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Georgios Chatzoudis | 12.01.2016 | 3931 Aufrufe | Interviews

"Sein Blick auf die Nation steht in einer langen Deutungstradition"

Interview mit Dieter Langewiesche zum Tod von Benedict Anderson

Mit seinem 1983 erschienenen Buch "Imagined Communities" wurde der Politikwissenschaftler und Nationalismusforscher Benedict Anderson über die akademische Welt hinaus bekannt. Seine These von der Nation als vorgestellter bzw. erfundener Gemeinschaft galt damals als der neueste Stand der Nationalismusforschung und wurde in Fach- und Populärjournalen als kopernikanische Wende im Verständnis von Nation und Nationalismus geadelt. Seither zählte Benedict Anderson zu einem der meist rezipierten Sozialwissenschaftler der jüngeren Zeit. Vor rund einem Monat, am 13. Dezember 2015, ist er im Alter von 79 Jahren gestorben. Wir haben den Historiker und Nationalismusforscher Prof. Dr. Dieter Langewiesche um einen Blick zurück auf Benedict Andersons Theorie der Nation gebeten.

"Man sah sich auf der Seite der neuen Weltdeutung"

L.I.S.A.: Herr Professor Langewiesche, vor kurzem ist der renommierte Politikwissenschaftler und Nationalismusforscher Benedict Anderson gestorben. Über die akademische Welt hinaus hat ihn vor allem ein Werk bekannt gemacht – sein 1983 erschienenes Buch „Imagined Communities“, das auf Deutsch unter dem Titel „Die Erfindung der Nation“ erschienen ist. Darin stellt er seine zentrale These auf, nach der die Entität „Nation“ nichts anderes als eine Vorstellung bzw. eine Erfindung in den Köpfen der Angehörigen einer Gruppe sei, die sich als solche betrachten. War diese These wirklich neu? Wie haben Sie das Buch damals aufgenommen?

Prof. Langewiesche: Ich bin damals rasch auf dieses Buch aufmerksam geworden und habe seitdem verfolgt, was Anderson geschrieben hat. Erst später habe ich mich gefragt, warum für mich 1983 nicht zum „annus mirabilis“ der Nationsforschung geworden ist. So hat Hans-Ulrich Wehler dieses Jahr in seinem Überblicksband „Nationalismus“ (2001) genannt. Er hatte die Studien vor Augen, die 1983 Anderson und Ernest Gellner zum Nationalismus und Eric Hobsbawm zu „invention of tradition“ veröffentlicht haben. Auch mich haben diese drei Werke beeindruckt, aber ich habe sie nicht als Bruch mit der bisherigen Forschung, nicht als Aufbruchsfanal zu einem neuen Verständnis von Nation und Nationalismus empfunden. Vermutlich war ich zu sehr von Autoren geprägt, die Nation von vornherein nicht essentialistisch verstanden hatten. So die Austromarxisten Otto Bauer und Karl Renner, die gehofft hatten, die Habsburgermonarchie in einen Nationalitätenstaat umformen zu können, bevor diese Hoffnung infolge des Ersten Weltkrieges unterging, und ebenso der von ihnen beeinflusste Karl W. Deutsch. Für diese „Habsburger“ war die Nation ein Kommunikationsgeschöpf ohne „substantiellen Charakter“, wie es Otto Bauer 1907 formuliert hatte, ein Werk der Geschichte, also von Menschen erdacht und gemacht. Ich rechne diese Studien immer noch zu dem besten, was wir zum Thema Nation und Nationalismus besitzen. Vor allem aber dürfte die Schulung an Max Weber dazu geführt haben, dass mich die Formel „Imagined Communities“ nicht überrascht hatte. Für Weber war Nation eine Machtidee, die erst handlungsrelevant wird, wenn sie darauf zielt, den Staat zu formen. M. Rainer Lepsius hat aus Webers Ansatz eine Konzeption entwickelt, in der Nation als „vorgestellte“ oder „gedachte Ordnung“ begriffen wird. So in seinen Aufsätzen von 1981 und 1982, also schon vor Anderson. Das war damals keineswegs originell. Lepsius ging hier in Webers Spuren wie andere Soziologen vor ihm. Ich nenne nur Emerich Francis und Heinz O. Ziegler. Ziegler, ein Soziologe tschechischer Herkunft - er hatte in den 1920er Jahren in Heidelberg studiert, war 1933 aus Deutschland emigriert und 1944 als Pilot der Royal Air Force gefallen – hatte 1931 in seinem bedeutenden Werk „Die Moderne Nation“ diese eine Legitimitätsidee genannt. Damals ist er rezipiert worden, heute kaum noch. Oder denken wir an den Philosophen Isaiah Berlin, der im Nationalismus das Ergebnis kollektiver Demütigungen und den „Hunger nach Anerkennung“ wirken sah. Er schaute vorrangig auf die dunkle Seite. So unterschiedlich die Wertungen ausfielen, Nation galt als eine Wertidee, die Menschen erschaffen und an der sie ihr politisches Handeln ausrichten. Die Mittelalterforschung hatte übrigens in ihrem langjährigen Nationes-Projekt auch gezeigt, wie falsch es wäre, Nationen Ewigkeit zuzusprechen: Ethnogenese folgt der Staatsbildung, nicht umgekehrt. Auch diese Forschung begann vor dem „annus mirabilis“.

