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Georgios Chatzoudis | 01.07.2015 | 2641 Aufrufe | 1 | Vorträge

Was ist zukunftsfähiges Wissen?

Abendvortrag von Prof. Dr. Harald Welzer | Tagung "Die Zukunft der Wissensspeicher"

Lic. phil. Felix Engel | 03.07.2015 | 10:35 Uhr
Einen Vortrag nicht zu halten, nur weil dessen Titel als Frage formuliert ist, deren korrekte Antwort sich erst in der Zukunft erweisen wird, ist ganz im Sinne des um sich greifenden 'Solutionismus' - welcher doch so sehr gescholten wird. Warum nicht einige Gedanken darüber verlieren, wie Wissen gegenwärtig formuliert und ausgetauscht wird, was davon augenblicklich hilfreich ist und was man vielleicht gerne für kommende Generationen aufheben möchte? Oder, wenn das zu spekulativ ist, ein Rückblick darauf, welches Wissen in der Vergangenheit später noch einmal nützlich war? Ich glaube, das hätte sehr interessant werden können, selbst wenn es am Ende keine verwertbare Lösung gibt.

Herr Welzer schildert eine Flucht aus der Klemme zwischen den 'Zumutungen' aus Wirtschaft und Politik auf der einen und der 'Betriebsamkeit' des Wissenschaftsalltags auf der anderen Seite. Seine persönliche Strategie, beiden Monstren zu entkommen, ist der Ausstieg. Interessanter Weise übernimmt er dabei aber auch die Positionen beider Seiten. Seit der Wissenschaftsbetrieb die von Herrn Mittelstrass beschriebenen Wandlungen durchlaufen hat, ist sie Opfer vielfältiger Vereinnahmung aus Wirtschaft und Politik (stehen die sozialen Bewegungen dabei eigentlich wirklich so weit zurück, wie suggeriert wird?). Auf der anderen Seite ist das wissenschaftliche Arbeitsumfeld rigide, intransparent und reformunfähig. Wäre das Wort nicht so böse, man wollte es fast als ineffizient bezeichnen - das I-Wort wurde ja bereits in einer Wortmeldung diskutiert.

Als jemand, der von diesen Dingen auch nichts versteht, lässt mich der Vortrag mit vielen Fragen zurück. Ist die Wissenschaft in Deutschland ein wohlfeiles Opfer, da ihre Organisation schlecht und strukturell schwach ist? Ist sie anfällig für die Übernahme aufgezwungener Probleme, weil ihr die Fähigkeit und das Selbstbewusstsein fehlt, eigene zu entwickeln? Ist sie abhängig von wirtschaftlichen Unternehmen, weil sie ihre technischen Probleme nicht selbst lösen kann? Gibt es eine Abwanderung qualifizierten Personals, weil dieses die Betriebssysteme oder deren Lokaleinstellungen wechseln? In wie weit hängen diese Probleme von der inadäquaten Verwendung leerer Worthülsen aus Wirtschaft und Politik ab?
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Björn Schmidt | 17.06.2015 | 1599 Aufrufe | 3 | Vorträge

Netzwerke des Wissens im 21. Jahrhundert

Vortrag von Prof. Dr. Jürgen Renn | Tagung "Die Zukunft der Wissensspeicher"

Lic. phil. Felix Engel | 25.06.2015 | 15:08 Uhr
In seinem - leider nur kurzen - Schlussteil fordert Jürgen Renn die Wissenschaft auf, der zunehmenden Kommerzialisierung des Internets nicht tatenlos zuzuschauen. Er fordert einen Umbau der Wissensökonomie, einen Aufbau semantischer Infrastrukturen und stellt die Frage nach den Besitzverhältnissen bei den Netzstrukturen. Dabei lässt er offen, wo und zwischen wem diese Konflikte ausgetragen werden.

In einzelnen Situationen müssen die Interessen der Wissenschaft sicher auch nach außen - also z.B. gegenüber der Wirtschaft oder der Politik - vertreten werden, etwa in der Frage der Netzneutralität oder bei Lizenzstreitigkeiten. In erster Linie sind die angesprochenen Probleme aber doch Interna des Wissenschaftsbetriebs. Renn spricht dies im Zusammenhang mit OpenAccess und seiner Forderung nach einem Umbau der Wissensökonomie an. Wissenschaftliche Institutionen sind froh, keine Abonnements mehr zahlen zu müssen. Das Bewusstsein, dass die zuvor an die Verlage delegierten Tätigkeiten nun intern geleistet werden müssen und Investitionen in Personal und Infrastruktur erfordern, ist meistens geringer ausgeprägt. Analog werden Institutionen zunehmend weniger Softwarelizenzen zahlen, dafür aber mehr Programmierer anstellen.

