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Georgios Chatzoudis | 23.09.2017 | 1201 Aufrufe | Artikel

Andreas Körber zur Debatte um "Deutsche Kultur"

Ein Meinungsbeitrag

Der Leiter des Arbeitsbereichs Geschichtsdidaktik an der Universität Hamburg, Prof. Dr. Andreas Körber, hat bereits gestern den Debattenbeitrag von Prof. Dr. Jörn Rüsen über die Existenz oder Nicht-Exstenz einer deutschen Kultur im L.I.S.A.Kommentarbereich besprochen. Da sein Kommentar in der gegenwärtigen Debatte eine neue Dimension des Kulturbegriffs aufmacht, haben wir uns entschieden, seine Überlegungen hier als eigenständigen Beitrag erscheinen zu lassen. Darüber hinaus knüpft er an den Meinungsbeitrag von Prof. Dr. Dieter Brochmeyer an.

Kommentar von Prof. Dr. Andreas Körber

Ich denke, man sollte zwischen mehreren Konzepten und auch Gebrauchsweisen von "Kultur" unterscheiden und jeweils prüfen, inwiefern das eigene Verständnis mit dem der anderen übereinstimmt - das gilt für Aydan Özoguz ebenso wie für Jörn Rüsen, und auch für diejenigen, die wiederum auf einen Beitrag reagieren, mich eingeschlossen.

Ein geschlossener, hermetischer Kulturbegriff, der Individuen nur als Angehörige einer einzigen Kultur begreifen kann und diese als in sich homogen, sollte spätestens mit dem Kulturkonzept von (u.a.) Klaus-Peter Hansen und Stefanie Rathje überwunden sein wie auch nach der Einsicht von Wolfgang Welsch (1999) in seinem Trans-Kultur-Konzept. Kultur(en) sind somit immer in einem (gewissermaßen inneren wie äußeren) Plural zu denken: Jede(r) von uns hat mit jeweils unterschiedlichen anderen Menschen Gemeinsamkeiten kultureller Art, die sich Sozialisationsprozessen und historischen "Prägungen" verdanken - und andere mit anderen. Jede(r) von uns ist also "multilokalisiert" und "multikollektiv" - und das ist auch noch deutlich veränderlich. Aus dieser Perspektive ist jegliche Verwendung von "Kultur" im Sinne einer Vereinnahmung, eines Anspruchs an andere, ("gefälligst") so oder so zu sein, nicht tragbar.

Gleichzeitig gilt dieses Verständnis von Kultur zunächst einmal in analytischer Hinsicht: Wer diese Einsicht(en) gewonnen hat, kann nicht mehr davon ausgehen, dass aufgrund irgendeiner selbst oder fremd formulierten kulturellen "Zugehörigkeit" eine ganz bestimmte Art des Denkens, Fühlens, Glaubens, Handelns und Wertens erwartet werden kann - und zwar nicht nur im Sinne von Verlangen oder Anspruch (s.o.), sondern auch im Sinne einer Mutmaßung, dass etwas so sei.

Gleichzeitig wäre es aber vermessen, angesichts dieser analytischen Einsicht in die Multidimensionalität und Konstruktivität von Kultur(en) davon auszugehen, dass Vorstellungen von Gemeinsamkeiten kultureller Art letztlich reine Phantasieprodukte und letztlich unwirksam seien und dass kulturelle Identitäten, die Menschen nutzen, ihnen ausgeredet werden müssten. Man kann eben auch nicht zu einem Menschen beispielsweise aus Israel sagen, er habe keine jüdische Kultur, das sei Einbildung, er (oder sie) solle das vergessen. "Kultur(en)" sind eben nicht nur analytische Konzepte, sondern wirksame Denkmuster (ich sage: Sinnbildungsmuster; vgl.Körber 2010) der Vergesellschaftung.

Die Wirksamkeit solcher Kulturvorstellungen beruht u.a. darauf, dass wir im Alltag durchaus wahrnehmen, dass unsere kulturellen Standards, also diejenigen Aspekte des Denkens, Welt-Wahrnehmens, Glaubens, Fühlens, etc., die insofern kontingent sind, als andere Menschen sie auch anders haben beziehungsweise tun können, die von uns im Alltag aber nicht immer reflektiert werden, weil sie gewissermaßen "selbstverständlich" geworden sind, dass diese Aspekte ja weder von allen Menschen einheitlich vollzogen werden (das ist in der Prämisse schon gesagt), aber auch nicht zufällig zwischen allen Individuen verteilt sind, sondern nach bestimmten "patterns", die etwas mit Sozialisation und Kommunikation sowie Gemeinsamkeit zu tun haben: Menschen, die enger miteinander kommunizieren, somit gemeinsame "Kulturalität(en)" zuzuschreiben, ist ein Akt der Sortierung der eigenen Wahrnehmungen und der Bildung von Sinn über die Erfahrung von Kontingenz.

