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Georgios Chatzoudis | 06.04.2017 | 745 Aufrufe | Interviews

"Breitensport mit Unterhaltungscharakter"

Interview mit Julia Timpe über Betriebssport in der NS-Organisation „Kraft durch Freude“

Die nationalsozialistische Freizeitorganisation "Kraft durch Freude" (KdF) hatte für die NS-Führung eine zentrale Funktion: das Freizeitverhalten der Bevölkerung zu gestalten und darüber das Gefühl einer "Volksgemeinschaft" zu befördern. Der Betriebssport bot dabei einen direkten Zugriff auf die Aktivitäten und Köpfe der Werktätigen nicht nur am Arbeitsplatz, sondern auch am Feierabend. Die Historikern Dr. Julia Timpe von der Jacobs University Bremen hat den Komplex KdF, Betriebssport und Freizeit untersucht und ihre Ergebnisse im Band "Sport und Nationalsozialismus" veröffentlicht. Wir haben ihr dazu unsere Fragen gestellt.

"Angehörige der Arbeiterklasse für das NS-Regime gewinnen"

L.I.S.A.: Frau Dr. Timpe, Sie haben im Band „Sport und Nationalsozialismus“, herausgegeben von Prof. Dr. Frank Becker und Dr. Ralf Schäfer, eine Spezialstudie über den Betriebssport der NS-Freizeitorganisation „Kraft durch Freude“ (KdF) publiziert. Bevor wir zu Einzelheiten kommen, was ist die leitende Fragestellung bzw. die zentrale These Ihrer Studie?
 
Dr. Timpe: In meinem Beitrag untersuche ich die nationalsozialistischen Ziele und Praktiken im Bereich des Betriebssports und betrachte zudem die Alltagserfahrungen von deutschen Arbeiterinnen und Arbeitern mit KdF-Sport. Die Freizeitorganisation „Kraft durch Freude“ hatte ein eigenes Sportamt und führte Sportkurse direkt in Industriebetrieben durch; ab 1936/37 wurden dann die sogenannten KdF-„Betriebssportgemeinschaften“ gegründet. Meine Studie zeigt: KdF-Sport war vor allem Breitensport mit Unterhaltungscharakter. Sportliche Höchstleistungen wurden nicht erwartet oder trainiert, statt dessen ging es darum, möglichst viele Menschen zur Bewegung zu motivieren, und dies vor allem, indem man die fröhliche Atmosphäre der Sportkurse betonte. Im Hintergrund stand auf der einen Seite eine ökonomisch-gesundheitspolitische Motivation, und, damit verbunden, auf der anderen Seite ein ideologisches Ziel, und zwar die Stärkung der NS-imaginierten „Volksgemeinschaft“.

Zudem muss man KdF-(Betriebs-)Sport natürlich als Teil der nationalsozialistischen „Gleichschaltung“ verstehen. Besonders beim Betriebssport ging es darum, Angehörige der Arbeiterklasse für das NS-Regime zu gewinnen oder sie zumindest von offenem Widerstand abzuhalten und das sozialistische Milieu und die ältere linke Arbeitersportbewegung zu schwächen. Meine Studie zeigt aber auch, dass es manchmal, quasi gegenläufig, auch Versuche aus dem sozialistischen oder oppositionellen Milieu gab, die KdF-Angebote zu „unterwandern.“

"Es ging vor allem um die Stärkung des Gemeinschaftsgefühls"

L.I.S.A.: Die NS-Organisation „Kraft durch Freude“ hat einen sprechenden Namen. Können wir ihn an dieser Stelle genauer unter die Lupe nehmen? Wodurch sollte Freude entstehen? Und wofür war die dadurch ausgelöste Kraft gedacht? War KdF ein Unterhaltungsprogramm, um die Arbeitsproduktion zu stärken?

Dr. Timpe: Ja, sicherlich war die Steigerung der Arbeitsproduktion ein wichtiges Ziel – KdF richtet sich ja als Unterorganisation der Deutschen Arbeitsfront vor allem an deutsche Arbeiterinnen und Arbeiter. Aber noch wichtiger war die Stärkung der „Volksgemeinschaft.“  Für KdF war wirkliche Freude nur gemeinschaftlich erlebte Freude, am besten basierend auf einer gemeinschaftlich ausgeführten Aktivität. Sportveranstaltungen, und besonders Gruppenkurse mit Titeln wie „Fröhliche Gymnastik und Spiel“ – den Bildquellen können wir entnehmen, dass es sich hier oft um einfache Ballspiele handelte, oder auch mal um leichte Akrobatikübungen oder gar „Polonäsen“ – waren ein besonders geeignetes Mittel für diese „Produktion von Alltagsfreude.“ Möglichkeiten zur gemeinsam erlebten Entspannung und Unterhaltung versprach KdF daneben auch in den Bereichen Kultur und Urlaub. Und neben der körperlichen und mentalen Stärkung des Einzelnen ging es immer vor allem um die Stärkung des Gemeinschaftsgefühls.

"Betonung von Unterhaltung und Fehlen von direkter politischer Indoktrination"

L.I.S.A.: Wie haben die Teilnehmer und Teilnehmerinnen darauf reagiert? Ging das Konzept der nationalsozialistischen Führung auf, für gute Stimmung zu sorgen und die Produktion anzukurbeln?

