Luft bleiben, dass das Virus soundso viele Tage auf diesen und jenen Oberflächen überleben kann, dass natürlich auch ein Mundschutz keinen zuverlässigen Schutz darstellt usw. Angesichts solcher Unsicherheitsverbreitungen muss man schon eine gute Immunabwehr haben, um keine neurotischen Ängste zu entwickeln.

Der rationale, nicht-ängstliche Umgang mit Unsicherheiten heißt bekanntlich Risikoabschätzung. Aber wie schätzt man ein Risiko ab, wenn man ängstlich ist? Die gegenwärtige pandemische Situation ist ja dadurch gekennzeichnet, dass die Risikoabschätzungen extrem unsicher sind und dass unklar ist, welche Parameter in sie eingehen sollen. Unter den momentanen Bedingungen scheint es eher so zu sein, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ich mich im Supermarkt anstecke, weil mir jemand näher kommt als der Sicherheitsabstand vorsieht, eher in der Größenordnung eines Hauptgewinns im Lotto liegt. Das sogenannte Infektionsgeschehen spielt sich derzeit – abgesehen von Pflegeheimen und im Krankenhaus – hauptsächlich in den Dunkelzonen der Gemeinschaftsunterkünfte, in Flüchtlingsheimen, Gefängnissen usw. ab. Dort, wo der brave Bürger – möglicherweise mit einer guten Portion Angst – auf den richtigen Abstand achtet, ist das Risiko hingegen verschwindend gering. Aber die Unfähigkeit zur Risikoabschätzung ist meiner Meinung nach ein Virus, das die staatlichen Entscheidungsorgane ebenso befällt wie den Einzelnen.

"Der Staat auf der einen Seite und die Hausgemeinschaft auf der anderen Seite"

L.I.S.A.: Sie argumentieren in Ihrem Beitrag, dass der Staat seit Hobbes die Aufgabe hat, seine Untertanen voreinander zu schützen. Wir alle sind füreinander eine Gefahr - die Corona-Epidemie scheint das zu bestätigen wie nichts anderes: Im Alltag geht man auf Abstand zueinander, vermeidet Körperkontakt und fühlt sich am sichersten in den eigenen vier Wänden - Stichwort: social distancing. Wenn man Hobbes Annahme des Naturzustandes folgt - bellum omnia contra omnes -, könnte man jetzt von einem Idealzustand sprechen. Der Staat bestimmt und schützt das öffentliche Leben, das Private aber bleibt privat und schlägt dem Staat die Tür vor der Nase zu: polis und oikos. Was aber wenn Hobbes sich irrte und der Naturzustand eben kein kriegerischer ist? Ist social distancing dann nicht das Ende alles Sozialen und letztlich auch des Politischen?

Prof. Niehaus: Social Distancing ist keineswegs das Ende alles Sozialen! Das Soziale wurde, wenn man so will, doch in den letzten Jahrzehnten ohnehin zu einem nicht geringen Teil in die sogenannten sozialen Netzwerke verlagert. Und auch die politischen Meinungsäußerungen finden doch größtenteils ‚im Netz‘ statt. Eher würde ich sagen, dass man jetzt noch einmal vor Augen geführt bekommt, eine wie große Rolle die körperliche Anwesenheit und die körperliche Nähe für das Soziale spielen. Aber abgesehen davon finde ich die Unterscheidung zwischen polis und oikos sehr wichtig. In der Phase der schärfsten Maßnahmen (in Deutschland im Vergleich zu Spanien oder Italien ja noch in einer vergleichsweise milden Form) kommt das öffentliche Leben weitgehend zum Erliegen. Was aber bleibt, ist der Staat auf der einen Seite und die Hausgemeinschaft auf der anderen Seite. Alle dazwischen liegenden Institutionen hingegen – Schulen, Kirche, Universitäten, Vereinswesen, Kulturveranstaltungen, Fußball-Bundesliga, Festveranstaltungen – sind verschwunden bzw. in eine virtuelle Welt verlagert. Polis und oikos hingegen sind irreduzibel: sie setzen sich gegenseitig voraus. Draußen setzt der Staat das Ansteckungsverbot durch, drinnen darf man sich gegenseitig anstecken. Das wäre sozusagen eine neue staatliche Definition der Hausgemeinschaft: der Raum beliebiger gegenseitiger Infizierbarkeit. Das heißt nun nicht, dass das Private deshalb privat bleibt und dem Staat die Tür vor der Nase zuschlägt. Es ist ja der Staat, der uns auf diese Häuslichkeit verpflichtet und auf ihr aufbaut (wenn er nicht totalitär ist). Und er muss unterstellen, dass jeder von uns einen solchen Raum hat, dass jeder von uns in einem sehr essenziellen Sinne wohnt. Man kann hier auch wieder auf die neueren Erkenntnisse zum Infektionsgeschehen verweisen: Wo es diesen Ort zum Wohnen nicht gibt, da sind die hot spots der Infektion.

