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Georgios Chatzoudis | 28.04.2020 | 765 Aufrufe | Interviews

"Die Corona-Pandemie kann ein Weckruf sein"

Interview mit Gabriele Winker über die wachsende Bedeutung der Care-Ökonomie

Ärzteschaft und Pflegekräfte sind in der Corona-Pandemie die Berufsgruppen, die dem größten gesundheitlichen Risiko ausgesetzt sind. Sie sind tagtäglich mit infizierten Menschen in Kontakt, behandeln und pflegen sie. Dabei arbeiten die sogenannten Care-Beschäftigten unter schwierigen Bedingungen - das Personal ist knapp, viele erforderliche Mittel sind Mangelware. Und das, obwohl es hier um das Elementarste geht, worum Menschen sich zu sorgen haben: um das Leben. Die Sozialwissenschaftlerin Prof. Dr. Gabriele Winker von der Technischen Universität Hamburg meint, dass es dabei allerdings nicht nur einfach um das Leben gehe, sondern vor allem um ein gutes und ein würdevolles Leben. Dafür sind Symbolhandlungen, wie zuletzt ritualisierter Applaus von Balkonen und Terassen für Ärtze und Ärztinnen sowie für Pflegerinnen und Pfleger, nicht ausreichend. Ihr zufolge bedarf es spätestens jetzt einer umfassenden gesellschaftlichen Veränderung, in der die Care-Ökonomie ins Zentrum unserer Wirtschaft gerückt wird. Wie das verstehen ist, dazu haben wir Gabriele Winker unsere Fragen gestellt.

"Jetzt erfahren wir alle, wie abhängig wir von der Arbeit von Care-Beschäftigten sind"

L.I.S.A.: Frau Professor Winker, Sie forschen als Arbeitswissenschaftlerin seit Jahren zur gesellschaftlichen Bedeutung von Arbeit und ihrer Organisation als Reproduktionsressource. Vor einigen Jahren haben Sie ein Buch zu einem Tätigkeitsbereich veröffentlicht, der gegenwärtig angesichts der Corona-Epidemie in vielerlei Hinsicht besondere Beachtung gewinnt: der sogenannte Care-Bereich, zu Deutsch: die Sorgearbeit. Sie haben sich damals - 2015 erschien Ihr Buch „Care Revolution“ - für eine Transformationsstrategie ausgesprochen, die – ich zitiere – „eine Gesellschaft anstrebt, die auf Solidarität und Achtsamkeit beruht und in der alle Menschen sich ihren Bedürfnissen gemäß entwickeln können“. Ist die Zeit nun reif für die Care Revolution?

Prof. Winker: Die Zeit dafür ist schon lange reif. Mit unserem Netzwerk Care Revolution sind wir auch lange vor Corona auf große Resonanz bei vielen Sorgearbeitenden gestoßen. Das hängt damit zusammen, dass die meisten Menschen in ihrem Leben Zeiten kennen, in denen sie sich viel um sich oder um andere kümmern und dabei nicht die notwendige Unterstützung erfahren. Es sind viele Eltern, die im neoliberalen Kapitalismus unabhängig von Geschlecht, Zahl der zu betreuenden Kindern und hilfebedürftigen Erwachsenen aufgefordert sind, ihren Lebensunterhalt möglichst in Vollzeit selbst zu erwirtschaften. Es sind aber auch Pflegekräfte in Krankenhäusern und Seniorenheimen, denen kaum die Zeit für ein Gespräch mit ihren Patient_innen oder Bewohner_innen bleibt, da in den Institutionen der Daseinsfürsorge seit Jahren Personalnot herrscht. Es sind auch körperlich eingeschränkte Menschen, die häufig mehr Zeit für die Selbstsorge und eine individuellere, an ihre Bedürfnisse angepasste Unterstützung von Assistenzkräften benötigen. All diese und noch viel mehr Gruppen von Sorgearbeitenden kommen häufig an die Grenzen ihrer Kräfte.