Dr. Timpe: Zunächst muss ich hier klarstellen, dass vieles von dem, was ich bisher beschrieben habe, eine Darstellung der Zielvorstellungen der Nationalsozialisten war, wie sie sich durch eine Untersuchung der – sehr zahlreichen – Propagandaquellen der NS-Organisation „Kraft durch Freude“ rekonstruieren lässt. Eine Kernbehauptung der KdF war, dass Freizeitangebote in Deutschland durch das Wirken der Organisation nun für alle erschwinglich und zugänglich seien. Im Sportbereich etwa betonte KdF in diesem Zusammenhang die von ihr angebotenen Segel-, Golf- und Tenniskurse für Arbeiter und Arbeiterinnen. Diese Agenda der KdF entsprach dem „Volksgemeinschaft“-Versprechen, nach dem soziale Unterschiede im „Dritten Reich“ keine Rolle mehr spielten. Dies entsprach natürlich keineswegs der Realität und für KdF-Seereisen etwa gibt es Statistiken, die klar zeigen, dass nur sehr wenige der Teilnehmer an diesen Reisen aus dem Arbeitermilieu stammten. Trotzdem scheint KdF auch in diesem Bereich durch einen bloßen Verheißungscharakter eine bestimmte Wirkmächtigkeit entfaltet haben.

Wenn wir nun die „alltäglicheren“ Sportveranstaltungen oder Kultur- und Unterhaltungsangebote der KdF anschauen, besonders im Bereich der Betriebsveranstaltungen, so scheinen diese durchaus Eindruck auf die Teilnehmer und Teilnehmerinnen gemacht zu haben. Nicht selten betonten diese in ihren Berichten, dass ihnen die Veranstaltungen gefallen haben, auch weil es „dort sehr wenig parteimäßig“ zuging, wie es eine Teilnehmerin an einem KdF-Schwimmkurs in einem Sopade-Bericht aus dem Jahr 1936 formulierte und damit auf die untergeordnete Rolle von expliziter nationalsozialistischer Politik-Propaganda hinwies. Insgesamt würde ich also sagen, ja, „Kraft durch Freude gelang es durchaus „für gute Stimmung zu sorgen“, vermutlich gerade wegen der Betonung von Unterhaltung und dem Fehlen von direkter politischen Indoktrination. Und diese gemeinsam erlebte „gute Stimmung,“ so denke ich, könnte dann zumindest von einigen als Beweis – oder als bereits realisiertes Element – des Volksgemeinschaftsversprechens angesehen werden.

"Diese Aktivitäten verblieben auf der Sportebene und waren nicht systemgefährdend"

L.I.S.A.: Sie zeigen in Ihrer Studie, dass es Unterwanderungsversuche durch andere Arbeitssportler und Arbeitssportlerinnen gab, die dem NS-Regime kritisch gegenüber standen. Wie kann man sich diese Unterwanderungsversuche vorstellen? Und warum ließ das Regime diese zu?

Dr. Timpe: In den Quellen finden sich einige Hinweise auf solche „Unterwanderungen.“ Zum Teil ging es hier darum, weiter Orte und Möglichkeiten zu haben, um gemeinsam Sport zu machen. Nach der Zerschlagung der Arbeitersportbewegung durch die Nationalsozialisten nutzen also einige Arbeitersportler und Arbeitersportlerinnen die neuen KdF-Angebote als Räume für ihr Sporttreiben. Dies wird auch in Umfragen bestätigt, die Hans Joachim Teichler in den 1980er Jahren unter ehemaligen Arbeitersportlern durchgeführt hat.

Daneben gab es auch Versuche von marxistischen Gruppierungen, konspirative Treffen und widerständige Aktivitäten unter dem Deckmantel von KdF-Veranstaltungen durchzuführen. So gab es etwa „kommunistische KdF-Wandergruppen“ oder KdF-Tanzkurse, die von Marxisten geleitet wurden. Die Behörden und auch KdF wussten allerdings oft von diesen Zuständen, und so entspann sich in einigen Fällen ein „Katz und Maus“-Spiel. Selten kam es jedoch zu einem scharfen Durchgreifen der Behörden. Das Regime ließ diese Unterwanderungsversuche wohl auch zu, weil die Aktivitäten auf der reinen Sportebenen verblieben und somit nicht wirklich systemgefährdend waren. Es ist auch vorstellbar, dass das Regime es duldete, weil einige der Ziele, die KdF im Bezug auf Sport verfolgte, letztendlich auch durch solche Aktivitäten erfüllt wurden.

L.I.S.A.: Sie haben mit zahlreichem alltagsgeschichtlichem Material und insbesondere mit der Oral History-Quellen gearbeitet. Dabei haben Sie auch Erinnerungen nach 1945 in den Blick genommen. Wie erinnern sich die früheren Teilnehmer an ihre KdF-Zeit?

Dr. Timpe: Es sind zumeist positive Erinnerungen. Ich zitiere zum Beispiel eine Frau, die bei Thyssen während des Krieges für KdF Sportkurse leitete und die noch vierzig Jahre später über die “schöne Zeit” spricht. Dies passt auch zu einer Allensbach-Umfrage aus dem Jahr 1949. Auf die Frage, ob es etwas gab, das ihnen am Nationalsozialismus besonders gut gefallen hat, lautete die meist wiederholte Antwort der Befragten: “Kraft durch Freude.”

Dr. Julia Timpe hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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