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Georgios Chatzoudis | 03.12.2019 | 542 Aufrufe | Interviews

"Im gelenkten Dialog zur Welt gebracht"

Interview mit Jan Eike Dunkhase über seine Edition des Briefwechsels Koselleck-Schmitt

Zwei gegensätzliche und nicht miteinander vereinbare Intellektuelle der neueren deutschen Geschichte würde man im ersten Moment meinen: auf der einen Seite der Staatsrechtler Carl Schmitt, der mit seinen Schriften zu einem der geistigen Wegbereiter des Nationalsozialismus gezählt wird und nach 1945 aus dem akademischen Leben ausgeschlossen war, und auf der anderen Seite der Historiker Reinhart Koselleck, dessen Karriere erst nach dem Krieg begann und der zu den anerkanntesten Gelehrten der Bundesrepublik aufsteigen sollte. Ausgerechnet zwischen diesen beiden so unterschiedlichen Biographien entspinnt sich ein Austausch, der drei Jahrzehnte währen sollte. Diesen besondere Gelehrtenbriefwechsel hat der Historiker Dr. Jan Eike Dunkhase erforscht und jüngst als Edition publiziert. Wir haben ihm dazu unsere Fragen gestellt.

"Der Leser des Briefwechsels sieht sich vor ein Spannungsfeld gestellt"

L.I.S.A.: Herr Dr. Dunkhase, Sie haben im Rahmen eines Editionsprojekts den Briefwechsel zwischen dem Historiker Reinhart Koselleck und dem Staatsrechtler Carl Schmitt herausgegeben. Bevor wir auf Einzelheiten zu sprechen kommen, was hat Sie zu diesem Projekt geführt? Was interessiert Sie an diesem besonderen Briefwechsel? Was fasziniert Sie möglicherweise an Ihrem Material?

Dr. Dunkhase: Zu dem Editionsprojekt hat mich mein langjähriges Interesse an Reinhart Koselleck geführt. Das geht schon zurück auf mein Studium in Heidelberg und meine Beschäftigung mit Werner Conze, der Kosellecks Habilitationsschrift über Preußen zwischen Reform und Revolution betreut und mit ihm das Lexikon Geschichtliche Grundbegriffe auf den Weg gebracht hat. Im Rahmen meiner Tätigkeit am Deutschen Literaturarchiv Marbach habe ich dann intensiv mit Kosellecks Nachlass gearbeitet, woraus eine Studie zu seiner Position im Historikerstreit und seinem in diesem Zusammenhang entwickelten Konzept der „absurden Geschichte“ entstanden ist. Dabei bin ich auch auf die Briefe von Carl Schmitt gestoßen. Ich fand es bedauerlich, dass die Korrespondenz zwischen zwei so wichtigen Intellektuellen noch nicht veröffentlicht war, obwohl sie zum Teil schon von einigen Kollegen herangezogen wurde.

Auf der einen Seite haben wir mit Carl Schmitt einen antiliberalen Rechtsdenker, der sich durch seine Kollaboration mit dem Nationalsozialismus und seinen Antisemitismus schwer diskreditiert hat und von manchen noch heute als „gefährlich“ empfunden wird, auf der anderen Seite mit Reinhart Koselleck einen politisch unbelasteten fortschrittsskeptischen Geschichtsdenker, der sich weltweit wachsenden Ansehens erfreut und von vielen Historikern als Stichwortgeber bemüht, wenn nicht als Inspirator, ja als Vorbild betrachtet wird. Vor dieses Spannungsfeld sieht sich der Leser des Briefwechsels gestellt. Mich fasziniert, wie ausführlich und offen Koselleck Schmitt aus seinem Leben und vor allem vom Stand seiner geistigen Arbeit berichtet.

"Neben den Briefen und Karten auch sämtliche Widmungen in Büchern und Sonderdrucken"

L.I.S.A.: Auf welches Material und welche Bestände konnten Sie zurückgreifen? Ist der Briefwechsel vollständig oder gehen Sie davon aus, dass noch mehr Quellen vorhanden sind?

