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Judith Wonke | 02.11.2017 | 1596 Aufrufe | Interviews

„Berlin brennt – Köln pennt“?

1968 in Köln

Ob Vietnamkrieg, Notstandsgesetze oder sexuelle und politische Befreiung – die Themen, die die Generation, die man heute als die „68er“ bezeichnet, beschäftigten, waren vielfältig. Mit der Anti-Springer-Kampagne in Westdeutschland nach den tödlichen Schüssen auf den Studenten Benno Ohnesorg 1967 und dem Internationalen Vietnamkongress im Februar 1968 sollen nur zwei der vielen bedeutenden Ereignisse der Zeit genannt werden. Schnell wird dabei jedoch deutlich: Meist assoziiert man mit den Geschehnissen der 1960er Jahre vor allem die Proteste in Berlin oder Frankfurt rund um Rudi Dutschke und den SDS – doch wie sahen die 1960er Jahre in Köln aus?

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Im Spätsommer des nächsten Jahres eröffnet eine Sonderausstellung im Kölnischen Stadtmuseum, die die Geschehnisse der 1960er Jahre in Köln in den Blick nimmt. Das Gemeinschaftsprojekt von Kölner Universität und Stadtmuseum betrachtet dafür nicht nur die Ereignisse an der Universität, sondern soll auch die Entwicklungen der 1960er Jahre im Kölner Stadtraum näher beleuchten: Die Musikszene brachte den Rock n‘ Roll und die Beatmusik, in der Kunst kamen neue Strömungen wie die Konzeptkunst oder Pop-Art auf. Außerdem wird ein Zeitzeugenprojekt die sogenannten „68er“ selbst zu Wort kommen lassen.

Kuratoren der Ausstellung sind Michaela Keim und Stefan Lewejohann. Michaela Keim studierte Geschichte und Sozialwissenschaften an der Phillipps-Universität Marburg und absolvierte ihren Master in Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit 2016 widmet sie sich im Rahmen des Promotionsprojektes „100 Jahre Kölner Universität“ den 1960er und 1970er an der Kölner Universität. Stefan Lewejohann studierte Geschichte und Germanistik an der Universität zu Köln. Nach seinem Studium absolvierte er ein wissenschaftliches Volontariat am Kölnischen Stadtmuseum und arbeitet seitdem als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Kurator an verschiedenen stadthistorischen Ausstellungen. Seit 2016 ist er Mitherausgeber der Fachzeitschrift „Geschichte in Köln. Zeitschrift für Stadt- und Regionalgeschichte“. In einem Interview haben die beiden Fragen rund um „68“ und das Zeitzeugenprojekt beantwortet:

"Forderungen nach Demokratisierung und Mitsprache"

Wonke: „Berlin brennt – Köln pennt“? – dieser Vers wird immer wieder gern zitiert, spricht man von den Studentenbewegungen der 1960er Jahre. Doch ist diese Aussage gerechtfertigt?

Lewejohann: In der Tat überzogen Studenten anderer Universitätsstädte die im Vergleich zu anderen Städten relativ zahm wirkenden Ereignisse in Köln mit dem höhnischen Spott „Berlin brennt – Köln pennt“. Doch muss man konstatieren, dass es auch in Köln Ereignisse und Bedingungen gab, die zur Politisierung von Studierenden beitrugen. Als ein Moment ist hier sicherlich die Demonstration gegen die Fahrpreiserhöhung der Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) zu nennen, die bereits 1966 zahlreiche Schüler, Schülerinnen und Studierende auf die Straßen brachte und in gewaltsamen Auseinandersetzungen mündete. Die Entwicklung der Proteste in Städten wie Berlin, Frankfurt oder Hamburg überlappen und überstrahlen im weiteren Verlauf die Ereignisse studentischen Protestes in Köln, wie beispielsweise die Besetzung des Rektorats oder den Protestmarsch auf das Amerikahaus am Neumarkt.

