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Georgios Chatzoudis | 09.04.2013 | 21344 Aufrufe | 5 | Interviews

Bayern München und Borussia Dortmund - ein historischer Vergleich

Interview mit Dietrich Schulze-Marmeling über zwei verschiedene Clubs

Die Meisterschaft in der 50jährigen Fußball-Bundesliga ist so früh entschieden wie noch nie zuvor. Der FC Bayern München hat die Schale bereits am 28. Spieltag unter Dach und Fach. Der Meister der vorherigen zwei Jahre - der Ballspielverein Borussia 09 Dortmund - spielt nun um den zweiten Platz. Obwohl der Unterschied dieses Jahr so eklatant ausfällt, bleibt es dabei, dass es vor allem diese beiden Clubs sind, die zurzeit die Gegenwart in der höchsten Klasse des deutschen Fußballs bestimmen. Das war nicht immer so. Im Gegenteil. In der Vergangenheit hatte der Verein aus München in der Regel die Nase vorn. Im Ruhrgebiet gaben lange Zeit ganz andere Vereine den Ton an, die sich noch am ehesten mit den Bayern messen konnten. Der BVB spielte lange Zeit eher eine untergeordnete Rolle. Wir haben mit dem Publizisten und Fußballexperten Dietrich Schulze-Marmeling über die Entstehungsgeschichte und die anschließende Entwicklung beider Clubs gesprochen.

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"Das Sozialprofil beider Vereine war anfangs sehr unterschiedlich"

L.I.S.A.: Herr Schulze-Marmeling, Sie haben zwei Bücher zur Geschichte der aktuell dominierenden deutschen Fußballvereine geschrieben – zu Borussia Dortmund und Bayern München. Wenn Sie die Entstehungsgeschichte beider Clubs vergleichen – geht die Gegenüberstellung Arbeiterverein vs. Bürgerlicher Verein auf? Hatten beide Clubs ähnliche Startbedingungen?

Schulze-Marmeling: Die Anfänge sind völlig verschieden. Der FC Bayern war anfangs ein Klub der Künstler und Studenten, beheimatet in Schwabing und der Maxvorstadt, also den Straßen um Universität und Kunstakademie. Der Klub pflegte zunächst ein elitäres Selbstverständnis. Die Fußballer waren Teil einer bürgerlich-modernistischen Bewegung.

Borussia Dortmund erblickte erst neun Jahre nach den Bayern das Licht der Welt, in der Dortmunder Nordstadt und im Schatten des Hoesch-Stahlwerkes. Der BVB war auch nicht Dortmunds erster Fußballclub. Das war der Dortmunder Fußball-Club 95, gegründet von Schülern eines Realgymnasiums in der Stadtmitte. Auch in Dortmund war der Fußball also zunächst eine bürgerliche Angelegenheit. Zum „Arbeitersport“ wird er erst nach dem Ersten Weltkrieg.

Bayern und BVB bestanden zunächst aus Zuwanderern. Aber während es sich im Falle des FC Bayern eher um „mobile Eliten“ handelte, wurde der BVB zur Heimat von Arbeitsimmigranten, die sich in der Stahlindustrie oder im Bergbau verdingten. Der BVB ging aus einer Jünglingssodalität der katholischen Dreifaltigkeitsgemeinde hervor, die Ende des 19. Jahrhunderts gegründet wurde, um die zugewanderten Menschen, die in ihrer Mehrheit katholisch waren, seelsorgerisch zu betreuen. Die Initiatoren der BVB-Gründung waren allerdings nicht alle Arbeiter, die meisten von ihnen waren zu Angestellten aufgestiegen. Heinrich Unger, der erste BVB-Präsident, war der Sohn eines Hoesch-Schmieds, war aber selber später bei der Hoesch AG im Einkauf tätig. Franz Jacobi, der eigentliche Motor des Vereins in seinen ersten Jahren, war Hüttenbeamter bei Hoesch. Das Sozialprofil beider Vereine war also anfangs sehr unterschiedlich.

