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Lennart Pieper | 04.09.2018 | 538 Aufrufe | Interviews

„Am Anfang war Napoleon“

Interview mit Paul Nolte über Thomas Nipperdeys "Deutsche Geschichte"

"Klassiker", "Standardwerk", "Opus magnum" – das sind einige der gängigen Urteile über Thomas Nipperdeys umfangreiche „Deutsche Geschichte“, die zwischen 1983 und 1992 in drei Bänden erschien. Der Historiker Paul Nolte hat sich nun das Werk herausgegriffen, um daran eine Analyse geisteswissenschaftlicher Wissensproduktion zu vollziehen. Herausgekommen ist dabei die „Biographie eines Buches“, wie der Untertitel von Noltes Monographie lautet. Was aber macht Nipperdeys Werk so bedeutsam, dass man ein ganzes Buch darüber schreibt? Inwieweit steht es exemplarisch für eine bestimmte Wissenschaftstradition und worin besteht sein nachhaltiger Wert?

Copyright (r.): Bernd Wannenmacher

"Meine eigene Biographie, um die Ecke gedacht"

L.I.S.A.: Herr Professor Nolte, Sie haben die „Biographie eines Buches“ geschrieben. Was versprachen Sie sich von dieser Herangehensweise und warum fiel Ihre Wahl auf Nipperdeys „Deutsche Geschichte“?

Prof. Nolte: Biographische Geschichtsschreibung boomt und hat auch mich, trotz meiner Herkunft aus der Sozialgeschichte der „Bielefelder Schule“, zunehmend gereizt. In der Biographie des Werkes spiegelt sich der Autor – also: Biographie „um die Ecke gedacht“. Aber dann ist da auch wieder die ganz enge, manchmal geradezu existentielle Verflechtung von Leben und Schreiben, in der Wissenschaft nicht anders als in der schönen Literatur, aber für die Geisteswissenschaften viel weniger untersucht. Überhaupt: der Boom der Wissensgeschichte spielte eine wichtige Rolle. Wir fragen nicht mehr einfach: Was war im 19. Jahrhundert? – und lesen dann Nipperdey oder Wehler, oder jetzt Osterhammel in globaler Perspektive. Sondern: Woher wissen diese Koryphäen das eigentlich, was sie da aufschreiben? Warum definiert ihre Auswahl der „Fakten“, ihr Narrativ einen Standard im Fach und in einer breiteren Öffentlichkeit? – Mit Nipperdeys Werk bin ich sozusagen akademisch aufgewachsen, und nicht zuletzt: Er war der große Antipode meines Lehrers Hans-Ulrich Wehler. Also auch insofern: meine eigene Biographie, um die Ecke gedacht.

"Die 'rush-hour des Lebens' gibt es auch in der Wissenschaft"

L.I.S.A.: Thomas Nipperdey hatte in der ersten Hälfte seiner akademischen Karriere nur relativ wenige, wenngleich vielbeachtete Aufsätze publiziert. Was oder wer bewog ihn schließlich dazu, ein solches Großprojekt in Angriff zu nehmen?

Prof. Nolte: Naja, so schlecht stand er nicht da. Aber tatsächlich: Auf die 1961 erschienene Habilitationsschrift war lange Zeit keine Monographie gefolgt. Am Anfang der Karriere geht das ja vielen so, bis heute: Man muss einen Ruf bekommen, Lehrveranstaltungen vorbereiten; damals wurde noch viel mehr Zeit in die Entwicklung eines Vorlesungszyklus investiert! Gremien, Gutachten, Medien und Politik; dazu oft familiäre Verpflichtungen: Die „rush-hour des Lebens“ gibt es auch in der Wissenschaft. Und dann überschnitten sich, was ich bei diesem Projekt immer wieder faszinierend fand, individueller Lebensentwurf und zeithistorischer Kontext. Thomas Nipperdey ging auf die fünfzig zu und fragte sich: Was kommt jetzt noch? Packe ich nochmal was Größeres an? Zugleich bahnte sich, gegen Ende der 1970er Jahre, eine Rückkehr der Geschichte an, nicht nur in der Bundesrepublik. Es gab ein neues Interesse an der beschädigten deutschen Nationalgeschichte, und die Verlage wollten wieder dicke, repräsentative Bücher dazu herausbringen. Auf diesen Zug sprang auch Nipperdey auf.

"Die intellektuelle Neugier des Publikums ist nicht mehr da wie am Anfang"

L.I.S.A.: Wie wurden die drei Bände bei ihrem Erscheinen von der Forschungscommunity aufgenommen? Und was machte sie innerhalb kurzer Zeit zum „Standardwerk“?

