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Georgios Chatzoudis | 14.04.2011 | 2457 Aufrufe | Interviews

Arabischer Wandel - "Parteien spielen marginale Rolle"

Interview mit Dr. Sabine Damir-Geilsdorf

Dr. Sabine Damir-Geilsdorf ist Islamwissenschaftlerin und Privatdozentin in der Abteilung für Islamwissenschaften der Universität Bonn. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen unter anderem religiös-politische Bewegungen und die Entwicklungen des islamischen Rechts. Zurzeit arbeitet sie an einem Forschungsprojekt über Scharia-Konzepte und Reformagenden verschiedener religiös-politischer Bewegungen.

Das Projekt wird von der Gerda Henkel-Stiftung gefördert.

Dr. Sabine Damir-Geilsdorf, Privatdozentin in der Abteilung für Islamwissenschaften der Universität Bonn

L.I.S.A.: Wie würden Sie aktuellen Ereignisse in den arabischen Ländern begrifflich umschreiben - Protest, Aufruhr oder gar Revolution?

Dr. Damir-Geilsdorf: In den verschiedenen arabischen Ländern verlaufen die Proteste unterschiedlich. Ich bin keine Politikwissenschaftlerin, sondern Islamwissenschaftlerin, aber nach gängigen soziologischen und politikwissenschaftlichen Definitionen bewirken Revolution tiefgreifende strukturelle Veränderungen in politischer und gesellschaftlicher Hinsicht. Das ist aber immer ein längerer Prozess. In Ägypten und Tunesien wird es kein Zurück mehr zu alten Strukturen geben, auch in anderen Ländern wurden Konzessionen an die Protestierenden gemacht, die sich schwerlich wieder rückgängig machen lassen. Ob und wie aber nachhaltige Umwälzungen in den einzelnen Ländern stattfinden, so dass man tatsächlich von Revolutionen sprechen könnte, muss man jedoch erst abwarten. Daher sind Begriffe wie Revolten, Proteste oder Unruhen zumindest für die Entwicklungen in Ländern wie Saudi-Arabien, Syrien, Jemen und Bahrain momentan wohl angemessener.

L.I.S.A.: Welche Rolle spielen politische Parteien in der aktuellen Entwicklung? Wie kanalisieren sich die politischen Forderungen der Oppositionellen?

Dr. Damir-Geilsdorf: Einzelne Parteien spielen eher eine marginale Rolle, auch wenn diese natürlich ihre eigenen Standpunkte haben und die Entwicklungen unterstützen oder boykottieren. Aufgerufen zu den Protesten und daran teilgenommen haben ganz unterschiedliche Teile der Bevölkerung, eine sehr große Rolle spielen verschiedene Jugendbewegungen, aber auch Netzwerke von Menschen, die Menschenrechte und Demokratie einfordern. In Ägypten waren und sind auch Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegungen sehr zentral. Die ägyptische Muslimbruderschaft hatte die Demonstrationen unterstützt, sich aber zunächst sehr in den Hintergrund gestellt. In Bahrain hingegen gab es ein Bündnis von sieben Oppositionsparteien, die mit Jugendgruppen und verschiedenen Vereinigungen und Netzwerken zu den Demonstrationen aufgerufen hatten. Zu diesen sieben Parteien gehört die schiitische al-Wifaq al-watani al-islami („Nationale Islamische Eintracht“), die 2010 bei den Parlamentswahlen 18 von 40 Sitzen erlangt hatte und nun in Reaktion auf die brutale Niederschlagung der Demonstranten durch die Sicherheitskräfte ihre Arbeit im Parlament ausgesetzt hat. Es gehören aber nicht nur schiitische Parteien dazu, sondern auch nicht religiös ausgerichtete wie die politisch links stehende al-Amal al-watani al-dimuqrati/Wa’d („Nationale Demokratische Aktion/Versprechen“), deren Generalsekretär inhaftiert wurde. Hinzu kamen im Verlauf der Proteste andere Vereinigungen, die z.T. auch divergierende Forderungen haben.