"Denken kann natürlich jeder, was er will, aber handeln soll er nicht danach"

L.I.S.A.: Stichwort Ironie: Sie schreiben an einigen Stellen vom Selbstdenken, eigener Mündigkeit und Unbotmäßigkeit. Diese seien nicht auszurotten und stünden dem Interesse des Staates entgegen. Man kann doch nur hoffen, dass Sie das ironisch meinen, oder wie ist das hier zu verstehen? Sind Selbstdenken, mündiges Handeln und manchmal auch unbotmäßiges Verhalten in Zeiten eines wiedererstarkenden Staates nicht Gebote einer Zivilgesellschaft? Oder geht es hier um die Unterordnung von Freiheit im Interesse der Sicherheit aller?

Prof. Niehaus: Ich möchte das eigentlich gerne ganz konkret von der Logik der gegenwärtigen Situation aus denken. Natürlich ist es von essenzieller Bedeutung, dass wir im Allgemeinen und Abstrakten das Selbstdenken pflegen sollen usw. Und das wird ja auch alles reichlich getan und es wird über alle verfügbaren Kanäle alles Mögliche geäußert. Konkret geht es aber im Kern um die fundamentale Frage: Was ist ein Verbot? Plötzlich sind Sachen verboten, die zuvor erlaubt (und selbstverständlich) waren. Wie verhalten wir uns dazu? Ich habe vorhin gesagt, der Staat wolle nicht, dass wir Angst vor einer Infektion haben, sondern dass wir vernünftig genug sind, die Verbote zu befolgen, die er für uns zum Schutz vor einer Infektion erlassen hat. Nun steht es mir in einem Staat wie dem Unsrigen natürlich frei, als selbst denkender Mensch die Verbote zu kritisieren, weil ich sie für unvernünftig halte. Aber das steht auf einem ganz anderen Blatt, als wenn ich die Verbote nicht befolge, weil ich sie nicht für vernünftig halte. Das ist das, was Sie „unbotmäßiges Verhalten“ nennen. Darauf bezieht sich der interessante tautologische Satz: Verbot ist Verbot. Er besagt, dass ich in Sachen Verbot nicht anfangen soll, selbst zu denken (oder, wie es früher hieß, zu ‚vernünfteln‘). Denn das Verbot ist kategorisch. Selbst denken, heißt dann etwa, die spezifischen Umstände ins Feld zu führen, unter denen mir in diesem besonderen Falle die Befolgung eines allgemeinen Verbots auferlegt wird. Ich sage dann etwa: Es mag schon seine Richtigkeit haben, dass wir einander nicht besuchen dürfen, aber wir kennen dieses Ehepaar nun schon soundso lange, das ist sehr gewissenhaft und sicher nicht infiziert, denen können wir vertrauen; und außerdem passen wir gut auf, dass wir uns nicht zu nahe kommen usw. Auf solche Weise stellt man sich natürlich über das Verbot, indem man glaubt, die Sache gut genug einschätzen zu können. Es ist im Grunde eine ähnliche Situation, wie wenn man an eine rote Fußgängerampel kommt und weit und breit kein Auto zu sehen ist. Geht man dann rüber oder nicht? Nur dass die Situation im Infektionsfall einerseits am laufenden Band