Dietrich Schulze-Marmeling

"Der BVB entsteht im Streit mit einem Pfarrer"

L.I.S.A.: Beide Vereine sind, wie viele andere auch, Anfang des 20. Jahrhunderts gegründet worden. Was machte die Gründung von Fußballvereinen damals so reizvoll?

Schulze-Marmeling: Fußball war etwas Neues. Fußball war Bewegung, das Spiel als Wettkampf, Kreativität. Beide Vereine entstehen aus einer Opposition innerhalb etablierter Einrichtungen und Traditionen. Beim FC Bayern ist es die Trennung von den Turnern, zunächst kickte man ja unter dem Dach des Männerturnvereins von 1879. Die Turner hatten Probleme mit den modernen „english sports“. Der BVB entsteht im Streit mit einem Pfarrer, dem das wilde Treiben der fußballspielenden Jünglinge ein Dorn im Auge ist – einschließlich der dritten Halbzeit im Wirtshaus.

L.I.S.A.: Wie haben sich die beiden Vereine in den ersten Jahrzehnten entwickelt und was waren die entscheidenden Gründe bzw. Wegmarken für die verschiedenen Entwicklungen, die Borussia Dortmund und Bayern München genommen haben?

Schulze-Marmeling: Bayern München ist von Anfang an sehr ambitioniert gewesen, stieg schnell zur führenden Kraft in München auf und bestritt schon vor dem Ersten Weltkrieg Spiele gegen ausländische Topklubs. Der Klub spielt von Anfang an in zwei Kontexten: einem nationalen und einem internationalen. Er baut schnell Beziehungen zu den kontinentalen Fußballmetropolen Budapest, Wien und Prag auf.

Spieler erhalten zu dieser Zeit auch schon Jobs und Geld. So holt man 1910 den österreichischen Profi-Keeper Karl Pekarna. Und zur Saison 1913/14 wird der berühmte englische Entwicklungshelfer William Townley Trainer des Klubs.  Zuvor hatten bereits dessen Landsleute Thomas Taylor, Dr. George Hoer und Charles Griffith die Bayern trainiert. In der Saison 1910/11 war Griffith der erste hauptamtliche Übungsleiter des Klubs gewesen.

Der BVB ist vor dem Ersten Weltkrieg eine eher familiäre Angelegenheit. Die Gegner kommen ausschließlich aus Dortmund, Bochum, Gelsenkirchen und Castrop Rauxel. Der Reiseradius beträgt also nicht mehr als maximal 40 Kilometer.  Die Bayern spielen in diesen Jahren 1909 (Jahr der BVB-Gründung) bis 1914 u.a. gegen den Karlsruher FV (Deutscher Meister 1910), SpVg. Fürth, Phönix und VfR Mannheim, Nürnberger Klubs, Slavia und DFC Prag, Straßburger FV, Blackburn Rovers, den Internationalen Sport-Club Karlsbad, WAF Wien, Amateure Wien, FC Basel, Tottenham Hotspur. Die Fußballwelten von Bayern und BVB hatten also nicht nur sozial wenig gemeinsam, sondern auch von ihrer Bedeutung her. Bayern spielte schon auf der großen Bühne, der BVB übte noch im Hinterzimmer einer Kneipe.

In den Jahren der Weimarer Republik steigen die Bayern dann zu einer der führenden Adressen im deutschen Fußball auf, und ihr Präsident Kurt Landauer ist eine der führenden Persönlichkeiten der deutschen Klubszene. Ein vehementer Kritiker der engstirnigen Politik der DFB-Führung. Die Bayern fordern schon damals mehr Macht für die Klubs. Genauer: für die großen Klubs. Der FC Bayern streitet mit dem DFB um „Spesen“ für Spieler, ihre Abstellung für das Nationalteam und die Genehmigung von Begegnungen mit ausländischen Profiteams. In Dortmund sind das zu dieser Zeit noch keine Themen.

