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Judith Wonke | 07.12.2017 | 380 Aufrufe | Interviews

Bei "Groß" und "Klein" alles gleich?

Interview mit Anton Löffelmeier zur Gleichschaltung im Münchener Fußballsport

Die Gleichschaltungsmaßnahmen der Nationalsozialisten, die mit der Machtergreifung einhergingen, sind heute umfangreich erforscht. Auch den großen Sportvereinen, in München der Turn- und Sportverein München von 1860 und der FC Bayern, wurde dabei Beachtung geschenkt. Anton Löffelmeier stellt daher Fragen nach den kleineren Vereinen. Ähnelten die Entwicklungen denen größerer Vereine? Im Interview gibt er außerdem Antworten auf Fragen nach Neugründungen nationalsozialistischer Vereine und dem Umgang mit der NS-Vergangenheit. 

"Das Ziel war die Zerschlagung"

L.I.S.A.: Herr Löffelmeier, Sie widmen sich in Ihrem Aufsatz einem Vergleich der „großen“ Münchener Vereine, wie dem FC Bayern und dem Turn- und Sportverein München, mit „kleineren“ Vereinen. Lassen sich Unterschiede in den Entwicklungen festmachen oder ähneln sich die Abläufe?

Löffelmeier: Die politischen, gesetzgeberischen und ordnungspolitischen Maßnahmen der Nationalsozialisten waren zunächst davon bestimmt, die weltanschaulich ausgerichteten Sportvereine der Gegner auszuschalten, d.h. diejenigen, welche dem kommunistischen, sozialistischen und sozialdemokratischen Spektrum zuzurechnen waren, daraufhin diejenigen des konfessionellen Spektrums. Hier war eindeutig das Ziel die Zerschlagung, was in den Monaten März bis April 1933 dann auch zielgerichtet und rigoros erfolgte, unabhängig ob es kleine oder große Vereine waren. So wurde in München auch der große Verband der "Freien Turnerschaft", die mit 1881 Mitgliedern (Stand 1.01.1933) die größte Münchner Arbeitersportvereinigung bildete, mit zahlreichen über die Stadt verteilten Abteilungen zerschlagen. Das Vereinsheim und das Vermögen des Vereins wurden eingezogen. Aber auch die kleinen Vereine, wie der FC Sportfreunde blieben nicht verschont. Am 22. März 1933 wurde die Auflösung des Vereins verfügt, das gesamte Vereinsvermögen, alle Sportgeräte und die Vereinsanlage wurden beschlagnahmt. Sehr bald setzten kommunale Stellen die Weisungen der neuen Machthaber in der Praxis um. So teilte am 23. März 1933 das Stadtamt für Leibesübungen den Arbeitersportvereinen mit, dass sie ab sofort aufgrund von Verfügungen des kommissarischen bayerischen Innenministers Adolf Wagner vom 14. und 18. März von sämtlichen städtischen und staatlichen Übungsplätzen ausgeschlossen wären. Bis 5. April hatte das Stadtamt die Anweisung umgesetzt.

Nach dieser ersten Phase der Ausschaltung der Arbeitersportvereine war die Gleichschaltung und Disziplinierung der bürgerlichen Vereine das nächste Ziel, das mit dem geforderten Ausschluss der jüdischen und kommunistischen Vereinsmitglieder begann, beim DFB willfährige Helfer fand (Aufruf des DFB vom 8. April 1933) und im Herbst 1933 mit der Einsetzung des Führerprinzips einen ersten Abschluss erreichte. Diese Weisungen waren im Prinzip von allen Vereinen umzusetzen, in der Praxis zeigten sich bei den Vereinen aber doch unterschiedliche Geschwindigkeiten in der internen Umsetzung, was durchaus auch von den bisherigen Strukturen im Verein abhing bzw. auch von den gefühlten Notwendigkeiten, den neuen Machthabern zu gefallen, um die finanziellen und wirtschaftlichen Probleme des eigenen Vereins nicht zum kollabieren zu bringen. Beim FC Bayern konnte sich zum Beispiel eine gewisse Widerspenstigkeit gegenüber den neuen Machthabern halten, indem kein regimetreuer Vorstand dem jüdischen Präsidenten nachfolgte oder auch die jüdischen Mitglieder weiterhin im Verein geduldet wurden. Beim anderen Münchner Großverein, dem TSV München von 1860, der bereits vor 1933 über eine starke nationalsozialistische Gruppe im Verein verfügte, war sofort eine linientreue Vorstandschaft installiert. Die jüdischen Mitglieder, die es durchaus gab im Verein, wenn auch in geringer Zahl, dürften spätesten 1933 den Verein verlassen haben.

Wie es bei kleinen bürgerlichen Vereinen verlief, ist bisher noch wenig erforscht, da hier die Quellen aus der Vereinsüberlieferung meistens fehlen. Aber manche Vereine haben Arbeitersportler oder ganze Abteilungen ehemaliger Arbeitersportvereine dann doch bei sich aufgenommen. So wurde ein Großteil der Fußballspieler des FC Sportfreunde vom DFB-Verein FC Alemannia, der im selben Stadtviertel, in Harlaching, beheimatet war, aufgenommen. Ein Teil der Mitglieder des VfL München fand Aufnahme beim Postsportverein München, nachdem offenbar andere Vereine eine Aufnahme der Arbeitersportler abgelehnt hatten.

"Akzeptanz bei der Münchner NSDAP blieb trotzdem gespalten"

L.I.S.A.: Neben den Ausschaltungs- und Gleichschaltungsmaßnahmen, erfolgten ab 1933 Neugründungen von Sportvereinen mit nationalsozialistischer Ausrichtung. War dies auch in München der Fall? Hatten diese Vereine noch nach 1945 Bestand?

