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Georgios Chatzoudis | 14.03.2017 | 663 Aufrufe | Interviews

Archaisierung und Pinkifizierung

Interview mit Kerstin Böhm über Jungen- und Mädchenbilder in der Kinderliteratur

Blau ist für Jungen und Rosa für Mädchen, Jungs spielen mit Autos, Mädchen mit Puppen, Jungs sind wild, Mädchen sind brav - diese Aufzählung von angeblich geschlechtsspezifischen Normen in Kleidung, Interessen und Verhaltensweisen ließe sich mühelos fortsetzen. Abgesehen davon, dass sich viele dieser Annahmen historisch betrachtet als zu kurz gedacht erweisen - so galt einst Blau als die weibliche Farbe und Rosa als die männliche -, sind die Zuschreibungen nicht naturgegeben, sondern gemacht beziehungsweise gewollt. Die Literaturwissenschaftlerin Dr. Kerstin Böhm der Universität Hildesheim hat in ihrer Dissertationsarbeit die Konstruktion von Geschlechtlichkeit mit Blick auf die Jugendliteratur untersucht und ihre Ergebnisse zuletzt veröffentlicht. Wir haben ihr dazu unsere Fragen gestellt.

"Jugendliteratur ist auch ein Sozialisationsmedium"

L.I.S.A.: Frau Dr. Böhm, Sie haben sich in Ihrer Dissertationsarbeit mit Geschlechterrepräsentation und Geschlechterverhältnissen in der Kinder- und Jugendliteratur beschäftigt. Erschienen ist Ihre Arbeit unter dem Titel „Archaisierung und Pinkifizierung“. Bevor wir auf die Studie genauer eingehen – wie sind Sie auf das Thema gekommen? Welcher Beobachtung und Ausgangsfrage gehen Sie dabei nach?

Dr. Böhm: Aufgrund meines eigenen Lehramtsstudiums, meiner Arbeit in der Lehrer_innenausbildung an der Universität Hildesheim und meines Schwerpunktes für Lesedidaktik stellt die Kinder- und Jugendliteratur eine durchgängig präsente Thematik für mich dar. Die Frage, welche Texte für Schüler_innen lesenswert und leseförderlich sind, ist somit eine immerwährende für mich gewesen. Durch meinen Doktorvater, Prof. Dr. Toni Tholen, wurde meine Perspektive auf die Männlichkeitenforschung gelenkt. Diese Fokussierung und die parallel zu beobachtende verstärkte Ausrichtung von Leseförderinitiativen und Verlagen auf die Gruppe "der Jungen", zu der auch eine mediale Ausweitung des Leseangebots gehört, brachten mich dazu, die in diesen Kontexten empfohlenen Texte einer näheren Betrachtung im Hinblick auf die Inszenierung von Geschlecht zu unterziehen.

Eine der Ausgangsfragen war dabei, wie spezifisch an ein Geschlecht adressierte Texte selber Geschlecht inszenieren. Eine drängende Frage, da Kinder- und Jugendliteratur nicht nur Medium der Leseförderung ist, sondern ihr als Sozialisationsmedium eine besondere Bedeutung bei der Bereitstellung von Identifikationsmöglichkeiten zukommt. Zu beobachten ist zum einen, dass je nach geschlechtlich markierter Zielgruppe andere Strategien der Inszenierung von Geschlecht verwendet werden. Zum anderen ist auffällig, dass gerade sehr populäre und kommerziell erfolgreiche Texte der Kinder- und Jugendliteratur in sogenannte Medienverbünde implementiert sind. Somit stellte sich die Frage, wie diese geschlechtlich markierten und Geschlecht markierenden Strategien in den jeweiligen Medien eingesetzt werden.

"Bilder hegemonialer Männlichkeit, während Weiblichkeit sexualisiert wird"

L.I.S.A.: Theoretische und methodische Grundlage Ihrer Arbeit ist das Konzept Gender, bei dem Geschlechter als sozial konstruiert verstanden und darüber soziale Machtverhältnisse geschaffen und repräsentiert werden. Wie passt dieses Konzept zu Ihrer Untersuchung? Wo setzen Sie dabei an?

Dr. Böhm: Nimmt man die soziale Konstruiertheit der Geschlechter als Ausgangspunkt, lässt sich schon die Adressierung an geschlechtsspezifisch markierte Zielgruppen, die mittels der Genreeinteilung in Mädchen- und Jungenliteratur vollzogen wird, als artifiziell entlarven. Darüber hinaus wird durch die damit einhergehende Dekonstruktion der Binarität der Geschlechter das Denken in ‚Geschlechterverhältnissen‘ möglich, welches auf der Ebene der Texte durch die Analyse männlich-männlicher, weiblich-weiblicher und weiblich-männlicher Konfigurationen, wie Tholen es formuliert, fruchtbar gemacht werden kann.      

L.I.S.A.: Was ist das spezifisch männliche Muster und was das spezifisch weibliche in der von Ihnen untersuchten Kinder- und Jugendliteratur? Was meinen in diesem Zusammenhang Ihre Leitbegriffe „Archaisierung“ und „Pinkifizierung“?