auftritt und andererseits nicht so leicht einzuschätzen ist. Das Verbot, das ohne Ansehen der Person ergangen ist, traut uns eine vernünftige Risikoabschätzung nicht zu, und in der Tat: Man kann zwar argumentieren, dass man zu einem bestimmten Menschen in engeren Kontakt treten darf, weil man ihm vertrauen kann, und dass die Chance einer Infektion in diesem Fall, sagen wir, eins zu einer Million ist. Aber allein der Umstand, dass diese Person bereit ist, auch mir zu vertrauen, lässt befürchten, dass sie es auch schon in anderen Fällen nicht so genau genommen hat. Hinzu kommt, dass es dem Staat eben um das gesamte Infektionsgeschehen auf seinem Territorium gehen muss, und wenn pro Tag Millionen Mal Risiken von eins zu einer Million eingegangen werden, dann springt am Ende doch eine Reihe von Infektionen dabei heraus. Dagegen kann man wieder einwenden, dass aber andere Situationen, bei denen das Risiko viel höher ist als bei dem, was ich verbotener Weise zu tun beabsichtige, nicht mit einem Verbot belegt sind usw. Da wird die ganze Sache schnell unüberschaubar kompliziert. Deswegen dienen die Verbote nicht nur dem Schutz vor Infektion, sondern vor allem auch der Komplexitätsreduktion. Manche mögen das, das Verbot weckt nicht nur ein Begehren, es zu übertreten, es gibt auch ein Begehren, Verbote auferlegt zu bekommen, von dem man sich nicht vorschnell freisprechen sollte (das gleiche gilt übrigens für das Genießen der Befolgung eines Verbots). Jedenfalls kann dem Staat am Selbstdenken im Sinne einer eigenständigen Einschätzung der Situationen nicht gelegen sein, oder besser: Denken kann natürlich jeder, was er will, aber handeln soll er nicht danach. Weil aber diese Maxime wiederum an der Wirklichkeit des Lebens und seinen Mannigfaltigkeiten vorbei geht, haben wir dauernd Anlass, darüber nachzudenken, wie wir es mit dem Verbot – und das heißt eben wieder: mit dem Staat – halten.

"Die Stimmen in den Massenmedien sind gehalten, verantwortlich zu sprechen"

L.I.S.A.: Eine interessante Metapher in Ihren Beiträgen ist die der Pädagogik bzw. die der Elternschaft des Staates. Da schwingt gleich der Vater Staat mit, der den Kindern bzw. seinen Schutzbefohlenen sagt, wie sie sich zu verhalten haben. Wenn der Vater der Staat ist und wir von Eltern sprechen, könnte man, wenn man das Gedankenspiel weitertreibt, dann sagen, dass die Medien die Mutter sind? Agieren beide - Staat und Medien - in Zeiten von Corona wie ein Elterngespann, das sich in seinen pädagogischen Appellen an die Untertanen - von der Information und Aufklärung bis zu Predigt, Propaganda und Desinformation - insgesamt einig ist und gegenseitig stützt? Was hätte die Dauerhaftigkeit eines solchen Gespanns für Folgen für eine demokratisch verfasste Gesellschaft?

