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M.A. Sebastian Hainsch | 01.08.2012 | 2345 Aufrufe | 1 | Artikel

Brasília – (T)Raumschiff auf dem Planalto, oder: Versuch einer touristischen Annäherung

Die Stadt ruft seit Ihrer Gründung in Europa und den USA Faszination hervor. Ihr Sta­tus als Welterbestätte ist außergewöhnlich, da sie erst 1956 erbaut wurde. Das einmalige Bauensemble, zieht viele Touristen in seinen Bann, so wie weltweit die Architektur der Moderne magnetisch auf Reisende wirkt. Auch hier in Deutschland spürt man dieses Interesse am Beispiel des Bauhauses in Dessau.

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Architekturtourismus
Brasília: Parlamentsgebäude mit Abgeordentenhochhaus von Westen /
Dessau: Bauhaus

Brasilien besitzt zahlreiche Welterbestätten, die zumeist auf die Besiedlung durch die Portugiesen zurückgehen und stark vom portugiesischen Barock geprägt sind. Der Bildhauer Antônio Francisco Lisboa, besser bekannt als "o Aleijadinho" war stilprägend für den sogenannten "barroco mineiro", der wiederum auf ganz Brasilien ausstrahlte. Er begründete eine ei­genständige brasilianische Formensprache, die sich bis zum modernen Brasília fortsetzt.

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Kathedrale, Inneres

Die Stadt ist geprägt durch eine Weite; Weite, welche die umgebende Landschaft wi­derspiegelt. Das Planalto ist eine Hochebene mit trockener Luft und kargem Bewuchs – viel Raum und Ruhe. Der auf dem Reißbrett entworfene Grundriss in Form eines Flugzeuges sieht kein archi­tektonisches Gedränge vor. Und auch heute noch, mehr als 50 Jahre nach ihrer Gründung erlauben die Vorschriften keine zuge­baute Hauptstadt – das Erbe des Gründers und ehemaligen Präsidenten Juscelino Kubitschek ver­pflichtet, das Welterbe ohnehin.

Will man sich in Brasília fortbewegen, um die Architektur kennenzulernen, geht man am besten zu Fuß. Das hatten die Stadtplaner nicht vorgesehen, aber es ist die beste Möglichkeit, Eindrücke zu sammeln. Dass es sich um eine Autostadt handelt, merkt man auf Schritt und Tritt. Man fragt sich unwillkürlich, wo denn hier der nächste Zebrastreifen ist. Breite Magistralen, in den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhun­derts großzügig bemessen, heute in der Rushhour, wie überall in Brasilien, hoffnungslos verstopft. Ans Busfahren will man sich als Tourist auch nicht so recht gewöhnen. Zu Fuß ist man frei und kommt sich vor wie in der Steppe. Bis zum nächsten tollen Gebäude ist man eben ein bisschen unterwegs und dazwischen liegt einfach nichts.

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Außenministerium

Als die Hauptstadt im letzten Jahrhundert von Rio de Janeiro nach Brasília verlegt wurde, kam dies zwar nicht überraschend, aber dennoch nicht jedem (Politiker) gelegen. Ein Luxusapartment am Strand von Ipanema, Leblon oder Copacabana gegen eine Neubauwohnung in einer Retortenstadt mitten im Nichts zu tauschen, das erschien den wenigsten attraktiv und dürfte einer der heimlichen Gründe für den Bau des Großflughafens und nationalen Drehkreuzes in Brasília sein. Schließlich wollte man doch außerhalb der Sitzungszeit sein "wunderbares" Rio weiterhin genießen können.

Auch heute noch reisen brasilianische Politiker oft und gern, auch wenn viele inzwischen außerhalb des "Flugzeuges" – von oben sieht die Hauptstadt wie ein Aeroplan aus, die Einheimischen sprechen vom "Plano Piloto" – in einem der Vororte am Rande des großen künstlichen Sees woh­nen. Leider mussten sich aber nicht nur die Parlamentarier, sondern auch die Botschafter und die in­ternationale Politik von Rio de Janeiro verabschieden. Neben all den Unannehmlichkeiten, die dies mit sich brachte, gibt es aber auch Vorteile, denn es dürften in Brasília aus zweierlei Gründen weniger Diplomaten ums Leben kommen. Erstens sind Todesfälle durch Gewalt hier niedriger als in an­deren brasilianischen Großstädten und zweitens halten die Autos am Zebrastreifen an.

