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Dr. Ursula Brosseder | 02.11.2011 | 1708 Aufrufe | Artikel

Archäologie in der Mongolei

Eine traumhaft schöne, weite Steppenlandschaft, freundliche Menschen, ein auf das Wesentliche reduzierte Leben im Camp, zahllose faszinierende, teils riesige archäologische Monumente und viele spannende Fragen, das ist der Reiz, den Archäologie in der Mongolei auf mich, aber auch auf viele Andere der internationalen Forschergemeinde ausübt.

Mongolei: Landschaft und Monumente soweit das Auge reicht.

In der Mongolei kann man einerseits noch Grundlagenforschung im besten Sinne betreiben und andererseits gleichzeitig neue Erkenntnisse gewinnen, die die Geschichte der Alten Welt, auch Europas, betreffen. Auf der Welt gibt es nicht viele Orte, an denen sich dies miteinander so ideal verknüpfen lässt.

Zwar wussten bereits die frühen Forschungsreisenden des 18. und 19. Jahrhunderts Erstaunliches aus der Mongolei zu berichten, doch erst die Ergebnisse größerer mongolischer und russischer Ausgrabungen am Anfang des 20. Jahrhunderts ließen das Potential, das der Raum zwischen China, Sibirien und Zentralasien für die Erforschung der Geschichte bietet, erkennen. Gemessen an der Größe des Landes – die Mongolei ist mit etwa 1.500.000 km2 viereinhalb Mal so groß wie Deutschland, hat aber nur etwa 2,75 Millionen Einwohner – ist bislang noch viel zu wenig geschehen. Seit der politischen Wende im Jahre 1990 ist die Mongolei nun auch für internationale Forschergruppen aus dem Westen und dem Fernen Osten zugänglich. Die Universität Bonn hatte, zusammen mit dem DAI, von Anfang an das Privileg, im Rahmen der „Mongolisch-Deutschen Karakorum-Expedition“ im Herzen der Mongolei, in der von Dschingis Khan gegründeten Hauptstadt Karakorum im Orchontal, Ausgrabungen durchzuführen und an der Erforschung des Entstehens von Großreichen in den eurasischen Steppen mitzuwirken.

Xiongnu - das erste reiternomadische Steppenreich

Die Gründung von großen politischen Konföderationen, von Reichen in der Steppe, ist eine der faszinierendsten Forschungsfragen der eurasischen Archäologie, scheint der Schritt von in Jurten lebenden, nomadisierenden Hirten bis hin zur Errichtung und Verwaltung von Großreichen auf den ersten Blick unverständlich groß.
Ich selbst beschäftige mich mit der Archäologie der Xiongnu, die als erste Reiternomaden ein Großreich in Innerasien zwischen dem 3. Jh. v. Chr. und dem 2. Jh. n. Chr. errichteten. Ihre erfolgreiche Geschichte spiegelt sich in den langen Auseinandersetzungen mit dem südlich benachbarten Han-Reich Chinas wider. Dieses tat sich zunächst schwer und versuchte mit unterschiedlichen Taktiken der reiternomadischen Bedrohung aus dem Norden Herr zu werden: umfangreiche Geschenke, die zeitweise reine Tributzahlungen waren, Heiratsbeziehungen, Kriegführung, nichts wurde unversucht gelassen. Erst als die Xiongnu durch interne Konflikte geschwächt waren, gelang es den Chinesen und anderen Steppenvölkern, die Konföderation endgültig zu besiegen. Über die langwierigen Auseinandersetzungen mit den Xiongnu berichten die chinesischen Schriftquellen vergleichsweise ausführlich.
In den letzten zehn Jahren haben die intensiven archäologischen Forschungen zu den Xiongnu den Kenntnisstand erheblich verbessert, so dass heute das Reich der Xiongnu als das am besten erforschte Steppenreich gilt. Dazu beigetragen hat auch die von mir und meinem amerikanischen Kollegen organisierte, von der Silkroad Foundation geförderte Tagung „International Conference on Xiongnu Archaeology“, die Ende 2008 in Ulaanbaatar stattfand. In der Publikation zu der Tagung, deren Drucklegung maßgeblich von der Gerda Henkel Stiftung unterstützt wurde, ist der Stand der Forschung nun erstmals auf Englisch zugänglich.