L.I.S.A.: Wie schätzen Sie die Berichterstattung in den Medien hierzulande ein. Unterscheidet sie sich von der Berichterstattung in der arabischen Welt? Wie gut ist der Westen unterrichtet?

Dr. Damir-Geilsdorf: Die Ereignisse sind so schnell, dass Berichte immer etwas zeitverzögert erscheinen. Manchmal kommt es auch vor, dass sich Informationen widersprechen: Zahlenangaben von z.B. Toten und Verletzten, aber auch Hintergrundinformationen. Dies passiert aber in europäischen sowie arabischen Medien. Arabische Tageszeitungen und Nachrichtensender berichten oft ausführlicher und mehr als europäische. Schlechte Berichte, aber auch wirklich informative mit Hintergrundinformationen habe ich jedoch sowohl in europäischen als auch arabischen Zeitungen gelesen. Daher würde ich nicht sagen, dass arabische Medien grundsätzlich immer besser informieren. Sucht man etwa in saudischen, syrischen oder bahrainischen Tageszeitungen nach Hintergrundberichten über die Proteste vor Ort, erhält man entweder gar keine Informationen oder von der Regierung gefärbte Versionen, die die Demonstranten als gesellschaftsschädigende, terroristische Umstürzler diffamieren. Das hat natürlichen keinen informativen Wert. Genauso wenig aber auch einige Berichte in deutschen Zeitungen, die Ängste schüren vor „dem“ Islam, der nun etwa in Ägypten durch den Einfluss der Muslimbruderschaft einen gefährlichen Einfluss auf die Politik haben könne. So wie es große Unterschiede innerhalb deutscher Medien gibt, gibt es die natürlich auch in arabischen Ländern. Aus meiner Sicht lassen sich hier –wie auch auf anderen Ebenen – keine fundamentalen Unterschiede zwischen Medien aus „dem Westen“ und „der arabischen Welt“ festschreiben. Viele Menschen in arabischen Ländern informieren sich auch über englischsprachige „westliche“ Medien oder das arabische BBC. Umgekehrt informieren sich Menschen in europäischen Ländern auch über al-Jazeera in der englischen Version. Überall basiert ein großer Teil der Berichterstattung auf internationalen Nachrichtenagenturen, so dass arabische Medien Reuters, France-Presse und ähnliche Quellen zitieren, „westliche“ Medien auch arabische Nachrichtenagenturen wie al-Jazeera oder al-Arabiyya.

L.I.S.A.: Welche Quellen bevorzugen Sie, um sich über die aktuelle Entwicklung zu informieren?

Dr. Damir-Geilsdorf: Welche Quellen ich mir anschaue, um mich zu informieren, hängt immer mit dem Zeitaufwand zusammen, den ich aufbringen möchte und kann. Eine Tageszeitung ist das Minimum. Wenn ich zu einzelnen Ländern oder Ereignissen etwas Genaueres wissen möchte, suche ich – je nach Zeit – in Newstickern, anderen europäischen und arabischen Zeitungen, al-Jazeera, arabisches BBC, Newslettern und Angeboten wie qantara und inamo. Sehr interessant finde ich es, in den facebook-Gruppen der Protestierenden zu lesen. Dort kann man sich in den oft kontrovers geführten Debatten, persönlichen Kommentaren, Videos und Bildern, die Mitglieder posten, einen guten Eindruck von der Stimmung und den Anliegen der Menschen vor Ort machen.

L.I.S.A.: Welche Bedeutung kommt bei der Verbreitung von Information aber auch bei der Organisation von Widerstand den neuen Medien zu - Internet, Facebook, Twitter etc.?