Dr. Böhm: Die Strategie der "Archaisierung" stellt das spezifisch männliche Muster dar. Dieses zeichnet sich dadurch aus, dass archaische Erzählmuster, insbesondere die Inszenierung männlicher Heldenfigurationen, revitalisiert werden. Dabei handelt es sich um Männlichkeitsmythen wie den Revolver- und Westernhelden, den sportlichen Helden oder den Krieger, die innerhalb der Narration in eine männliche Genealogie überführt werden, in die auch die männlich imaginierte Leserschaft einbezogen wird. Gemein ist diesen Mythen von Männlichkeit, dass sie Bilder hegemonialer Männlichkeit aktualisieren, während gleichzeitig Weiblichkeit sexualisiert wird.

Bei der "Pinkifizierung" handelt es sich um ein Muster, dass im Kontext des Gender Marketings Unmengen an rosagefärbten Produkten für eine weibliche Zielgruppe hervorgebracht hat. Auf Textebene lässt sich beobachten, dass zwei Motive bestimmend sind. Dabei handelt es sich zum einen um das Motiv der "schwärmerisch-romantischen, emotionalen Liebe" sowie das Motiv der "Ästhetisierung der Demut", welche beide auf antiquierte Bilder von Weiblichkeit rekurrieren und Muster der "emphasized femininity" fortschreiben, somit also auch dem Typus hegemonialer Männlichkeit zuarbeiten.

"Um 1900 eine geschlechtsspezifische Ausdifferenzierung der Jugendlektüre"

L.I.S.A.: Sie analysieren in Ihrem Buch zwei jüngere Publikationen der Kinder- und Jugendliteratur – eine, die sich explizit an Jungen richtet, und eine, die nur für Mädchen gedacht ist. Ist diese geschlechtsspezifische Markierung von Produkten ein jüngeres Phänomen oder gab es die Aufteilung von Konsumgütern in männlich und weiblich konnotierte schon immer?

Dr. Böhm: Die geschlechtsspezifische Aufteilung der Kinder- und Jugendliteratur in Mädchen- und Jungenliteratur ist kein Phänomen jüngeren Datums. Bereits im späten Mittelalter finden sich literarische Texte, die sich explizit an Mädchen richteten. Dabei handelte es sich noch vorwiegend um nicht fiktionale Texte zu Erziehungszwecken, während sich zunächst für den Bereich der Jugendlektüre um 1900 eine zunehmende geschlechtsspezifische Ausdifferenzierung feststellen lässt, die mit Backfischerzählungen wie dem "Trotzkopf" aus dem Jahr 1885 wohl ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht und ihr "männliches" Äquivalent im Abenteuerbuch hat. Auffällig ist dabei, dass sich die Genres in der Explizitheit ihrer geschlechtlichen Markierung gravierend unterscheiden. Während das Mädchenbuch seine Zielgruppe benennt, bleibt sie bei der Abenteuerliteratur vermeintlich in der Schwebe. Dabei macht die über lange Zeit explizite Abwesenheit des Begriffs der "Jungenliteratur" die androzentristische Natur des Feldes der Kinder- und Jugendliteratur deutlich. Daher lässt sich die mit Vehemenz vorgenommene Genreaktualisierung der "Jungenliteratur" als Ergebnis von Verwerfungen in diesem literarischen Feld lesen.

"Eine geschlechtsspezifische Vereindeutigung durch Merchandising "

L.I.S.A.: Sie machen in Ihrer Analyse deutlich, dass die Schaffung von Jungen- und Mädchenliteratur nicht zuletzt ökonomischen Verwertungslogiken folgt. Eine zentrale Rolle spielen dabei die bei Ihnen als "Medienverbünde" definierten Marktakteure. Wie schätzen Sie die Möglichkeit dieser Akteure ein, neue gesellschaftliche Verhaltens- und Erwartungsmuster zu schaffen und zu etablieren? Oder greifen Sie dabei eher auf bestehende eingeübte bzw. tradierte Vorstellungen von Geschlecht zurück? Welche Bedeutung kommt dabei der Werbung zu?

Dr. Böhm: "Medienverbünde" sind Akteur und Produkt zugleich. Als Akteure machen sie deutlich, dass gerade im Medienwechsel tradierte Vorstellungen von Geschlecht perpetuiert und aktualisiert werden. Wo die literarischen Texte noch subversive Vorstellungen von Geschlecht zulassen, erfahren diese im Wechsel zum Medium Film, insbesondere aber zum Merchandising eine geschlechtsspezifische Vereindeutigung. Da sich die einzelnen Bestandteile der Medienverbünde gegenseitig bewerben, kommt dem Aspekt der Werbung bei dem Wunsch nach Vereindeutigung der Zielgruppe und damit von Geschlecht eine wichtige Rolle zu. Als Produkte machen die Medienverbünde aber auch deutlich, wie sehr dem kinder- und jugendliterarischen Feld bestehende Vorstellungen von Geschlecht eingeschrieben sind, was die Etablierung neuer Verhaltens- und Erwartungsmuster schwierig macht, je stärker kommerzielle Einflüsse wirken.

Dr. Kerstin Böhm hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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