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Lena Reuter | 14.04.2020 | 511 Aufrufe | Interviews

"Befragte empfinden das Verhalten ihrer Mitmenschen als egoistisch"

Interview mit Henning Goersch zum sozialen Verhalten in der Corona-Krise

Schon jetzt ist "Hamsterkäufe" das gefühlte Unwort des Jahres. Bisher kaum beachtete Utensilien wie Toilettenpapier führen zu Streit im Supermarkt. Die Nerven liegen blank, jeder ist sich selbst der Nächste? Wie verhalten wir uns in Krisensituationen? Stellt das Coronavirus auch unseren gewohnten Umgang miteinander auf den Kopf? Wie verändert sich das Sozialverhalten angesichts der Pandemie und, in einem weiteren Schritt, nach wochenlangem social distancing

Prof. Dr. Henning G. Goersch vom Lehrstuhl für Bevölkerungsschutz und Katastrophenmanagement an der Akkon-Hochschule in Berlin hat dazu mit seinem Team eine Studie erstellt, an der mehr als 4.500 Personen teilgenommen haben. In dieser breit angelegten Studie wurden 7.200 Verhaltensweisen von Menschen in Deutschland analysiert, um einen potenziellen Krisenkatalysator festzustellen. Ergebnis: Im Gegensatz zu sonstigen Krisensituationen, wie etwa dem Starkregen in Münster im Jahr 2014, dem Tornado in Bützow 2015 oder dem Schneechaos deutschlandweit im vergangenen Jahr, ist das prosoziale Verhalten während der Corona-Krise deutlich geringer ausgeprägt.

Im L.I.S.A.Interview haben wir Professor Goersch zu diesem überraschenden Zwischenergebnis befragt.

"In der Katastrophe überwiegt das prosoziale Verhalten"

L.I.S.A.: Herr Professor Goersch, Sie haben gemeinsam mit Ihrem Forschungsteam an der Akkon-Hochschule eine Umfrage erstellt zum (sozialen) Verhalten während der Corona-Krise. Eine äußerst aktuelle Studie, deren Zwischenergebnisse nun da sind – mit dem Fazit, dass die Hälfte der Befragten das Verhalten ihrer Mitmenschen als egoistisch empfinden. Hat Sie das doch eher schlechte Ergebnis überrascht? Wie definieren Sie in Ihrer Auswertung egoistische, wie soziale Verhaltensweisen? Haben Sie eine Erklärung für das Empfinden, bzw. das egoistische Verhalten der Menschen?

Prof. Goersch: Tatsächlich hat uns dieses Ergebnis überrascht, da der Forschungsstand und auch fünf eigene Studien, die wir seit 2014 in Deutschland durchgeführt haben, immer wieder gezeigt haben: In der Katastrophe überwiegt das prosoziale Verhalten. In Zahlen ausgedrückt überwogen diese Verhaltensweisen in mindestens zwei Drittel, eher drei Viertel der Fälle.

Zur Kategorisierung der geschilderten Verhaltensweisen stellen wir uns unterschiedliche Fragen, z. B.: Hilft das beschriebene Verhalten anderen Menschen? Zeugt das Verhalten von Zusammenarbeit und gegenseitiger Unterstützung oder fördert diese? Zeigt sich, dass Menschen den eigenen Vorteil außer Acht lassen? Falls dies verneint werden muss, kann das Verhalten nicht dem prosozialen Bereich zugerechnet werden. Mit weiteren Fragen wird dann geprüft, ob es eindeutig zur Kategorie des Antisozialen gehört, z. B.: Schädigt das Verhalten andere oder die Gemeinschaft? Ist das Verhalten aggressiv? Ist das Verhalten geprägt von ausschließlicher Fokussierung auf den eigenen Vorteil?

"Das Prosoziale in Katastrophen halte ich für eine allen Menschen innewohnende Eigenschaft"

L.I.S.A.: Gibt es Vergleichsstudien in anderen Ländern, die Rückschlüsse darauf geben könnten, inwiefern dieses Verhalten sich in den verschiedenen Kontexten ähnelt oder unterscheidet? So entstand doch zum Beispiel der Eindruck, dass die Regeln in eher kollektiv angelegten Gesellschaften eher eingehalten werden als in individualistischen – gibt es dazu Daten?

Prof. Goersch: Die US-amerikanische Katastrophenforschung, die sozialwissenschaftlich geprägt ist, untersucht Verhaltensphänomene seit den 1950er Jahren. Die Wissenschaftler dieser Tradition haben immer wieder gezeigt, dass das Prosoziale in Katastrophen überwiegt. Viele Studien und Beispiele stützen diese Thesen: Die Evakuierung des World-Trade-Centers 2001 verlief ausgesprochen geordnet und ruhig; viele Besucher des Konzerts im Bataclan retteten ihre Freunde anstatt einfach vor den Maschinengewehrsalven zu fliehen; die Bewohner des Dorfes Seyne-les-Alpes unterstützten die Bergungsmaßnahmen nach dem Absturz der Germanwings-Maschine. Auch meine fünf Studien seit 2014 konnten dies für Deutschland bestätigen. Aus dem humanitären Kontext ist bekannt, dass mehr als 95% der Betroffenen nach einem Unglück von Verwandten, Kollegen und Freunden gerettet werden. Letztendlich halte ich das vermehrt Prosoziale in Katastrophen nicht zwangsläufig für ein kulturelles Phänomen, sondern eine allen Menschen innewohnende Eigenschaft.