Aber Sie haben Recht, jetzt in der Corona-Pandemie ist insbesondere der Gesundheitsbereich deutlich mehr im Fokus des öffentlichen Interesses. Jetzt erfahren wir alle, wie abhängig wir von der Arbeit insbesondere von Pflegekräften und Ärzt_innen sind. Heute scheint es mir so, dass die Mehrheit der Bevölkerung sich darin einig ist, dass Gesundheit keine Ware sein soll und Krankenhäuser nicht nach Renditegesichtspunkten geöffnet oder geschlossen werden dürfen. Auch das System der Fallkostenpauschalen, nach denen vor allem technisch aufwändige Operationen Geld einbringen, nicht aber die Pflege, steht jetzt in der Kritik. Die politische Kunst besteht nun darin, uns gegenseitig auch nach Corona und mitten in einer Rezession, in der dann wieder das fehlende Geld zum Hauptargument wird, daran zu erinnern, dass die Arbeitsbedingungen in Gesundheit und Pflege durch mehr Personal deutlich verbessert und die Pflegekräfte auch endlich angemessen entlohnt werden müssen 

Das gilt im Übrigen auch für das gesamte Erziehungs- und Bildungssystem. In Zeiten, in denen Schulen und Kitas größtenteils geschlossen sind, spürt die Gesellschaft, wie wichtig diese Bereiche sind. Inzwischen fällt so langsam auch auf, welche enorme Leistung in dieser Pandemie Eltern leisten, die häufig neben ihrem Home-Office den ganzen Tag über ihre Kinder betreuen und damit das Konzept der Kontaktbeschränkung überhaupt erst ermöglichen. Sie sind für Hausaufgabenbetreuung und Freizeitaktivitäten zuständig, machen Mut und trösten. Sie benötigen aktuell sofort, aber auch für die Zukunft finanzielle und zeitliche Ressourcen, um für ihre Nächsten in dem Maß sorgen zu können, wie sie es für richtig halten. Erforderlich für Kinder, Jugendliche und Eltern ist auch nach Corona, die Zahl der Kinder in den Schulklassen deutlich zu verkleinern und mehr Lehrer_innen einzustellen. Auch die Kitas, die derzeit nur für ein Drittel der Kinder unter 3 Jahren einen Platz vorhalten, gilt es schnell weiter auszubauen, da bereits knapp die Hälfte der Eltern einen Bedarf angemeldet hat. Und auch dort fehlt das ausbildete Personal: Der Personalschlüssel, der nach Aussagen der Bertelsmann Stiftung drei Kinder unter drei Jahren pro Erzieher_in nicht übersteigen dürfte, liegt derzeit im bundesdeutschen Durchschnitt bei durchschnittlich 4,2 Kindern.

"In der öffentlichen Daseinsvorsorge fehlt es fast überall an Personal und Ressourcen"

L.I.S.A.: Sie plädieren in Ihrem Band für ein Leben in Würde, dem Wunsch nach einem guten Leben, für mehr Zeit für die Selbstsorge und für die Sorge anderer, für eine Gesellschaft als praktizierte Solidarität. Diesem Ziel stehe die kapitalistische Verwertungslogik entgegen, noch mehr in der Ära des Neoliberalismus, in der jeder und jede sich selbst am nächsten sein soll und letztlich für Erfolg oder Misserfolg selbst verantwortlich zu sein hat. Könnten Sie den Widerspruch bitte kurz näher erläutern?

Prof. Winker: Der Zweck einer kapitalistischen Ökonomie ist die Verwertung des eingesetzten Kapitals. Dafür muss Arbeitskraft in hinreichender Quantität und Qualität zur Verfügung stehen. Dies wird in einer kapitalistischen Gesellschaft primär unentlohnt durch die Sorgearbeit in Familien gewährleistet. Hier wird die zukünftige Generation der Erwerbstätigen geboren, erzogen und betreut, und hier wird auch die Arbeitskraft der derzeitigen Erwerbstätigen wiederhergestellt. Seit im neoliberalen Kapitalismus alle erwerbsfähigen Personen durch Erwerbsarbeit eigenständig für ihren Lebensunterhalt aufkommen müssen, fehlt jedoch für diese familiäre Sorgearbeit die Zeit. Dieses Problem wird noch verstärkt durch eine staatliche Austeritätspolitik, die an der sozialen Infrastruktur spart, mit der Konsequenz, dass es in der öffentlichen Daseinsvorsorge fast überall an Personal und Ressourcen fehlt. Besonders sichtbar wird dies in Zeiten von Corona in den Krankenhäusern und Pflegeheimen am Mangel an Pflegekräften oder Schutzausrüstung.