Der FC Bayern bleibt eine bürgerliche Adresse. Sein 25-jähriges Wiegenfest feiert er 1925 im Deutschen Theater. Der dem FC Bayern verbundene „Kicker“-Gründer und – Herausgeber Walther Bensemann schrieb über den Festakt: „Dieser Festabend wird jahrelang im Gedächtnis der Tausende von Teilnehmern haften bleiben, denn er bot gar Vielen, als da sind: Bürgermeister, Generäle, Stadträte, Industriemagnaten, Gelehrte aller Observanzen und anderen Freundlichkeiten, einen bisher ungeahnten Kontakt mit dem Sport.“

In diesen Jahren wird der Klub aber auch zu einem Volksverein. In der Festschrift zum 25-jährigen Bestehen hört sich das so an: „Heute denkt man bei uns ganz anders und erblickt im Sport ein Allgemeingut aller Bevölkerungsschichten. Jedermann, der sich anständig zu benehmen weiß, ist, ob Arbeiter oder Student, für uns als Sportmann und im Rahmen unseres Klubs willkommen.“

Der BVB ist zu diesem Zeitpunkt außerhalb Westfalens noch weitgehend unbekannt und auch in Dortmund nicht mehr als ein Stadtteilverein. Es ist nicht einmal geklärt, wer in Dortmund die Nr.1 ist. Im Vergleich zum FC Bayern sind die Borussen also noch immer ganz klein und unbedeutend. Beide Klubs trennen also immer noch Welten.

Als der FC Bayern 1932 seinen ersten deutschen Meistertitel erringt, spielt der BVB in der 1. Bezirksliga Dortmund, das war die 2. Liga.  Als mit der Saison 1933/34 das Ligensystem stärker zentralisiert und die Gauliga eingeführt wird, sind die Borussen nicht dabei. Erst 1936 steigt der BVB in die Gauliga auf. Dort wird er zweimal Vizemeister: 1937/38 und 1941/42, aber den Schalkern kann man nicht ernsthaft das Wasser reichen.

Außerhalb Dortmund und Westfalens macht der BVB erstmals in der Saison 1936/37 etwas auf sich aufmerksam, also 28 Jahre nach seiner Gründung. Da erreicht man im Tschammer-Pokal, dem nach dem NS-Reichssportführer von Tschammer und Osten benannten Vereinspokal (Vorläufer des DFB-Pokals) das Viertelfinale. Und dies bedeutet Spiele gegen den Hamburger SV, Werder Bremen und Waldhof Mannheim. Außerdem hat man nun mit August Lenz den ersten Nationalspieler, aber der fällt eigentlich völlig aus dem Rahmen. Denn zum Zeitpunkt seines ersten Ländespieles ist der BVB noch immer zweitklassig.
Erst nach dem Zweiten Weltkrieg steigt der BVB zu einer nationalen Adresse auf – auch dank der Unterstützung durch die Stadt, Hoesch und die lokale Brauindustrie. 1949 erreichen die Borussen erstmals das Finale um die Deutsche Meisterschaft, 1956 werden sie erstmals Meister und verteidigen diesen Titel 1957 und 1963. Die Zeit von 1933 bis zur Einführung der Bundesliga 1963 waren die großen Jahre der Ruhrpottklubs, die hier elf von 27 Meistertiteln gewinnen und in 14 Endspielen dabei sind.

Borussia Dortmund wurde in unmittelbarer Nähe des Borsigplatzes gegründet und war bis in die 1950er Jahre tief in dem Borsigplatzviertel verwurzelt. Bis heute wird das Vereinskürzel BVB, eigentlich „Ballspielverein Borussia“, manchmal in „Borussia vom Borsigplatz“ umgedeutet.

"Olympia 1972 war für die Bayern ein Geschenk des Himmels"

L.I.S.A.: Und anschließend?

