Registrieren
merken
Lena Reuter | 05.07.2020 | 306 Aufrufe | Interviews

"Es wird an die Ärmsten nur als Arbeitskräfte gedacht"

Interview mit Gabriela Ardila Biela über die Auswirkungen von Corona in Kolumbien

Corona erreichte Südamerika später als andere Regionen der Welt. Doch das Virus verbreite sich schnell, sodass die Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Mai bereits 87 Prozent aller Fälle weltweit auf dem Kontinent verortete, die meisten davon in Brasilien. In Kolumbien halten sich die Zahlen bislang vergleichsweise in Grenzen, nach Angaben des Instituto Nacional de Salud sind mehr als 100.000 Menschen mit dem Virus infiziert, 3.600 sind an ihm gestorben (Stand 01.07.2020).[1] Die Regierung entschied sich für einen strikten Kurs und beschloss sehr früh Maßnahmen zur Eindämmung der Ausbreitung. Dazu gehörten die Einschränkung der Bewegungsfreiheit und eine generelle Ausgangssperre. In der Hauptstadt Bogotá wurde und wird diese besonders strikt durchgesetzt, die Bevölkerung darf nur einmal in der Woche zum Einkaufen das Haus verlassen, im Supermarkt oder in der Apotheke wird der Ausweis kontrolliert. Insbesondere die vielen Arbeiterinnen und Arbeiter im informellen Sektor bekamen die Auswirkungen direkt zu spüren, ihnen fehlte die Arbeit und damit der Lohn.
Wir sprachen mit Gabriela Ardila Biela, die zu Fußball in Kolumbien am Arbeitsbereich Globalgeschichte an der Universität Hamburg promoviert, über die Situation im Land. 

Krankenhaus im Stadtteil Kennedy in Bogotá

Google Maps

"Kein Schutz für die gefährdetsten Gruppen"

L.I.S.A.: Frau Ardila Biela, die kolumbianische Regierung hat sehr früh reagiert und Maßnahmen zur Eindämmung der Infektionskrankheit beschlossen. Was macht das Virus nun mit Kolumbien: Wie ist die Lage im Land und die Stimmung der Menschen? Was sehen Sie als größte Herausforderung?

Ardila Biela: Die frühen Maßnahmen der Regierung waren repressive Ausgangssperren und Quarantäne, aber leider kein Schutz für die gefährdetsten Gruppen. Am 21. März haben zum Beispiel Gefangene Schutz gefordert, weil die Gefängnisse sehr stark überfüllt sind und deswegen die Hygieneregeln nicht einzuhalten waren. Das endete mit einem Massaker an den Inhaftierten - mit 23 toten Gefangenen und über 80 Verletzten durch Wärter und Polizei. Die Situationen in den Gefängnissen hat sich weiterhin verschlechtert, und durch Verlegungen der Gefangenen konnte sich das Virus in verschiedenen Gefängnisse Kolumbiens ausbreiten.
Der Gesundheitssektor ist schon seit einiger Zeit unterfinanziert und es gibt kein System (auch nicht vor dem Virus), das die Gesundheitsversorgung der Menschen im ganzen Land ermöglichen würde. Aktuell steigt die Zahl der Infizierten weiter an, obwohl die Quarantäne schon mehr als zwei Monate andauert [2]. Die Kurve ist immer noch nicht flacher. Nun wurden Lockerungen eingeführt, die darin bestehen, dass die Ärmsten ohne Rücksicht auf ihre Gesundheit arbeiten gehen sollen, damit die Privatfirmen nicht pleite gehen. In Bogotá wird je nach Lage in den verschiedenen Stadtteilen entschieden. Kennedy zum Beispiel ist vom 1. bis 14. Juni geschlossen, weil dieser Stadtteil in Bogotá die meisten Fälle hat. Aber es ist unklar, wie auf medizinischer Ebene gehandelt wird. Die Regierung investiert hauptsächlich in Militär und Polizei - während der Quarantäne wurden mehr als 9.000 Millionen Pesos (über zwei Millionen Euro) in die "Riot-Polizei"[3]investiert.

Ich glaube, in Kolumbien sind die größten Herausforderungen Armut und Repression. Diese Probleme sind nicht erst durch Corona entstanden, haben sich aber mit der derzeitigen Situation zugespitzt. Gerade hungern viele Menschen und die Regierung nutzt die Notstandssituation, um Gesetze zu erlassen und den Repressionsapparat zu stärken. Indigene, Schwarze und verarmte Menschen sind vom Virus und vom Hunger besonders betroffen, ebenso Frauen, die zusätzlich noch mit patriarchaler Gewalt konfrontiert sind.

