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Georgios Chatzoudis | 07/09/2015 | 1953 Views | Interviews

"Alternative zur bürgerlichen und kaisertreuen Turnerschaft"

Interview mit Christian Wolter über die Geschichte des Arbeiterfußballs

Die Ursprünge des Fußballsports werden meist mit Bildern von Grubenarbeitern und anderen Werktätigen in Verbindung gebracht. Dabei war Fußball anfangs ausschließlich ein Sport des Bürgertums und des Adels im 19. Jahrhundert. Erst nach 1900 geriet der Fußball auch in den Blickpunkt der Arbeiterschaft, verbunden mit dem Ziel, "das Angebot an deutschen Arbeiterorganisationen zu vervollständigen", wie der Sporthistoriker Christian Wolter im Zuge seiner Recherchen herausgefunden hat. Seine Forschung zum Arbeiterfußball ist in ein zuletzt erschienenes Buch eingeflossen, das eine Lücke in der Geschichte des Fußballs in Deutschland schließt. Wir haben ihm dazu unsere Fragen gestellt.

"Es fehlte eine umfassende Darstellung der Arbeiterfußball-Epoche"

L.I.S.A.: Herr Wolter, Sie haben ein Buch zum Arbeiterfußball in Berlin und Brandenburg von 1910 bis 1933 vorgelegt. Wie kamen Sie zu diesem Thema? Und was ist die Leitfrage Ihrer Studie?

Wolter: Auf das Thema kam ich bei der Arbeit zu meinem Buch "Rasen der Leidenschaften" über die Fußballstadien von Berlin. Dabei stieß ich immer wieder auf das Phänomen Arbeiterfußball, und es fiel mir auf, dass es zu dieser einstigen Massenbewegung noch keine umfassende und an ein breites Publikum gerichtete Darstellung gab. Die bisherige Literatur zum Arbeitersport wandte sich eher an Politologen als an den normalen Fußballfan mit geschichtlichem Interesse. Es fehlte eine umfassende Darstellung der Arbeiterfußball-Epoche von seinen Anfängen in der Kaiserzeit bis zum Ende 1933 und den Nachwirkungen sowie der Blick in den Alltag der Arbeitersportler. Wie sah das Vereinsleben in so einem Verein aus? Welche Fankultur brachte der Arbeiterfußball hervor? Welche Wechselbeziehungen gibt es zum DFB-Fußball?

Es gab auch noch kaum belastbare Statistiken und Meistertafeln für die einzelnen deutschen Teilgebiete und nur wenige bekannte Spieler- und Vereinsschicksale. Dann interessierten mich auch die Übereinstimmungen und Unterschiede der Spielsysteme, der Vereinsnamen und -embleme im Vergleich zum DFB. Und es fanden sich in den Quellen viele schöne Geschichten, Anekdoten und auch der eine oder andere Treppenwitz. Eben alles das, was die Faszination am Fußball schon immer ausgemacht hat - neben dem Spiel das gesamte Drumherum, das im Arbeiterfußball genauso lebendig war wie im DFB-Fuball seiner Zeit.

"Offiziell bekannte sich der Arbeiter-Turnerbund nicht zu politischen Zielen"

L.I.S.A.: Der Fußballsport galt lange als bürgerliche Sportart. Wann und warum bildete sich der Arbeiterfußball heraus? Welche Rolle spielte dabei die Arbeiterbewegung seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts? Wie hat sie den Fußballsport ideologisch gerechtfertigt?

Wolter: Da man zum Sporttreiben Freizeit und auch etwas Geld benötigt, hatten Adel und Bürgertum etwas Vorsprung auf diesem Gebiet. Das moderne Fußballspiel entstand zudem an englischen Privatschulen und Universitäten. Von 1872 bis 1882 gewannen nur gutbürgerliche Amateurvereine den englischen FA-Cup. Im Jahr darauf gelang mit Blackburn Olympic erstmals einem Team aus proletarischen Profi-Spielern dieser Erfolg. Dies markierte für den Fußball eine Wende, er entwickelte sich nun rasch zum Lieblingsspiel der Massen. Nach Blackburn Olympic gewann nie mehr ein Verein den FA-Cup, dessen Spieler so begütert waren, dass sie zur gesellschaftlichen Abgrenzung Sportamateure bleiben konnten.

