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Felix Stadler | 05/25/2017 | 551 Views | Interviews

Bildung als Schlüssel zu einer besseren Welt?

Interview mit Reiner Klingholz und Wolfgang Lutz zur Bedeutung von Bildung für die Zukunft

Klimawandel, Ressourcenknappheit, Radikalisierung: Die meisten hausgemachten Probleme der heutigen Gesellschaft lassen sich auf mangelnde Bildung zurückführen. Die Antwort auf Fragen der Bildung müssen internationale Anstrengungen für die Bildung breiter Bevölkerungsschichten sein, sagen die Demographieforscher Prof. Reiner Klingholz und Prof. Wolfgang Lutz. Denn auch die Folgen mangelnder Bildung seien weltweit zu spüren und machten vor Grenzen nicht Halt. Sie zeigen in ihrem Band "Wer überlebt? Bildung entscheidet über die Zukunft der Menschheit" exemplarisch die Ursachen, Wirkungen und Risiken niedriger Bildung auf und entwickeln mögliche Szenarien, nach denen sich das Bildungsniveau der Weltbevölkerung und mit ihm die Krisen der Moderne entwickeln könnten.

"Bildung wichtig für langfristige Erhöhung menschlicher Lebensqualität"

L.I.S.A.: Prof. Lutz, gemeinsam mit Prof. Dr. Reiner Klingholz haben Sie ein Buch zum Thema Bildung veröffentlicht, das den Titel trägt: „Wer überlebt? Bildung entscheidet über die Zukunft der Menschheit“. Darin diskutieren Sie die Folgen von Bildung und auch gerade von Nichtbildung für Staaten, deren Gesellschaft und Wirtschaft in einem globalen Rahmen. So weisen Sie unter anderem vermehrt auf die Probleme von Umweltschutz, Überpopulation und Migration hin, die eben nicht an Grenzen Halt machen. Was hat Sie dazu motiviert, das Thema gerade in diesem Rahmen zu diskutieren? Spielte auch die aktuelle Flüchtlingsdebatte eine Rolle bei Ihren Überlegungen?

Prof. Wolfgang Lutz: Die Flüchtlingsdebatte in Europa seit 2015 hat keinen direkten Bezug zu diesem Buch, das wir schon zuvor konzipiert haben. Der Grund für dieses Thema liegt in den Ergebnissen meiner langjährigen Forschung, die auf globaler Ebene zu verstehen versuchte, welche Faktoren für langfristige und nachhaltige Erhöhung menschlicher Lebensqualität am wichtigsten sind. Und da sticht die Bildung, nicht von Eliten sondern der ganzen Bevölkerung, klar hervor. Es zeigt sich aber jetzt, dass viele der Probleme, über die wir heute diskutieren - wachsende Konflikte, Terror, Flucht und Vertreibung - sehr viel mit unserem Thema zu tun haben. Denn betroffen sind davon vor allem Länder, in denen Bildung lange vernachlässigt wurde, in denen deshalb die Bevölkerung stark wächst, wo die Menschen wenige Chancen haben, wo es an wettbewerbsfähigen Unternehmen und Arbeitsplätzen fehlt und wo fast zwangsläufig soziale und politische Probleme hochkochen. Bildung, beziehungsweise Bildungsmangel haben also sehr wohl mit der Flüchtlingskrise zu tun.

"Bildung bedeutet Mitsprache, letztliche Demokratisierung"

L.I.S.A.: In Ihrer Bildungsagenda für das 21. Jahrhundert fordern Sie viele Dinge, die zunächst selbsterklärend und logisch erscheinen. Dennoch verweigern viele Länder ihrer Bevölkerung Zugang zu Bildung systematisch oder vernachlässigen das Bildungssystem stark. Welche Gründe hat das? Und worauf begründet sich Ihre Hoffnung, dass sich dennoch – gerade im problematischen Afrika- etwas zum Positiven hin ändern könnte?

