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Prof. Dr. Dr. h.c. Andreas Speer | 10.02.2018 | 395 Aufrufe | 1 | Interviews

„Als Begriffsarbeit ist die Philosophie eigentlich an allem beteiligt“

Thiemo Breyer über die Balance von interdisziplinärer und fachlicher Forschung

Thiemo Breyer ist seit 2014 als Juniorprofessor für Philosophie im Research Lab der a.r.t.e.s. Graduate School for the Humanities Cologne beschäftigt. Die Schwerpunkte seiner Forschung – Phänomenologie, Philosophische Anthropologie, Philosophie des Geistes und Wissenschaftstheorie – stellt er immer wieder in Dialog mit anderen Disziplinen der Fakultät, etwa im Rahmen von Kooperationsprojekten oder gemeinsamen Veranstaltungen. Im Wintersemester 2017/18 nimmt er eine Gastprofessur am Zentrum für Interkulturelle Studien (ZIS) der Universität Mainz wahr, um dort mit den Theologen Michael Roth und Marcus Held zu „Fundamentalismus und Empathie“ zu arbeiten. Wir haben mit ihm über die Bedeutung von Interdisziplinarität und Fächergrenzen gesprochen, und was er sich für seine Zeit in Mainz vorgenommen hat.

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a.r.t.e.s. Graduate School: Lieber Herr Professor Breyer, Sie sind vor knapp vier Jahren zu a.r.t.e.s. gekommen und haben hier die Leitung der Nachwuchs-Forschungsgruppe „Transformations of Knowledge“ im a.r.t.e.s. Research Lab übernommen. Was ist seitdem alles im Lab passiert und zu welchen Schwerpunkten wird dort zur Zeit geforscht?

Thiemo Breyer: Im Lab ist einiges passiert! Zuerst einmal haben die individuellen Projekte der Postdocs nicht nur Fahrt aufgenommen, sondern sind inzwischen bereits größtenteils zum Abschluss gekommen. Manche der Postdocs, die zwischen 2014 und 2016 zu uns gekommen sind, sind inzwischen an anderen Institutionen im In- und Ausland angestellt, beispielsweise Stefan Niklas in Amsterdam oder Philipp Steinkrüger in Bochum. Andere von ihnen sind sogar schon wieder zu a.r.t.e.s. zurückgekehrt, beispielsweise Johannes Schick mit seiner eigenen DFG-Stelle. Sidonie Kellerer ist neu dazugekommen, mit einem Freigeist-Fellowship der VolkswagenStiftung.

Darüber hinaus haben wir unsere gemeinschaftlichen Anstrengungen aber auch in diversen Kooperationsprojekten gebündelt, etwa zur Historischen Emotionsforschung, zu Digitalen Öffentlichkeiten oder zur Interdisziplinären Anthropologie. Ich selbst bin in diesem Rahmen an der Cologne Summer School of Interdisciplinary Anthropology (CSIA) beteiligt, die drei Jahre vom DAAD finanziert wurde und die wir in den kommenden Jahren im Rahmen des SFB 806 „Our Way to Europe“ weiterführen werden. In diesem SFB leite ich ein Teilprojekt zu „Materialität und Agentivität“ – eine meiner aktuellen ‚Baustellen‘. Damit unmittelbar verknüpft ist das Kooperationsprojekt der „Interdisziplinären Anthropologie“, im Rahmen dessen wir uns mit unterschiedlichen Partnern vernetzt haben, zum Beispiel mit dem Global South Studies Center (GSSC) und der Competence Area IV „Cultures and Societies in Transition“. Gemeinsam mit dessen Sprecher Thomas Widlok sind schon mehrere Workshops entstanden, zu einem von ihnen – „The Situationality of Human-Animal-Relations“ – wird 2018 ein Sammelband beim transcript-Verlag erscheinen, den wir zusammen herausgeben. Zu diesem Band haben mit Erik Dzwiza und Christoph Lange auch Mitarbeiter des Research Labs beigetragen.

