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Lic. phil. Felix Engel | 28.11.2011 | 26617 Aufrufe | Artikel

American Anthropologists Abroad

Jahrestagung der AAA in Montreal: Occupy AAA, Anthropologie & Naturwissenschaften, Anthropologie der Gewalt
Wenn der angloamerikanische Sprachraum von Anthropology spricht, ist damit sowohl die (biologische) Anthropologie gemeint, als auch Archäologie, Ethnologie und Linguistik. Forschende aus allen diesen Feldern trafen sich vom 15. bis zum 20. November in Montreal (Quebec, Kanada) zur 110. Jahrestagung der American Anthropological Association (AAA) - und bewiesen einmal mehr, dass diese Felder weit sind.

Blick aus den getönten Fenstern des Kongresspalastes in Montreal.

Mit der Wahl des Tagungsortes begab sich die traditionsreiche und heute weltgrößte Vereinigung des Faches ausnahmsweise aus ihrem Heimatland, den Vereinigten Staaten, in die Nachbarschaft. Das Motto „Traces, Tidemarks and Legacies“ wurde allenthalben bemüht aufgegriffen, selbst wenn der Zusammenhang sich nur mit Mühen herstellen ließ. Interessanterweise schien es, als sei das Bild der Wasserstandmarken mit Abstand am unbeliebtesten. Die untersuchten Gesellschaften werden offensichtlich eher in Schnappschüssen festgehalten und seltener als dynamische Systeme begriffen. Ob sich diese Beobachtung allerdings auf die gesamte Tagung generalisieren lässt, kann angesichts des überwältigenden Angebotes an Veranstaltungen nicht beurteilt werden.

Das 580 Seiten starke Tagungsprogramm kann auf den unvoreingenommenen Besucher durchaus einschüchternd wirken. Allerdings sind die einzelnen Beiträge in thematisch meist eng umrissene Sitzungen gruppiert. So teilten sich die rund 6.300 Teilnehmenden auf überraschend kleine und effektive Arbeitsgruppen auf. Aus der zunächst unübersichtlichen Sammlung unterschiedlichster Themen konnte sich jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer bequem ein individuelles Tagungserlebnis zusammenstellen, welches das eigene Forschungsthema von sehr unterschiedlichen Seiten beleuchtete.

Statue der britischen Königin Victoria auf der Square Victoria in Montreal mit Dekorationen durch die Gruppe Occupons Montréal - inklusive Guy-Fawkes-Maske.

Besetzung im kulturkritischen Diskurs

Während die AAA im Palais des Congrès tagte, feierten die Aktivisten von Occuppons Montréal auf dem Square Victoria, zwei Straßen weiter, den ersten Monat der Platzbesetzung. Eine Gruppe junger AAA-Mitglieder schloss sich während der Tagung zu einer eigenen Aktionsgruppe zusammen, die sich mit dieser und allen anderen Occupy-Bewegungen solidarisch erklärte.

Unter Verwendung der basisdemokratischen Mittel dieser Bewegungen verständigte man sich auf einige grundlegende Anliegen, hatte aber Schwierigkeiten mit der Namensgebung. Die ursprüngliche Besetzung der Wall Street in New York fand auf Boden statt, der erst wenige Jahrhunderte zuvor besetzt worden war - und zwar von den Vorfahren eines Hauptteils der Occupy-Bewegung. Der Titel „Occupy AAA" wurde daher als Provokation gegenüber indigenen Bevölkerungsgruppen empfunden. Allerdings fand auch der Gegenvorschlag „Decolonize AAA" keine uneingeschränkte Befürwortung. Zum einen vermittelt er nicht den Zusammenhang mit der Occupy-Bewegung. Das schwerwiegendste Argument war jedoch, dass er „genauso klingt wie 99% der Sitzungstitel auf AAA-Tagungen".

Die Gruppe Occupy/Decolonize AAA hält mittlerweile über einen Listserver Kontakt und ist, auch eine Woche nach Tagungsende, ungebrochen aktiv. Die Zelte von Occupons Montréal wurden am 25. November unter überwältigendem Polizeiaufgebot abgebrochen, obwohl die etwa 50 verbliebenen Aktivistinnen und Aktivisten zuvor angekündigt hatten, lediglich gewaltfreien Widerstand leisten zu wollen.

