Register
bookmark
Georgios Chatzoudis | 07/29/2011 | 4213 Views | Interviews

Archäologisches Arbeiten in Afghanistan

Interview mit Susanne Annen

Susanne Annen ist Architektin und arbeitete in der Vergangenheit als Austellungsleiterin in der Bundeskunsthalle in Bonn. Ihr Thema: Afghanistan. Bis zum Ende des Jahres ist sie Beraterin des afghanischen Kulturministers für Rettung und Erhalt des Kulturgutes des kriegsgeplagten Landes. Sie widmet sich anschließend wieder ihrer Tätigkeit in der Bundeskunsthalle.

Anfang Juli ist Susanne Annen aus Kabul zurück nach Deutschland gekehrt. Wir haben Sie kurz darauf zu Ihrer Arbeit in Afghanistan befragt.

Zoom

National Museum of Afghanistan in Kabul

L.I.S.A.: Wie haben Sie Afghanistan während Ihres Aufenthaltes erlebt? Wie war die Lage und welche Themen beschäftigten die Menschen am meisten? Fühlten Sie sich trotz der jüngsten Anschläge sicher?

Annen: Das Erleben des Landes ist sehr durch meine Arbeit geprägt. Ich bin als Expertin in die lokale Struktur eingebunden, meine Kollegen im Büro sind ausschließlich Afghanen. Da ich in der Kultur tätig bin, befinde ich mich in der wunderbaren Situation das Land bereisen zu können und mich mit der schönen Seite des Landes beschäftigen zu dürfen. Eine Seite, die es durchaus gibt, von der aber leider viel zu wenig gesprochen wird.
Die Sicherheitslage ist in der Tat im Moment etwas schwierig und der Abzug der ausländischen Sicherheitskräfte ist ein großes Thema. Aber dennoch stellt sich die Gesamtsituation für die Menschen hier vor Ort anders dar, als es in den Medien transportiert wird. Die Anschläge gibt es natürlich, aber es gibt auch ein „normales Leben“ mit Treffen von Freunden und gemeinsamen Abendessen, mit Kulturveranstaltungen und Festen, mit kleineren und größeren Reisen durch das Land. Das alles im Rahmen der Möglichkeiten und unter Berücksichtigung der Sicherheitslage. Leben wird viel mehr geteilt und in der Gemeinschaft gelebt, als wir es daheim gewohnt sind.
Ich fühle mich hier sicher und in der internationalen Gesellschaft sehr gut aufgehoben. Meine afghanischen Kollegen binden mich in ihr Leben ein, ich kenne ihre Familien und ihre alltäglichen Schwierigkeiten.

Zoom

Susanne Annen

L.I.S.A.: Wie beurteilen Sie den aktuellen Zustand für das kultur- bzw. kunsthistorische Erbe in Afghanistan? Wo gibt es am meisten zu tun? Haben Sie ein konkretes Beispiel?

Annen: Trotz großer internationaler Bemühungen der ist der Zustand der Kulturgüter kritisch zu beurteilen. Viele der kulturellen Stätten sind aufgrund der politischen Situation nicht zugänglich und somit nicht zu sichern. Immer noch finden Raubgrabungen statt, Kulturgut wird Außerlandes geschafft und illegal zum Kauf angeboten.
Die meisten der historischen Gebäude haben in den langen Jahren der Unruhen Schaden genommen und müssen dringend restauriert werden. Es fehlt an Experten und so ist die Hilfe von internationalen Fachleuten nötig um, gemeinsam mit den afghanischen Kollegen, die Kulturgüter zu restaurieren.

Ganz besonders am Herzen liegen mir der Neubau des National Museum in Kabul sowie der Wiederaufbau der Provinzmuseen und zum anderen die archäologische Grabung in Mes Aynak.