Was über die Universität hinausgeht, ist beispielsweise unser Kontakt zur Deutschen Sporthochschule Köln mit Volker Schürmann, der dort die Abteilung Sportphilosophie leitet. Schürmann ist außerdem Präsident der Helmuth Plessner Gesellschaft und insofern ein prominenter, ausgewiesener Kenner der philosophischen Anthropologie. Mit ihm zusammen haben wir eine Art Werkstatt, aus der immer wieder unterschiedliche kleinere und größere Antragsprojekte oder Veranstaltungen entstehen.

Das heißt, ein wichtiges Ergebnis nach vier Jahren a.r.t.e.s. Research Lab ist auf jeden Fall: „ein großes Netzwerk“!

Genau. Wir haben angefangen als Kerngruppe von zwei Juniorprofessoren mit jeweils einem Mitarbeiter und mehreren Postdoktorandinnen und Postdoktoranden, die für zwei Jahre angestellt waren. Da sich die Verträge der Postocs überschnitten, waren eigentlich immer zwei ‚Generationen‘ zeitgleich vor Ort. Diese Forscherinnen und Forscher haben wiederum selbst Netzwerke mitgebracht oder erweitert, sie sind ins Ausland gegangen oder haben a.r.t.e.s. mit anderen Institutionen zusammengebracht. Im Rahmen des Kooperationsprojekts „Historische Emotionsforschung“, das ich mit Marie Louise Herzfeld-Schild betreibe, arbeiten wir beispielsweise eng mit dem Musikwissenschaftlichen Institut und dort besonders Frank Hentschel zusammen. Aus dieser Kooperation sind verschiedene weitere Projekte entstanden, wie zum Beispiel eine Reading Group für Masterstudierende, aber auch die Tagung „Melancholie und Empathie“ mit einem Sammelband, der nächstes Jahr beim Alber Verlag erscheinen wird. In diesem Zusammenhang waren wir außerdem in London bei einer Tagung der Royal Music Association und schreiben ein Kapitel für deren Sammelband zum Thema „Atmosphären“, der nächstes Jahr bei Routledge erscheinen wird. Es wird also deutlich, dass die Vernetzung des Research Labs schon einige Früchte getragen hat. Andere Kooperationsprojekte – beispielsweise „Digitale Öffentlichkeiten“ oder die „Mauss-Werkstatt“ – sind in der Hand meines Kollegen Martin Zillinger und sind ebenfalls sehr produktiv und weit ausstrahlend.

Was die Vernetzung betrifft, so nehme ich ferner am DFG-geförderten wissenschaftlichen Netzwerk „Understanding Others“ teil, das wir gerade für zwei Jahre bewilligt bekommen haben. Zusammen mit Kolleginnen und Kollegen aus Psychologie, Neurowissenschaft und Philosophie arbeiten wir daran, sozialkognitive Prozesse und den Einfluss affektiver Prozesse auf die Kognition, auf Empathie und Theory of Mind zu erforschen. In den zwei Förderjahren veranstalten wir vier Konferenzen an vier verschiedenen Orten. Die erste hat kürzlich in Jena stattgefunden, die zweite wird im Februar 2018 unter dem Titel „Agent-Specificities and Relationships in Social Interactions“ hier bei uns in Köln ausgerichtet. So ein DFG-Netzwerk ist in erster Linie eine Infrastrukturmaßnahme, durch die wir Geld bekommen, um Workshops durchzuführen oder Hilfskräfte einzustellen. Unsere Vernetzung wird finanziell unterstützt und es ist dann uns überlassen, welchen Output wir produzieren. Wir haben uns vorgenommen, in den zwei Jahren ein Review-Paper zu der Frage zu konzipieren, was „Understanding Others“ überhaupt bedeuten kann, und verfolgen dafür eine Aufgliederung von unterschiedlichen Dimensionen: egozentrische vs. allozentrische Perspektivenübernahme, affektive vs. kognitive Empathieformen usw. Die Philosophie hat die Aufgabe, die Begriffe erst einmal zu sortieren. Wir teilen die Inhalte entsprechend auf und jeder versucht, in seinem Bereich die Literatur zu sichten und herauszuarbeiten, welche Argumente es beispielsweise dafür gibt, dass Empathie mal affektiv reguliert ist und mal eher kognitiv. Als Begriffsarbeit ist die Philosophie eigentlich an allem beteiligt, wohingegen in den Neurowissenschaften eher wichtig ist, ein bestimmtes Konzept, das die Philosophie anbietet, zu operationalisieren, so dass dasjenige, was der Gehirnscanner ausgibt, sinnvoll interpretiert werden kann.