Den Arbeiterfußball in unserem Sinne, also Fußball unter dem Dach eines proletarischen Sportverbandes gab es zuerst 1910 im deutschen Arbeiter-Turnerbund (ATB). Der ATB war angetreten, um das Angebot an deutschen Arbeiterorganisationen zu vervollständigen - eine Alternative zur bürgerlichen und kaisertreuen Deutschen Turnerschaft. Den Fußball nahm man ziemlich spät ins Programm, vor allem aus der Notwendigkeit, für die Jugend attraktiver zu werden. Der DFB existierte damals schon zehn Jahre und hatte bereits Meisterschaften, Länderpokale und Länderspiele ausgetragen.

Offiziell bekannte sich der ATB nicht zu politischen Zielen, da er sonst als politische Organisation eingestuft worden wäre. Er hätte somit keine Jugendabteilungen führen dürfen und es hätte die Verweigerung von öffentlichen Plätzen und Turnhallen gedroht. Tatsächlich kam es immer wieder zu solchen Benachteiligungen gegen einzelne Vereine, ab 1913 dann flächendeckend. Nach Kriegsbeginn wurden diese Erschwernisse im Zuge der Burgfriedenpolitik allerdings wieder zurück genommen.

Mit der Novemberrevolution kam die rechtliche Gleichstellung mit den anderen Sportverbänden. Der ATB, der 1919 in Arbeiter-Turn- und Sportbund (ATSB) umbenannt worden war, blieb SPD-nah und bekannte sich zum Sozialismus als seinem politischen Ziel - auf dem Wege der Evolution, nicht der Revolution. Dies führte natürlich zum Konflikt mit der kommunistischen Minderheit, so dass sich die Arbeitersportbewegung 1928 spaltete. Der ATSB bekannte sich nun offensiver zur SPD, während die neu entstandene Kampfgemeinschaft (KG) für Rote Sporteinheit, kurz Rotsport, von KPD-Funktionären geleitet wurde.

Der ATSB war in der Weimarer Zeit durchaus populär und anerkannt, so gab z. B. die Reichspost zum 2. ATSB-Turn- und Sportfest 1929 in Nürnberg einen Sonderstempel heraus. Und der ATSB-Fußballmeister von 1920, der TSV Fürth, wurde am Bahnhof von tausenden Gratulanten begrüßt und sogar im Rathaus vom linksliberalen Bürgermeister empfangen. In Hochburgen wie Leipzig und Dresden gab es zweitweise etwa gleich viele Arbeiter- wie DFB-Fußballer.

Der kommunistische Sportverband blieb dagegen ein Pariah, dem auch sozialdemokratische Kommunalpolitiker durch den Entzug von Sportanlagen und Fahrpreisermäßigungen Steine in den Weg legte. In der Endzeit der Weimarer Republik gehörte der ATSB zur Eisernen Front, der kommunistische Sportverband unterstützte natürlich den Rotfrontkämpfer-Bund und die "Antifaschistische Aktion".

"Die Heeresleitung förderte das Fußballspiel unter den Soldaten"

L.I.S.A.: Sie beginnen Ihre Studie mit 1910 und befassen sich dann auch mit dem Fußball im Ersten Weltkrieg. Wer spielte während des Krieges wann und wo Fußball? Wie stand die Heeresleitung dazu?

Wolter: Im August 1914 wurden zunächst alle Sportwettbewerbe gestoppt - im bürgerlichen wie im Arbeitersport. Da sich aber bald eine längere Kriegsdauer abzeichnete, liefen im Herbst 1914 die Meisterschaften im DFB wieder an. Man beschränkte sich allerdings auf regionale "Kriegsmeisterschaften". Der DFB-Meister wurde erst 1920 wieder ermittelt und so lange auch keine Länderspiele ausgetragen. Im Berliner Arbeiterfußball trug man bis Ende 1918 nur Spiele ohne Punktvergabe aus.

Fußballer im Krieg wurden von minderjährigen Nachwuchsspielern oder Gastspielern, meist vor Ort weilenden Soldaten, ersetzt. Die Heeresleitung förderte das Fußballspiel unter den Soldaten, denn es war ein preiswertes Vergnügen und half die Moral der Truppe zu erhalten. In den Fußballzeitungen jener Jahrgänge wurden jene Hersteller von Fußbällen lobend erwähnt, die ihre Produkte den Soldaten spendeten.

Kaiser Wilhelm II. war dem Fußball übrigens auch durchaus zugetan. Bereits zu Weihnachten 1905 vermachte er dem Königlichen Militärwaisenhaus in Potsdam 28 Fußbälle, für jede Kinderkompagnie einen. Und der Kronprinz stiftete wenig später den nach ihm benannten Pokal für die Auswahlmannschaften der DFB-Regionalverbände - bis zur Einführung des heutigen DFB-Pokals war das der zweitwichtigste Wettbewerb nach der DFB-Meisterschaft.