Google Earth Link (13.20 KB)

National Museum
In den vergangenen 30 Jahren wurden etwa 70% der Sammlung des National Museums geplündert oder aber zerstört. Der genaue Verlust kann nicht beziffert werden, da die gesamte Dokumentation während eines Brandes im Jahre 1993 verloren gegangen ist und somit auch der Nachweiß der Provenienzen. Immer wieder werden Objekte der Sammlung illegal zum Kauf angeboten. Das Gebäude selbst ist nach Jahren der Restaurierung in einem recht guten Zustand, aber überhaupt nicht als Museum geeignet. Vor allem die mangelnde Sicherheit lässt es nicht zu, dass die im Lande verbliebenen Masterpiece im Museum zu sehen sind. Die klimatischen Bedingungen und die mangelnde Fläche an Depots ist ein weiteres, sehr großes Problem. So die können die meisten Objekte aus den derzeitigen Grabungen nicht im Museum aufgenommen werden, die Restaurierung der Artefakte ist nicht zu leisten, es fehlt an Experten.

Dank einer großzügigen Zuwendung aus den USA ist das Kulturministerium in der Lage über einen Neubau des Museums nach internationalem Standard nachzudenken. Das wird Jahre dauern und immer noch fehlt es an zusätzlichen Mitteln für dieses große Projekt, aber ein wunderbarer Schritt in die Zukunft, wir hoffen im kommenden Jahr mit dem Bau beginnen zu können.

Mes Aynak
Die archäologische Stätte Mes Aynak liegt etwa 50 km südlich von Kabul in der Provinz Logar und benötigt am dringendsten die Hilfe von internationalen Experten. Die ersten Forschungen gehen in das Jahr 1963 und unter der Leitung des Archäologischen Departments des Ministry of Information and Culture wurde mit der offiziellen Ausgrabung in 2009 begonnen. Tragischerweise liegt diese archäologische Stätte auf dem zweitgrößten Kupfervorkommen der Welt und ein Vertrag für den Abbau des Kupfers ist bereits zwischen der afghanischen Regierung und China unterzeichnet.

Das archäologische Territorium misst über viertausend Hektar. Bisher wurde an drei Arealen gearbeitet: Gol Hamid, hier wurde das erste buddhistische Kloster entdeckt, in Kafiriat Tepe wurde ein weitere Klosterkomplex entdeckt und nun gehen die Arbeiten in Bada Wali weiter.
Die ältesten Münzfunde werden in die Kushanzeit, 2.Jh.n.Ch. datiert die Klosteranlagen sind aus dem 5.-8.Jh.n.Chr.. Die außergewöhnliche Qualität der Münzfunde, der Keramik, Skulptur und Wandmalereien machen Mes Aynak zu einer der bedeutendsten Ausgrabungen Afghanistan, vergleichbar mit den buddhistischen Stätten in Hadda und Bamiyan.

Unter Zeitdruck arbeiten die Archäologen an der Grabung, um zu dokumentieren, was sie in der verbleibenden Zeit dokumentieren können und an Artefakten zu bergen was immer möglich ist. Hunderte von Arbeitern und Experten werden noch in diesem Jahr benötigt, um die Arbeit leisten zu können und dieses große Kulturerbe der Nachwelt zu erhalten.

L.I.S.A.: Sie sind in Afghanistan als Beraterin des Kulturministers tätig. Welche Aufgabe haben Sie konkret? Wie funktioniert die Zusammenarbeit vor Ort? Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Annen: Ich bin als Beraterin im Ministery of Information and Culture mit dem Schwerpunkt National Museum und Provinzmuseen angestellt, aber auch in Projekte des Department für Ancient Monuments und des Department für Archäologie eingebunden.

Meine Aufgaben liegen in der Implementation von Kulturprojekten und im Capacity Building der Kollegen am National Museum. Der erste Schritt ist selbstverständlich die Diskussion mit dem Minister und die Festlegung in welche Projekte die vorhandenen Mittel investiert werden.

Ich arbeite eng mit den Vertretern der Geberländer zusammen. Gemeinsam mit den afghanischen Kollegen planen wir die Projekte vom Budget und Zeitplan bis zur Umsetzung. Als Vertreterin des Ministeriums bin ich viel im Land unterwegs, um die einzelnen Kulturstätten zu begutachten.

Eines meiner ersten Projekte war die Entwicklung einer Ausstellung im National Museum mit den neusten Funden aus Mes Aynak. Gemeinsam mit einem der Kuratoren des National Museums haben wir ein Ausstellungskonzept entwickelt und in Zusammenarbeit mit allen Departments die Ausstellung umgesetzt. Dank der Hilfe von Wissenschaftlern der UNI Wien und der Délégation archéologique française en Afghanistan (DAFA) ist begeleitend ein kleiner Ausstellungskatalog entstanden.