Forschung zu den Grundlagen: absolute Kalenderdaten

Trotz des vergleichsweise guten Forschungsstandes zur Xiongnu-Zeit ist im Bereich der Grundlagenforschung noch einiges zu leisten. Absolute Kalenderdaten für die Archäologie der Xiongnu wurden bislang im Wesentlichen anhand der chinesischen Schriftquellen und anhand der Datierung chinesischer Fremdgüter gewonnen. Wie die lange Geschichte der frühmittelalterlichen Archäologie Europas zeigt, ist eine derart einseitige Sichtweise keineswegs ausreichend, um kulturellen Wandel adäquat zu verstehen. In einem von der Gerda Henkel Stiftung geförderten Projekt (2008-2010) zur Gewinnung absoluter Kalenderdaten mit Hilfe einer umfangreichen Serie von Radiokarbondaten für xiongnu-zeitliche Kontexte, konnten neue Erkenntnisse gewonnen werden.

Herkunft der Proben zur Gewinnung von Radiokarbondaten

Die imposanten Prunkgräber der Xiongnu gehören fast ausnahmslos in das 1. Jahrhundert n. Chr., in eine Spätphase des Xiongnu-Reiches. Davon, welche Macht und welchen Reichtum die Elite der Xiongnu erreichte, vermitteln die Ausgrabungen in Gol Mod oder die von der Gerda Henkel Stiftung geförderten Forschungen in Noin-Ula. Offensichtlich war es erst in dieser Spätzeit notwendig geworden, die Elite in derart pompös angelegten Gräbern zu bestatten, ein Verhalten, das vermutlich ausgelöst und angespornt wurde durch interne Konkurrenz einerseits und intensive Kontakte mit China andererseits. Anhand der Schriftquellen lässt sich diese Veränderung im Verhalten nicht ablesen.
Während bislang sämtliche Gräber, deren materielle Kultur so aussah, als könnten sie den Xiongnu zugewiesen werden, in die Zeit bis zum politischen Ende des Steppenreiches, also bis spätestens an den Beginn des 2. Jahrhunderts datiert wurden, konnte mit Hilfe der Radiokarbondaten gezeigt werden, dass einige dieser Gräber auch noch in das 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. gehören, in eine Zeit also, nachdem die Xiongnu politisch bereits keine Rolle mehr spielten.
Eine ganz neue Richtung nahmen meine Forschungen, als ich entdeckte, dass die ältesten Daten, die mir das Radiokarbonlabor lieferte einen sogenannten Reservoireffekt aufzeigen. Die Daten, die aus Menschenknochen gewonnen wurden, sind um etliche hundert Jahre zu alt, wie ein Vergleich mit Daten aus Tierknochen und anderen Materialien zeigte. Reservoireffekte bei Radiokarbondatierungen können auftreten, wenn altes Karbon in die Nahrungskette gelangt. Dies ist beispielsweise bei einer fischreichen Ernährungsweise der Fall. Hier schließen sich derzeit weitere Untersuchungen an, die noch andauern. In jedem Fall rührt diese Untersuchung an einer Grundkonstante des in antiken Schriftquellen, chinesischen wie westlichen, kolportierten Topos über den Nomaden, der fortwährend auf dem Ross sitzt und sich ausschließlich von Fleisch ernährt, das er unter dem Sattel weich reitet. Über Fischerei erfahren wir aus den Schriftquellen nichts.

Ein neues Bild: Fischende Nomaden?

Ausblick

Trotz der intensiven Forschung zu den Xiongnu ist das Verständnis zur Genese des ersten Steppenreiches gering, was auch daran liegt, dass der Übergang von der Älteren Eisenzeit (skythisch geprägte Sachkultur) zur Jüngeren Eisenzeit (Xiongnu) in der Mongolei bislang nicht gezielt untersucht worden ist. Es bleibt also noch viel zu tun, vor allem wenn man bedenkt, dass die Xiongnu-Zeit nur ein kleiner Ausschnitt der Geschichte in der Mongolei ist. In allen anderen Perioden ist sogar noch mehr zu tun.

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