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Georgios Chatzoudis | 03.01.2017 | 614 Aufrufe | Interviews

"Buchdruck und printing natives"

Interview mit Thomas Kaufmann über die Reformation und ihre Verbreitung

500 Jahre Reformation - das gerade erst angebrochene Jahr wird ganz im Zeichen der Veröffentlichung und raschen Verbreitung der 95 Thesen Martin Luthers stehen. Der Kirchenhistoriker Prof. Dr. Thomas Kaufmann von der Universität Göttingen hat sich in seinem aktuellen Buch vor allem der Verbreitung des Lutherischen Lehre nicht nur im deutschsprachigen Raum, sondern in Europa insgesamt gewidmet. Insofern liest sich sein Werk auch wie eine Kommunikationsgeschichte der Frühen Neuzeit, bei der Drucktechnik und Buchdrucker eine zentrale Rolle spielen. Wir haben Thomas Kaufmann unsere Fragen gestellt.

"Reformation konsequent als lateineuropäisches Phänomen interpretiert"

L.I.S.A.: Herr Professor Kaufmann, Sie haben rechtzeitig zum bevorstehenden 500-jährigen Reformationsjubiläum ein Buch über die Geschichte der Reformation vorgelegt. Sie schlagen dabei einen weiten Bogen von der Publikwerdung der Lutherschen Thesen bis zur Gegenwart. Überblicksdarstellungen zur Reformationsgeschichte gibt es zahlreiche – was unterscheidet Ihre von älteren? Welche zentrale Fragestellung hat Sie geleitet?

Prof. Kaufmann: Im Unterschied zu eine Reihe mit bekannter Darstellungen habe ich versucht, die Reformation konsequent als lateineuropäisches Phänomen zu interpretieren. Auch die Einbeziehung der wissenschaftlichen Deutungs- und der erinnerungskulturellen Wirkungsgeschichte von der Frühen Neuzeit bis in die Gegenwart unter Einschluss der globalen Wirkungen des Protestantismus geht über die gängigen Darstellungen hinaus. Ansonsten gibt es übrigens so viele Gesamtdarstellungen der europäischen Reformationsgeschichte gerade nicht - etwa verglichen mit Lutherbiographien, die im Moment wieder den Markt dominieren.

"Ignatius von Loyola ist im Grunde ein Bruder Luthers im Geiste"

L.I.S.A.: Sie haben das Buch „Erlöste und Verdammte“ genannt. Worauf genau zielt der Titel, waren doch Erlösung und Verdammnis keine genuin protestantischen Denkfiguren?

Prof. Kaufmann: Der Titel zielt auf einen dramatischen Verbindlichkeitsgewinn und Ernsthaftigkeisschub in Sachen Religion im Zuge der Reformation ab. Die spätmittelalterliche Frömmigkeit war ja ungleich pluraler und bot sehr unterschiedlichen Frömmigkeitsstilen Raum. Mit entsprechenden Stiftungsaktivitäten konnte man mangelnde Inbrunst und persönliche Entschiedenheit mühelos kompensieren. Durch die Reformation zog eine Ernsthaftigkeit und Entschiedenheit in die Religion ein, die auch den Katholizismus nach und nach veränderte. Eine Gestalt wie Ignatius von Loyola ist im Grunde ein Bruder Luthers im Geiste; beide repräsentieren eine Ernsthaftigkeit, wie sie vor der Reformation insbesondere im monastischen Bereich verbreitet war. 

"Luther lieferte den Druckern, was sie brauchten"

L.I.S.A.: Am Anfang Ihres Buches ist Wittenberg bzw. ist Luther. Wie Sie zeigen, war Wittenberg der Inbegriff für Provinz, gelegen „am Rande der Zivilisation“. Ausgerechnet dort wirkte ein Mönch, Gelehrter und Patron, der die Welt verändern sollte. Wie war es möglich, dass diese Wirkung von dieser kleinen Stadt und diesem Sohn eines Bergbauunternehmers ausgehen konnte? Welche Rolle spielte dabei die Revolutionierung des Kommunikationswesens, liest sich Ihr Buch doch auch wie eine Geschichte der Kommunikation?

Prof. Kaufmann: Die Bedeutung des Buchdrucks für die Reformation war schlechterdings zentral. Luther verstand es - ungeachtet der Provinzialität seines Stand- und Wirkungsortes - auf der Klaviatur der zeitgenössischen Publizistik zu spielen. Er suchte die Nähe zu den Druckern, die bald merkten, dass sie an ihm verdienen konnten. Anfangs war neben der kleinen Wittenberger Druckerei Rhau-Grunenbergs auch die Leipziger Szene wichtig; zügig aber kamen auch internationale Druckmetropolen wie Antwerpen und besonders Basel hinzu. Luther unterhielt in die entsprechende Orte Kontakte und er lieferte den Druckern, was sie brauchten: Relativ knappe, schnell reproduzierbare, attraktive und provozierende Texte, die Leser fanden. Ohne den Buchdruck und die Fähigkeit der Reformatoren, die ich gerne als printing natives bezeichne, diesen für ihre Sache einzusetzen, hätte es kaum funktioniert, die zeitgenössische Kirche grundlegend zu erschüttern.

