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Georgios Chatzoudis | 30.06.2020 | 667 Aufrufe | Interviews

"Wir legen die 'DNA' des Kapitalismus frei"

Interview mit Henriette Pleiger und Wolfger Stumpfe zur Ausstellung "Wir Kapitalisten"

Der Kapitalismus als Wirtschaftsform hat eine lange Geschichte. Aber verstanden und begriffen als alles umfassende Lebensform bzw. als kulturelles Phänomen, das ist noch relativ neu. Oft ist in diesem Zusammenhang vom Neoliberalismus die Rede, der in seinem jüngeren Verständnis sowohl die ökonomischen als auch die kulturellen Aspekte des Kapitalismus umschließt. Dieses umfassendere Verständnis von Kapitalismus liegt auch der aktuellen Ausstellung in der Bonner Bundeskunsthalle "Wir Kapitalisten" zugrunde, die die L.I.S.A.Redaktion zuletzt besucht hat, um anschließend mit den Kuratoren Dr. Wolfger Stumpfer und Henriette Pleiger ein Interview zu vereinbaren. Wir wollten vor allem wissen, warum ihnen eine Ausstellung zum Kapitalismus geboten schien und welche Eindrücke sie ihrem Publikum zu vermitteln hoffen.

Google Maps

"Viele Menschen erhoffen sich eine Mäßigung des Systems und seiner Extreme"

L.I.S.A.: Die Bundeskunsthalle teilt nach der Wiedereröffnung der Ausstellung mit, diese sei aktueller denn je. Warum gerade jetzt eine Ausstellung zur Geschichte des Kapitalismus? Was hat Sie dazu bewogen? Und galten die Voraussetzungen auch schon vor der Coronakrise?

Dr. Stumpfe: Die Ausstellung war schon seit mehreren Jahren geplant, das Zusammentreffen mit der Corona-Krise ein Zufall. Insofern beschreibt die Ausstellung nichts, was spezifisch für die momentane Krisensituation wäre, sondern typische, allgemeingültige Verhältnisse und Wirkungen im Kapitalismus.

Pleiger: Dennoch ist es bemerkenswert, dass wir in der gegenwärtigen Krise etwas erlebt haben, das kaum möglich schien, nämlich den annähernden Stillstand des Systems. Der beängstigende Zustand des Lockdowns hat viele von uns über diese „allgemeingültigen Verhältnisse und Wirkungen im Kapitalismus“ zum Nachdenken gebracht. Unsere Einstellung scheint sich durch die Krise zumindest ein wenig verändert zu haben, da sich viele Menschen eine Mäßigung des Systems und seiner Extreme erhoffen. Insofern sehe ich unsere Ausstellung auch als einen sehr zeitgemäßen Kommentar zu einer aktuellen Debatte.

Johnny Miller, Unequal Scenes, VUKUZENZELE / SWEET HOME

"Die Ambivalenz, mit der wir dem System ehrlicherweise gegenüberstehen"

L.I.S.A.: Was impliziert das “Wir” im Titel der Ausstellung? Kann man den Kapitalismus überhaupt aus der Distanz bzw. distanziert betrachten, wenn man selbst Teil des Systems ist?

Dr. Stumpfe: Das „Wir“ zeigt, dass wir alle Teil des Systems sind. Ich frage mich gerade, ob wir den Kapitalismus überhaupt distanziert betrachten wollen … Sollten wir ihn nicht eher ganz aus der Nähe untersuchen? Wie dem auch sei, wir wollten in jedem Fall keine einfache Ausstellung, sondern eine, die die Ambivalenz, mit der wir dem System ehrlicherweise gegenüberstehen (müssen), deutlich macht. Viele Dinge, die untrennbar mit der Entwicklung des kapitalistischen Systems verbunden sind, möchte wohl kaum jemand missen, z.B. eine hohe Wertschätzung von Individualität, eine plurale, offene Gesellschaft, einen für den vom Kapitalismus profitierenden Teil der Welt unvergleichlich hohen Lebensstandard.

Pleiger: „Wir“ spüren aber auch die immense Ungleichheit, die dieses System generiert. Unser Luxus gedeiht auf dem Boden der Armut anderer Menschen. Wir denken leider nur selten in einem gemeinsamen „Wir“, meistens ist es dann doch ein „Ich“. Wichtig war uns in jedem Fall eine Emotionalisierung dieses nur scheinbar abstrakten Themas, denn nur so kann man seine eigene Rolle im System erfahren und reflektieren.

Julian Röder, Available for Sale

"Spricht subtil und brutal zugleich die Vermarktung unseres Alltags an"

L.I.S.A.: Der Aufbau der Ausstellung spielt im Wesentlichen mit zwei Metaphern - einerseits der einer Werk- oder Lagerhalle, versinnbildlicht durch die orangefarbenen Gitterregale, andererseits der eines Buches, das nach Kapiteln gegliedert ist. Ein Hinweis darauf, dass der Kapitalismus aus Theorie und Praxis besteht? Oder wie ist das zu verstehen?