Treffen der Gruppe Occupy/Decolonize AAA während der AAA Jahrestagung. Der sogenannte "Temperature Check" gehört zu den basisdemokratischen Werkzeugen der Occupy-Bewegung.

Wissenschaftsstreit – beigelegt oder verdrängt?

Die Spannungen der Tagung im vergangenen Jahr um die Streichung des Wortes „Naturwissenschaft“ aus einem Leitdokument der Gesellschaft (siehe L.I.S.A. vom 4. Feb. 2011) schienen dieses Mal – zumindest in den Veranstaltungen und den Korridoren – kein großes Thema mehr zu sein. Dies geht sicher darauf zurück, dass die Streichung schließlich rückgängig gemacht wurde. Als Geste der Aufarbeitung gab es am 17. November einen Runden Tisch unter dem Titel „Science in Antropology: An Open Discussion“. Bereits im Vorfeld der Tagung hatten biologische Anthropologen angemerkt, dass der Termin mit mehreren Veranstaltungen aus ihrem Fachgebiet kollidiere, so dass die Verfechter naturwissenschaftlicher Forschung unterrepräsentiert sein würden. Eine Verlegung des Termins war nicht mehr möglich, allerdings wurde sie aufgezeichnet und soll in Kürze öffentlich verfügbar gemacht werden. Zusammenfassungen des Treffens erschienen auf den Blogs Chronicle of Higher Education und Inside Higher ED. Eine abschließende Klärung der Unstimmigkeiten scheint nicht erfolgt zu sein. Angesichts der großen Bandbreite der AAA sind abweichende Paradigmen in der Mitgliederschaft allerdings kaum zu vermeiden und können nicht als unerträglicher Zustand gesehen werden. Wichtig ist, dass Toleranz gewahrt bleibt.

Tagungsteilnehmende in einem Korridor des Kongresspalastes in Montreal.

Transatlantische Annäherungen an Gewalt im archäologischen Kontext

Entsprechend meines Dissertationsthemas zu Spuren bewaffneter Konflikte besuchte ich in erster Linie Veranstaltungen zur Anthropologie der Gewalt und des Krieges. Aktiv nahm ich an der Sitzung „Body Parts and Parts of Bodies: The Traces of Violence in Cultures in Conflict“ teil, zu der Kolleginnen und Kollegen der Universität von Nevada aus Las Vegas (USA) eingeladen hatten. Dieses Institut profiliert sich unter der Leitung von Prof. Debra Martin seit einigen Jahren in der Untersuchung von Trauma an Skeletten aus archäologischen Zusammenhängen. Zwei Beiträge aus dieser Forschungsgruppe fassten die Analyse von Spuren, die durch Tracht und kosmetische Eingriffe an weiblichen Skeletten (Beitrag Pamela Stone) oder durch Folter (Beitrag Anna Osterholtz) verursacht wurden, zusammen.

Carlina de la Cova (University of South Carolina, USA) präsentierte einen weiteren Abschnitt ihrer Arbeit über spezifische Muster von Traumatisierungen in Skelettmaterial aus amerikanischen anatomischen Sammlungen des 19. Jahrhunderts. Zuvor hatte sie demonstriert, dass europäische Einwanderer häufiger Handverletzungen aus Boxkämpfen davontrugen, während diese Art sportlicher Konfliktaustragung unter Personen afrikanischer Abstammung nicht üblich war. Jetzt diskutierte sie anhand der weiblichen Individuen Traumatisierungen, wie sie häufig in den Hospitälern vorkamen, aus denen die Sammlungen ihr Material bezogen.

Eine Reihe von Fallstudien stellte Skelettmaterial bestehenden Forschungshypothesen gegenüber. Catherine Gaither (Metropolitan State College of Denver, USA) untersuchte an einem peruanischen Fundplatz Veränderungen in der Gewaltausübung gegen Minderjährige vor und nach der spanischen Eroberung. Gwen Robbins Schug (Appalachian State University, USA) widerlegte die bisherige Vorstellung eines friedlichen Zusammenlebens am südasiatischen Fundort Harappa. In einer Regionalstudie untersuchte Ryan Harrod (University of Nevada, Las Vegas, USA) schließlich mögliche Nachweise für eine „Pax Chaco“ während der Blütezeit eines Machtzentrums im Chaco Canyon in Colorado.