Dr. Dunkhase: Die Originale des Briefwechsels – er umfasst knapp 120 Sendungen aus der Zeit von 1953 bis 1983 – sind zum einen Teil in Kosellecks Nachlass im Deutschen Literaturarchiv und zum anderen Teil in Schmitts Nachlass im Landesarchiv Nordrhein-Westfalen in Duisburg verwahrt und werden, soweit überliefert, vollständig wiedergegeben. Einige wenige Lücken in der Korrespondenz sind erkennbar und werden an gegebener Stelle nachgewiesen. Ein Teil der Schreiben von Schmitt ist nur in Form von Kopien überliefert, die Koselleck in zwei Etappen der Sammlung Carl Schmitt im Landesarchiv Nordrhein-Westfalen (ehemals Nordrhein-Westfälisches Hauptstaatsarchiv Düsseldorf) hinzugefügt hat; über den Verbleib der Originale herrscht Ungewissheit. Darüber hinaus sind wohl keine Schreiben mehr vorhanden.

Neben den Briefen und Karten habe ich auch sämtliche Widmungen in Büchern und Sonderdrucken in die Edition aufgenommen. Sie werden als gleichwertige Sendungen behandelt. Zusätzlich habe ich noch einige ausgewählte Nachlassmaterialien beigefügt, die den Briefwechsel inhaltlich ergänzen bzw. für Kosellecks Verhältnis zu Schmitt erhellend sind.

"Das wissenschaftliche Edieren ist eine Philologie für sich"

L.I.S.A.: Was war für Sie die besondere wissenschaftliche bzw. methodische Herausforderung in Ihrem Projekt? Wie ediert man überhaupt Briefe? Was gilt es dabei vor allem zu beachten?

Dr. Dunkhase: Die erste Herausforderung war die Transkription der größerenteils handschriftlich verfassten Briefe. Insbesondere Kosellecks Handschrift ist nicht immer leicht zu entziffern und bedarf der Eingewöhnung. Schmitts Handschrift ist unproblematischer, wird jedoch mit zunehmendem Alter – am Ende der Korrespondenz ist er bereits über 90 – oft fahrig und zittrig. Bis auf weniger als eine Handvoll von Wörtern – bei Koselleck nur ein einziges Kürzel – habe ich am Ende aber alles entziffern können; an vereinzelten Stellen halfen mir Familienangehörige und Vertraute der Korrespondenzpartner.

Das wissenschaftliche Edieren ist eine Philologie für sich, da gibt es die unterschiedlichsten Varianten. Die vorliegende Edition versteht sich als kritische Leseausgabe, d.h. die Texte werden ohne Korrekturen wiedergegeben, allerdings nicht diplomatisch in dem Sinne, dass die Dokumente quasi eins zu eins abgebildet werden, mit jeder durchgestrichenen Stelle u.ä.

Grundsätzlich gilt: Kein Mensch ist verpflichtet, der Nachwelt irgendetwas zu hinterlassen. Es besteht kein öffentlicher Rechtsanspruch auf private Papiere. Wenn solche von den Nachlassverwaltern eines Verstorbenen zur Publikation freigegeben werden, bringt das für den Herausgeber eine Verantwortung mit sich. Sie beinhaltet neben der Verpflichtung zur Genauigkeit der Wiedergabe auch eine Neutralität im Umgang mit dem Wiedergegebenen. Das betrifft vor allem den Stellenkommentar. Interpretationen und Wertungen der in den Briefen vorgetragenen Standpunkte und Diagnosen haben da nichts verloren. Als Herausgeber hat man sich persönlich zurückzunehmen und auf sachliche und – soweit möglich – präzise Informationen zu beschränken, die dem Leser das Verständnis der jeweiligen Stellen erleichtern.

"In den 1950er Jahren lässt sich am ehesten von einem Lehrer-Schüler-Verhältnis sprechen"

L.I.S.A.: Wie würden Sie nach der Analyse des Briefwechsels das Verhältnis zwischen Reinhart Koselleck und Carl Schmitt beschreiben, vor allem angesichts der Tatsache, dass Schmitt gut eine Generation älter als sein Korrespondenzpartner war? Und worüber tauschen sich beide Briefschreiber im Wesentlichen aus?