Begründet wird diese Austeritätspolitik, die auch eine möglichst niedrige Sozialleistungsquote einschließt, damit, dass die Wettbewerbsfähigkeit des von Deutschland aus operierenden Kapitals aufrechterhalten werden muss. Dieses recht einseitig an kurzfristig erzielbaren Renditen ausgerichtete Handeln hat allerdings inzwischen dazu geführt, dass die Folgen einer umfassenden Kostensenkungspolitik negativ auch auf Unternehmen zurückschlagen. 

So fehlt es an qualifizierten Fachkräften, beispielsweise in (informations-)technischen oder Care-Berufen, da sich insbesondere Frauen der doppelten Anforderung einer möglichst umfassenden Erwerbsarbeit und hohen familiären Sorgeaufgaben durch Teilzeitarbeit entziehen. So steigt das Volumen der Frauenerwerbsarbeit trotz steigender Erwerbsquote nur sehr gering an. Gleichzeitig sind Fachkräfte nicht umfassend qualifiziert, nicht zuletzt auf Grund der Verkürzung der Bildungszeiten, beispielsweise durch G8, die verkürzte Gymnasialzeit bis zum Abitur, und durch ebenfalls verkürzte Studienzeiten mit Bachelor- und Masterabschlüssen. Ferner kommt es zu langen Arbeitsunfähigkeitszeiten aufgrund psychischer Erkrankungen. Hier leiden nicht nur die Erkrankten, sondern diese Beschäftigten fehlen durchschnittlich ca. einen Monat im Beruf. 

Und dennoch halten Politik und Wirtschaft weiter an dem eingeschlagenen Kurs fest. Um Profite zu realisieren, werden Kosten möglichst weitgehend reduziert. Ziel unseres derzeitigen Wirtschaftssystems ist es also nicht, die Würde des Menschen zu respektieren und gutes Leben für tatsächlich alle Menschen zu realisieren. Das ist eine Gesellschaftsanalyse, die zunächst wenig Hoffnung auf Veränderung macht. Es sei denn, und dazu gibt es derzeit die Chance, starke soziale Bewegungen einschließlich der Gewerkschaften vertreten zusammen mit vielen sorgearbeitenden Einzelpersonen auch nach Corona ihre Interessen lautstark. 

"Würden Frauen diese Arbeit einstellen, würde die Gesellschaft schnell zusammenbrechen"

L.I.S.A.: Wie sieht in Zeiten von Corona der Arbeitsalltag von Care-Beschäftigten aus? Wer leistet derzeit die Arbeit in der Bekämpfung der Corona-Epidemie? Und wie hoch ist dabei der Anteil an Frauen, die in Ihrer Studie eine besondere Rolle spielen, da sie es sind, die Sorgearbeit vor allem leisten. Ist deren Arbeit jetzt systemrelevant? Oder war sie es schon immer, aber ohne gesellschaftlich gewürdigt und entsprechend entlohnt zu werden?

Prof. Winker: Schon immer wird der Care-Bereich primär von Frauen ausgeführt. Bei der unentlohnten Sorgearbeit in Familien und im Ehrenamt leisten Frauen über 60% der anfallenden Arbeitsstunden, im beruflichen Bereich von Gesundheit und Pflege, Bildung und Erziehung sowie Haushaltsdienstleistungen sind 80% der Erwerbstätigen Frauen. Von dieser Care-Arbeit hängen wir alle, auch jenseits von Corona, alltäglich ab. Vom Augenblick ihrer Geburt können Menschen ohne die Sorge anderer nicht überleben. Und auch jenseits des Kinder- und Jugendalters und jenseits von Zeiten der Krankheit und Gebrechlichkeit sind Menschen alltäglich auf andere Menschen angewiesen. Würden Frauen diese Arbeit einstellen, würde unsere Gesellschaft in kürzester Zeit zusammenbrechen. Schließlich lässt sich ja auch die Wirtschaft nur mit Beschäftigten aufrechterhalten, die geboren, ernährt, gebildet und umsorgt werden.