Natürlich ist es betrüblich, beim Kampf um eine bessere Zukunft von wenig flexiblen Institutionen wie Universitäten abzuhängen. Dennoch, so finde ich, hätte Renn seinen Vortrag weniger besorgt und dafür tatendurstiger beschließen können. Bekanntlich gibt es nichts gutes, außer man tut es. Leider sind Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bei der Entwicklung leistungsfähiger, offener Infrastrukturen oft seltsam abwesend.

Seit einiger Zeit beschäftige ich mich mit der Abbildung von Forschungsdaten mittels des Ressource Description Frameworks (RDF, http://www.w3.org/TR/rdf11-primer/). Eifrig eingesetzt wird diese Technologie einzig in der Biologie, vereinzelt auch in anderen Naturwissenschaften. In den meisten Wissenschaftsbereichen ist sie aber kaum bis gar nicht bekannt, obwohl es sich hier um eine der vielversprechendsten Technologien zum Aufbau semantischer Infrastrukturen (wie von Renn gefordert) handelt. Wenn es um die technische Umsetzung dieses idealistischen Konzeptes in Software zum Aufbau eines 'Semantic Web' (http://www.w3.org/standards/semanticweb/) geht, fällt die Aufgabe einmal mehr an kommerzielle Anbieter, vor allem weil entsprechende Investitionen von Seiten der Wissenschaft fehlen (dankbare Ausnahme ist dabei das Vitro Framework, http://github.com/vivo-project/Vitro).

Auch bei der Bereitstellung technischer Infrastruktur und im Bereich der 'Client-Server-Asymmetrie' sehe ich wenig Grund zum Verzagen. Kürzlich bin ich auf gleich zwei Softwarelösungen - CKAN (http://ckan.org/) und VIVO (http://vivoweb.org/) - gestoßen, welche den Aufbau von Datennetzwerken ermöglichen, die sich aus autonomen Installationen zusammensetzen. Diese stehen vollkommen unter Kontrolle der teilnehmenden Institutionen (analog zu ähnlichen Lösungen als Alternative zu kommerziellen sozialen Netzwerken, wie z.B. Diaspora, http://diasporafoundation.org/). Auch hier sind die technischen Mittel gegeben. Es ist an der Wissenschaft, in die Entwicklung und Weiterentwicklung sowie in die Installation und Wartung solcher Systeme zu investieren.

Leider beobachte ich in meinem wissenschaftlichen Umfeld ein weitgehendes Desinteresse bis hin zu Abneigung gegenüber elektronischer Datenverarbeitung. Ich habe den Eindruck, dass man sich kommerziellen Anbietern eher an die Brust wirft, als dass diese uns irgendetwas wegnehmen. Stattdessen fehlt ein Bewusstsein für digitale Infrastrukturen und die Realisierung der Tatsache, dass (zumindest grundlegenste) Programmierkenntnisse längst zum Handwerkszeug der meisten Wissenschaflerinnen und Wissenschaftler gehören sollten.
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Björn Schmidt | 17.06.2015 | 1599 Aufrufe | 3 | Vorträge

Netzwerke des Wissens im 21. Jahrhundert

Vortrag von Prof. Dr. Jürgen Renn | Tagung "Die Zukunft der Wissensspeicher"

Lic. phil. Felix Engel | 25.06.2015 | 12:58 Uhr
Aus den von Jürgen Renn vorgestellten historischen Beispielen wissenschaftlicher Netzwerke lassen sich weitere Folgerungen mit Bedeutung für die gegenwärtige Situation ziehen, die nicht explizit genannt werden.

Die neuen Möglichkeiten kollaborativer Arbeit, wie Wiki-Technologien und verteilte Versionsverwaltungssysteme, umgehen zentralisierte Strukturen wie Fachzeitschriften, institutionelle Verbünde und wissenschaftliche Gesellschaften (vgl. das Beispiel zur Renaissance der Relativitätstheorie), um sich wieder der Arbeitsweise des Tractatus de Sphaera anzunähern. Mehrere Forschende führen gemeinsam ein Werk fort und erhalten es durch ständige Reproduktion auf aktuellem Stand und in leistungsfähigem Zustand (vgl. OpenSource Software).