Schulze-Marmeling: Bayerns großes Glück war es, dass sie beim Startschuss zur Bundesliga zuschauen mussten. So konnte ein junge Mannschaft reifen. In seiner ersten Bundesligasaison 1965/66 wurde der Klub auf Anhieb Dritter und gewann den DFB-Pokal. Nur eine Saison später wurde mit dem Europapokal der Pokalsieger die erste europäische Trophäe geholt. Bayerns Führung war mit Wilhelm Neudecker und Robert Schwan moderner und vorausschauender als die des BVB, die nicht verstand, aus dem Gewinn des Europapokals 1966 Kapital zu schlagen. Anschließend ging es in Dortmund sportlich und finanziell nur noch bergab.

Hinzu kam die Stadionsituation. Die Vergabe der Olympischen Sommerspiele 1972 nach München war für die Bayern ein Geschenk des Himmels. Ein modernes Stadion mit einem Fassungsvermögen von 80.000 und VIP-Kapazitäten, was dem Klub ermöglichte, ein „besseres Publikum“ anzusprechen. Bald kam so viel Prominenz auf das Oberwiesenfeld, Politiker, Schauspieler, Sänger, Unternehmer, Banker, Vorstandsmitglieder großer renommierter Formen, dass die Redaktionen neben den Sportjournalisten auch die Gesellschaftskolumnisten zu den Bayern-Spielen schickten. 

Das Olympiastadion machte es möglich, dass der FC Bayern seine mittlerweile zu einem teuren Starensemble gereifte Mannschaft beisammen halten konnte. Vor der Premiere im neuen Stadiin musste der Klub einen Kredit aufnehmen, um noch ausstehende Spielergehälter zu bezahlen. Die Begegnung gegen Schalke wurde dann von knapp 80.000 besucht, die den Bayern die erste Millioneneinnahme bescherten. Ohne dieses Stadion hätte es den Europapokal-Hattrick von 1974-76 nicht gegeben. Und auf diesen Hattrick ließ sich dann weiter aufbauen. Dortmund hätte vor und nach dem Triumph von 1966 ein größeres Stadion benötigt. Aber bis zur WM 1974 musste man sich mit der „Roten Erde“ abfinden. Und als das neue Stadion kam, spielte man nur in der 2. Liga. 

Als bei den Bayern Wilhelm Neudecker 1979 abdankte, stand mit Uli Hoeneß der nächste Modernisierer bereit. Borussias erster echter Modernisierer war Reinhard Rauball, der 1979 die Vereinsführung übernimmt, aber nur bis 1982.
Anschließend verliert man wieder an Boden, bis Gerd Niebaum Präsident wird. Der beginnt stark, verliert aber im Bemühen, die Bayern zu überholen, den Kompass und überzieht maßlos. Was ihm aber bei allen finanziellen Verwerfungen gelingt, ist, die Marke Borussia Dortmund bundesweit und in Europa zu etablieren. Davon profitieren natürlich auch seine Nachfolger. Es ist erstaunlich, wie schnell sich der Klub dann unter der Führung von Reinhard Rauball und Hans-Joachim Watzke berappelt hat. Ich denke, dass der BVB auch in den nächsten Jahren Bayerns hartnäckigster Konkurrent bleiben wird. 