"Protestantismen divergieren in Abhängigkeit von Inkulturationsbedingungen"

L.I.S.A.: Eine zentrale Auseinandersetzung in Ihrem Buch ist als Folge der großen Reichweite bzw. Verbreitung der Lutherischen Lehre die starke Ausdifferenzierung des protestantischen Glaubens, so, wie sich bis heute vollzogen hat. Liest man Ihr Buch, erscheint einem vor dem geistigen Auge das Bild eines Gemischtwarenladens namens „Reformation“, aus dem sich alle irgendwie bedienen, die es gerade möchten. Was genau macht den Protestantismus so wandel- und formbar? Ist seine Lehre in sich nicht konsistent genug oder war sie bewusst auf Kontingenz angelegt?

Prof. Kaufmann: "Protestantismus" ist ein neuzeitlicher Sammelbegriff für sehr unterschiedliche institutionelle Gestalten des evangelischen Christentums. Der Protestantimus weist eine Bandbreite von mystisch-individualistischen und radikal-sektiererischen Freiwilligkeitsgemeinschaften über geistgetriebene Quäker bis hin zu staatskirchlichen Anstalten in Skandinavien oder Deutschland auf. Die jeweilige Gestalt ist abhängig von den Kontexten und den rechtlichen, politischen und sozialen Bedingungen der jeweiligen Inkulturation. Im Unterschied zur römischen Kirche weist der Protestantismus keine einheitliche Rechtsstruktur auf und besitzt auch kein einzelnes hierarchisches Haupt. Deshalb divergieren die Protestantismen in Abhängigkeit von den Inkulturationsbedingungen, in denen sie Auftreten. Gleichwohl gibt es eine ganze Reihe an Gemeinsamkeiten: Die Reduktion der Sakramente auf Taufe und Abendmahl, die zentrale Bedeutung der Bibel, auch und gerade in der Volkssprache, der Verzicht auf jedes Weihepriestertum, die Egalität der Geschlechter etc. Der Eindruck des 'Gemischtwarenladenmäßigen' ergibt sich natürlich auch daraus, dass die biblischen Traditionsbestände sehr vielfältig sind und unterschiedliche Traditionen und Gruppen unterschiedliche Akzente gesetzt haben.

"Unsere Gesellschaft bedarf einer dialogfähigen Religionskultur"

L.I.S.A.: Am Ende Ihres Buches steht ein Appell - ein Appell an einen erneuerten Protestantismus, der sich zurück an seine Wurzeln orientieren soll. Hätte Luther gegen die heutigen protestantischen Kirchen rebelliert, so wie er es 500 Jahre zuvor gegen die katholische Kirche getan hat?

Prof. Kaufmann: Hypothetisch zu formulieren, was eine historische Person heute täte, erscheint mir problematisch, zumal mir eine normative Überbewertung Luthers fern liegt. Ich denke wir müssen heute ernsthaft darüber nachdenken, warum sich sehr viele Menschen für Religion interessieren, aber gegenüber den Organisationsgestalten der Traditionskirchen in unserem Land uninteressiert sind. Ich denke auch, dass wir über vielfältigere Bindungsformen an diese Institutionen nachdenken müssen. Sodann scheint mir nicht immer klar, wofür diese Institution steht - außer den sicher gut gemeinten und vielfach akzeptierten ethischen Imperativen, die die Kirchen formulieren. Doch im Christentum geht es nicht nur um das richtige Leben - es geht auch um ein getröstetes Sterben, es geht um letzte Sinnfragen, es geht um einen Menschen, der als Sohn Gottes bekannt wird - im Ganzen fremde, gleichwohl höchst spannende, das menschliche Selbstverständnis berührende Themen. Das lateinische Christentum hat seit vielen Jahrhunderten eine intellektuelle Reflexionskultur ausgebildet, die im Gespräch mit den Wissenschaften Themen fundamentalen Charakters erörtern kann. Davon brauchen wir mehr - in der Breite der Gesellschaft und über die christlichen Konfessions- und Religionsgrenzen hinweg. Denn unsere Gesellschaft bedarf einer vernünftigen, dialogfähigen und gemeinwesenkompatiblen Religionskultur.  

Prof. Dr. Thomas Kaufmann hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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