Keim: Besonders an Köln ist, dass an der Universität das Geschehen von konservativen Studentengruppen dominiert wurde. Die Forderungen nach Demokratisierung und Mitsprache finden sich jedoch bei allen studentischen Gruppen. Die KVB-Demonstration wurde beispielsweise durch den Vorsitzenden des Allgemeinen Studenten Ausschusses (AStA), Klaus Laepple, angemeldet, der Mitglied des Rings Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS) war. Am Ende führte dies zum sogenannten „Laepple-Urteil“, in dem Laepple wegen geistiger Nötigung verurteilt und die Blockade als Gewalt eingestuft wurde. Der Rechtsstreit ging schließlich bis zum Bundesgerichtshof. Allerdings muss man sagen, dass es sich gerade bei der Demonstration rund um die Preiserhöhungen der KVB in erster Linie um eine sozialmotivierte Protestaktion gehandelt hat, die nichtsdestotrotz ein erstes Aufbegehren ist.

Lewejohann: Und für sich genommen sind die Ereignisse, die sich rund um das Jahr 1968 in Köln zutragen, für die jüngere Kölner Stadtgeschichte und weitere Entwicklung der Stadt von Bedeutung, auch wenn sie sich in vielen anderen Städten in vielerlei Hinsicht ähnlich oder gar gleich abspielen.

Keim: Ja, denn die Beweggründe und Motivationen sind am Ende auch überall ähnlich. Das sind jetzt Beispiele, die sich vor allem im Stadtraum abspielen, aber auch – und gerade – an der Universität bricht sich die Entwicklung Bahn. So wird hier im November 1968 das Rektorat besetzt. Trotzdem muss man sagen, dass es im Vergleich zu anderen Universitäten in Köln ruhiger zuging. Das bedeutet natürlich nicht, dass hier nichts passiert ist oder die Bedeutung von Ereignissen für die Akteure geringer war. Was zu dem oben schon genannten spöttischen Ausdruck „Berlin brennt – Köln pennt“ geführt hat.

„Konservatives Studentenparlament“

Wonke: Wie unterscheiden sich die Studentenproteste in Köln, von denen an anderen Universitäten und in anderen Städten? Was zeichnet die Proteste in Köln aus?

Keim: Einer der markantesten Unterschiede zu anderen Universitätsstädten ist im Studierendenparlament der Universität zu finden. Dominierten in den meisten Städten sozialistische Studentengruppen, war es in Köln, wie eingangs schon gesagt, ein konservatives Studentenparlament unter der Führung des RCDS.

Lewejohann: Ich finde es bemerkenswert, dass dieser konservative AStA trotzdem in gewisser Weise auch die Ideen der 68er verinnerlicht und ein Gespür dafür entwickelt hat. Kleines Beispiel: Im Frühjahr 1968 reist der Rechtsreferendar Louis F. Peters nach Paris, um hier seine Stage abzuleisten. Bei der Besetzung des ODEON Theaters im Quartier Latin nach einer Aufführung saß er im Publikum. Peters bleibt die ganze Nacht, lässt sich in eine Arbeitsgruppe wählen und ist mitten im Pariser Mai 1968. Doch nicht nur das: Er fängt an, Plakate der Studierenden zu sammeln. Und als er im Juni wieder in Köln ist, stellt er die Sammlung von über 80 Plakaten im Hauptgebäude der Uni aus und bringt somit die Ideen der französischen „68er“ mit nach Köln.

Keim: Übrigens die weltweit erste Ausstellung von Plakaten des Pariser Mai. Ich will aber noch ein Wort zu den Protesten sagen: Ich denke, dass sich alles in allem die Protestformen in Köln im Vergleich zu anderen Städten nicht in irgendeiner Art besonders auszeichneten, wohl aber, dass es lokale Besonderheiten, Phänomene und Ausprägungen – wie in jeder Stadt – gegeben hat.

Wonke: Als Wortführer der Studentenbewegung in der Bundesrepublik gilt vor allem Rudi Dutschke. Wer sind die lokalen Kölner Persönlichkeiten, die für die Entwicklungen in der Domstadt von Bedeutung waren?

Keim: Es sind eine Vielzahl an Kölner Persönlichkeiten auszumachen, die die Ereignisse in Köln geprägt haben. Am engsten verbunden sind die Ereignisse an der Universität sicherlich mit den Namen Klaus Laepple und Thomas Koester, die beide Vorsitzende des konservativen AStA gewesen sind.