Viele dieser Tätigkeiten werden nun in der Corona-Pandemie besonders sichtbar. Aber selbst jetzt werden der Umfang und damit die Bedeutung der Care-Ökonomie nach wie vor unterschätzt. Es entfallen nämlich ca. 56 % aller Arbeitsstunden in der BRD auf die unentlohnte Sorgearbeit und nur ca. 34% auf die gesamte Erwerbsarbeit. Innerhalb der Erwerbsarbeit liegt der Anteil der entlohnten Arbeitsstunden von Care-Beschäftigten bei ca. 8%. So lässt sich zeigen, dass knapp 2/3 aller Arbeitsstunden in der BRD entlohnte und unentlohnte Care-Tätigkeiten sind. Und dieser Prozentsatz wird in Zukunft weiter zunehmen, da es zwar möglich ist, immer schneller Autos zu produzieren, wir aber nicht immer schneller Menschen beraten, heilen oder versorgen können, ohne dass es eben zu großen Qualitätsverlusten kommt. 

Trotzdem wird üblicherweise in Wirtschaft und Politik über das restliche Drittel der Ökonomie gesprochen, beispielsweise über das Verarbeitende Gewerbe mit Schwerpunkt auf Autoindustrie und Maschinenbau. Denn dort werden Profite erwirtschaftet. Jedoch sind die Arbeitskräfte, die hierfür eingesetzt werden, direkt von gelingenden Sorgebeziehungen abhängig. Aber solange nicht von den Beschäftigten oder anderen gesellschaftlichen Gruppen Widerstand organisiert wird, lassen sich in diesem sogenannten Reproduktionsbereich verhältnismäßig einfach die Kosten senken. Was sich derzeit in der Corona-Pandemie geändert hat, ist, dass der größte Bereich der Ökonomie, worunter selbstverständlich auch die unentlohnte, familiär oder ehrenamtliche, Sorgearbeit fällt, endlich ins gesellschaftliche Blickfeld rückt. 

"Da hat die neoliberale Agenda großen gesellschaftlichen Schaden angerichtet"

L.I.S.A.: Sie schreiben, die Tätigen im Care-Bereich seien längst auf den Barrikaden, sie nähmen deutlich wahr, dass das bestehende System ihren Bedürfnissen entgegenstehe. Woraus schließen Sie das? Wo sehen Sie Anzeichen für ein „revolutionäres Bewusstsein“? Ist es nicht vielmehr so, dass es sich eingespielt hat, Menschen mit Symbolhandlungen, wie Applaus von Balkonen und Terrassen, abzufinden? Anders gefragt: Glauben Sie, dass der Care-Bereich und die in der Sorgearbeit Tätigen nach der Coronakrise eine neue Wertschätzung erfahren werden, die jenseits von Applaus und Dankesbekundungen aus Politik und Medien reicht? Wird der Stellenwert eines Arbeitsbereichs, der früher oder später für alle Mitglieder einer Gesellschaft relevant bis existentiell wird, eine emanzipatorische Aufwertung erfahren?