Dr. Dunkhase: Der Briefwechsel zeichnet sich durch thematische Vielfalt aus. Selbstverständlich geht es um das wissenschaftliche Werk der Korrespondenzpartner, beginnend mit Kosellecks Doktorarbeit und Schmitts Hamlet-Studien, aber eben nicht nur. Es geht auch um die Texte anderer Autoren, um intellektuelle Zeitgenossen wie Blumenberg, Habermas, Heidegger, Ernst Jünger und Jacob Taubes, um spezifische historische Fragen und Begriffe, aktuelle politische Entwicklungen und universitäre Zustände, die jeweilige persönliche Lebenssituation; auf Seiten Kosellecks ist nicht zuletzt der berufliche Werdegang ein konstantes Thema.

Mit dem Altersunterschied, es sind 35 Jahre, sprechen Sie einen zentralen Punkt an. Als die beiden sich kennenlernten, war Koselleck Student und Schmitt über sechzig, ein Zwangsruheständler, der seine akademische Laufbahn bereits hinter sich hatte. Das prägt natürlich auch ihren 1953 begonnenen Briefwechsel. Koselleck arbeitet damals an seiner Dissertation, Kritik und Krise, und sucht Schmitts Rat; Schmitt ist der Ratgeber, der Mentor. In den 1950er Jahren, in denen die Korrespondenz am dichtesten ist, lässt sich am ehesten von einem Lehrer-Schüler-Verhältnis sprechen. Wichtig ist dabei vor allem der mäeutische Part, den Schmitt bei persönlichen Gesprächen eingenommen hat, indem er Gedanken, die in Koselleck gärten, im gelenkten Dialog zur Welt gebracht und zur Schärfung der sich aus ihnen ergebenden Fragen beigetragen hat. Diese sokratische Rolle Schmitts würde ich höher veranschlagen als den inhaltlichen Einfluss durch sein Werk. In den 60er Jahren wird der Kontakt sehr viel loser; als er sich in den 70er Jahren wieder intensiviert, ist es Schmitt, von dem der stärkere Gesprächsbedarf ausgeht. Koselleck hat sich da längst Horizonte erschlossen, an denen Schmitt weder großen Anteil hat noch nimmt. Aber eine gegenseitige Wertschätzung bleibt trotz mancher Distanz immer bestehen.

"Kosellecks Briefe überwiegen nicht nur der Menge, sondern auch der Länge nach"

L.I.S.A.: Wenn man an die Rezeptionsgeschichte, beispielsweise in Form von Biographien, denkt, bietet der Briefwechsel zusätzliche Einblicke in das Leben und Denken beider Protagonisten? Über wen erfahren wir als Leser dabei mehr, wessen Biographie wird weiter vervollständigt?

Dr. Dunkhase: Natürlich bietet der Briefwechsel zusätzliche Einblicke in das Leben und Denken des einen wie des anderen. Allerdings ist die Ausgangslage hier ganz asymmetrisch. Carl Schmitt gehört zu den besterforschten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts, und es liegt auch bereits eine stattliche Reihe von Briefeditionen vor. Zu Koselleck ist demgegenüber noch vergleichsweise wenig erschienen, geschweige denn ein Briefwechsel.

Der vorliegende Briefwechsel steuert dieser Asymmetrie gleichsam mit seiner eigenen Asymmetrie entgegen. Kosellecks Briefe überwiegen nicht nur der Menge, sondern auch der Länge nach. Auf seine ausführlichen und inhaltvollen Schreiben folgen oft nur knappe Repliken. Für den unermüdlichen Briefeschreiber Schmitt war diese Korrespondenz sicher kostbar, aber eine unter vielen. Für Koselleck bildete sie eine Ausnahme. Zumindest ist kein Briefwechsel von ihm überliefert, der auch nur annähernd den Umfang, die Dauer und die Intensität seines Schriftverkehrs mit Schmitt erreicht. Schon insofern stellen Kosellecks Briefe an Schmitt eine einzigartige Quelle für seine intellektuelle Biographie dar. Über ihn erfahren wir mehr, über ihn wollen wir auch mehr erfahren.

Dr. Jan Eike Dunkhase hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beanwortet.

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