Ohne sich auf Informationen aus Skelettmaterial stützen zu können, gelang es Deni Seymour durch geschicktes Kombinieren unterschiedlichster archäologischer und historischer Quellen, das kolonialzeitliche Bild der O'odham Inidianer zu widerlegen, die als besonders unterwürfig und anpassungsfreudig dargestellt wurden. In einem anderen Fall konnten Cheryl Anderson und ihre Mitarbeitenden (University of Nevada, Las Vegas, USA) an Skelettmaterial eines Spanischen Fundorts Spuren von Misshandlungen einer lokalen Bevölkerung durch spanische Eroberer nachweisen, die bereits durch historische Quellen bekannt waren.

„Symbolische Kriegsführung“ ist ein beliebtes Thema in zusammenfassenden kulturanthropologischen Texten zu Krieg und Gewalt. Anhand eines Vergleichs frühmittelalterlicher irischer Sagas und Annalen auf der einen und Skelettmaterial aus zeitgenössischen archäologischen Fundkontexten auf der anderen Seite, konnte Rachel Scott (Arizona State University, USA) das Phänomen für diesen Zeitraum wahrscheinlich machen. Sie holte das Konzept auf diese Weise aus dem Bereich der ethnographischen Beobachtung heraus und gab eine Vorstellung davon, wie sich symbolische Kriegsführung strukturell äußern könnte. Ich selbst durfte einen Ausschnitt meiner Dissertationsarbeit zum frühmittelalterlichen Reihengräberfeld Lauchheim-Wasserfurche vorstellen, in dem ich die Variabilität von Traumafrequenzen in Abhängigkeit von Stichprobengröße und Materialerhaltung diskutierte.

Alle Beiträge einte ein weitgehend behutsamer Umgang mit dem Material, übertriebene Interpretationen auf schwacher Materialbasis kamen nicht vor. Reinhard Bernbeck (SUNY Binghampton, USA und Freie Universität Berlin), einer der drei Kommentatoren, die im Anschluss an die Sitzung die Ergebnisse resümierten, machte die Beobachtung, dass die beiden Beiträge über europäisches Material weniger Gewalttätigkeit sahen als jene über amerikanische Fundorte. Seiner Ansicht nach könne das nicht allein im Material selbst begründet sein, sondern müsse auch auf das regionale Forschungsumfeld zurückgehen. In der Tat äußerte sich ein weiterer Kommentator aus den USA, Richard Chacon (Winthrop University), vor allem erfreut darüber, dass viele Studien endlich mit dem Mythos der Friedfertigkeit indigener Bevölkerungen aufräumten. Bernbeck sprach darüber hinaus ein Forschungsdesideratum an: um Gewaltausübung in prähistorischen Bevölkerungen interpretieren zu können, müsse das Zwischenspiel struktureller und aktiver Gewaltausübung verstanden werden.

Gewaltausübung und Gewaltpotential

Auf dieses Themengebiet gingen viele der kulturanthropologischen Sitzungen zur Konfliktforschung ein. Unter dem Thema „Violence and Potentiality“ wurden Feldstudien aus ehemals gewalttätigen bzw. grundsätzlich gewaltbereiten Gruppen vorgestellt, die zur Zeit der Untersuchung allerdings nicht aktiv waren. Wenn man den Gedanken an Gewalt als mögliche Form politischer Einflussnahme zulässt, ist die Möglichkeit einer aktiven Gewaltausübung entscheidender als diese selbst. Sie begründet sogar die besondere Unsicherheit dieser Strategie, da die Konsequenzen gewaltsamer Auseinandersetzungen kaum einzuschätzen sind.

Dieser Punkt wurde häufig von den Vortragenden übersehen, die auf einer Sitzung unter dem Titel „The Possibilities of a Nonkilling Anthropology: Challenging the Apologists for War and Providing Reason and An Agenda for Peace“ vortrugen. Der Arbeitskreis geht auf die Schrift „Nonkilling Global Political Science“ von Glenn D. Paige (2002, zweite Auflage 2009) zurück. Der Autor wurde mit der Aussage zitiert, dass 99% der Weltbevölkerung sterben, ohne je einen Menschen getötet zu haben. Dies sollte die Schlussfolgerung nahe legen, dass Töten nicht als menschliches Normverhalten angenommen werden kann. Versteht man aktive Gewaltausübung jedoch als die Spitze eines Eisbergs strukturell verankerter Gewaltformen, so wären darin sehr viel größere Teile der Bevölkerung eingebunden.