Dr. Damir-Geilsdorf: Die neuen Medien tragen sicherlich dazu bei, Informationen weiterzugeben sowie den Widerstand zu organisieren. Viele Einzelheiten der Organisation (wann und wo eine Demonstration stattfindet), aber auch Informationen über ihren Verlauf (Reden und Ereignisse dabei) wurden und werden über Facebook verbreitet. Die Facebook-Seite der bahrainischen Partei al-Wifaq al-watani al-islami („Nationale Islamische Eintracht“) etwa diente nach der ersten brutalen Niederschlagung der Proteste am 16.02.2011 auch als Lost-and-Found-Börse. Hier wurden Vermisstenlisten organisiert, es gab aber auch Meldungen von Menschen, die kleine Kinder ohne Eltern nach der Räumung des Perlen-Platzes aufgegriffen hatten und den Angehörigen ihre Kontaktdaten mitteilten. Unabhängig davon gab es aber auch reale Vernetzungen und Strukturen auch außerhalb der Welt von Facebook und Twitter. Es riefen ja nicht plötzlich ein paar Menschen in Facebook zu Protesten auf und dann schlossen sich Tausende einfach so an. Auch vorher gab es in diesen Ländern Blogger, die schon seit Jahren über Internet ihre Unzufriedenheit artikulierten und gelesen wurden. Unzufriedenheit mit den herrschenden Verhältnissen und massiven politischen Repressionen hatte sich jahrelang aufgestaut. In den meisten Ländern gab es auch in den vergangenen Jahren immer wiederkehrende Proteste in Form von Demonstrationen, Streiks etc. und es haben sich verschiedene Netzwerke herausgebildet, die jetzt Trägergruppen der Revolten sind.

L.I.S.A.: Wie beurteilen Sie das militärische Eingreifen des Westens in Libyen? Nützt oder schadet es der Entwicklung?

Dr. Damir-Geilsdorf: Das ist eine sehr schwierige Frage, auf die es vermutlich keine einfache oder definitive Antwort geben kann. Ob das militärische Eingreifen nützt oder schadet, wird sich erst später herausstellen und kommt darauf an, wie sich die Situation in Libyen weiterentwickelt. Viele Menschen waren für die Flugverbotszone, auch die Arabische Liga, obwohl deutlich war, dass ihre Durchsetzung auch militärische Schläge gegen die libysche Luftabwehr und libysche militärische Einrichtungen umfassen würde. Nun, nachdem auch Zivilisten getroffen wurden, reagiert nicht nur die Arabische Liga entsetzt und kritisiert die Koalitionstruppen, weil in der UN-Resolution die Rede vom Schutz der Zivilisten ist. In der Vergangenheit wurde westliches Eingreifen in Afghanistan und dem Irak von vielen Menschen als Krieg empfunden, den der Westen aus eigenen Interessen führt. Das hat der Glaubwürdigkeit westlicher Staaten stark geschadet. Die Glaubwürdigkeit westlicher Staaten ist ohnehin mehr als angekratzt durch jahrelange Freundschaften mit Despoten, um „Stabilität“ in der Region zu garantieren bzw. eigene wirtschaftliche und politische Interessen zu sichern. Dass ausgerechnet Frankreich bei dem Militäreinsatz vorpreschte, nachdem kurz vorher Gaddafis Finanzspritze für Sarkozys Wahlkampf Schlagzeilen machte, wirkt auch nicht grade vertrauensbildend. Es gibt weder „saubere“ Kriege noch Militärschläge, so dass es unweigerlich auch zu Toten und Verletzten unter der Zivilbevölkerung kommt. Das ist natürlich furchtbar. Auch die Gefahr, dass westliche Staaten in interne Konflikte und Machtkämpfende zwischen rivalisierenden Gruppen verwickelt werden ist groß. Zuschauen, wie Gaddafi sein Volk niedermetzelt, kann man jedoch aus meiner Sicht auch nicht. Es kommt wohl darauf an, dass westliche Staaten deutlich zeigen, dass es nicht um die Sicherung von Öl geht und vor allem Aktionen auch mit der Arabischen Liga abgestimmt werden und es keine rein westliche Einmischung ist. Und das ist sicher alles andere als leicht, denn dann stellt sich auch die Frage, ob Libyen ein Präzedenzfall für weitere Länder sein könnte.

Dr. Sabine Damir-Geilsdorf hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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