Löffelmeier: In München gibt es zwei Varianten von neugegründeten Vereinen mit nationalsozialistischer Ausrichtung, einmal als Neugründung den „1. Nationalsozialistische[n] Fußballklub München“, der Anfang Mai 1933 bereits 40 Mitglieder zählte - natürlich alle Parteimitglieder, wie der Vereinsvorsitzende Fritz Schäfer dem Amt für Leibesübungen gegenüber betonte. Dem Verein blieb jedoch der erhoffte große Aufstieg und die Anerkennung der Münchner NSDAP-Führung versagt. Vorstandschaft und ein Großteil der Mitglieder stammten aus dem Kreis der Arbeiterschaft und der einfachen und mittleren Angestellten, prominente Parteigrößen wollten dem Verein nicht beitreten. Die Führungsschicht der Münchner NSDAP suchte eher den Anschluss an bereits etablierte Erstligisten. Im Jahr 1934 benannte der Verein sich in „Verein für Bewegungsspiele München“ um, nachdem aufgrund einer Weisung des Reichsorganisationsleiters Robert Ley angeordnet worden war, dass die Benennung „nationalsozialistisch“ im Vereinsnamen nicht statthaft sei. Nach Kriegsende ging der Verein in einem großen Sportverein im Münchner Norden auf, dem TSV Milbertshofen.

Die zweite Variante spielte sich beim ehemaligen Arbeitersportverein FT Gern ab, der von einer nationalsozialistischen Führungsclique im Sommer 1933 übernommen wurde und unter dem Namen SC Gern zu einem nationalsozialistischen Musterverein ausgebaut werden sollte, in dem alle Sportarten gepflegt werden sollten, wie etwa Turnen, Fußball, Handball, Leichtathletik, Winter-, Wasser- und Volkssport. Die Fußballabteilung des Vereins war auch bereits dem Süddeutschen Fußballverband beigetreten, spielte zunächst in der dritten Klasse, stieg aber bereits nach einem Jahr in die zweithöchste Spielklasse in Bayern, die Bezirksklasse, auf und blieb dort bis zur Einstellung des Spielbetriebes im Zweiten Weltkrieg. Die Akzeptanz bei der Münchner NSDAP blieb trotzdem gespalten, da in dem Verein ehemalige Arbeitersportler eine Heimstatt gefunden hatten und man dies den neuen Vereinsführern von Seiten der SA und SS immer wieder vorhielt.

L.I.S.A.: Wirkten sich diese Neugründungen auf die Münchener Sportvereine aus -
und wenn ja, wie?

Löffelemeier: Auf die Münchner Sportvereine hatten diese Neugründungen keine nennenswerten Auswirkungen, da sie weder von der Mitgliederzahl her noch von den sportlichen Erfolgen für die bisherigen etablierten bürgerlichen Vereinen eine ernsthafte Konkurrenz bildeten.

"Keine nennenswerten Anstrengungen"

L.I.S.A.: Wie gehen die Vereine selbst mit ihrer Geschichte um?

Löffelmeier: In unterschiedlicher Weise. Gemeinsam ist wohl allen, dass bis in die 1990er Jahre hinein keine nennenswerten Anstrengungen unternommen wurden, die eigene Geschichte in der NS-Zeit zu erforschen, aufzuarbeiten und darzustellen. Dann wurden von Seiten der Historiker und einiger Sportjournalisten erstmals Fragen zur NS-Vergangenheit thematisiert. In Folge dessen formulierten auch einige Fangruppierungen Fragen nach der Aufarbeitung der NS-Geschichte. Bei den drei großen Erstligavereinen der NS-Zeit, dem FC Wacker, dem FC Bayern und dem TSV München von 1860 kam es zu unterschiedlichen Reaktionen. Beim FC Wacker bewegte sich nach mehreren finanziellen Zusammenbrüchen und in die Unterklassigkeit abgestürzt gar nichts. Der TSV München von 1860 blockte ab, verwies nach dem Erscheinen der Studie „die Löwen unterm Hakenkreuz“ im Jahr 2009 auf das Buch und stellte weitere eigenen Bemühungen ein, so gab es auch keine Reaktion beim 150jährigen Vereinsjubiläum im Jahr 2010. Lediglich die Fangruppierung „Löwen gegen Rechts“ versuchte immer wieder einmal das Thema im Verein zu platzieren. Erst in jüngster Zeit ist mit einer stärkeren Stellung des „e.V.“ gegenüber der als KG formierten Profifußballabteilung ein aufmerksamerer Umgang mit der Vereinsgeschichte in der NS-Zeit zu bemerken.

Einzig der FC Bayern etablierte mit der FC Bayern Erlebniswelt ein sportgeschichtliches Museum, in dem man sich intensiv mit der Vergangenheit des Vereins in der NS-Zeit und mit den jüdischen Mitgliedern des Vereins und deren Schicksal befasst. Inzwischen wurden einige Veranstaltungen und Ausstellungen zu dem Thema abgehalten und die Vereinsführung kann mit dem Thema NS-Zeit gut umgehen. Bei vielen kleineren Vereinen ist das Thema NS-Zeit weiterhin nicht ausführlich und gründlich aufgearbeitet.

L.I.S.A.: Auf welches Quellenmaterial beziehen Sie sich in Ihren Forschungen?

Löffelmeier: Vereinsmitteilungen/-zeitschriften; Schriftwechsel der Vereine mit kommunalen Stellen, insbesondere mit dem Sportreferat und dem Bürgermeisteramt; Tageszeitungen; Sportfachzeitschriften, wie etwa „Der Fußball“ oder der „Kicker“; Eintragungen im Vereinsregister; Zeitzeugen

Anton Löffelmeier hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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