Die Sitzung zum Paradigma der Tötungsfreiheit beinhaltete Studien an einer Reihe von als „friedlich“ eingestuften Bevölkerungen (vgl. die Website www.peacefulsocieties.org, die von einem der Teilnehmenden unterhalten wird). Entsprechend wurden in anderen Zusammenhängen Studien zu „kriegerischen“ Gruppen herangezogen. In der Ethnologie des Krieges scheint man sich dem kategorischen Denken bis heute nicht ganz entzogen zu haben, selbst bei einem Thema wie gesellschaftliche Gewaltpotentiale, das eigentlich ein Paradebeispiel für die Etablierung von „Wasserstandsmarken“ (wie im Titel der Tagung nahegelegt) wäre.

Forschungsinterventionen

Ein Dilemma etlicher Forschender in Projekten zu rezenten Konflikten scheint die eigene politische Positionierung zu sein. Viele Beiträge konnten sich einer klaren politischen Aussage in Bezug auf die untersuchten Zustände nicht enthalten. Ein gängiges Schlagwort war in diesem Zusammenhang „research intervention“. Forschungsergebnisse werden, noch während ihrer Herstellung, exklusiv Interessengruppen zur Verfügung gestellt, um sie bei der Durchsetzung ihrer Ansprüche zu unterstützen. Ob dies mit einem wissenschaftlichen Anspruch vereinbar ist, wurde an keiner Stelle diskutiert.

Häufig ist der Status der Untersuchungen nicht eindeutig geklärt. In der Sitzung „Down to Earth: Exhumations in the Contemporary World“ berichteten Anthropologinnen und Anthropologen, die bei der Freilegung von Massengräbern mitarbeiten. Streng genommen handelt es sich dabei um forensische Spurensicherung, also nicht primär um wissenschaftliche Projekte. In den meisten Fällen war die Legitimierung der Untersuchungen allerdings unklar. Die Arbeiten wurden weder im Rahmen eines lokalen, noch eines internationalen Prozessverfahrens durchgeführt. Die Ergebnisse dienten also nicht der allgemeinen Rechtsfindung, sondern wurden ausschließlich zur Verfolgung von Partikularinteressen verwendet. Den Vortragenden fiel es oft schwer, ihre Affiliation stringent darzustellen. Forschung wurde wechselnd durch Interessen des Rechts, der Opfer, oder gar der Wissenschaft motiviert. Ähnliche Konflikte traten allerdings auch bei traditionellen ethnographischen Feldstudien auf, bei denen die Forschenden zu tragenden Köpfen lokaler Politbewegungen wurden.

Dass Forschung in politisch brisantem Umfeld nicht notwendiger Weise selbst politisiert werden muss, zeigten einige Beiträge der Sitzung „Traces of Violence and Legacies of Conflict: Combining Material Evidence and Narrative Exchange for an Anthropology of Violent Encounters“. Sie befassten sich sowohl mit prähistorischen und historischen Epochen als auch mit Gegenwartsthemen. Zum Beispiel sammeln Jason Patrick De Leon (University of Michigan, USA) und seine Mitarbeiter systematisch Gegenstände und Spuren, die von Immigranten bei der illegalen Grenzüberschreitung in der Sonora-Wüste in Arizona zurückgelassen werden. Erella Grassiani (Vrije Universiteit, Niederlande) untersucht die Hinterlassenschaften israelischer Soldaten in den von ihnen besetzten palästinensischen Häusern. Diesen Studien gelang es, mit archäologischen Mitteln, Aspekte aktueller Konfliktsituationen nachzuzeichnen, wie es keine andere Quellengattung vermag. Die Aussagekraft dieser Artefakte kann sicher eine Ermunterung für Archäologen darstellen. Allerdings wären auch sie ohne Kenntnis des Umfelds, in dem sie entstanden, kaum zu interpretieren.

Das Programm der AAA-Jahrestagung kann im Webauftritt der Gesellschaft eingesehen werden (unter "2011 Preliminary Program"). Die Zusammenfassungen der Beiträge sind allerdings nur Teilnehmenden zugänglich.

Meine Teilnahme wurde durch die Gerda Henkel Stiftung und die AAA gefördert.

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