Dr. Stumpfe: Ja, das wäre ein durchaus sinnvolles Verständnis davon. Schreiben, forschen, diskutieren kann man natürlich ganz prächtig über dieses System – und das wird ja auch seit vielen Jahren sehr intensiv betrieben und ist natürlich ebenso wichtig wie richtig. Aber wir sollten niemals aus den Augen verlieren, dass es dabei um Lebenswirklichkeiten geht und echte Menschen involviert sind.

Pleiger: Die Architektur der Ausstellung aus gleichförmigen Industrieregalen (die Kapitel der Ausstellung werden wie in einem Baumarkt entlang von Regalnummern erzählt) hat etwas sehr Radikales bewirkt. Sie hat die vielen verschiedenen Objekte in der Ausstellung – Gemälde, historische Dokumente und Grafiken, alte Bücher, detailreiche Modelle, Keramiken, kunstvolle antike und neuere Skulpturen aus verschiedenen Erdteilen, technische Alltagsgegenstände, ästhetische Konsumgüter, Fotografien, Filme und Hörstücke – auf einen Streich gleichgemacht und lässt sie aufgestapelte Waren in einem Markt erscheinen. Damit ist die Ausstellungsgestaltung selbst ein starkes Statement geworden, dass scheinbar subtil und brutal zugleich die Vermarktung unseres Alltags anspricht. Das Medium der Ausstellung kann an so ein intellektuelles Thema wie den Kapitalismus mit anderen Mitteln herangehen, als eine Publikation, die es begleitend zur Ausstellung, allerdings auch gibt.

Blick in die Ausstellung "Wir Kapitalisten"

"Die schwierige Frage: Macht das Geld glücklich?"

L.I.S.A.: Ein Thema in der Ausstellung ist der Faktor Glück, der im Kapitalismus eine doppelte Bedeutung hat: zum einen im Sinne von "Glück haben", um beispielsweise als Unternehmer zu bestehen oder als begütert Geborener - und zum anderen im Sinne von "Glück machen". Der Kapitalismus scheint ja sowohl ökonomisch als auch kulturell ein „Glücklichmacher“ sein zu können. Ist Glück demnach dem Kapitalismus wesensinhärent, Antrieb und Ziel zugleich?

Dr. Stumpfe: Nein, das glaube ich nicht. Glück taucht im Kapitalismus auf wie in jeder anderen Daseinsform. Wenn Sie aber als „Glück“ den wirtschaftlichen Erfolg von Unternehmer*innen bzw. einen geerbten Wohlstand benennen, sprechen Sie wohl eher von „Geld“ bzw. „Kapital“. Dann stimmt es wieder: Wie sein Name bezeugt, dreht sich in diesem System alles um das Kapital. Es ist sein Antrieb und sein Ziel. Aber dann kommt die schwierige Frage: Macht das Geld glücklich?

Pleiger: Konsum scheint etwas zu sein, dass uns vermeintlich glücklich macht. Hierbei geht es oft um Begriffe wie „neuer“, „größer“, „schöner“ – also um stetiges Wachstum und immerwährende Erneuerung, die uns nicht nur Gewinn sondern auch Glück verheißt. Diese Entwicklung hinterfragen wir in der Ausstellung und vor allem auch in dem digitalen Spiel „Das Kapitalismus Game“, das mit der Bundeszentrale für politische Bildung und dem gamelab.berlin erarbeitet wurde. Es verspricht den Besucher*innen einen glücksverheißenden Kaufrausch in der Ausstellung durch das Angebot exklusiver Chats mit Exponaten, die erworben werden können, wenn man sich die Spielwährung „Egos“ durch den Verkauf der eigenen Emotionen verdient hat. Hierbei spielt auch die Aufmerksamkeitsökonomie eine Rolle, die wir alle aus den Social Media kennen: nicht nur Geld, sondern auch Anerkennung scheint uns glücklich zu machen.

Steinrelief der Fortuna

"Dieses System steckt uns allen in Ost, West, Nord und Süd tief in den Knochen"

L.I.S.A.: Auffallend sind die verstreuten Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Arbeitern und vor allem Arbeiterinnen in ehemaligen DDR-Betrieben. Was intendieren diese Bilder aus Ihrer Sicht? Die Alternative zum Kapitalismus bis heute?

Dr. Stumpfe: Im Gegenteil, die Fotos belegen, dass die essentiell kapitalistischen Prinzipien von Rationalismus, Effizienz und Produktivität in den Betrieben der DDR genauso verfolgt wurden wie im Westen. Wir verstehen den Kapitalismus in unserer Ausstellung als ein kulturhistorisches Phänomen, das seit Jahrhunderten in Westeuropa perfektioniert wurde und uns seit Generationen in Fleisch und Blut übergegangen ist. Das ändert sich kaum grundlegend durch einige kurze Jahrzehnte sozialistischer Ideen.