Das Arbeiten in einem interdisziplinären Umfeld kannten Sie vor a.r.t.e.s. schon von Ihren vorherigen wissenschaftlichen Stationen, beispielsweise dem Center for Cognitive Science und der Hermann Paul School of Linguistics der Universität Freiburg sowie dem Interdisziplinären Forum für Biomedizin und Kulturwissenschaften und dem Marsilius-Kolleg der Universität Heidelberg. Was reizt Sie am interdisziplinären Forschen und soll es auch weiterhin ein Schwerpunkt Ihrer Arbeit sein?

Ja, unbedingt! Ich empfinde es als sehr gewinnbringend, verschiedene Personen an einem Ort zu haben, die sich in regelmäßigen Abständen oder auch einfach mal zwischen den Türen über die disziplinären Grenzen hinweg austauschen. Ich würde zwar nicht sagen, dass jeder Forscher für sich genommen immer alles interdisziplinär machen muss – es ist auch wichtig, dass man in seinem Fach ein Spezialgebiet hat, in dem man sich wirklich gut auskennt und zum Beispiel die Literatur komplett kennt, bei mir wären das die Phänomenologie und speziell Husserl –, aber ich finde, dass man diese Inhalte durch interdisziplinäres Arbeiten immer wieder auf die Probe stellen kann. Bei uns im Lab geschieht das ganz stark im Rahmen von kulturvergleichenden Fragestellungen: Wie tragfähig ist ein philosophisches Konzept, wenn man es zum Beispiel mit Konzepten aus anderen Kulturen oder mit anderen religiösen, sozialen oder politischen Hintergründen vergleicht? Was kommt dabei heraus, wenn man diese Vorstellungen miteinander konfrontiert, und was bleibt übrig? Insofern finde ich beides wichtig: eine fachliche Spezialisierung, die jeder für sich betreiben kann und auch sollte, gerade mit Blick auf die eigenen Karriereoptionen in einem bestimmten Fach, aber auch die interdisziplinäre Aufstellung. Es muss immer eine Balance geben zwischen den beiden Polen.

Was die Publikationstätigkeit betrifft, so versuche ich, besonders bei Sammelbänden immer mit Leuten aus anderen Disziplinen zusammen zu arbeiten. So entsteht beispielsweise gerade ein Sammelband über Mensch-Tier-Beziehungen, in dem viele Beiträge aus der Philosophie und der Ethnologie dabei sind. Wenn ich als alleiniger Autor einen Artikel schreibe, dann bewegt der sich natürlich meistens sehr viel spezieller innerhalb meines Gebiets. Es stimmt, in Heidelberg, Freiburg und Köln waren die einzelnen Stationen meiner bisherigen Karriere zwar immer recht interdisziplinär, was sich bei mir aber durchzieht, ist die phänomenologische Herangehensweise an Probleme und Inhalte. Deswegen fühlt es sich für mich nicht so divers an, wie es vielleicht scheint, wenn man sich nur die einzelnen Einrichtungen anschaut. Die methodische Herangehensweise bleibt eigentlich immer ähnlich, und die kann ich so eben in verschiedenen Bereichen ausprobieren.

Und jetzt wartet auch schon die nächste Station – im Wintersemester nehmen Sie am Zentrum für Interkulturelle Studien (ZIS) der Universität Mainz eine Gastprofessur wahr. Was ist das ZIS und wie kam es, dass Sie für die Gastprofessur eingeladen wurden?