Das hat mehrere Konsequenzen - insbesondere für Konzeptionen von Kulturen in gesellschaftlicher Kommunikation und für kulturelles Lernen. In diesem Zusammenhang würde ich fragen, ob man nicht unterscheiden muss zwischen mehreren Sprechweisen (1) über Kultur(en) insgesamt und (2) solche über "nationale" Kulturen:

zu (1): Macht es nicht einen Unterschied, ob ich den Begriff "Kultur" (a) analytisch gebrauche, um die Wahrnehmung von (partieller, s.o.) Gemeinsamkeit auszudrücken, um etwa festzustellen, dass die jeweilige (weil veränderliche) deutsche Gesellschaft durchaus bestimmte Gemeinsamkeiten im Umgang miteinander und mit der Welt ausgeprägt hat, die nicht nur sprachlicher Natur sind, oder ob ich ihn (b) in dem Sinne normativ gebrauche, dass ich bestimmte Formen des Umgangs mit Welt und Kontingenz in einer solchen Gesellschaft für wünschenswert und zu pflegen (kultivieren) halte, oder ob ich (c) sie in einem anderen Sinne normativ verwende, dass ich nämlich ihre Einhaltung einfordere mit der enthaltenen Drohung, eine Abweichung gewissermaßen als Grund für Exklusion aus der Gemeinschaft (oder für Strafen) zu verwenden?

Im Sinne von (c) von "deutscher" Kultur zu sprechen, dass daraus ein Exklusions- oder sanktionsbewehrter Anspruch an das Verhalten des Einzelnen abgeleitet wird (wer nicht xx so sieht/denkt/fühlt/glaubt/wertschätzt etc., wie "man" es "als" Angehörige(r) der Gruppe xx - hier: der "Deutschen" - tut, gehört nicht dazu, nicht hierher, sei zu deportieren, etc.) -, ist ein theoretisch unplausibler und auch unter humanistischen Gesichtspunkten unzulässiger Gebrauch des Kulturbegriffs. Dies ist der Kulturbegriff des "Leitkultur-Konzepts".

Dagegen: So propagieren, zu lehren, zu argumentieren, dass man angesichts bestimmter erkannter Gemeinsamkeiten bestimmte Dinge auf eine gewisse Art und Weise tun möge, sich zu bestimmten Dingen auf eine bestimmte Art verhalten möge, ist weniger problematisch - sofern damit keine Sanktion verbunden ist (s. 1b). Dieser normative Kulturbegriff ist sogar nötig. Nur mit ihm kann etwa formuliert werden, dass die Anerkennung der "Haftungsgemeinschaft" für die Folgen des Holocaust, die Anerkennung, dass "nach Auschwitz" nie gedacht werden darf als "ohne Berücksichtigung der Lehren von Auschwitz", zur deutschen Kultur gehört und gehören müsse. Man kann mit diesem Begriff natürlich ebenso "Goethe-Gesellschaften" und anderes als Bestandteile der "Kultur" reklamieren - und mit Beobachtungen tatsächlich etablierter Gemeinsamkeiten argumentieren -, aber das ist notwendiger Bestandteil eines nicht-vorschreibenden Kulturbegriffs: Wo ich vielfältige, sich durchdringende und überlappende, nicht aber in ihrer Gesamtheit verpflichtende Gemeinsamkeiten als Kultur(en) oder Kulturalitäten anerkenne, müssen sie auch normativ verhandelt werden können.

Das ist auch deshalb nötig, weil ich einen solchen Kulturbegriff eben nicht in Bezug auf "unsere"(?) "eigene"(?) Gesellschaft ablehnen dürfte. Ich müsste dann auch sagen, dass etwa die gemeinsamen Erfahrungen von Menschen mit "uns" und auch völlig abseits von uns keine (partialen!) Identitäten begründen können. Soll man, weil man keine deutsche Kultur anerkennen mag, auch sagen, es gäbe keine afroamerikanischen Kultur(en), keine Kultur(en) von Roma und Sinti etc.? Es tut also Not, zwischen analytischer und emphatisch zuschreibender Verwendung des Kulturbegriffs zu unterscheiden, ohne diese Gebrauchsweisen völlig voneinander zu trennen.

Bleibt noch Punkt (2): Vielleicht sollte man auch zwischen einer "deutschen Kultur" mit kleinem "d" unterscheiden und einem Gebrauch des Begriffs mit großem "D". Letzteres bezeichnete dann wohl den emphatisch-exkludierenden Begriff, der eine(!) Kultur postuliert und daraus Forderungen und Ansprüche an bestimmtes Verhalten und Denken ableitet. Dem ist wirklich entgegen zu treten.

Eine Feststellung, dass es kulturelle Formen, Gemeinsamkeiten des Denkens und Handelns, des Sich-Verhaltens gibt, die eben nicht irgendwo, sondern in Deutschland entstanden sind (und die eben auch nicht nur positiv sein müssen: der analytische Kulturbegriff greift auch "Un"-Kultur, also nicht zu kultivierende, sondern zu überwindende Gemeinsamkeiten), und für die man etwa von einer deutschen (nicht: "Deutschen") Erinnerungskultur etc. sprechen kann, ist m.E. gerechtfertigt,

Nun: In welchem Sinne hat Frau Özoguz das Konzept abgelehnt? Meint Sie: es gibt keine "Deutsche Kultur" mit großem D? Worüber sprechen die anderen? Und worüber ich?

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