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Rampe des Parlamentsgebäudes, Blick nach Westen mit Ministerienblöcken

Ein Blick auf die Landkarte verdeutlicht die Größe Brasiliens. Wer sich Gehör verschaffen will, muss in die Hauptstadt. Aus dem ganzen Land reisen immer wieder Mitglieder gesellschaftlicher Gruppen an, die ihre Rechte stärken wollen und für Ver­besserungen kämpfen: unter ihnen Lehrer, Landlose, Afrobrasilianer und nicht zuletzt Ange­hörige indigener Völker. Wenn nicht gerade irgendwo in Westamazonien eine Gruppe isolierter In­dianer entdeckt oder diese von Farmangestellten getötet werden, dann ist das indigene Brasilien den Nach­richten kaum eine Meldung wert. Abgesehen vom nationalen Tag des Indianers am 19. April. Na­tionale Aufmerksamkeit erlangt man nur in Brasília, nur dort kann man auf partizipatorischer Ebene etwas erreichen. Zudem ist die Hauptstadt der Sitz der Nationalen Indianerstiftung FUNAI und da­her in vielen Belangen eine wichtige Adresse für die Anliegen der indigenen Völker.

Aus wissenschaftlicher Perspektive ist Brasília nicht nur Objekt, sondern auch Subjekt. Viel wird über die Stadt geforscht, aber es findet auch darin reges wissenschaftliches Leben statt. Die Natio­nal-Universität Brasília (UNB) zählt zu den besten des Landes und fördert damit auch einen regelm­äßigen akademischer Transfer von und nach Brasília. Und weil auch vor dem Eintritt in die UNB ein Schulbesuch unverzichtbar ist, sind gut ausgebildete und allseits interessierte Lehrer das ideale Publikum einer gigantischen (zuweilen Freiluft-)Ausstellung. Sie sollten Brasília kennenlernen, weil es ein wichtiger Teil ihrer jüngeren Geschichte ist und weil es viel über das "Land der Zukunft", wie es Stefan Zweig formulierte, aussagt. In der Hauptstadt treffen die verschiedenen Entwürfe und Charakteristika des historisch gewachsenen Brasiliens aufeinander.

Die (Bau-)Denk­male repräsentieren in erster Linie die offizielle Geschichtsschreibung des Landes, dessen Unabhän­gigkeit Teil derselben ist. Eine Unabhängigkeit, die 1822 nicht der Befreiung von der portugiesi­schen Krone dienen, sondern der Herrscherfamilie die Bewahrung der lukrativen Kolonie sichern sollte. In Portugal war zu dieser Zeit der Verlust der Machtstellung des Königs absehbar, somit auch ein Stopp des Einnahmeflusses für die Krone. Der Sohn des Königs wurde Kaiser von Brasilien, und damit das feudale System fortgeschrieben. Dass es auch anders hätte kommen können, zeigt ein 1789 unternommener Versuch, die Unabhängigkeit von Portugal zu erreichen. Die Verschwörung von Minas Gerais, die Inconfidência Mineira, beendete durch den Verrat von außen den Traum einer Unabhängigkeit, die vor allem von Bürgerlichen angeführt wurde und nicht in erster Linie von Adeligen. Das prominente Experiment, die Befreiung vom Mutterland, scheiterte. Es spielt aber im Selbstverständnis des modernen brasilianischen Staates eine wichtige Rolle, weil es auf die inneren Kräfte verweist und damit der Unabhängigkeit von oben einen anderen Entwurf gegenüberstellt. Dem Brasíliabesucher begegnet dieses Ereignis in Form des Tiradentes-Mahnmals, welches an den Platz der drei Gewalten angrenzt. Tiradentes war Fähnrich und einer der Anführer der Unabhängigkeitsbewegung. Er musste dafür am Ende als einziger den Kopf hinhalten. Wer einmal im thüringischen Bad Frankenhausen das Panoramamuseum besuchte und nun vor dem gemalten Mosaik des Tiradentes-Mahnmals steht, der kann sich des Eindrucks von Parallelen nicht erwehren. An beiden Orten wurde wird auf ein Gründungsmythos verwiesen. Ein großformatiges Kunstwerk soll Geschichte erklären und zeigen, dass ein in der Vergangenheit liegendes Ereignis zu einer Grundfeste des eigenen Nationalstaates. Hier der Bauernkrieg, dort der Aufstand.