Prof. Reiner Klingholz: Dass Bildung für alle bei uns selbstverständlich ist, ist ein recht neues Phänomen. Vor hundert Jahren war das auch in Deutschland ganz anders. Damals konnten zwar langsam alle schon lesen und schreiben, was vor 150 Jahren noch nicht der Fall war, aber selbst nach dem 2. Weltkrieg hatten gerade mal ein bis zwei Prozent der deutschen Bevölkerung Abitur. In Hinblick auf die Bildung, wie auch auf den Stand des demografischen Übergangs von hohen zu niedrigen Geburtenraten stehen die Länder Afrikas heute ungefähr dort, wo Europa vor 100 Jahren stand. Afrika hängt also in seiner gesamten Entwicklung hinterher. Das hat zum einen historische Gründe, denn zu Kolonialzeiten hatten die europäischen Mächte wenig Interesse daran, breiten Bevölkerungskreisen eine Bildung zu ermöglichen, denn Bildung bedeutet auch Mitsprache, letztlich Demokratisierung. Als die Staaten dann unabhängig wurden, haben einzelne, wie Tansania oder Zimbabwe, anfangs versucht, ihre junge Bevölkerung in Schulen zu qualifizieren. Das hat eine Weile funktioniert, aber weil die Potentaten zu lange an der Macht festhielten, weil Korruption und Vetternwirtschaft um sich griffen, waren die frühen Erfolge bald verpufft. Andere Präsidenten haben sich um die Bildung ihrer Bevölkerung so wenig gekümmert wie die Kolonialherren. Deshalb konnten die wenigsten Länder bisher von den Vorteilen einer Breitenbildung profitieren.

Prof. Wolfgang Lutz: Wir haben in dem Buch nicht nur gefragt, warum in Afrika oder Afghanistan die Bildung einen so geringen Stellenwert hat – was eben der historische Normalzustand war – sondern welche Faktoren dazu geführt haben, dass sie sich in manchen Teilen der Welt im letzten Jahrhundert so stark verbessert hat. Eine besondere Rolle dabei hat die Reformation gespielt, die erstmals Bildung für alle Mädchen und Jungen aus allen Gesellschaftsschichten gefordert hat. Martin Luther wollte, dass ein jeder sich seinen persönlichen Zugang zum Heil sucht und das ging nur über die persönliche Lektüre der Heiligen Schrift. Voraussetzung dafür war eine Alphabetisierung. Allerdings haben die Umsetzung dieses Ziels und die Übernahme durch andere Kulturen – etwa in Ostasien – auch seine Zeit gedauert, genau gesagt ein paar Jahrhunderte. Wenn die Bildungsexpansion sich in Afrika so weiterentwickelt, wie sie in den letzten 20 Jahren begonnen hat, dann gibt es Grund zur Annahme, dass Afrika langfristig Europa und Asien auf diesem Weg der Entwicklung folgen wird. Dazwischen liegen aber schwierige und gefährliche Zeiten, bedingt durch das rasche Bevölkerungswachstum und die hohe Arbeitslosigkeit in den betroffenen Ländern.

"Humankapital steht im Zentrum gesellschaftlichen Lebens"

L.I.S.A.: Prof. Klingholz, Sie verwenden in Ihrem Buch eine ökonomische Sichtweise, erklären zum Beispiel eine gebildete Bevölkerung zum „Humankapital“ des Staates. Verliert man dabei nicht eventuell andere Faktoren wie Eigenheiten in Kultur, Religion oder institutionelle Besonderheiten des Staates aus den Augen?

Prof. Reiner Klingholz: Der Begriff „Humankapital“ wird in Deutschland oft verengt ökonomisch gesehen. Auf lateinisch heißt caput einfach Kopf, es geht also um die intellektuellen Fähigkeiten eines Menschen, die sich nun einmal in seinem Kopf konzentrieren. Zum Humankapital gehört auch die Gesundheit, denn sie entscheidet ebenfalls über die Leistungsfähigkeit eines Menschen. Das Humankapital ist das wichtigste persönliche Eigentum, welches ein Individuum besitzt, erst in zweiter Linie kann davon auch die Gesellschaft profitieren. Erst die Summe allen individuellen Humankapitals ist das Humankapital eines Staates. Das Humankapital steht also im Zentrum allen gesellschaftlichen Lebens, der Kultur, der Religion, der Ökonomie und so weiter. Ohne Humankapital ist alles nichts.

"Der Politik zeigen, welche Handlungsmöglichkeiten sie hat"

L.I.S.A.: Prof. Lutz, Sozialwissenschaften sind gegenüber Zukunftsprognosen stets zurückhaltend, schon mancher Autor –man denke an das „End of History“-Postulat von Fukuyama oder den „Limits to Growth“-Report des Club of Rome 1972- hat sich bezüglich seiner Prognosen deutlich geirrt. Sie selbst arbeiten in Ihrem Prognose-Kapitel mit unterschiedlichen Case-Szenarien. Was ist der Vorteil dieses Ansatzes? Kann er Prognosen verlässlicher machen?