Im Unterschied zu mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Kopierarbeiten können die individuellen Beiträge zur Änderung des Gesamten sehr viel feiner den einzelnen Beitragenden zugewiesen werden. Autorenschaft bezieht sich nicht auf das Werk, sondern auf einzelne Revisionen, Kommentare, Commits oder Blobs. Zumindest die letzten beiden Nennungen zeigen, dass moderne Netzwerktechnologien spätestens seit der Jahrtausendwende eine Phase der 'Spiegelung konventioneller Strukturen' überwunden hat und eine eigene Strukturierung von Wissensinhalten schafft. Diese orientiert sich nicht an der Selbstdeklarierung der Verfassenden, sondern an der Programmlogik der von ihnen verwendeten Sprachen. Zudem besteht heute die technische Möglichkeit, Werke auf verschiedenen Ebenen ('Zweigen') weiterzuentwickeln und diese Versionen danach wieder zusammenzuführen, ohne dabei die Metainformationen über die Genese des Werkes zu verlieren. Diese Entwicklungen kann man doch wohl mit Fug und Recht als qualitative Quantensprünge des Traktatwesens bezeichnen.

Die Beschäftigung mit historischen Wissensnetzwerken hat, wie alle historische Forschung, zwei Gesichter: Was wissen wir über die Vergangenheit und was wissen wir nicht? Ein Großteil antiker Netzwerke zur Wissensvermittlung bleibt uns notgedrungen unbekannt. Nach welchen Gesetzmäßigkeiten zirkulierten die menschlichen Wissensträger? Wie viele und welche vergänglichen (oder auch unvergänglichen) Speichermedien gab es, die nicht bis in unsere Zeit überdauert haben?

Diese Betrachtung ruft das schwerwiegendste Problem der digitalen Wissensvermittlung ins Gedächtnis. Welche bleibenden Werke hinterlassen unsere leistungsstarken und effizienten Werkzeugen kommenden Generationen? Vielleicht sollten wir uns bei aller Bemühungen zur Schaffung eines 'Web des Wissens' mehr Sorgen noch um die materielle Nachhaltigkeit dieser Prozesse machen?
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Dr. Birte Ruhardt | 06.05.2015 | 1756 Aufrufe | 2 | Vorträge

Dynamiken in der digitalen Wissenskultur

Vortrag von Dr. Daniela Pscheida | Tagung "Die Zukunft der Wissensspeicher"

Lic. phil. Felix Engel | 24.06.2015 | 17:02 Uhr
Daniela Pscheida spricht mögliche Gründe an, warum Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zögern könnten, ihre Arbeitsprozesse über soziale Netzwerke transparent zu machen. Ich würde gerne einen weiteren hinzufügen, freilich ohne zu wissen, wie häufig dieser ausschlaggebend ist. Wären alle Arbeitsschritte bekannt, würde auch öffentlich werden, wie viele kostenintensiv erhobene Daten ungenutzt, wie viele Projekte unvollendet und bezahlte Arbeitszeit ohne nachvollziehbare Ergebnisse bleiben. Diese Informationen lassen sich hinter einer klassischen Publikationsliste, in der erfolglose Projekte gar nicht erst vorkommen, besser verstecken.

Daraus ergibt sich, wer eigentlich ein Interesse an der öffentlichen Dokumentation von Forschungsarbeit haben und daher die entsprechende Infrastruktur stellen sollte, nämlich die Geldgeber. Wäre es für die Deutsche Forschungsgesellschaft sinnvoll, ein soziales Forschungsnetzwerk zu entwickeln? Dies könnte eine willkommene Plattform zur Selbstdarstellung von Institutionen, Forschender und ihrer Projekte sein. Auf der anderen Seite könnte die DFG die Dokumentation der von ihr geförderten Projekte einfordern und auf diese Weise 'Big Data' zur Verwendung der von ihr verwalteten öffentlichen Gelder generieren.
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Dr. Birte Ruhardt | 06.05.2015 | 1756 Aufrufe | 2 | Vorträge

Dynamiken in der digitalen Wissenskultur

Vortrag von Dr. Daniela Pscheida | Tagung "Die Zukunft der Wissensspeicher"