Ich möchte an dieser Stelle mal einen dritten Player ins Spiel bringen: Schalke 04. Diese „Ruhrpott“-Vereine werden ja gerne über einen Kamm geschoren. Aber der BVB und S04 sind so verschieden wie die Städte Dortmund und Gelsenkirchen. Dortmund war schon immer mehr als nur Kohle, Stahl und Bier und Industriearbeiterschaft, es gab auch ein bürgerliches Dortmund. Der BVB war nach dem Krieg immer der „etwas bessere Arbeiterverein“ – ordentlicher, gediegener. Schalke steckte bis zum Hals im Bundesligaskandal, während die Dortmunder sich später als dessen Opfer sahen. Auch nach dem Niedergang der Schwerindustrien war der BVB dazu in der Lage, sein Führungspersonal in der eigenen Stadt bzw. aus der lokalen Elite zu rekrutieren, Schalke 04 hatte da Probleme. Der „große Modernisierer“ Günter Eichberg kam aus Gütersloh.
Und heute ist Dortmund auch Universitätsstadt und Dienstleistungsmetropole. Auch jenseits des Fußballs in Gelsenkirchen und anderen Orten des Ruhrgebiets, wo der Strukturwandel weniger erfolgreich war, nicht gerade beliebt. Ich habe in den letzten Jahren sowohl Heimspiele des BVB wie der Schalker besucht. Das sind schon unterschiedliche Welten.

Erfolge des FC Bayern München (Stand: 2010)

"Die Bayern wurden von der NS-Zeit deutlich härter getroffen"

L.I.S.A.: Mussten nach dem Zweiten Weltkrieg beide Vereine wieder bei null anfangen oder hat die Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland die Clubs unterschiedlich getroffen?

Schulze-Marmeling: Die Bayern wurde erheblich härter getroffen, allerdings auf einem wesentlich höheren Niveau. Mit dem jüdischen Präsidenten Kurt Landauer und dem jüdischen Trainer – und Geschäftsführer Richard Dombi verloren sie zwei wichtige Köpfe. Und vor 1933 befanden sich unter den Gönnern des Klubs auch eine Reihe jüdischer Textilkaufleute.

Beim BVB wird der Platzwart Heinrich Czerkus ermordet, der dem kommunistischen Widerstand angehörte. Außerdem verliert der Verein seinen Platz und muss in das einige Kilometer von seiner Heimat entfernt gelegene Stadion „Rote Erde“ umziehen. Dies ist für den Verein zunächst viel zu groß. Gefüllt wird die „Rote Erde“ in diesen Jahren nicht von einem Dortmunder Klub, sondern vom FC Schalke 04, der hier insgesamt neun Endrundenspiele um die Deutsche Meisterschaft austrägt. Die „Knappen“ sind der Champion einer ganzen Region. Im Ruhrgebiet ist Schalke die unumstrittene Nr.1. Als Schalke erstmals Deutscher Meister wird, werden die Spieler am Dortmunder Bahnhof empfangen und dürfen sich in das „Goldene Buch“ der Stadt eintragen. Nach Schalke kommt erst einmal lange nichts. Borussia Dortmund befindet sich auf Augenhöhe mit Vereinen wie Gelsenguß Gelsenkirchen, Alemannia Gelsenkirchen, VfL Altenbögge, Spvg. Röhlinghausen, Westfalia Herne und VfL Bochum.

Aber alles in allem betrachtet wurde die Entwicklung des BVB durch das NS-Regime nicht gehemmt. Bei den Bayern war das anders, natürlich auch, weil sie viel bedeutender waren. Die Nazis konnten sich mit dem viele Jahre von einem Juden geführten bürgerlichen Klub nie anfreunden.

L.I.S.A.: Welche Bedeutung messen die Clubs ihren Beinamen Borussia und Bayern bei? Hat sich das im Laufe der Jahre geändert?

Schulze-Marmeling: Borussias erster Bezug ist nicht Preußen, sondern Dortmund, das Ruhrgebiet und Westfalen. Bayern pflegt die regionale Folklore wesentlich stärker und plakativer als der BVB: Lederhosen, Besuch auf dem Oktoberfest etc. Und sie haben ja auch das bayrische Wappen im Klubemblem. Das macht sicherlich eine  Stärke des Klubs aus: Die feste Verankerung im Bundesland Bayern, einschließlich der Verquickung mit der Landespolitik. Aber der FC Bayern besitzt auch internationalen Appeal.  Ein bisschen erinnert das schon an den FC Barcelona,  der ja auch eine regionale Institution ist und ebenfalls das Regionale mit dem Globalen zu verbinden versteht. Natürlich sind bayrischer Patriotismus und Katalanismus unterschiedliche Dinge: Aber der FC Bayern hat als Klub mit dem FC Barcelona sicherlich mehr gemeinsam als dieser mit dem FC Chelsea. Auch unter diesem Aspekt macht es Sinn, dass Guardiola den Bayern den Vorzug gab.

