Registrieren
merken
Georgios Chatzoudis | 19.03.2019 | 644 Aufrufe | Interviews

"Bewusstes Wählen und Auswählen im Überfluss"

Interview mit Norman Aselmeyer und Veronika Settele über die Geschichte des Nicht-Essens

Es ist Fastenzeit und da geht es auch ums Nicht-Essen. Doch der Fokus des vorliegenden Sammelbandes der Herausgeber Norman Aselmeyer und Veronika Settele ist ein anderer. Er dreht sich nicht um ein wiederkehrendes Ritual, das dazu aufruft, sich für einen bestimmten Zeitraum mit dem Essen zurückzuhalten, sondern um eine breite Analyse der Geschichte des Nicht-Essens seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. Insgesamt elf Autorinnen und Autoren diskutieren, wie sich Gesellschaften und Kulturen der Moderne entlang des Verzichts, der Vermeidung und der Verweigerung von Essen erforschen lassen. Wir haben den beiden Herausgebern des HZ-Beiheftes dazu unsere Fragen gestellt.

Der Band zur Geschichte des Nicht-Essens geht auf eine Konferenz zurück, die am 27.02.2016 in Berlin stattfand.

"Ausschließlich negative Codewörter: Low carb, no sugar, slow food"

L.I.S.A.: Herr Aselmeyer, Frau Settele, gemeinsam haben Sie einen Band zur Geschichte des Nicht-Essens herausgegeben. Bevor wir zu einigen Einzelheiten kommen, wie sind Sie auf das Thema gestoßen? Welche Überlegungen gingen dem voraus?

Aselmeyer/Settele: Im Grunde begann unser Interesse gegenwartsdiagnostisch. Wir haben uns gefragt, wann es wohl anfing, dass in unserer Gesellschaft nicht mehr Mangel und Hunger als größte Gesundheitsgefahr wahrgenommen wurden, sondern der Mensch selbst zu seiner eigenen Gesundheitsbedrohung wurde, indem er „falsch“ aß. So ließ sich dann für uns auch die Allgegenwart von Ernährungstrends erklären, die den Verzicht oder die Vermeidung von bestimmten Lebensmitteln oder Inhaltsstoffen zum Kern haben. Die heutigen Ernährungsratschläge funktionieren nach bestimmten, ausschließlich negativen, Codewörtern: Low carb, no sugar, slow food sind die momentan wohl bekanntesten Bewegungen, die allesamt die Gesundheitsgefahren des Essens einhegen sollen. Schnell fiel uns aber auf, dass hinter diesen Trends etwas Größeres steht: nämlich Ausdrucksmechanismen der Moderne und längerfristige soziale Wandlungen.

"Essensbilder in den sozialen Medien als effektives Mittel der Selbstdarstellung"

L.I.S.A.: Sie gehen in Ihrem Band davon aus, dass Essen heute vor allem negativ konnotiert sei. Das überrascht auf den ersten Blick angesichts der Beliebtheit und Allgegenwärtigkeit beispielsweise von Kochshows, das Posten von Essen in Sozialen Medien (Stichwort: foodporn) oder den Stellenwert des Essens im Rahmen gesellschaftlicher Ereignisse. Man könnte geradezu von einem Kult ums Essen sprechen. Wir kommen Sie nun dazu, das Gegenteil zu behaupten? Worum geht es Ihnen konkret?

Aselmeyer/Settele: Zugegeben: Unsere These ist provokant formuliert. Unser Ansatzpunkt waren die Glaubenslehren hinter der Ernährung und deren Verwobenheit mit den jeweiligen wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen. Schauen wir genau hin: Beliebtheit und Allgegenwärtigkeit des Essens in sozialen und weniger sozialen Medien, ja, allerorts. Aber geht es dabei um freies, genussvolles Schlemmen? Nein. Es geht dabei meist um bewusstes Wählen und Auswählen im Überfluss. In Zeiten der unbegrenzten Verfügbarkeit eines breiten Spektrums an Nahrungsmitteln erhält der Verzicht eine kulturelle und soziale Bedeutung – und der spüren wir nach. Der Zusammenhang von Verfügbarkeit und Distinktion erklärt, warum freiwilliges Nicht-Essen gerade in wohlhabenden Schichten und Gesellschaften zum Massentrend wurde. Es gibt kaum ein effektiveres Mittel der Selbstdarstellung als die Essensbilder in den sozialen Medien. Und dort geht es eben selten darum, wie die Speisen schmecken, sondern wie sie aussehen und was sie vermitteln.