Prof. Winker: Wenn ich irgendwo tatsächlich geschrieben haben sollte, das Sorgearbeitende bereits auf den Barrikaden stehen würden, so äußerte sich darin mein Wunschdenken. Aber ich meine tatsächlich, dass viele Menschen erkennen, dass ihre Bedürfnisse zu kurz kommen. Deswegen rennen meine Mitstreiter_innen und ich auf Vorträgen offene Türen ein. Menschen mit hohen Sorgeaufgaben fühlen sich entlastet, wenn wir die Überforderungen nicht als individuelles, sondern als gesellschaftliches Problem benennen. Doch gleichzeitig fehlt bei Sorgearbeitenden häufig die Zeit, sich auch gesellschaftspolitisch zu engagieren, aber auch die Vorstellung, dass und wie Veränderungen überhaupt durchsetzbar sein könnten. Da hat die neoliberale Agenda, die auf Eigenverantwortung setzt und eine staatliche Austeritätspolitik propagiert, großen gesellschaftlichen Schaden angerichtet. Eine demokratische Mitsprache und Entscheidung aller, beispielsweise über die konkrete Gestaltung einer humanen Gesundheits- und Pflegepolitik oder über sinnvolle Angebote im Bildungs- oder Erziehungsbereich, entzieht sich der Vorstellungskraft vieler Menschen. Das ist ja auch kein Wunder, ist doch die bundesdeutsche parlamentarische Demokratie auf das Kreuz an der Wahlurne beschränkt. Dieses hat dann noch nicht einmal große Auswirkungen, da nicht die Bevölkerung, sondern die Schwarze Null entscheidet. 

"Wir müssen dafür sorgen, dass sich diese Gesellschaft grundlegend verändert"

L.I.S.A.: Kommen wir zum Schluss noch einmal zurück zur Care Revolution, die, wie es Revolutionen wesensimmanent ist, nicht ohne Konflikte verlaufen dürfte. Wenn Sie schreiben, dass ein Übergang vom Kapitalismus zu einer solidarischen Gemeinschaft als konfliktfreier nicht vorstellbar sei, was genau meinen Sie damit: Wie bisher üblich Tarifstreiks mit Trillerpfeifen und Mahnwachen oder ist der Einsatz von weitergehenden Konfliktaustragungspraktiken auch eine denkbare Option?

Prof. Winker: Da sich gesellschaftliche Fehlentwicklungen nicht kurzfristig, sozusagen auf Knopfdruck, verändern lassen, benötigen wir einen langen Atem und sicherlich auch viele verschiedene, erprobte und neue Konfliktaustragungspraktiken. Derzeit diskutieren Care-Aktive in Videokonferenzen, erstellen gemeinsame Aufrufe oder Petitionen. Sobald Corona überwunden ist, würde ich mir einen Care-Aufbruch wünschen. Das beginnt damit, dass Care endlich als selbstverständliches Politikfeld in allen Parteien, Gewerkschaften, Organisationen, Initiativen, Kirchen wahrgenommen wird. Das heißt, wir richten auf allen Ebenen, im Bund, den Ländern und den Kommunen, Care-Räte ein und diskutieren dort, wie wir die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für Sorgearbeit grundlegend verbessern können. Wichtig ist, dass solche demokratischen Strukturen dezentral organisiert werden, da Sorgebeziehungen kleinräumig vor Ort gestaltet werden. Dort können alle Beteiligten zusammenwirken und ihre – sich auch widersprechenden – Wünsche einbringen. In diesem Prozess lässt sich eine Kultur des Zuhörens und der Empathie entwickeln, die solidarisches Verhalten fördern kann. 

Diese Ergebnisse gilt es dann umzusetzen, was sicherlich kein Selbstläufer sein wird, zumal in Zeiten einer Rezession. Deswegen gilt es sichtbaren Druck zu entwickeln. Wichtig sind öffentliche Diskussionen rund um Stände oder Zelte, Demonstrationen bis hin zu Besetzungen öffentlicher Plätze. Gleichzeitig sind wir alle als (potenzielle) Menschen mit hohem Sorgebedarf aufgerufen, die Protest- und Streikaktivitäten der Care-Beschäftigten in Krankenhäusern, in der stationären, ambulanten und häuslichen Altenversorgung oder auch der Erzieher_innen zu unterstützen. Die Zeiten des Klatschens sind dann vorbei, gefragt sind stattdessen solidarische Aktionen vor den jeweiligen Orten, Plakataktionen an jedem Balkon, gemeinsame Demonstrationen und vieles mehr. Auch eine noch engere Zusammenarbeit mit Klima-Aktivist_innen halte ich für wichtig. Ähnlich wie derzeit Politik und Wirtschaft soziale Beziehungen erschweren, werden auch ökologische Systeme zerstört. Ein Ausbau der gesamten Care-Ökonomie ist verbunden mit der Diskussion, inwieweit eine an einem guten Leben für alle Menschen ausgerichtete Politik auf Individualverkehr, Flugreisen, Rüstungsproduktion und das gegenwärtige Ausmaß individueller Konsumgüter verzichten kann. So kann die Betonung der Care-Arbeit auch zur Reduktion von Treibhausgasen beitragen. Entscheidend ist, dass wir auf alle nur mögliche Weise zusammenkommen und dafür sorgen, dass sich diese Gesellschaft grundlegend verändert. Denn ansonsten nehmen wir sehenden Auges die Zerstörung unserer menschlichen Beziehungen und unserer natürlichen Lebensgrundlagen in Kauf. 