Am ZIS werden pro Semester zwei Gastprofessuren besetzt, die von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Universität Mainz eingeladen werden. Ich wurde von Michael Roth und Marcus Held eingeladen – beide gehören der Evangelisch-Theologischen Fakultät in Mainz an. Marcus Held kannte ich schon aus Heidelberg, er ist auch Soziologe und in unserem Dreiergespann jetzt sozusagen für die Soziologie zuständig. Michael Roth übernimmt die Theologie und Ethik, ich die Philosophie. Zusammen wollen wir ein Projekt zu „Fundamentalismus und Empathie“ erarbeiten, und zur Diskussion eben dieser Thematik wurde ich als Gastprofessor ans ZIS eingeladen. Wir wollen versuchen, die beiden Schwerpunkte – also phänomenologische Forschung zu Empathie einerseits und Forschung zu Fundamentalismus andererseits – zusammenzubringen, um dann zu schauen, wie in fundamentalistischen Glaubenssystemen Empathie auf eine spezielle Weise verteilt und kanalisiert wird, wie sozusagen die affektive Politik von solchen Systemen zu beschreiben ist.

Im Wintersemester tauschen wir uns in erster Linie über das Thema aus und überlegen, in welche Art von Antrag unsere Zusammenarbeit fließen kann. Im Rahmen der Gastprofessur haben wir zwei Workshops beantragt – einer war im letzten Sommersemester, der zweite im laufenden Wintersemester. Außerdem veranstalten wir ein Hauptseminar für Studierende und versuchen dort, eine Verständigungsbasis zu erarbeiten, indem wir mit den Studierenden entsprechende Grundlagentexte diskutieren. Die zweite aktuelle Gastprofessur hat Shadia Husseini de Araújo inne, eine Kulturgeographin. Ich habe Sie noch nicht kennengelernt, prinzipiell laufen die zwei Gastprofessuren auch separat voneinander, aber mit Blick auf die Zusammenarbeit des Labs mit dem Global South Studies Center an der Uni Köln ist ein regionalwissenschaftlicher Austausch bestimmt ebenfalls sinnvoll. Ich bin auf jeden Fall sehr gespannt, welche Ergebnisse die Gastprofessur generiert! Ich erhoffe mir viel Input vom Dialog zwischen Empathie-Forschung, Theologie und Soziologie, auch für meine disziplinäre Forschung.

Wir danken Thiemo Breyer für das Gespräch!

 

von Julia Maxelon
(a.r.t.e.s. Graduate School for the Humanities Cologne)

Kommentar

von Ferdinand Fellmann | 13.02.2018 | 10:41 Uhr
„Als Begriffsarbeit ist die Philosophie eigentlich an allem beteiligt“ – sicherlich, aber beschränkt sich Philosophie auf Arbeit an Begriffen? Hans Blumenberg hat Philosophie auf die Unbegrifflichkeit, sprich: „Metaphorologie“, ausgeweitet. Metaphern als sprachliche Bilder leiten zu visuellen Bildern über, von denen eins bekanntlich mehr sagt als tausend Worte. Bilder geben zu denken, aber das Denken hat sein Fundament im Fühlen, das heute gern unter den Begriff Empathie subsummiert wird. Wie immer es mit der Empathie bei der Beschreibung der Mensch-Tier-Beziehungen auch bestellt sein mag, es geht um emotionale Intelligenz, um Lebensgefühle, die uns spüren lassen, wie es ist, ein Mensch zu sein (vgl. „Blaue Reihe“ im Meiner-Verlag). Ich fühle, also bin ich - me too, dear Antonio!
Ja, Let’s mix all Media together, wobei es ein mutiger Schritt in die digitale Zukunft wäre, nicht bei der Wortsprache, sondern bei der Bildsprache zu beginnen, die mit der Sprache der Emotionen zusammenfällt. Das würde die phänomenologische Herangehensweise aus Husserls Engführung des intentionalen Bewusstseins befreien und dem Medium der Phänomenalität (Rainer Matzker) mehr Raum geben. Michael Roth wird mir darin zustimmen, dass der Blick auf Christus, wenn sein Bild nicht auf den mittelalterlichen Schmerzensmann reduziert wird, einen Beitrag zum gelingenden Leben liefert. Das andere Bild Christi (Malte Dominik Krüger) lässt grüßen!

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