Prof. Nolte: Erst war nur ein Band geplant, der die Zeit von 1800 – „Am Anfang war Napoleon“ ist der berühmte erste Satz – bis 1866, also in die Reichsgründungszeit, behandelt. Er erschien 1983: damals die erste umfassende, aus dem Forschungsstand erarbeitete, gleichwohl ein breiteres Publikum ansprechende Darstellung dieser Epoche. Und es war eine Schlüsselepoche deutscher Geschichte, weil man fragte: Wo liegen die tieferen Wurzeln für den Nationalsozialismus, weit zurück im 19. Jahrhundert, vielleicht in der fehlenden revolutionären Tradition oder dem Scheitern von 1848/49? Aber mein Punkt ist ja gerade: Der Erfolg und die Geltung eines wissenschaftlichen Werkes kommen nicht nur aus ihm selber, schon gar nicht auf der rein epistemischen Seite, also in der Neuartigkeit oder der Fülle des Wissens. Vieles ist kulturelle Produktion, Zuschreibung, „Framing“. Eine enthusiastische Rezension ausgerechnet Hans-Ulrich Wehlers hat das Buch mächtig angeschoben; und der Verlag, C.H. Beck in München, hatte aus dem Manuskript in brillanter Weise ein Buch-Objekt gemacht, das Autorität und Geltung geradezu körperlich ausstrahlte. Mit den beiden späteren Bänden, 1990 und 1992 erschienen, war das durchaus komplizierter. Das ist bei seriellen Werken fast immer so: Am Ende wird das große Werk abgeschlossen, das ist gewiss ehrfurchtgebietend, aber die intellektuelle Neugier des Publikums ist nicht mehr da wie am Anfang.

"Historiker dürfen sich nicht zum Ankläger und Richter über die Vergangenheit machen"

L.I.S.A.: Nipperdey schrieb sein Werk nicht zuletzt gegen das Kaiserreich-Buch und die „Deutsche Gesellschaftsgeschichte“ seines Bielefelder Fachkollegen und Rivalen Hans-Ulrich Wehler an. Wie unterscheiden sich die beiden Entwürfe? Und inwiefern lässt sich hier von einer belebenden Konkurrenz sprechen?

Prof. Nolte: Ja, Hans-Ulrich Wehlers zugespitzt kritisches Taschenbuch über das Deutsche Kaiserreich hatte Thomas Nipperdey schon bei seinem Erscheinen 1973 zu entschiedenem Widerspruch gereizt. Der Unterschied war nicht: hier der Sozialhistoriker Wehler, dort der Politikhistoriker Nipperdey; die Differenz lag viel tiefer, methodisch und wissenschaftspolitisch. Wehler suchte die Wurzeln des Nationalsozialismus in Verformungen des Kaiserreichs: Obrigkeitsstaat, Militarismus, Untertanengeist; er fragte aus der Gegenwart der Bundesrepublik der sozialliberalen Ära in die Vergangenheit. Nipperdeys Überzeugung war, dass der Historiker sich nicht zum Ankläger und Richter über die Vergangenheit machen dürfe – von der „Gerechtigkeit für die Großväter“ sprach er gerne, und von der Offenheit der Geschichte, die auch in Deutschland im Jahre 1914, erst recht 1871, ganz andere Möglichkeiten als die NS-Diktatur enthielt. Um das darzulegen, schrieben beide viele tausend Seiten. Aber im Schreiben näherten sich die Entwürfe einander an: Erstens, weil beide auch ähnliche Ansätze und Interessen hatten, zum Beispiel als Strukturhistoriker, als analytische Gesamtdeuter. Zweitens aber auch, weil Wehlers Bild des Kaiserreichs differenzierter wurde, während Nipperdey spürte, dass er den moralisch-politischen Fragen an die Geschichte des Kaiserreichs letztlich doch nicht ausweichen konnte. Das kann man ganz genau verfolgen, am mehrfachen Umschreiben des Manuskripts, etwa im Kapitel über Antisemitismus.

"Bücher, erst recht wissenschaftliche Werke, haben ihre Zeit und ihre Geschichte"

L.I.S.A.: Worin liegt der nachhaltige Wert von Nipperdeys „Deutscher Geschichte“? Sollte man heutigen Studierenden die Lektüre nach wie vor empfehlen?

Prof. Nolte: Ich neige zu einer nüchternen Sicht: Bücher, erst recht wissenschaftliche Werke, haben ihre Zeit und ihre Geschichte. In der Dynamisierung von Wissenschaft, die wir in den letzten Jahrzehnten erlebt haben, verkürzt sich die Geltungsdauer, die „Halbwertszeit“ des in Büchern gespeicherten Wissens. Auch sprachliche Gewohnheiten und der Umgang mit Texten haben sich, in Zeiten der Digitalisierung, verschoben. Heutige Studierende müssen erst lernen, sich in einem solchen Werk zurechtzufinden, um nicht nach wenigen Seiten aufzugeben. Andererseits: Überholt ist das Werk von Thomas Nipperdey nicht, gerade deshalb, weil sich die Forschungsinteressen so rasch in ganz andere Richtungen entwickelt haben. Zu den politischen Strömungen des Vormärz oder der Hochkultur des Kaiserreichs kann man bis heute nichts Besseres finden. Dazu kommt: Thomas Nipperdey schien damals manchen altmodisch, und er hat dieses Selbstbild auch ein wenig kultiviert. Aber zugleich war er seiner Zeit voraus, zum Beispiel mit einem anthropologischen Blick auf die Geschichte, der sich erst nach seinem frühen Tod 1992 breiter durchsetzte. Also: eine klare Lektüreempfehlung. Und das Schöne an dem Werk ist: Man muss nicht von vorne nach hinten lesen, sondern kann irgendwo anfangen zu schmökern.

Prof. Dr. Paul Nolte hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet. 

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