Wichtig ist dabei, dass wir auch erste Erfolge in Richtung einer solidarischen und nachhaltigen Gesellschaft erzielen. Das macht Mut und überwindet die resignative Vorstellung, dass diese Gesellschaft nicht veränderungsfähig sei. Am schnellsten ließe sich eventuell das lange schon geforderte Bedingungslose Grundeinkommen einführen, so dass es noch in der Krise Wirkung zeigen würde: Finanzielle Absicherung könnten darüber beispielsweise all die Eltern erhalten, die wegen sehr hohen familiären Sorgeaufgaben gar nicht oder nur begrenzt erwerbstätig sein können. Aber auch für alle Selbständigen, denen über Nacht die Aufträge wegbrechen, wäre das Bedingungslose Grundeinkommen eine große Hilfe. 

Etwas längere Zeit benötigt sicherlich die Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit für alle, zunächst auf maximal 30 Wochenstunden. Diese kurze Vollzeit soll es Beschäftigten ermöglichen, die eigene Existenz und die ihrer Kinder abzusichern und gleichzeitig insbesondere Männern, die heute primär Vollzeit tätig sind, mehr Zeit für Sorgearbeit eröffnen. Auch verringert sich damit das gesamte Volumen der Erwerbsarbeit und die Gesellschaft ist gezwungen, eine Debatte über den Stellenwert einzelner Wirtschaftsbereiche zu führen: Die Produktion welcher Güter soll abgebaut werden und in welchem Umfang sollen gleichzeitig beispielsweise das Gesundheits- und Bildungswesen ausgebaut werden? 

Selbstverständlich sollten wir auch beim Ausbau der sozialen Infrastruktur Schritt für Schritt vorankommen. Ein Problem ist, dass uns dort zudem die Mitbestimmungsrechte fehlen. Denn bisher sind Wohlfahrtsverbände und Privatunternehmen, die Pflegeheime, Krankenhäuser, Schulen oder Kitas betreiben, den Sorgebedürftigen wie auch deren Angehörigen keinerlei Rechenschaft schuldig. Voraussetzung einer Demokratisierung ist es deswegen, den bisher noch vorherrschenden Trend zu Privatisierungen im Care-Bereich zu stoppen und gleichzeitig die Vergesellschaftung all derjenigen Care-Institutionen voranzutreiben, die keine umfassende Mitsprache der Sorgebedürftigen und Beschäftigten erlauben. Diese Institutionen könnten als kommunale Einrichtungen in die Hände der Allgemeinheit zurückgeführt werden in Form von Genossenschaften oder anderen demokratischen Strukturen, die finanziell im Bedarfsfall aus Steuergeldern unterstützt werden und von Räten geführt werden, die allen offen stehen.

Zusammenfassend: Die Corona-Pandemie kann ein Weckruf sein, so dass die Idee, die Care-Ökonomie ins Zentrum unserer Wirtschaft zu stellen, nicht nur auf fruchtbaren Boden fällt, sondern sich dafür auch immer mehr Menschen aktiv und konfliktbereit engagieren. Ein solches Engagement kann dem eigenen Leben viel Sinn geben, wenn wir uns für eine an Sorge und Solidarität orientierte Welt einsetzen und dies mit der Einschränkung des individuellen Konsums und damit einer ökologischen Perspektive verbinden. Care Revolution ist also eine Revolutionierung unserer gesamten Lebensweise.

Prof. Dr. Gabriele Winker hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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