Prof. Wolfgang Lutz: Wenn man die Zukunft voraussagen will und man hat nur eine einzige präzise Prognose, so ist diese mit fast 100-prozentiger Wahrscheinlichkeit falsch. Szenarien sind demgegenüber Wenn-Dann-Annahmen, sie geben also verschiedene Entwicklungsmöglichkeiten vor, je nachdem, welche Einflussfaktoren sich wie auswirken oder welche Rahmenbedingungen die Politik schafft. Damit zeigen sie der Politik, welche Handlungsmöglichkeiten sie hat, eine Prognose kann das ja gar nicht. Szenarien versuchen, das volle Spektrum möglicher und plausibler zukünftiger Entwicklungen abzudecken. Dabei ist zu erwarten, dass die zukünftige Entwicklung mit hoher Wahrscheinlichkeit innerhalb dieses Spektrums zu liegen kommt, außer man hat wirklich wichtige Faktoren ganz vergessen.

"Ohne Investitionen in Bildung hängen Länder meist in der Armut fest"

L.I.S.A.: Prof. Klingholz, Sie drücken Ihre Sorge um die Lage der Bildung in Afrika aus, es werde zu wenig Entwicklungshilfe in die Basisbildung investiert. Allgemein herrscht in der Gesellschaft die Ansicht vor, dass Bildung zu Wohlstand führt, auch Sie vertreten in Ihrem Buch diese Auffassung. Inwiefern lässt sich diese Annahme belegen?

Prof. Reiner Klingholz: Das ganze Buch ist voll mit historischen Beispielen, wie Investitionen in die Bildung der breiten Bevölkerung zu wirtschaftlicher Entwicklung und Wohlstand geführt haben. Wo dies nicht geschehen ist, hängen die Länder meist bis heute in der Armut fest. Nur Länder, die über viele Rohstoffe, etwa Öl und Erdgas, verfügen, können ohne wesentliche Bildung reich werden. Aber dort landet der Wohlstand meist in den Taschen weniger und irgendwann sind die Rohstoffe erschöpft oder sie verlieren an ökonomischem Wert. Venezuela, das Land mit den größten Ölvorräten weltweit, ist pleite und die Bevölkerung ist schlecht gebildet, die Rohstoffe waren ein Fluch. Neben diesen vielen Beispielen führen wir auch ökonometrische Studien an, die die zentrale Rolle von Bildung für Wirtschaftswachstum klar belegen.

"Augen für wissenschaftlich fundierte Zusammenhänge öffnen"

L.I.S.A.: Prof. Lutz,warum lassen sich offensichtliche Erfolgsgeschichten wie das noch vor einigen Jahrzehnten bitterarme und nun im steilen Aufschwung befindliche China nicht einfach auf andere Länder übertragen? Welche Hürden stehen anderen Staaten im Weg, für die China die richtigen Instrumente hatte oder die China eventuell überhaupt nicht meistern musste?

Prof. Wolfgang Lutz: Die Chinesen – so wie vor ihnen die Japaner, Südkoreaner oder Singapurianer – hatten die rasche Expansion der Bildung für breite Bevölkerungskreise zur politischen Priorität gemacht. Sie hatten dazu praktisch keine ausländische Hilfe erhalten. In diesen Ländern kamen konfuzianische Organisation und die Erkenntnis zusammen, dass Bildung die Grundlage für wirtschaftlichen Erfolg ist. Diese Länder haben im Grunde nur das europäisch-amerikanische Bildungsmodell kopiert. Japan hat damals einfach Schulbücher und Lehrer aus Europa ins Land geholt. Aber wenn dieser politische Wille zur Bildung als Priorität fehlt, dann ist ausländische Hilfe notwendig. Das Problem ist nur, dass auch viele Entwicklungsorganisationen die Bedeutung von Bildung nicht ausreichend erkannt haben. Hier will unser Buch dazu beitragen, die Augen für diese wissenschaftlich fundierten Zusammenhänge zu öffnen.

Prof. Klingholz und Prof. Lutz haben die Fragen schriftlich beantwortet.

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