Lic. phil. Felix Engel | 24.06.2015 | 16:38 Uhr
"Nicht die sozialen Medien selbst verändern unsere Wissenskultur, sondern unser Umgang mit ihnen", sagt Daniela Pscheida in ihrem Fazit. Umso mehr verwirrt es, dass im Vortrag, mit Ausnahme des Abschnitts über Lernsoftware, vor allem solche Dienste in den Vordergrund gestellt werden, die sich weder an den Wissenschaftsbetrieb richten noch von ihm inspiriert sind. ResearchGate (http://www.researchgate.net), Academia (https://www.academia.edu/) oder VIVO (http://vivoweb.org) werden nicht erwähnt. Was ist mit Infrastruktur, die für die wissenschaftliche Zusammenarbeit entwickelt wurde, wie Colwiz (http://www.colwiz.com/) oder Mendeley (https://www.mendeley.com/)? Ich nenne hier willkürlich Dienste, die mir in den Sinn kommen, es gibt andere, sicher auch bessere Beispiele. Entscheidend ist, dass diese Infrastrukturen durch Forschung geprägt worden sind, nicht umgekehrt. Entsprechend ist auch der Druck auf Forschende, ständig online zu sein, geringer als auf Facebook oder Twitter.

Interessant wäre auch ein Blick auf andere Formen der digitalen Zusammenarbeit, die einen Einfluss auf die Wissenschaft gehabt haben. Ich könnte mir vorstellen, dass Versionsverwaltungssoftware wie Git (http://git-scm.com/) oder vergleichbare Systeme und Plattformen zur Softwareentwicklung wie Sorceforge (http://sourceforge.net) oder GitHub (https://github.com/) die aktuelle wissenschaftliche Praxis stärker beeinflusst haben als die untersuchten Phänomene.
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Lic. phil. Felix Engel | 12.10.2011 | 3815 Aufrufe | 2 | Artikel

Rätseln, Puzzeln, Mutmaßen – wie kriegerisch war die Frühgeschichte?

Lic. phil. Felix Engel | 15.10.2011 | 18:21 Uhr
In einem Punkt muss ich mich korrigieren. Ein Herausgeber der Schriftenreihe "Spätantike und Frühmittelalter" hat mich darauf hingewiesen, dass diese nicht von der AG Spätantike und Frühmittelalter herausgegeben wird, sondern von einigen ihrer Mitglieder. Üblicher Weise erscheinen die Beiträge der AG-Sitzungen dort zeitnah als Sammelband. Die bisher erschienenen Bände können auch im Internetauftritt des Verlages nachgeschlagen werden: http://www.verlagdrkovac.de/1-2.htm
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Dr. rer. nat. André Karliczek | 15.12.2010 | 3489 Aufrufe | 1 | Artikel

"Das Schattenspiel des Lebens" - anatomisch pathologische Perspektiven

Lic. phil. Felix Engel | 04.02.2011 | 18:55 Uhr
Vielen Dank für diesen sehr interessanten und ausnehmend gut strukturierten Entwurf. Mich freut vor allem die Absicht, nicht eine bloße Teilgeschichte der Pathologie schreiben zu wollen, sondern die Auseinandersetzung mit Konzepten von Leben zu suchen. Allerdings scheint mir dies eine große Herausforderung zu sein. Pathologie beschreibt eine Abwandlung oder Einschränkung der als normal empfundenen Körperfunktionen. In einem Extremfall wäre dies deren gänzliche Einstellung und der Übergang des lebendigen Organismus in einen toten Körper. Alle Pathologie endet so letztlich im Tod als der Antithese zum Leben. Entstanden ist der lebendige Organismus (Leben hier als Antithese zur Nichtexistenz) aber nicht aus toter Materie, sondern aus den Zellen anderer lebender Körper. Vor der Geburt hat es keinen Übergang von tot zu lebendig gegeben, also kein Gegenstück zu pathologischen Prozessen, die nach der Geburt einsetzen. Um Pathologie in Bezug auf positive Konzepte von Leben zu setzen, muss eine Vergleichbarkeit mit dem Übergang von unbelebter zu belebter Materie hergestellt werden - ein Vorgang, von dem wir hypothetisch ausgehen können, der allerdings nach wie vor weitgehend unverstanden bleibt und experimentell nicht reproduziert werden kann. Der Vorgang des Lebens besteht aus einer fortwährenden Umsetzung organischer Materie, die mal belebt und mal unbelebt vorkommt. Die dabei ablaufenden Prozesse sind Gegenstand der Lebenswissenschaften. Auf welcher Ebenen kann nun ein Bezug zwischen der Pahtologie und der Welt jenseits dieses Zyklus' hergestellt werden? Ist dies überhaupt beabsichtigt? Ich bin sehr gespannt und wünsche bei der Erforschung alles Gute.