Spätestens seit Max Weber, so kann man ohne Übertreibung sagen, durfte es eigentlich niemanden überraschen, Nation so zu benennen, wie es Benedict Anderson getan hat. Warum „imagined communities“ zu einer der erfolgreichsten wissenschaftlichen Weltdeutungsformeln des späten 20. Jahrhunderts werden konnte, wird man nicht verstehen, wenn man in ihr lediglich einen Kontrapunkt zur bisherigen Forschung sieht. Sie bediente offensichtlich Erwartungen der Zeitkultur und fand dafür die zündende Formulierung. Sie konnte auch verwenden, wer Anderson nicht gelesen hatte. Sie gab ein Überlegenheitsgefühl, man sah sich auf der Seite der neuen Weltdeutung. Anderson hat dies erleichtert, denn er sprach von einer kopernikanischen Wende. Sie gab es nicht, wenngleich viele meinten, sie verkörperten sie, weil sie von der imaginierten Nation sprachen. 

"Alle waren überzeugt, Nationen werden von Menschen imaginiert"

L.I.S.A.: Wie hat die Nations- und Nationalismusforschung damals auf die Thesen Andersons reagiert? Machte es einen erkenntnistheoretisch entscheidenden Unterschied, ob es sich dabei um Politikwissenschaftler, Soziologen wie Ernest Gellner oder Historiker wie Sie oder Eric Hobsbawm handelte?
 
Prof. Langewiesche: Dass Fächergrenzen bedeutsam waren, glaube ich nicht. Alle wollten Gegenwartsphänomene aus ihrer Geschichte verstehen, alle sahen in Nation und Nationalismus keine Erscheinungen von überzeitlicher Gültigkeit, so langfristig sie auch wirkten und immer noch wirken. Alle waren überzeugt, Nationen werden von Menschen imaginiert und geschaffen unter Rückgriff auf vermeintlich Uraltes, und alle wussten, diese Konstruktionen entfalten Macht, wenn sie politisch in Handlungen umgesetzt werden. Unterschiede gab es auch. Anderson und Gellner gingen stark von der Bedeutung von Sprache, medialer Kommunikation, Ausbildungssystemen aus und entwickelten daraus zeitlich weitausgreifende Deutungen. Gellner sprach von Hochkulturen, Anderson griff auf die Logik des Kapitalismus und auf Religion zurück, um die Bedeutung von Nation und Nationalismus zu erklären. Hobsbawm schaute als Historiker genauer auf historische Ereignisse und begrenzte seine Erklärungsabsicht auf die Zeit seit den Revolutionen des späten 18. Jahrhunderts. Von mir darf ich das auch sagen. Aber wir Historiker haben auch versucht, generalisierende Erklärungen zu finden. Doch auch sie blieben zeitlich genauer bestimmt. Darin mag man unterschiedliche Zugänge von Politologen oder Soziologen und von Historikern erkennen.

"Die Formel von der imaginierten Nation ließ sich postmodern verwenden"

L.I.S.A.: Welche Bedeutung kommt in diesem Zusammenhang der in den 1980er Jahren einsetzenden Postmoderne zu, in der sich viele Gewissheiten auflösten, Eindeutigkeiten fragmentarisiert wurden und dabei Text und Sprache eine neue entscheidende Wirkmächtigkeit beigemessen wurde? Ist Benedict Andersons Perspektive auf die Nation ein typisch postmoderne?