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Briefmarke zur Meisterschaft von Borussia Dortmund 1996

"Der BVB konnte seine Fan-Basis erheblich erweitern"

L.I.S.A.: Wieso hat es Bayern München geschafft, seinen Fankreis auf ganz Deutschland auszudehnen, während Borussia Dortmund in Sachen Anhänger vor allem auf das nahe Dortmunder Umfeld beschränkt bleibt?

Schulze-Marmeling: Bayerns Vorsprung basiert auf den Erfolgen der 1970er, als der Klub mit Spielern wie Beckenbauer, Müller, Maier, Hoeneß und Breitner dreimal den Europapokal der Landesmeister gewann. Damals wurde ja noch nicht so viel Fußball übertragen wie heute. Internationaler Klubfußball hieß in Deutschland vornehmlich FC Bayern. Die Bayern avancierten zum Repräsentanten des deutschen Klubfußballs auf der europäischen Bühne. Wenn die Bayern im Europapokal aufliefen, saß man auch im Ruhrgebiet vor dem Fernseher und drückte ihnen die Daumen.

Meine Person eingeschlossen. Ich bin ja in der Nähe von Dortmund aufgewachsen und habe als Jugendlicher in der Nordkurve der „Roten Erde“ und anschließend auf der „Südtribüne“ gestanden. Aber ich weiß noch, wie ich in die Luft gesprungen bin, als „Katsche“ Schwarzenbeck im Europapokalfinale 1974 gegen Atletico Madrid kurz vor dem Abpfiff den Ausgleich erzielte und ein Wiederholungsspiel erzwang.

Hinzu kam, dass die Jahre 1972 bis 1974 auch die erfolgreichsten der deutschen Nationalmannschaft waren. Und dort waren die Bayern stark vertreten. Beim WM-Finale 1974 standen mit Maier, Breitner, Hoeneß, Beckenbauer, Schwarzenbeck und Müller sechs Bayern in der Startformation. Die Tore schossen mit Breitner und Müller zwei Bayern-Spieler, der eigentlich Held des Spiels war aber ein dritter Bayer: Keeper Sepp Maier.

Aber auch der BVB konnte seine Fan-Basis erheblich erweitern. Ein Markstein war hier sicherlich der DFB-Pokalsieg von 1989. Heute findet man BVB-Fans in der gesamten Republik, aber nicht im gleichen Ausmaß wie bei den Bayern. Auch dürfte der prozentuale Anteil der Stadiongänger, die aus der Stadt des Vereins und deren unmittelbarem Umland kommen, beim BVB erheblich höher ausfallen als beim FC Bayern. Dass die Spielstätte der Bayern mit der Allianz Arena am Rande Münchens und an einer Autobahn liegt, macht durchaus Sinn. Man sagt auch, innerhalb Münchens sei der Lokalrivale TSV 1860 der populärere Verein. Ich glaube aber nicht, dass das stimmt. Was aber auf jeden Fall stimmt: Im Bundesland Bayern ist der FC Bayern deutlich stärker verankert als der TSV 1860. Und bei einem Zuschauerschnitt von über 60.000 kommt die Mehrheit der Bayern-Fans von außerhalb Münchens und der näheren Umgebung. 

L.I.S.A.: Welche Bayernmannschaft ist aus ihrer persönlichen Sicht die beste der jeweiligen Vereinsgeschichte? Welches ist die Goldene Generation der Borussia aus Dortmund?