Prof. Niehaus: Ich würde nicht von Elternschaft sprechen, sondern von Elternfunktion. Und der Wendung vom „Vater Staat“ stehe ich sehr reserviert gegenüber. Übrigens ist das im Deutschen eine ideologiebehaftete Wendung des 20. Jahrhunderts. Der „Vater Staat“ ist etwas völlig anderes als das Vaterland, das ‚Land der Väter‘. Und als „Gedankenspiel“ ist es interessant, die Medien – bzw. wohl eher nur die Massenmedien – als „Mutter“ zu bezeichnen, da müsste man schauen, wie weit man kommt, wenn man eine solche Zuordnung vornimmt, aber das ist nicht der Punkt, um den es mir im Moment geht. Ich möchte sozusagen geschlechtsneutral von der Elternfunktion sprechen, im Anschluss an den Psychoanalytiker und Rechtshistoriker Pierre Legendre, der seinem Buch Die Kinder des Textes den Untertitel „Über die Elternfunktion des Staates“ gegeben hat. Man kann es ganz einfach mit Bezug auf die vorherige Frage sagen: Die Eltern und der Staat sind die Instanzen, die Verbote aussprechen können, denen wir uns nicht entziehen können. Ob die Eltern nun Vater und Mutter sind oder etwas anderes, ist zweitrangig. Entscheidend ist allerdings, dass die Eltern Mehr-als-Eins sind. Es geht um den Ort, an dem die Kinder großgezogen werden – insofern sind wir hier wieder beim oikos. Ich denke, dass wir in unserem Nachdenken über den Staat und in unserem Nachdenken über uns selbst in der Corona-Krise nicht sehr weit kommen, wenn wir verdrängen, was die Psychoanalyse uns zu sagen hat. So, wie wir nie aufhören, über unsere Eltern nachzudenken, so können wir auch nie aufhören, darüber nachzudenken, was uns der Staat ist. Ich meine das nicht individualpsychologisch, sondern sozusagen institutionentheoretisch. Die Eltern sind es in unserer Kultur, die uns nolens volens unseren Zugang zur Welt vorstrukturiert haben. Wir können nur wähnen, dass wir uns in unserem Denken außerhalb dieses Kraftfeldes bewegen, ob wir ihnen nun glauben wollen und nicht können oder ihre Verbote anzweifeln und hinterfragen. Und in analoger Weise bewegt sich auch unser bewusstes und unbewusstes Nachdenken über den Staat im Kraftfeld des Staates. Hier wie dort sind die Selbstbilder, welche die Subjekte entwerfen, voller Selbsttäuschungen. Das gilt beispielsweise auch für diejenigen, die sich jetzt auf Plätzen versammeln, um gegen alle Maßnahmen zu demonstrieren. Sie gleichen in gewisser Weise Kindern, die glauben, mit anderen Eltern wäre alles gut. In der Corona-Krise agieren wir unser ambivalentes Verhältnis zum Staat und durchleben dabei, wenn wir es uns eingestehen, ein ‚Wechselbad der Gefühle‘, das wir uns selbst nicht ganz erklären können (wobei es natürlich ein wenig eine petitio principii ist, wenn ich hier einfach immer ‚wir‘ sage).

Und – Sie haben recht – die Massenmedien und den Staat darf man dabei weder getrennt denken noch in Eins setzen. Auch die Eltern sind Mehr-als-Eins. Daher ist es symptomatisch, wenn man besonders zu Beginn der Corona-Krise, beim lock down, das zwiespältige Gefühl hatte, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen gewissermaßen wieder den Platz des Staatsfernsehens eingenommen hatte. Aber auch die Stimmen in anderen Massenmedien sind gehalten, verantwortlich zu sprechen, an das ‚Wohl aller‘ zu denken, die sich auf ‚unserem‘ Territorium befinden. Unter dieser Voraussetzung gibt es dann gleichwohl einen Pluralismus von Stimmen, auch wenn ‚man’ diesen Pluralismus mit Predigt, Propaganda und mit Vorauswahl der Informationen ein wenig einzudämmen versucht. Das Schöne (und Bedenkliche) ist ja, dass Corona alle Aspekte des Lebens erfasst, sodass sich ein schier unendliches Feld an Aspekten eröffnet, die medial vermittelt werden müssen und Gegenstand unserer Diskurse werden können.

Prof. Dr. Michael Niehaus hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar

von Anke Nollmann | 20.05.2020 | 10:35 Uhr
Vielen Dank für dieses exzellente Interview! Sehr interessant, was Herr Niehaus da über unser Verhältnis zum Staat zu sagen hat.

Kommentar erstellen

6IAW4L