Empirisch allerdings lässt sich Nicht-Essen von Essen schwer voneinander trennen. Nicht-Essen ist oft unsichtbar, vor allem wenn es sich auf bestimmte Nahrungsmittel oder Inhaltsstoffe bezieht. Der Zugriff auf die Moderne und gewiss unsere Gegenwart über das Nicht-Essen ist deshalb eine zugespitzte Konstruktion. Aber sie ist wichtig, weil sie einen größeren Zusammenhang aufzeigt. Formen des Nicht-Tuns, wie beispielsweise das Nicht-Essen, Nicht-Sprechen, Nicht-Arbeiten oder Nicht-Kaufen, sind Ordnungsmechanismen moderner Gesellschaften; ob nun als Praktiken oder als Semiotik drücken sie stets Grade von Partizipation aus und können damit Indikatoren von sozialer Ungleichheit oder von gesellschaftlichen Konflikten sein. Wenn wir also unser Augenmerk auf das Nicht-Essen richten, dann deshalb, weil uns die historischen Verschiebungen interessieren, die darin sichtbar werden.

"Nicht-Essen als historischer Zugriff für größere Fragezusammenhänge"

L.I.S.A.: Praktiken des Nicht-Essens erlauben also Rückschlüsse auf bestimmte historische Formationen seit 1850. Könnten Sie das bitte an ein oder zwei Beispielen erläutern?

Aselmeyer/Settele: Das lässt sich anschaulich an zwei bekannten Phänomenen darstellen: Denken wir beispielsweise an den politischen Hungerstreik. Im späten neunzehnten Jahrhundert entwickelte sich die Verweigerung der Nahrungsaufnahme zu einer politisch relevanten Protestpraxis, mit der es möglich wurde, Druck auf staatliche Organe auszuüben. Nun muss man aber fragen, warum und wie diese soziale Praxis, die in manchen Weltteilen bereits seit Jahrhunderten ausgeübt wurde, nun plötzlich derart brisant werden konnte, dass sie ganze Systeme in Aufregung versetzen konnte. Dahinter stehen Veränderungen im Aufgabenbereich des Staates. Dem Staat wuchs vor allem im 19. Jahrhundert die Fürsorgepflicht der in seiner Obhut befindlichen Bürgerinnen und Bürger zu. Konnte er die körperliche Unversehrtheit des Einzelnen, in diesem Fall des Verhungernden, nicht gewährleisten, so galt er öffentlich als diskreditiert. Der Hungerstreik war als politisches Mittel also erst ab dem Zeitpunkt wirkungsvoll, wenn er die Legitimität des Staatsapparats infrage stellen konnte. In unserem Band beschreibt Max Buschmann diese Entwicklung für die USA ganz eindrucksvoll.

Ein anderes Beispiel ist der Vegetarismus, der in Europa um 1900 ein erstes Hoch erlebte. Wie Maren Möhring und Julia Hauser zeigen, stehen dahinter überraschende, tiefer liegende Prozesse. Zuerst mag man an die Lebensreformbewegung denken und deren Konstruktion einer Gegenwelt, die sich gegen eine industrialisierte, urbane, technisierte Gegenwart wendete. Der Vegetarismus als Bewegung wurde aber nur möglich, weil er auf dem Prinzip der individuellen Selbstverantwortung fußte. Ernährung und Gesundheit wurden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zentrale Aspekte der eigenen Lebensführung. Jeder Einzelne war so zunehmend verpflichtet, für die eigene Leistungsfähigkeit Sorge zu tragen. So argumentierten Vegetarierinnen und Vegetarier um 1900 denn auch mit ihrer höheren körperlichen Tüchtigkeit als mit ethischen oder ökologischen Gründen. Julia Hauser macht zudem deutlich, dass wir die europäische Vegetarismusbewegung nur verstehen können, wenn wir außerhalb Europas schauen. So war beispielsweise Indien ein zentraler Impulsgeber für die europäischen Ernährungsreformer.

Hungerstreik und Vegetarismus sind darüber hinaus selbstsprechende Beispiele, weil sie gegenläufige Prozesse sichtbar machen: Die Staatsfürsorge, die beim Hungerstreik zentral ist, steht der Selbstfürsorge gegenüber, die Ausgangspunkt der vegetarischen Bewegung ist. Die Ambivalenz, die sich darin zeigt, ist ja geradezu konstitutiv für die moderne Gesellschaft geworden. Das zeigt wiederum, dass sich Nicht-Essen als historischer Zugriff für größere Fragezusammenhänge anbietet.

"Die Kalorie ermöglichte die Quantifizierbarkeit von Körper, Arbeit und Produktivität"

L.I.S.A.: Der Sammelband mit den einzelnen Beiträgen ist in insgesamt drei Hauptkapitel unterteilt – Selbstverantwortung, Steuerung und Sinnsysteme. Wer sind in den drei Kapiteln die jeweiligen historischen Akteure? Warum bietet sich diese Unterteilung an?