Schulze-Marmeling: Im Falle des FC Bayern lässt sich das relativ einfach sagen: Die Mannschaft, die in den 1970ern dreimal in Folge den Europapokal der Landesmeister gewann. Da konnten die Nachfolger nicht so richtig mithalten. Seither gab es erst einen weiteren Triumph des FC Bayern in der „Königsklasse“ (2001), aber eine Reihe verlorener Endspiele: 1982, 1987, 1999, 2010 und 2012. Die meisten dieser Finals wurde sehr unglücklich verloren.

Man muss allerdings auch sagen, dass es seit dem Übergang zur Champions League erheblich schwieriger geworden ist, die Trophäe zu gewinnen. Früher hatte man nur mit den Meister Italiens, Englands oder Spaniens zu tun, heute auch noch mit den Vizemeistern, Dritten, zuweilen auch Vierten. Es hat seinen Grund, warum es seit Einführung der Champions League noch keinem Klub gelungen ist, den Titel zu verteidigen. Solche Serien, wie sie Real Madrid (fünfmal in Folge), Ajax Amsterdam (dreimal in Folge) und eben den Bayern gelangen, gibt es nicht mehr.  

Beim BVB kann man die Frage nicht eindeutig beantworten. Da gibt es das Team, das – mit identischer Aufstellung – 1956 und 1957 Meister wurde. Da gibt es das Team, das 1966 als erste deutsche Mannschaft mit dem Europapokal der Pokalsieger eine deutsche Trophäe holte. Da gibt es das Team, das 1995 und 1996 Meister wurde und 1997 als erste deutsche Mannschaft – schon wieder ! – die Champions League gewann – ausgerechnet im Münchener Olympiastadion. Und schließlich das aktuelle Team, das bislang nicht nur zweimal Meister und einmal Pokalsieger wurde, sondern auch durch seine Art des Fußballspielens begeistert. Nur mit der Meisterschaft von 2002 will sich heute keiner mehr so richtig anfreunden. Der Preis war mit der Fast-Insolvenz zu hoch.

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Die Bayern 1976 mit dem Weltpokal.

Dietrich Schulze-Marmeling hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar

von Marcus Cyron | 09.04.2013 | 02:17 Uhr
Vielen Dank für den Beitrag. Es ist immer wieder erfrischend, wie man Fußball auch mit Anspruch aufbereiten kann.

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von M. Demantowsky | 10.04.2013 | 15:29 Uhr
"L.I.S.A.: Wieso hat es Bayern München geschafft, seinen Fankreis auf ganz Deutschland auszudehnen, während Borussia Dortmund in Sachen Anhänger vor allem auf das nahe Dortmunder Umfeld beschränkt bleibt?"
Da hat Herr Hoeneß mit seinem Spruch, der BVB sei eine eine "relativ regionale Sache" wieder einmal ganze (Öffentlichkeitsarbeit-)Arbeit geleistet. Auch hier im Interview wird das als gegebener Fakt verbucht.
Die Daten für Deutschland sehen allerdings etwas anders aus. Vgl. http://www.spiegel.de/sport/fussball/fc-bayern-hat-die-meisten-fans-in-deutschland-a-854316.html

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von Uwe Protsch | 10.04.2013 | 17:43 Uhr
Bayern hat überhaupt keine Fans, nur Anhänger.

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von Georgios Chatzoudis | 11.04.2013 | 11:28 Uhr
Hallo Herr Demantowsky,
vielen Dank für den interessanten Hinweis. Ansonsten berufen wir uns gerne auf die Antwort von Herrn Schulze-Marmeling, der den ungewollten Tenor in unserer Frage bereits korrigiert.
Viele Grüße, Ihre L.I.S.A.Redaktion

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von Marion Bartel | 12.04.2013 | 15:10 Uhr
Herr Demantowsky hat Recht. Halb Ostdeutschland bspw, ist schwarz-gelb. Da gibt's auf Bundesligaebene Dortmund ... dann ne lange Zeit nichts und dann Bayern und Schalke. Ansonsten Danke schön für das lesenswerte Interview.

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