Pleiger: Der bloße Systemvergleich, der Kapitalismus und Sozialismus auf manchmal vereinfachende und oft plakative Weise voneinander unterscheiden will, greift vielleicht zu kurz und wird der Komplexität des Systems Kapitalismus nicht wirklich gerecht. Indem wir uns an seinen Grundeigenschaften abarbeiten, legen wir so etwas wir seine „DNA“ frei. Und vielen dem Kapitalismus inhärente Anteile daran sind weitaus älter als die Systemkämpfe des 19. und 20. Jahrhunderts. Es gibt kulturhistorische Voraussetzungen, wie z.B. auch das Christentum, die es dem System sehr leicht gemacht haben, Fuß zu fassen, es vielleicht sogar mit auf den Weg gebracht haben. Damit wollen wir auch sagen, dass dieses System uns allen in Ost, West, Nord und Süd bereits viel tiefer in den Knochen steckt, als wir gemeinhin annehmen.

Hartmut Reiche, Volkseigener Betrieb VEB Narva Berliner Glühlampenwerk "Rosa Luxemburg" (1975)

"Wie laufen manchmal Gefahr, uns selbst wie Waren anzupreisen"

L.I.S.A.: Als sehr spannend haben wir bei unserem Besuch der Ausstellung das „Kapitalismus Game“ empfunden, das einen nach Zahlung einer zuvor erspielten Währung mit den Ausstellungsstücken chatten lässt. Dabei wird man getrackt und erhält am Ende eine Auswertung über das eigene „kapitalistische Ich“. Welche Intention leitete Sie bei diesem Spiel?

Dr. Stumpfe: Das Spiel sollte eine starke emotionale Annäherung an das Thema bieten. Es ist ein Versuch, auf spielerische, manchmal augenzwinkernde Art, Einblick in die Zusammenhänge zu geben und auch zu sehen, dass Kapitalismus nicht nur graue Theorie ist, sondern auch von uns allen gelebte, oft gar nicht bewusst wahrgenommene Lebenspraxis.

Pleiger: Gemeinsam mit den bereits genannten Partnern ging es uns darum, ein anderes Narrativ zu entwickeln, um politische Bildung zu vermitteln. Hierbei geht es sehr stark um das Erleben der eigenen Identität im Kapitalismus. Gerade in den Social Media, an die das digitale Spiel im Aufbau bewusst erinnert, laufen wir manchmal Gefahr, uns selbst wie Waren anzupreisen. Darüberhinaus hinterfragt das Spiel auch unser Konsumverhalten.

"Raubbau an den natürlichen Ressourcen, von denen unser aller Existenz abhängt"

L.I.S.A.: Welches Ausstellungsstück gefällt Ihnen als Kurator, als Kuratorin, besonders - haben Sie ein Lieblingsexponat? Und mit welchen Gedanken möchten Sie die Menschen nach Hause schicken?

Dr. Stumpfe: Mir gefallen die „menschengemachten“ Minerale sehr gut. Steine sind doch für uns landläufig ein Sinnbild für eine ewige Unveränderlichkeit. Alleine die Idee, dass wir Menschen durch unsere Bergbauaktivitäten derartig Einfluss ausüben, dass sich neue Gesteine entwickeln, erscheint mir so unglaublich. Dabei ist das kein zeitgenössisches Phänomen, schon vor zweitausend Jahren entstand in griechischen Silberminen das anthropogene Mineral Serpierit. Vielleicht wurden sogar Minerale geschaffen, die auf natürliche Art auf dieser Erde nicht existieren. Lannonit wurde bisher nur in von Menschen beeinflussten Umgebungen entdeckt. Alleine darüber lohnt es sich nach einem Ausstellungsbesuch nachzudenken: Muss das sein? Wollen wir in so einer Welt leben?

Matthias Böhler und Christian Orendt, "Give Us, Dear"

Pleiger: Das eindrucksvollste Exponat ist für mich Matthias Böhlers und Christian Orendts riesige Installation „Give Us, Dear“. Sie zeigt die traurige Szene eines acht Meter großen Affen, der von einer Fülle kleiner Figuren geplündert und regelrecht „abgeerntet“ wird. Im Detail ist das sehr erschreckend anzusehen und erinnert an unseren Raubbau an den natürlichen Ressourcen, von denen unser aller Existenz abhängt. Für mich ist eine der wichtigsten Gedanken der Ausstellung, dass es weniger Sinn macht, über eine „Abschaffung“ oder einen „Sturz“ des Systems Kapitalismus nachzudenken – zumal uns manche Anteile des Systems durchaus wichtig geworden sind – als über eine Mäßigung des Systems. Dieses letztere Ziel erscheint sehr viel machbarer, und hierzu kann auch jede*r Einzelne etwas verändern und beitragen.

Dr. Wolfger Stumpfe und Henriette Pleiger haben die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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