"Im DFB-Bereich blieb die Weimarer Zeit eine Hochzeit der Fußballrandale"

L.I.S.A.: Sie zeigen, wie sich der Fußballsport in der Kaiserzeit in einen bürgerlichen und einen proletarischen Flügel aufspaltete. Worin unterschieden sich die beiden Ausprägungen? Was waren die typischen Attribute des Arbeiterfußballs? Und warum setzte sich am Ende die bürgerliche Variante durch?  

Wolter: Im Arbeiterfußball wurden Aktive und Zuschauer von der ATSB-Presse dazu angehalten, Fairness walten zu lassen. Die Spieler sollten auf die Gesundheit des Gegners achten, der ja am Montag wieder arbeitsfähig sein musste. Außerdem versuchte man sie dazu erziehen, sich auf dem Spielfeld möglichst wortlos zu verständigen und Schiedsrichterentscheidungen zu akzeptieren. Natürlich klappte das in der Realität nicht immer. Besonders in den ersten Jahren der Weimarer Republik, als die Zuschauermengen schneller wuchsen als ihr Sachverstand, die Leute noch von ihren brutalen Fronterlebnissen geprägt und fähige Schiedsrichter noch dünn gesät waren, gab es auch im Arbeiterfußball ab und zu Ausschreitungen und Spielabbrüche, auch wegen sich gegenseitig verprügelnder Spieler. Das flachte dann ab etwa 1922 wieder ab, hörte aber auch nie ganz auf. Im normalen Punktspielbetrieb schlug auch im ATSB und der KG immer wieder der Vereinsfanatismus durch.

Im DFB-Bereich blieb die Weimarer Zeit eine Hochzeit der Fußballrandale, auch die Spieler schienen hier weniger Rücksicht auf ihre Gegner zu nehmen. Das kann man noch gut in den Spielberichte zu den DFB-Endspielen jener Zeit nachlesen. Es ging um viel Prestige und auch um materielle Vorteile, außerdem gab es noch keine gelben und roten Karten zur Disziplinierung.

Tatsächlich gab es in der bürgerlichen Presse auch immer wieder einmal Lob für die Fairness der Arbeiterfußballer und deren Zuschauer, zumindest bei End- und Länderspielen. Auch dass man mit dem alten Erbfeind Frankreich eher als der DFB wieder in Sportkontakt trat, wurde anerkannt. Ebenso, dass die Arbeitersportler schon 1925 zur ersten Arbeiterolympiade die ehemaligen Kriegsgegner vereinten, während Deutschland im bürgerlichen Sport erst 1928 wieder an Olympischen Spielen teilnehmen durfte.

"In Ostdeutschland lebte der Arbeitersport nicht mehr auf"

L.I.S.A.: Heute findet der Fußballsport in Deutschland von der Kreisklasse C bis zur 1. Bundesliga unter der Ägide des Deutschen Fußballbundes (DFB) statt. Gibt es eigentlich auch noch alternative Fußballorganisationen mit laufendem Spielbetrieb? Ist der Verbundenheit zwischen aktivem Fußball und DFB in Stein gemeißelt oder können Sie sich auch ein Szenario vorstellen, in dem dem DFB Konkurrenz erwachsen könnte?

Wolter: In Westdeutschland waren sich die damaligen Sportfunktionäre der Weimarer Zeit ziemlich einig darin, dass die einstige Zersplitterung der Sportbewegung ein Fehler war, der sich nicht wiederholen durfte. Es wurden zwar etliche, der von den Nazis verbotene Fußballvereine, wiedergegründet, die sich aber alle in den DFB eingliederten. In Ostdeutschland lebte der Arbeitersport nicht mehr auf, weil dort der Sport nach sowjetischem Vorbild neu aufgebaut werden musste, also in Massenorganisationen, die an Betriebe und Ministerien angeschlossen waren. Auch passten die alten Vereine nicht in dieses Konzept, weil sie, egal ob bürgerlich oder proletarisch, vor 1933 demokratisch organisiert waren und die Mitglieder bis dahin über alle ihre Vereinsbelange selbst hatten entscheiden dürften. 

Soweit ich weiß, sind alle Freizeitligen, der Betriebsfußball, die Kirchen- und die Bunten Ligen unter dem Dach des DFB zusammengefasst. Ich glaube auch nicht, dass sich sehr viele Leute nach einem Konkurrenzverband zum DFB, der ja immerhin vierfacher Weltmeister ist, sehnen.

Christian Wolter hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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