Die Zusammenarbeit mit den afghanischen Kollegen ist eine große Freude. Da ich seit Jahren mit dem afghanischen Kulturministerium zusammen arbeite, der Deputy Minister für Kultur hat um meine Entsendung gebeten, ist mit der Einstieg hier recht leicht gefallen. Allerdings auch muss gesagt werden, dass ich ohne die Unterstützung der afghanischen Kollegen hier auf verlorenem Posten wäre. So teil ich mir mit vier afghanischen Kollegen ein Büro und wir sind im ständigen Austausch. Die Arbeit hier vor Ort ist nur in der Zusammenarbeit möglich.

Zoom

L.I.S.A.: Welche Bedeutung hat der Erhalt von Kulturgütern für die Menschen in Afghanistan, die afghanische Gesellschaft bzw. den Staat Afghanistan? Ist die Lösung anderer Probleme nicht dringender?

Annen: Eine Frage die mir berechtigt immer wieder gestellt wird. Sicherlich gibt die Bedürfnisse nach Bildung, ärztlicher Versorgung, Sicherheit. Ich komme gerade aus Panjshir und in Gesprächen mit den offiziellen Vertretern der Provinz wurde immer wieder der Wunsch nach Straßen, Schulen und Krankenhäusern geäußert.

Dennoch, Kulturstätten sind Zeugnisse der Geschichte und der Identität eines Volkes und das Wissen darüber ist Bildung. Die Zielsetzung des Kulturministeriums ist das Bewusstsein der Bevölkerung für die eignen Kultur zu stärken. Das Bewusstsein einer gemeinsamen kulturellen Vergangenheit kann ein Schritt auf dem Weg der Einigung des Vielvölkerstaates Afghanistan darstellen. Zu der Kulturgeschichte Afghanistans zählt nicht nur die islamische Epoche. Durch die Lage an den wichtigsten Handelsrouten war und ist Afghanistan ein Land von reicher Zivilisation, der verschiedenen Religionen und Völkern. Dieses Wissen über die Vergangenheit und Kulturgeschichte zu vermitteln und somit eine Toleranz des Miteinanders zu fördern ist eine der Zielsetzungen des Ministeriums. Hierzu zählen auch die Wertschätzung und der Schutz von nichtislamischem Kulturerbe, wie beispielsweise buddhistischen Monumenten. Die Sammlung des National Museums in Kabul war eine der bedeutendsten Sammlungen in der Region. Afghanen sind stolz auf ihre Kultur, sehr zu Recht.

Hinzu kommt, dass es an Orten fehlt wo Freizeit gestaltet werden kann. Parks zum picknick, Museen zum Besuch mit den Familien, ein Wunsch nach „Schönem“ in den wirklich harten alltäglichen Leben.

Als ich nach den EID Feiertagen meinen Fahrer fragte, wie er die Feiertage mit seiner Familie verbracht habe, antwortete er mir; „Was sollen wir schon gemacht haben, es gibt keinen Ort für Freizeit mit der Familie, kann nicht mal in Parks, den Zoo oder andere Freizeitstätten Geld investiert werden.“

L.I.S.A.: Wie wird die Zusammenarbeit in Zukunft aussehen? Wird das Engagement deutscher Experten in Afghanistan auf Dauer nötig sein?



Annen: Die meisten der Projekte sind auf viele Jahre angelegt. Die Museumspartnerschaft mit einer Kulturinstitution der westlichen Welt soll beispielsweise über drei Jahre laufen. Capacity Building macht nur mit Kontinuität Sinn. Expertenhilfe wird in den kommenden Jahren benötigt, umso mehr wenn sich die Lage stabilisiert und es möglich sein wird in allen Provinzen zu arbeiten. Nicht zuletzt braucht es Zeit einander kennen zu lernen, um die Arbeit gemeinsam anzugehen. Auch wir ausländische Experten haben zunächst einmal so einiges zu lernen und es werden viele Tees getrunken, bevor man gemeinsam die Probleme angeht. Voraussetzung für das Miteinander ist Vertrauen und das geht nicht von heute auf morgen, präsent sein, Alltag teilen und immer wieder her kommen.

|Susanne Annen, wdr.de|

Susanne Annen hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar erstellen

YMBGVF