"Die Existenzangst reicht von unterbrochenem Studium über Kurzarbeit bis hin zu den Nöten Selbstständiger"

L.I.S.A.: Interessanterweise scheint die Angst vor Ansteckung nicht die Hauptsorge der deutschen Bevölkerung zu sein. An früherer Stelle nennen die Befragten Existenzangst (14,8%), die Befürchtung, dass Mitmenschen sich nicht an die aktuellen Regeln halten (12,3%) sowie die Kontakteinschränkungen und damit verbundene Einsamkeit (7,9%) als größtes persönliches Problem während der Krise. Welche Schlüsse ziehen Sie daraus?

Prof. Goersch: Direkt danach gefragt halten zwar über 50% der Befragten das Virus für gefährlich bzw. sehr gefährlich. Fragt man anschließend aber nach dem aktuell größten Problemen, ist das nicht mehr Corona, sondern die Existenzangst. Diese reicht von unterbrochenem Studium über Kurzarbeit bis hin zu den Nöten Selbstständiger. Mit der zweithäufigsten Nennung ist erneut der Bereich des Antisozialen angesprochen. Auf dem dritten Rang geht es wieder um nicht-medizinische Nebenwirkungen der Krise, die Kontaktverbote und die damit verbundene Einsamkeit. Es kommt entsprechend darauf an, wie man fragt. Offene Fragen sind für solche ergänzenden Erkenntnisse hervorragend geeignet.

"Eine Krise wie diese bietet viele Ansatzpunkte, möglichst spektakulär zu berichten"

L.I.S.A.: Über 50% der Befragten finden sich von den Medien gut informiert. Zwischen 17% und 30% fühlen sich jedoch nicht ausgewogen und sachlich informiert. Wie beurteilen Sie dieses Ergebnis? Ist es problematisch, wenn sich beinahe bis zu einem Drittel der deutschen Bevölkerung nicht ausreichend über die aktuellen Geschehnisse aufgeklärt fühlt? Insbesondere im Hinblick darauf, dass in einem weiteren Punkt nur rund ein Drittel der Befragten erklärt, regelmäßig Desinfektionsmittel zu benutzen und nur 2% bis 4%, eine Atemmaske zu tragen.

Prof. Goersch: Wir wurden eingangs von einer einzelnen Person dafür kritisiert, dass wir mit dem Begriff „die Medien“ arbeiten, da ja eine ganze Bandbreite von unterschiedlichen Medien existiere und man nicht pauschalisieren solle. Ein anderes Vorgehen ist allerdings kaum denkbar. Es geht ja auch darum, wie Menschen in Deutschland im Durchschnitt die Gesamtheit der Berichterstattung empfinden. Ich empfinde das Ergebnis als wirklich gutes Zeichen: Eine Krise wie diese bietet viele Ansatzpunkte, möglichst spektakulär zu berichten. Trotzdem überwiegt offensichtlich die sachliche Berichterstattung. Möglicherweise auch deshalb, weil einfach jeder – auch die Journalisten – betroffen sind.

Vollkommen irrelevant ist es dabei nicht, dass es auch einen nicht zu vernachlässigenden Anteil gibt, der sich nicht ausreichend informiert sieht. Bei allem Lob für das Krisenmanagement, müssten meiner Ansicht nach noch konkretere Angaben gemacht werden, vor allem zu den zeitlichen Planungen. Für jede Art von Entwicklung muss es ja einen Plan geben. Das sollte im Sinne einer guten Krisenkommunikation offen gelegt werden.

"Wir sind gespannt, wie sich die Beurteilung der Verhaltensweisen weiter entwickelt"

L.I.S.A.: Am vergangenen Freitag starteten Sie an Ihrem Lehrstuhl für Bevölkerungsschutz und Katastrophenmanagement die zweite Datenerhebung zum Thema „Verhalten in der Corona-Krise“. Was erwarten Sie sich von dieser neuen Runde und welche Schwerpunkte legen Sie hier?

Prof. Goersch: Die Johanniter-Unfall-Hilfe e.V. hat unsere aktuelle Forschung stark gefördert, wodurch wir auch weitere Befragungswellen durchführen können. Wir sind sehr gespannt, wie sich die Beurteilung der Verhaltensweisen weiter entwickelt. Grundsätzlich haben wir dasselbe Instrument eingesetzt. Nur wenige Fragen wurden ergänzt, beispielsweise haben wir einige Indikatoren aufgenommen, um zu prüfen, wie stark die psychische Belastung der Menschen aktuell ist.

Prof. Dr. Henning Goersch hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Akkon Hochschule für Humanwissenschaften

Die Akkon Hochschule für Humanwissenschaften in Berlin ist seit 2009 Deutschlands erste Hochschule für Humanwissenschaften. Die staatlich anerkannte private Hochschule bietet interdisziplinäre Studiengänge in den drei für Hilfs- und Krisensituationen relevanten Fachbereichen „Pflege und Medizin“, „Pädagogik und Soziales“ sowie „Humanitäre Hilfe und Bevölkerungsschutz“. Die Studiengänge richten sich überwiegend an Berufstätige und qualifizieren sie akademisch für erweiterte Fach- und Führungspositionen. In der praxisorientierten Lehre und wissenschaftlichen Forschung arbeitet die Akkon Hochschule eng mit nationalen und internationalen sozialen und humanitären Organisationen sowie öffentlichen Institutionen zusammen. www.akkon-hochschule.de

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