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Dr. Birte Ruhardt | 17.09.2015 | 1216 Aufrufe | Interviews

Bedrohung der Antiken - Archäologie im Nahen Osten

Interview mit Frauke Kenkel über ihre archäologische Arbeit in Jordanien

Seit Oktober 2013 ist Dr. Frauke Kenkel Direktorin des Deutschen Evangelischen Instituts für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes in der jordanischen Hauptstadt Amman. Sie studierte in Köln und Bonn Klassische Archäologie, Archäologie der römischen Provinzen und Ethnologie. Über sechs Jahre lang arbeitete Dr. Frauke Kenkel auf Ausgrabungen in und um Köln und als wissenschaftliche Hilfskraft am Biblisch Archäologischen Institut in Wuppertal und der Philosophischen Fakultät der Universität Köln. Zudem war sie in Projekten in der Türkei und Mexiko (Yucatan) tätig. Seit einigen Jahren gräbt sie im Norden Jordaniens den besiedelten Hügel Tall Zira'a aus. Wie sie die Flüchtlingsbewegung und die Zerstörungen der antiken Stätten in Syrien einschätzt und welche Auswirkungen auf Jordanien zu befürchten sind, dazu haben wir ihr einige Fragen gestellt.

Dr. Frauke Kenkel, Direktorin des DEI in Amman (Foto: DEI / Dr. Frauke Kenkel)

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"Auch Jordanien kann jederzeit von den Übergriffen betroffen sein"

L.I.S.A.: Der „Islamische Staat“ hat der Vergangenheit den Krieg erklärt und nicht nur nach Angaben der irakischen Regierung die Ruinen der Stadt Hatra gesprengt, sondern nun auch den Baaltempel in Palmyra dem Erdboden gleichgemacht. Welche Reaktionen gibt es auf die Zerstörungen bei Ihnen am DEI und bei der jordanischen Bevölkerung? Wurden Initiativen für die Rettung und den Erhalt der archäologischen Stätten in Syrien von jordanischer Seite aus gestartet?

Dr. Kenkel: Die Zerstörung des syrischen Kulturguts erschüttert uns natürlich genauso wie unsere jordanischen Kollegen. Die Nachrichten und Informationen, die uns mittlerweile ja leider schon täglich erreichen, machen deutlich, wie sehr wir darauf achten müssen unser Wissen zu archivieren. Vor diesem Hintergrund ist es zur Zeit unser großes Anliegen, die bisher in Jordanien durchgeführten Ausgrabungen des DEI bestmöglich zu dokumentieren und zu archivieren, damit all die bisher durchgeführte Arbeit nicht umsonst war. Es ist in den Hinterköpfen, dass auch Jordanien jederzeit von den Übergriffen betroffen sein kann und so setzten wir alles daran zumindest die Dokumentation so vollständig und so schnell wie möglich abzuschließen. Seit 2011 befindet sich Frau PD Dr. Karin Bartl, Leiterin der Außenstelle Damaskus des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) ebenfalls am DEI Amman. Zusammen mit Kolleginnen und Kollegen des DAI in Berlin dokumentiert sie das syrische Kulturgut, um alle vorhandenen Informationen in einer zentrale Datenbank zu sammeln. Auf diese Weise wäre es sogar teilweise möglich, anhand alter Aufnahmen, zerstörte Antiken wieder aufzurichten. Von jordanischer Seite aus reagiert man vorrangig auf die Flüchtlingssituation. Diese enorme Herausforderung für dieses doch eher vergleichsweise kleine Land ist so groß, dass man keine Kapazitäten hat auf syrischer Seite einzugreifen. Das Department of Antiquities of Jordan (DoA) reagiert aber schon seit längerem auf die Bedrohung der Antiken, in dem es verschiedene Projekte ins Leben gerufen hat, die vor allem darauf abzielen, das kulturelle Bewusstsein der lokalen Bevölkerung für die eigene Geschichte zu stärken. Das ist ein ganz zentraler Punkt innerhalb der Bemühungen das kulturelle Erbe jeden Landes zu bewahren. Darüber hinaus werden vor allem die Grenzen zu Syrien und dem Irak stark überwacht, um den illegalen Handel mit geklauten Kulturgütern zu unterbinden.

"Niemand kann abschätzen, wie sich die Situation im Nahen Osten entwickeln wird"

L.I.S.A.: Sind Zerstörungen auch in Jordanien zu befürchten? Wie steht es um die beeindruckenden Bauten der antiken Wüstenstadt Petra?

