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Georgios Chatzoudis | 27.01.2015 | 1085 Aufrufe | Interviews

"Kaum Raum für eine reflektierte Beurteilung"

Interview mit Martin Warnke zu seinen Berichten über den Auschwitz-Prozess

Gut zwei Monate berichtete 1963 der damals frisch promovierte Kunsthistoriker Martin Warnke für eine Tageszeitung über den Auschwitz-Prozess in Frankfurt. Seine Artikel sind zuletzt erstmals zusammenhängend in einem kleinen Band erschienen. Darin setzt sich Prof. Dr. Martin Warnke in einem abschließenden Kapitel auch mit Fragen der Kunst- und Bildgeschichte auseinander, die sich aus seinen Erfahrungen mit dem Prozess ergeben haben. Wir haben den Träger des Gerda Henkel Preises 2006 interviewt.

"Ich kann mich kaum mehr in die damalige Lage versetzen"

L.I.S.A.: Herr Professor Warnke, fünfzig Jahre nach Ihren Berichten für die Stuttgarter Zeitung über den Auschwitz-Prozess sind Ihre Artikel gesammelt in einem Band erschienen: Zeitgenossenschaft. Zum Auschwitz-Prozess 1964. Wenn Sie heute mit historischen Abstand Ihre damaligen Berichte lesen, welchen Eindruck gewinnen Sie? Würden Sie heute auch so schreiben? Mit anderen Worten: Wie sehr spürt man die Zeitgenossenschaft in den Berichten? Inwiefern sind die Berichte selbst zum historischen Untersuchungsgegenstand geworden?   

Prof. Warnke: Ich habe die Artikel erst vor einem Jahr etwa, als man sie mir wieder vorlegte, erneut gelesen. Ich gestehe, dass ich auch, wie mancher heutige Leser, überrascht war - nicht nur über ihren Informations-, sondern auch über ihren Emotionswert. Ich kann mich kaum mehr in die dama­lige Lage versetzen, schätze aber den Einfluss der äußeren Umstände recht hoch ein: Die Ein­gabe in die Fernschreiber unmittelbar nach den Verhandlungen ließ kaum Raum für eine re­flektierte Beurteilung zu. Ich würde heute eine entschiedenere Be- und Verurteilung von mir erwarten. Eine moralisierende Emphase aber würde mir wahrscheinlich auch heute nicht an­gemessen erscheinen. 

"Gnadenlos sachliche gerichtliche Verfahrensformen"

L.I.S.A.: An Ihren Berichten fällt heutigen Lesern vor allem der sachlich-nüchterne Sprachstil auf. Heute kommen Reportagen nicht ohne Emotionen aus, in der Journalisten auch ihre persönliche Haltung ausdrücken. Wie begründet sich die Nüchternheit in Ihren Berichten? Ging es Ihnen um eine möglichst objektive Dokumentation oder entsprach das vor allem den damals bestimmenden journalistischen Kriterien?   

Prof. Warnke: Ich hatte keinerlei Vorgaben seitens der Stuttgarter Zeitung, ebenso wenig wie nachträgliche Beurteilungen von ihrer Seite. Historisch stellt es sich so dar, dass ein soeben in Berlin promo­vierter Pfarrerssohn juristisch ganz unvorbereitet die Aufgabe übernommen hatte, über eine der am stärksten belasteten Ereignisse der jüngeren deutschen Geschichte zu berichten. Der sachli­che Stil, in dem dies geschehen ist, erklärt sich meines Erachtens weder aus einem entsprechenden Tempe­rament, noch aus einer Unfähigkeit zu einer emotionalen Aufladung erlebter Grauen. Ich glau­be, dass sich darin vor allem die Art und Weise spiegelt, in der die Vorgänge aus dem KZ in Frankfurt verhandelt wurden, nämlich in den gnadenlos sachlichen gerichtlichen Verfahrens­formen, welche all die Geschehnisse gleichsam einpressten.