Lewejohann: Ja und auf der anderen Seite sind natürlich Persönlichkeiten, wie der schon verstorbene Kurt Holl, Mitglied des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), oder Lothar Gothe, Rainer Kippe oder Jens Hagen zu nennen, die als Mitbegründer der Sozialistischen Selbsthilfe Köln (SSK) gelten und – wie auch Kurt Holl – bei der Rektoratsbesetzung dabei gewesen sind.

Keim: Es wäre aber verkürzt, die Protestbewegung nur auf diese Namen zu beschränken. Es gibt eine Vielzahl an Studierenden, die prägend waren. Auch außerhalb der Universität, wenn man an Dorothee Sölle oder Klaus Schmidt denkt, die mit für die Politischen Nachtgebete verantwortlich waren und quasi außerhalb des universitären Studentenlebens standen. Momentan sind wir dabei, diese Biographien und Personen zusammenzutragen.

„Eine Quellengrundlage für weitere Forschungsfragen“

Wonke: Eine Herausforderung und Schwierigkeit der Oral History ist die Subjektivität, die den Aussagen zu Grunde liegt. Wieso sollen dennoch Zeitzeugen zu Wort kommen?

Keim: Zunächst einmal ist es für uns und später hoffentlich auch für den Besucher doch ein besonderer Glücksfall, dass es in diesem Zusammenhang noch Zeitzeugen gibt. Und der Quellenwert dieser Akteure ist unermesslich. Natürlich ist es die Aufgabe von Historikern und Historikerinnen, die Aussagen kritisch zu bewerten, auf Richtigkeit zu prüfen und in den historischen Kontext einzubetten.

Lewejohann: Was uns allerdings immer wieder klar wird, ist, dass sehr viele Absprachen informell gelaufen sind und daher einer Quellengrundlage entbehren. Das macht solche Zeitzeugenaussagen noch einmal wichtiger.

Keim: Und man muss sich auch darüber klar sein, dass es nach der Kriegsgeneration die nächste Generation sein wird, die sterben wird. Unser Ziel ist es, ein kleines Archiv an Zeitzeugenaussagen dieser Zeit aufzubauen und so für weitere Forschungsfragen eine Quellengrundlage zu schaffen. Und um die Multiperspektivität zu erreichen, ist es das Ziel, möglichst viele Stimmen aus den verschiedenen Lagern zu sammeln. So sollen sowohl Anhänger des SDS, aber auch des RCDS befragt werden und zu Wort kommen. Aber – und das ist das für uns so Wichtige und Spannende: Nicht nur die Verhältnisse an der Uni, sondern auch in der Stadt sollen beleuchtet werden. So wollen wir auch Mitglieder der Kunst- und Musikszene – um ein Beispiel zu nennen – zu Wort kommen lassen.

Wonke: Das Projekt ist Teil eines Projektes zu den 1960er Jahren in Köln. Eine entsprechende Ausstellung wird im nächsten Jahr im Kölnischen Stadtmuseum eröffnet. Sind die Berichte Teil der Ausstellungskonzeption?

Lewejohann: Wie ja bereits gesagt, sollen die Zeitzeugen eine zentrale Rolle in der Ausstellung spielen. Zum momentanen Zeitpunkt erarbeiten wir intensiv ein Konzept, das dem Thema 1968 gerecht wird, wobei wir den Bezugsrahmen weit ziehen. Die Universität steht zwar im Zentrum unserer Betrachtung, doch kann man die Universität nicht ohne die Stadt und das kulturelle und soziale Umfeld denken. Die Frage, was geschieht also in Köln zu der Zeit, ist ebenfalls von zentraler Bedeutung

Keim: Und besonders auch: Was passiert eigentlich „nach“ 1968? Wie tragen sich die Entwicklungslinien fort und was entspringt aus den Ideen von „68“? Welchen Einfluss hat „68“ für die einzelnen persönlichen Lebensentwürfe und Biographien? In Köln gründet sich beispielsweise der SSK, auch die Hausbesetzerszene entwickelt sich.

Lewejohann: Die Homosexuellen oder Frauenbewegung der 80er Jahre ist ohne die 68er in Köln – wie überall – auch nicht zu denken.

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