Aselmeyer/Settele: Die Gliederung unseres Bandes ist natürlich erst einmal den inhaltlichen Schwerpunkten der einzelnen Beiträge geschuldet. Es wurde uns aber schon recht früh klar, dass die Texte auf größere Prozesse hinweisen, die die moderne Geschichte des Nicht-Essens strukturieren. Zwei der drei Hauptkapitel, Selbstverantwortung und Steuerung, beschreiben die eben erwähnten parallelen und dennoch gegenläufigen Entwicklungen der individuellen Selbstfürsorge und der zugleich zunehmenden staatlichen Steuerung der Ernährung. Die Texte des Abschnitts Sinnsysteme hingegen heben die ideelle Variabilität hervor, die hinter zentralen Trends des Nicht-Essens stand. Erst Sinnsysteme in Form miteinander verwobener Vorstellungen verliehen dem Nicht-Essen seine kulturelle Bedeutung.

Die beschriebenen Sinnsysteme des Nicht-Essens sind nur allzu bekannte: Deutsche, belgische und schwedische Kolonisierende praktizierten Nicht-Essen im Kongofreistaat und Deutsch-Ostafrika etwa, so Diana Natermann in ihrem Beitrag, um ihre zivilisatorische Überlegenheit und eine spezifisch weiße Identität zu stabilisieren. Oder, ein anderes Beispiel, die Kalorie. Sie konnte ihre unglaubliche Erfolgskarriere nur hinlegen, das zeigt Nina Mackert beispielsweise, weil die Quantifizierbarkeit von Körper, Arbeit und Produktivität, die sie ermöglichte, ein hochwillkommenes soziales Ordnungsinstrument war.

Die wiederkehrenden historischen Akteure der Beiträge sind Wissenschaftler/innen, staatliche Ernährungsplaner/innen und einzelne Meinungsführer/innen, die über diskursive und tatsächliche Macht verfügten, zu definieren, was nicht gegessen werden sollte. Essen als physiologisches Grundbedürfnis eint allerdings alle Menschen. Deshalb sind die Akteure auch immer wieder – und das macht diese sozialhistorische food history so attraktiv – einzelne Bürgerinnen und Bürger, die im Nicht-Essen eine wirksame Artikulationsform ihrer Ziele fanden. Zu denken sei beispielsweise an japanische Verbraucherinnen und Verbraucher in den 1960er bis 1980er Jahren, die aufgrund der zunehmenden Verwendung von Agrarpestiziden Nicht-Essen als Strategie zur Gesundheitspflege nutzen. Wie ihnen das gelingt und welche Alternativen sich dadurch auftun, zeigt Cornelia Reiher in ihrem Aufsatz.

"Einem Teil der Menschheit wird die Befriedigung ihres Hungers verweigert"

L.I.S.A.: Der Untertitel des Bandes lautet: „Verzicht, Vermeidung und Verweigerung in der Moderne“. Haben Sie dabei nicht den Aspekt der „Vorenthaltung“ vergessen? Welche Rolle spielt in der Geschichte des Nicht-Essens die Tatsache, dass nach wie vor Menschen zu Tausenden an Unterernährung sterben müssen, obwohl weltweit mehr als genug Lebensmittel produziert werden?

Aselmeyer/Settele: Das ist ein wichtiges Thema, dem unser Band nicht gerecht wird. Das hat verschiedene Gründe: Zum einen ist Hunger in der Ernährungsgeschichte schon sehr gut erforscht. Man kann mit Sicherheit sagen, dass kein anderes Thema derart viel Aufmerksamkeit erhalten hat – ob nun Hunger in der Vormoderne, während der Weltkriege oder als Mangelversorgung bis in die Gegenwart. Zum anderen war es uns wichtig, die Bedeutungsverschiebung vom Essen hin zum Nicht-Essen in der Moderne herauszuheben, also gerade die Freiwilligkeit des Tuns zu betonen, die es historisch so aussagekräftig macht. In unserer Einleitung stellen wir allerdings heraus, dass sich freiwilliger und erzwungener Verzicht nicht voneinander trennen lassen; beide Phänomene gehören zusammen und sind kennzeichnend für die Welt seit 1850. Wir sind heute beispielsweise erstmals in einer Situation, wo es genügend Nahrungsmittel auf der Welt gibt, um alle Menschen zu versorgen. Dass dies nicht geschieht, deutet auf die gravierenden Ungleichheiten zwischen und innerhalb verschiedener Länder hin. Wenn man so will, verweist auch der Begriff der „Verweigerung“ auf diesen Tatbestand: Einem Teil der Menschheit wird die Befriedigung ihres Hungers aus ökonomischen oder politischen Erwägungen verweigert. Provokant formuliert könnte man sagen: Was uns das Nicht-Essen hier in bestimmten Formen ermöglicht, nämlich der Überfluss und die Auswahl, das fehlt an anderen Stellen. Essen ist seit jeher ein janusköpfiges Phänomen und Nicht-Essen unbenommen ein selektiver Zugriff. Wir hoffen dennoch, mit dem Band seinen Mehrwehrt als lesbaren Gradmesser von sozialen Konfigurationen deutlich gemacht zu haben.

Norman Aselmeyer und Veronika Settele haben die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar erstellen

KFQDU5