Dr. Kenkel: Das ist eine Frage, die nur sehr schwer, wenn überhaupt, zu beantworten ist. Das Auswärtige Amt informiert auf der Homepage regelmäßig über die Sicherheitslage in Jordanien. Es ist derzeit aber nicht möglich sich diesbezüglich festzulegen. Niemand kann abschätzen, wie sich die Situation im Nahen Osten entwickeln wird. Eine unmittelbare Gefahr für die Wüstenstadt Petra sehe ich derzeit aber nicht.

L.I.S.A.: Auf welche Forschungsbereiche konzentriert sich das DEI und wo sind Sie selbst zurzeit archäologisch tätig?

Dr. Kenkel: Da das DEI ein Institut mit zwei Standorten ist, einmal in Amman und in Jerusalem haben wir aktuell drei verschiedene Projekte. In Jordanien ist es das „Gadara Region Project“ im Nordwesten Jordaniens, das sich sowohl auf das Wādī al-ʿ Arab und dem Tall Zirāʿa als zentrale Ausgrabungsstätte konzentriert. Hier werden mehr als 5000 Jahre Siedlungsgeschichte von der Frühen Bronze Zeit bis in die Islamische Zeit hinein dokumentiert. In Jerusalem gibt es die Grabungen und den Archäologischen Park unter der Erlöserkirche und die Ausgrabungen auf dem Zionsfriedhof am ehemaligen „Essener-Tor“. Als Leiterin des DEI Amman bin ich vor allem für das „Gadara Region Project“ zuständig. Seit 2012 arbeiten wir intensiv an der Publikation aller bisherigen Ergebnisse und freuen uns, dass wir Anfang nächsten Jahres den ersten von neun Bänden publizieren können.

Die Ausgrabungen auf dem besiedelten Hügel Tall Zira'a (Foto: APAAME_20111002_DLK-0759)

"Das Land ist dringend auf die Hilfe von außen angewiesen"

L.I.S.A.: Zeigt die Verunsicherung, in den Nahen Osten zu reisen, Auswirkungen auf die wissenschaftliche Arbeit in Jordanien? Beeinträchtigt die Angst vor Anschlägen die archäologischen Ausgrabungen?

Dr. Kenkel: Es ist tatsächlich so, dass einige Projekte abgesagt, bzw. in einem wesentlich kleineren Umfang durchgeführt wurden, da es vor allem Studenten verschiedener Hochschulen aus Sicherheitsgründen nicht erlaubt war nach Jordanien zu reisen. Allerdings ist im Gegensatz dazu sogar eine Zunahme archäologischer Projekte in Jordanien zu verzeichnen. Leider ist diese Tatsache dem traurigen Umstand zu verdanken, dass Jordanien nahezu das einzige Land im Nahen Osten ist, in dem es überhaupt noch möglich ist zu arbeiten. Deswegen konzentrieren sich viele Kolleginnen und Kollegen auf dieses Gebiet.

L.I.S.A.: Im Norden, nahe der syrischen Grenze steht das größte Flüchtlingslager der arabischen Welt, Zaatari. Wie geht man mit den Flüchtlingsströmen in Jordanien um? Sind diese in Amman zu bemerken?

Dr. Kenkel: Der große Flüchtlingszustrom seit 2011 stellt Jordanien vor eine große Herausforderung. Erst vor wenigen Monaten ist Jordanien, aufgrund des enormen Bevölkerungszuwachses auf Platz 2 der wasserärmsten Länder der Welt gerutscht. Das Land ist dringend auf die Hilfe von außen angewiesen. Mittlerweile gibt es ja schon ein zweites, besser ausgebautes Flüchtlingslager. Nichts desto trotz wächst Zaatari täglich, wird erweitert, ausgebaut und verbessert. In Amman selbst sind jetzt sehr viel mehr syrische Geschäfte im Straßenbild zu sehen und auch auf der Straße hört man das syrische Arabische nun deutlich häufiger. Es haben sich zahlreiche kleinere Hilfsorganisationen gebildet, die Kleidung, Hygieneartikel und Essen für die Flüchtlinge sammeln, so auch von der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde aus, die auch wir regelmäßig unterstützen.  

Das Flüchtlingslager Zaatari (Foto: Foreign and Commonwealth Office (Flickr) [OGL (http://www.nationalarchives.gov.uk/doc/open-government-licence/version/1/)], via Wikimedia Commons)

Dr. Frauke Kenkel hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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