Login

Registrieren
merken
Georgios Chatzoudis | 11.08.2014 | 510 Aufrufe | Artikel

Birkholz 11 VIII 14. Dienstag.

Tagebucheintrag Harry Graf Kessler

"Kriegsgottesdienst in der kleinen Birkholzer Dorfkiche, ein ganz bescheidenes helles Gotteshäuschen, in dessen hellgrau gestrichenen Kirchenstühlen sich die grauen Röcke unserer Kanoniere sehr malerisch machten. Aber dies Malerische trat doch ganz zurück hinter der grossen ernsten Stimmung des Augenblicks. Ich hatte es den Leuten freigestellt, ob sie kommen wollten; trotzdem war die kleine Kirche brechend voll, und die Lieder wurden mit einer Kraft und einer Innigkeit gesungen, die ergreifend waren. In einem solchen Augenblick kommt es wenig auf den Inhalt des Glaubens an, sehr viel aber darauf, dass die tiefe Stimmung sich um irgendetwas kristallisiert und Allen gemeinsam bewusst wird. Deshalb konnte ich auch ohne jedes Bedenken mitmachen. Der Posten erzählte mir auf der Heimfahrt, Belfort sei schon genommen; das scheint sich aber nicht zu bestätigen, es wäre auch ein zu erstaunliches Heldenstück. Dagegen haben wir ein französisches Korps bei Lunéville geschlagen und eine Fahne (die erste in diesem Feldzuge), zwei Batterien und 700 Gefangene erbeutet; auch soll ein französischer General gefallen sein. Dies ist nach der Erstürmung von Lüttich, der Schlacht bei Mülhausen, schon der dritte Sieg in diesem Feldzuge, obwohl wir erst den zehnten Mobilisationstag zählen. Abends meine Marschbereitschaft gemeldet."

Karte der Front von Antwerpen bis nach Belfort

Google Maps

Interview mit Dr. Roland S. Kamzelak über das Editionsprojekt "Tagebücher Harry Graf Kessler"

L.I.S.A.: Herr Dr. Kamzelak, Sie haben in einem Projekt die Tagebucheinträge von Harry Graf Kessler digital aufbereitet. Worum ging es in dem Projekt genau?
 
Dr. Kamzelak: 1961 erschienen die ersten Tagebucheinträge Kesslers in einer Auswahlausgabe bei Fischer mit Texten von 1918-1937. Nachdem das Deutsche Literaturarchiv Marbach den Nachlass Kesslers erworben hatte, das war ab 1987, konnte der erste Teil, also 1880-1918, erstmals ediert, aber auch der zweite Teil musste ergänzt werden. Mit der neuen Edition liegt der Text von Harry Graf Kessler nun erstmals vollständig und in wissenschaftlich fundierter Aufbereitung vor.

L.I.S.A.: Was versprechen Sie sich von einem solchen digitalen Editionsprojekt? Was ist der Mehrwert?

Dr. Kamzelak: Die Tagebücher sind in verschiedenen Disziplinen nachgefragt: Zuerst in der Kunstgeschichte, dann aber rasch in der Literatur- und nun verstärkt auch in der Geschichtswissenschaft. Die gedruckten Bände verkaufen sich in hohen Auflagen und werden interdisziplinär benutzt. Nun folgt die elektronische Ausgabe, die moderne Analysemethoden - in den sogenannten Digital Humanities - ermöglichen wird. Die reich hinzugefügten Metadaten in XML/TEI lassen sich wunderbar auswerten und mit anderen Projekten verknüpfen. Und über eine digitale Ausgabe findet der Text vielleicht auch verstärkt ein jüngeres Publikum.

L.I.S.A.: Wieso haben Sie sich die Tagebücher von Harry Graf Kessler vorgenommen? Was hat Sie an der Person bzw. an den Tagebüchern gereizt?

Dr. Kamzelak: Harry Graf Kessler ist eine schillernde Figur, der vor allem in Deutschland, Frankreich und England zu Hause war. Er hatte Zugang zu allen wichtigen Zirkeln in Kunst, Politik und Gesellschaft. Namen zu nennen, würde ein Liste von mehr als zehntausend Einträgen bedeuten. Nur andeutungsweise: Maillol, Rodin, van de Velde, Munch, Denis, Rathenau, Stresemann, Pilsudski, Hauptmann, Becher, Hofmannsthal, Dehmel, Strauss.

Er war nicht nur gebildet, sondern vielseitig interessiert an Kunst, Literatur, Politik und vor allem an Menschen und ganzen Völkern. Seine ausgiebige Reisetätigkeit bot ihm immer wieder Nahrung für Überlegungen und Projekte, die er mit seinem Vermögen auch meist umsetzen konnte. Seine Art, Tagebuch zu führen, also fast täglich und im Stil ausgereift mit vielen fast wörtlichen Gesprächswiedergaben, ist einzigartig.

Einzigartig im Stil, aber auch in der Fülle der Informationen und Eindrücke, die ein unmittelbares Panoptikum der Zeit von 1880 bis 1937 bieten. Das Tagebuch bietet alles von heiteren, vergnüglichen Passagen (z. B. der Besuch bei Verlaine) bis hin zu depressionsartigen Schilderungen, etwa zum Schluss des Ersten Weltkrieges oder aus dem Exil.

Dr. Roland S. Kamzelak hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar erstellen

A7GP9J