Prof. Langewiesche: Andersons Blick auf die Nation verstehe ich nicht als postmodern. Das kann ich schon deshalb nicht, weil er in einer doch recht langen Deutungstradition steht, wenngleich er sie selber nicht wahrgenommen hatte. Doch seine Formel von der imaginierten Nation ließ sich postmodern verwenden. Das ist ausgiebig geschehen. Man braucht nur an Homi K. Bhabhas Bestseller „The Location of Culture“ (1994, dann bis 2004 viele Auflagen) zu denken. Bhabha spricht von „DissemiNation“ und deutet Nation als einen performativen Akt. Bei manchen Postmodernisten und Postkolonialisten wird aus der imaginierten Nation schließlich eine „imaginäre“ oder gar eine „phantasmatische Konstruktion“ in einer hybriden, polykontexturalen Welt. Derartiges findet man nicht bei Anderson. Auch nicht in seinen späteren Büchern. Niemand kann die Rezeption seiner Werke steuern.

"Anpassung an die neue Wirklichkeit war immer voller Konflikte"

L.I.S.A.: In der aktuellen Debatte über die Herausforderungen, denen sich Deutschland durch die anstehende Integration der Geflüchteten gegenüber steht, scheint – auch im akademischen Raum – ein gewisser „Rollback“ im Nationsverständnis sichtbar zu werden. Nationale Identität wird zwar nicht mehr über die biologische Abstammung, aber über gemeinsame Erfahrungen definiert – so wird etwa eine deutsche „Erfahrungs- und Schicksalsgemeinschaft“ konstruiert, die Grundlage eines gemeinsamen Solidaritätsbündnisses sei. Menschen aus anderen Kulturkreisen aber, so die These, ließen sich in dieses nicht ohne Weiteres integrieren und würden das kulturelle Fundament und das nationale Solidaritätsempfinden gefährden. Wie kann eine kulturwissenschaftlich-informierte Nationalismusforschung auf solche Versuche reagieren, die einer Rückkehr kulturalistischer Erklärungsansätze das Wort reden?

Prof. Langewiesche: Zunächst einmal sollten wir festhalten, die Idee Nation ist weiterhin wirksam, weil kein Ende des Nationalstaates abzusehen ist. So lautet ein zentrales Ergebnis des 2015 erschienenen „Oxford Handbook of Transformations of the State“. Die wohl beste Bilanz zum heutigen Stand von Staatlichkeit in der Welt. In Zeiten, in denen die Grenzen des eigenen Staates porös werden, weil suprastaatliche Institutionen verbindliches Recht setzen und gar, so in der EU, eine gemeinsame Außengrenze existiert, so dass Migrationen nicht mehr einzelstaatlich geregelt werden können – in solche Zeiten sollten wir uns nicht wundern, wenn sich Menschen auf die Idee Nation als „Erfahrungs- und Schicksalsgemeinschaft“ zurückziehen wollen. Diese Vorstellung ist ja historisch begründet. Anderson hätte ihr nicht widersprochen. Doch seine Leitidee – die Nation ist eine Vorstellung, die Menschen immer wieder neu entwerfen und mit Leben füllen – sollte genutzt werden, um zu untersuchen, wie die heutigen Bedingungen, unter denen wir leben, unsere überkommenen nationalen Vorstellungen verändern oder verändern sollten, damit wir uns nicht der Wirklichkeit verweigern, indem wir uns hinter „der Geschichte“ verbarrikadieren. Anpassung an die neue Wirklichkeit war immer voller Konflikte. Und so ist es auch heute. Demokratien sollten diese Konflikte bejahen, indem sie sich mit ihnen auseinandersetzen. Das ist schwer. Ich habe es kürzlich in Berlin konkret erlebt. Es war auf einer Diskussionsveranstaltung „Wir sind das Volk! Wer ist das Volk?“ in der Landesvertretung von Sachsen-Anhalt. Als nach der Podiumsdiskussion unter Experten die Diskussion ins Publikum geöffnet wurde, hörte ich ein Wort, das ich nicht gekannt hatte: „Wir Biodeutsche“, so nannten sich einige. In einem anderen Umfeld hätte ich an Deutsche gedacht, die sich biologisch bewußt ernähren. Aber hier drückte sich die Vorstellung von einer deutschen Ethnonation aus, in der Zuwanderung, die kulturelle Inhomogenität, erzeugt, als Provokation empfunden wird. Es gab im Publikum, soweit es sich geäußert hat, und sei es nur durch Beifall, eine Pegida-Grundstimmung. So habe ich sie jedenfalls empfunden. Die Gegenpositionen vom Podium her und auch aus dem Publikum haben wohl nur diejenigen überzeugt, die schon zuvor sich nicht als „Biodeutsche“ gesehen haben. Mit diesem Ethnonationalismus muß sich die Nationsforschung auseinandersetzen. Das ist eine fächerübergreifende Aufgabe, wie es die Nationsforschung immer gewesen ist. Anderson ist dafür auch weiterhin hilfreich.

Prof. Dr. Dieter Langewiesche hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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