"Es kommt immer darauf an, wer die Umfrage macht"

L.I.S.A.: Noch im März fanden Demonstrationen gegen den Präsidenten Iván Duque statt. Die Zustimmungswerte der kolumbianischen Regierung waren auf 29 Prozent gesunken. Wie hat sich dies im Zuge der Corona-Krise entwickelt?

Ardila Biela: Es ist schwierig über Zustimmungswerte zu sprechen, weil es immer darauf ankommt, wer die Umfrage macht. Was ich dazu sagen kann ist, dass in der Zeit der Quarantäne herausgekommen ist, dass die Regierung Ende letzten Jahres 3.350 Millionen Pesos (etwa 900.000 Euro) in eine Imagekampagne investiert hat. Klar gesagt werden muss, dass das Geld zur Finanzierung dieser Kampagne aus den Geldern für die Umsetzung des Friedensabkommens genommen wurde. 

"Alle indigenen Gruppen wurden alleine gelassen"

L.I.S.A.: Sie promovieren derzeit an der Universität Hamburg zu Fußball in Kolumbien, der von Frauen gespielt wird. Schwerpunktmäßig arbeiten Sie zu Themen wie Gender und den Rechten marginalisierter Gruppen. Wie wirkt sich die Corona-Krise diesbezüglich aus?

Ardila Biela: Ganz am Anfang der Krise wurde öffentlich, dass der Club Santa Fé die Verträge der Fußballerinnen beendet hat - nur für das Frauenteam. Dann stellte sich heraus, dass dieses Team noch „am besten“ dastand, da fast alle anderen Frauenteams nicht einmal Verträge hatten. Nur zwei Clubs haben überhaupt offizielle Verträge, wenn sie mit Frauenteams arbeiten. Der Sport Fußball an sich ist gerade in Gefahr, weil nicht gespielt werden darf. Die ersten, die die ökonomischen Folgen zu spüren bekamen, waren aber sehr offensichtlich die Frauenmannschaften. Alle Vereine haben sofort die Frauenteams abgebaut - da es meistens ohnehin keine Verträge gab, ging das einfach und schnell. Von Frauen gespielter Fußball wurde 2017 professionalisiert, diese Frauen sind Profifußballerinnen und leben davon. So blieben sie ohne jegliche ökonomische Sicherheit.

In Bezug auf marginalisierte Gruppen ist die Situation besonders gravierend. Indigene Gruppen im Amazonasgebiet sind sehr stark betroffen, werden aber nicht unterstützt. Indigene Gruppen, die in Bogotá leben, weil sie mit Gewalt aus ihren Gebieten vertrieben wurden, wurden von der Polizei so stark angegriffen, so dass unter anderem eine Frau eine Fehlgeburt erlitten hat. Diese Gruppe hat vorher leerstehende Wohnungen besetzt, weil sie sonst während der Quarantäne auf der Straße hätten bleiben müssen. Alle indigenen Gruppen wurden alleine gelassen. Im Cauca ist der junge Schwarze Mann Anderson Arboleda gestorben, nachdem er von Polizisten verprügelt worden war. Angeblich, weil er die Ausgangssperre nicht respektiert hatte. Die Transfrau Alejandra Monocuco ist am 29. Mai gestorben, nachdem ihr das Recht auf gesundheitliche Versorgung in Bogotá verweigert worden war. Abgesehen davon werden weiterhin politische Aktivist*innen ermordet, sogar zuhause, während sie die Quarantäneregeln einhalten. 

Gewalt gegen Frauen und Kinder ist auch stark angestiegen. Arme Menschen verhungern, und wenn sie auf die Straße gehen, weil es keine andere Möglichkeit gibt, werden sie mit starker Repression konfrontiert. Es gab einen Aufruf, dass Leute, damit sie nicht rausgehen müssen, wenn sie nichts zu essen haben, rote Tücher aus den Fenstern hängen sollen. Selbstorganisierte Gruppen haben darauf dann geantwortet, aber auch sie wurden, wenn sie das Haus verließen, um für diese Menschen Essen zu besorgen, von der Polizei angegriffen.

"Die Ärmsten hungern gerade"

L.I.S.A.: Während Maßnahmen gegen Corona früh durchgesetzt wurden, gab es erst verhältnismäßig spät finanzielle Unterstützung von Seiten des Staates für die 45 Prozent der kolumbianischen Bevölkerung, die im informellen Sektor arbeiten. Würden Sie der Aussage „In Kolumbien hat man an die Ärmsten schlicht nicht gedacht“ zustimmen?

Ardila Biela: Da stimme ich zu. Die Ärmsten hungern gerade und/oder müssen ihr Leben in Gefahr bringen, indem sie arbeiten gehen. Es wird an die Ärmsten nur als Arbeitskräfte gedacht, die ausgebeutet und ausgetauscht werden können, aber nicht als wertvolle Menschen. Wie ich zuvor erläutert habe, ist die Situation für marginalisierte Personen sehr schlecht. 