Im Gegensatz zur inszenierten Geschichte kann anhand der Bauhistorie der neuen Hauptstadt die gesamte Bandbreite gesellschaftlicher Entwicklungen veranschaulicht werden. Um die Kapitale zu errichten, bedurfte es einer Vielzahl von Arbeitskräften, die dafür aus allen Landesteilen, vor allem aber dem armen und von Dürren geplagten Nordos­ten kamen. Es war nicht vorgesehen, dass sie bleiben würden, es gab keinen Platz in den für Parla­mentarier, Beamte und Angestellte errichteten Wohnvier­teln. Dennoch verschwanden nicht alle Ar­beiter, viele wohnten in Hütten, neue Satellitenstädte bil­deten sich schnell. In ihnen waren die sozia­len Probleme Brasiliens sogleich wieder evident. Das Gros der heute in Brasília arbeitenden Bevölkerung wohnt au­ßerhalb des für 600 000 Menschen geplanten "Plano Piloto" in den Trabantenstädten. Brasília ist das Zentrum eines Planetensystems dessen Be­wohner nicht mit Raketen, sondern mit lauten, überfüll­ten, stinkenden und – wie überall in Brasilien – teuren Omnibussen ihr Ziel erreichen. Das Problem der Verkehrsströme zeigt sich hier genauso, wie in allen brasiliani­schen Großstädten.

Wer nach Brasília kommt, um etwas über seine Geschichte und die Historie des Landes zu erfahren, kommt auch am Mausoleum des Gründers der Stadt, des ehemaligen Staatspräsidenten Juscelino Kubitschek, nicht vorbei. Hat man dem Eindruck, dass es sich hier um eine gekappte ägyptische Py­ramide handelt und beim Grab von Kubitschek um das des Pharaos, so liegt man keineswegs falsch. Der Staatschef, dem es vergönnt war, das bis ins 18. Jahrhundert zurückreichende Projekt zu verwirklichen, hielt sich selbst für einen Nachfolger Tutanchamuns.

Ein so wichtiges und zukunftsweisendes Unterfangen konnte nicht an einem beliebigen Ort angesie­delt werden. Tatsächlich hatte schon im vorangegangenen Jahrhundert der italienische katholische Geistliche (und später, 1934 heiliggesprochene) Dom Bosco einen visionären Traum, in welchem er die Koordinaten des Fleckes empfing, auf dem später Brasília entstehen würde. So wundert es auch nicht, dass die Stadt schnell zum Sitz nahezu aller existierenden Konfessionen und Religionen wurde. Und auch der Gründer Brasílias konnte sich schließlich der transzendenten Energie des Ortes nicht entziehen.

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Ökumenischer Tempel des Friedens

Alle Bilder: Autor

Kommentar

von Julia Schönfeld-Rau | 06.08.2012 | 14:46 Uhr
http://www.kunsthalle-kiel.de/ausstellungen/rueckblick/2010-2011.html

ein Verweis auf eine wunderbare Ausstellung zum Thema "ARCHIV UTOPIA.
Das Brasília-Projekt von Lina Kim und Michael Wesely", wo es noch einmal ganz andere Eindrücke, gebannt in 12-Stunden-Langzeitfotografien, zu sehen gab. Deine fotografischen Eindrücke gefallen mir aber auch ausgesprochen gut!

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