"Rückgewinnung methodischer Konzepte emigrierter deutscher Kunsthistoriker"

L.I.S.A.: In einer Besprechung des Bandes wird behauptet, die Berichte über den Auschwitz-Prozess hätten Einfluss auf Ihre spätere Arbeit im Bereich der politischen Ikonographie gehabt. Stimmen Sie dem zu?

Prof. Warnke: Inwieweit die Erfahrung des Auschwitz-Prozesses später meine kunstwissenschaftlichen Moti­vationen geprägt haben, kann ich kaum beurteilen. Nur so viel kann ich sagen, dass schon mei­ne im faschistischen Spanien geschriebene Dissertation eine starke politische Grundlage hatte, die auch als solche sogleich wahrgenommen wurde. Sie wird durch den Auschwitz-Prozess ei­nen weiteren Antrieb bekommen haben. Wahrscheinlich haben die Berichte später, 1970, den damaligen Vorsitzenden des Kunsthistorikerverbandes, Tilmann Buddensieg, veranlasst, mich zu bitten, für den Kölner Kunsthistorikerkongress jene Sektion zu leiten, welche die Rolle der Kunstgeschichte im Dritten Reich untersuchen sollte. Diese Sektion hat meinen Ruf im Fach für immer (meist negativ) geprägt und mich selbst gewiss darin bestärkt, weiterhin eine "kritische Kunstgeschichte" zu betreiben. Deren inhaltliche Orientierung erstrebte eine Rückgewinnung methodischer Konzepte emigrierter deutscher Kunsthistoriker und schließlich eine methodische und dokumentarische Grundlegung einer "Politischen Ikonographie". 

"Die Kunstwisssenschaft hat sich immer wieder gewaltige Stoffmassen neu angeeignet"

L.I.S.A.: Welche konkreten Bilder sind es, die heute unsere Vorstellung von der sogenannten Vergangenheitsbewältigung dominieren? Welche Rolle spielt dabei der Auschwitz-Prozess von 1963-65?   

Prof. Warnke: Unsere Vorstellungen von den Verbrechen des Dritten Reiches sind weniger oder gar nicht durch künstlerische Darstellungen (auch wie sie etwa in der frühen Kunst aus der DDR unter­nommen wurden) geprägt, als vielmehr durch die fotografische, filmische oder literarische Dokumentation. Ich selbst wüsste kein Werk der bildenden Kunst zu nennen, das dem Ein­druck etwa des Films "Die Brücke" von 1959 oder dem Tagebuch der Anne Frank von 1955 nahe käme.   

L.I.S.A.: 2011 haben Sie in zwei Bänden das Handbuch für Politische Ikonographie herausgegeben. Inwiefern ist Politische Ikonographie angesichts der Flut an Bildern, die heute über alle möglichen Kanäle erzeugt und verbreitet werden, vor allem soziale Mediengeschichte?   

Prof. Warnke: Ich hoffte, daß sich die politische Ikonographie als eine "soziale Mediengeschichte" begreifen oder weiter entwickeln lässt. Unser Handbuch allerdings versucht zunächst die klassischen his­torischen Gegenstandsbereiche der Kunstwissenschaft als politische Willensfelder zu erschlie­ßen. Es wird zwar gegenwärtig in der Kunstwissenschaft heftig diskutiert, ob sie als "Bildwis­senschaft" auch die Medien in ihren Gegenstandsbereich aufnehmen oder ob sie auf die "Kunst" beschränkt verbleiben soll. Die Kunstwisssenschaft hat sich immer wieder gewaltige Stoffmassen neu angeeignet - das Kunstgewerbe, das 19. Jahrhundert, das 20. Jahrhundert mit der Architektur. Es bleibt abzuwarten, ob sie eine Gesamtverantwortung für alle visuellen Erscheinungsformen übernehmen kann.

Prof. Dr. Martin Warnke hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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