"Die Regierung investiert dezidiert in Militär und Polizei"

L.I.S.A.: Zwischen der Guerillagruppe Farc[4] und der kolumbianischen Regierung wurde ein Friedensabkommen geschlossen, das nun durch Corona in Vergessenheit zu geraten scheint. Die Guerillabewegung ELN, Ejército de Liberación Nacional, zu deutsch Nationale Befreiungsarmee[5] jedoch kündigte im April wegen Corona eine einmonatige Waffenruhe an. Können Sie die Lage diesbezüglich einschätzen? Ist das Virus eher Fluch oder Segen für die Friedensbemühungen im Land?

Ardila Biela: Das Friedensabkommen ist nicht nur in Vergessenheit geraten, sondern gerade investiert die Regierung dezidiert in Militär und Polizei. FARC-Kämpfer*innen werden gerade massiv ermordet und die Regierung bemüht sich so gut wie gar nicht um die Umsetzung der verhandelten Maßnahmen. Die Waffenruhe der ELN bekam hingegen kaum Aufmerksamkeit. Die jetzige Regierung scheint gegen weitere Friedensverhandlungen zu sein. Mit dem Virus kann sie das Thema einfach ignorieren und das für Maßnahmen aus dem Friedensabkommen veranschlagte Geld ausgeben, wofür sie will. 
Deswegen würde ich sagen, dass das Virus ein Fluch für die Friedensbemühungen ist, weil zum einen in der Öffentlichkeit gar nicht mehr darüber diskutiert wird, und zum anderen die Regierung gerade massiv aufrüstet. Das werte ich nicht als ein Zeichen von Friedenswillen. In der aktuellen Situation kann die Bevölkerung nicht auf die Straße gehen, um zu protestieren und die Einhaltung des Friedensvertrages einzufordern.

"Gerade wird überhaupt nicht über internationale Solidarität geredet"

L.I.S.A.: Möchten Sie noch etwas hinzufügen?

Ardila Biela: Ich finde es sehr erschreckend, dass gerade überhaupt nicht über internationale Solidarität geredet wird. Die Lösungen, um das Virus zu „bekämpfen“, sind stark nationalistisch geprägt - was überhaupt kein Sinn ergibt, da COVID-19 offensichtlich keine Grenzen kennt. So spitzen sich die aus kolonialen und rassistischen Strukturen entstandenen Unterschiede und Ungerechtigkeiten in der Welt zu. Hier in Deutschland gibt es genügend Beatmungsgeräte, ohne dass sie wirklich gebraucht werden, aber in Norditalien starben Menschen, weil diese fehlten - und so wird es auch mit den Menschen in Lateinamerika geschehen. Menschen in Kolumbien wie in anderen Ländern der Welt, vor allem im globalen Süden, geht es nicht nur darum, die Krankheit zu überleben, es geht darum, das System zu überleben. Dies wird durch solidarische Selbstorganisierung gemacht. Meine Hoffnung ist, diese Selbstorganisierung zu stärken, damit auch nach der Pandemie weiter agiert werde kann, um solidarische Veränderungen zu schaffen. 

Gabriela Ardila Biela hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Nachweise

[1] Quelle: https://www.ins.gov.co/Noticias/Paginas/Coronavirus.aspx
[2] Stand 10.06.2020
[3] Diese Polizeieinheit war im Novemer 2019 für den Tode eines 18-jährigen Demonstranten verantwortlich, woraufhin öffentlich ihre Abschaffung diskutiert wurde. Zu Beginn der Corona-Krise wurde sie jedoch aufgestockt, sowohl personell als auch finanziell, und zuletzt in der Amazonas-Region verstärkt eingesetzt. 
[4] Die FARC, eigentlich F.A.R.C.-E.P., Abkürzung für Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia – Ejército del Pueblo ‚Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens – Volksarmee‘, ist eine 1964 gegründete linke bzw. sozialrevolutionäre Guerillabewegung in Kolumbien. Durch einen, inzwischen gebrochenen, Friedensvertrag mit der Regierung wurde aus ihr heraus eine linksgerichtete kolumbianische Partei namens Fuerza Alternativa Revolucionaria del Común gegründet, die sich selbst als marxistisch bezeichnet. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/FARC-EP 
[5] Die ELN ist eine marxistisch orientierte Guerilla-Bewegung in Kolumbien. Sie wurde 1964 gegründet und zählt so zu den ältesten der aktiven Bewegungen. Ihr gehören vermutlich etwa 3000 Kämpferinnen und Kämpfer an. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Ejército_de_Liberación_Nacional_(Kolumbien) 

Kommentar erstellen

KM7LMX