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Judith Wonke | 03/05/2019 | 232 Views | Interviews

"Alltagssituationen von Indifferenz und Gleichgültigkeit"

Interview mit Jörg Hüttermann zu Figurationsprozessen der Einwanderungsgesellschaft

Die moderne Einwanderungsgesellschaft wird in besonderem Maße von dem Umgang der Individuen untereinander bestimmt: Gruppen teilen sich in Etablierte und Außenseiter, aber auch Freundschaften, Eheschließungen und bestimmte Interessengruppen definieren die Beziehungen. Dr. Jörg Hüttermann, der am Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld tätig ist und zu Konflikten der deutschen Einwanderungsgesellschaft forscht, untersuchte diese Beziehungsgeflechte. Zu Grunde lag dabei die Theorie Norbert Elias', der eben diese Interaktionen als Figuration beschrieb. Wir haben dem Sozialforscher im Interview unsere Fragen gestellt.  

Dr. Jörg Hüttermann (l.) / Wim Deetman (m.) verleiht Norbert Elias (r.) den Orden von Oranien-Nassau (1987), Copyright: By Rob Bogaerts / Anefo - Nationaal Archief, CC BY-SA 3.0 nl, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=28932011

"Eine Art Zwischenbericht zur Beantwortung all dieser Fragen"

L.I.S.A.: Herr Dr. Hüttermann, Sie beschäftigen sich in Ihrer aktuellen Studie mit den Beziehungen von Alteingesessenen und Migranten in deutschen Städten. Was interessiert Sie an diesem Thema besonders?

Dr. Hüttermann: Es geht mir in diesem Buch darum, Antworten auf Fragen zu geben, die mich zunächst biographisch und dann auch wissenschaftlich bewegt haben. So habe ich im Laufe meiner Arbeit am Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung und hier vor allem im Zuge diverser ethnographischer Feldforschungen gelernt, dass man soziale Konflikte und insbesondere Intergruppenkonflikte nicht versteht, wenn man sich nicht ihren zeitlichen, sozialen und räumlichen Kontexten widmet. Die sich mir stellenden Fragen lauten in etwa so: In welchen Maße werden Konflikte durch Kontexte und sozialen Wandel vorbereitet oder bedingt? Werden Konflikte von sozialen Akteuren hervorgebracht, oder sind Konflikte umgekehrt zu denken? Etwa als eine überindividuelle soziale Dynamik, die quasi über die Menschen hereinbricht, sie - gleich ob als Sieger oder Verlierer – überwältigt und dann mit Haut und Haaren absorbiert?

Es hat mich immer wieder fasziniert, dass Konflikte sich selbst in scheinbar friedlichen, harmonischen Situationen Bahn brechen können. Auf den Zusammenhang der Stadt übertragen, stellt sich mir daher die Frage, wie aus scheinbar tagtäglichen Routine- und Alltagssituationen von Indifferenz und Gleichgültigkeit heraus Konflikte hervorgehen. Was ist den mal episodischen und den mal außeralltäglichen Konflikten vorausgegangen? Sind hier individuelle oder gruppenbezogene Intentionen als Ursachen zu isolieren? Oder geht es um bestimmte Strukturen und Entwicklungen, in die soziale Konflikte nur eingebunden sind, wie die Sequenzen eines längeren umfassenden Prozesses? Und vor allem: Wie sehen diese Prozesse aus?

Zudem wollte ich verstehen, wie Kultur- und Rangordnungs- sowie Ressourcenkonflikte voneinander abgegrenzt werden können. Ob und unter welchen Bedingungen sie sich überlagern oder ineinander übergehen? Wenn man so will, lege ich mit meinem Buch eine Art ersten Zwischenbericht zur Beantwortung all dieser Fragen vor.

"Grenzbereiche sind aus meiner Sicht die fruchtbarsten Ansatzpunkte"

L.I.S.A.: Welches Quellenmaterial liegt Ihren Überlegungen zu Grunde?

Dr. Hüttermann: Alle in meinem Buch versammelten Fallanalysen sind Prozessanalysen. Sie folgen einer Perspektive, die man im angelsächsischen Raum der Urban Anthropology zurechnen würde. Das bedeutet, ich arbeite in der Regel auf der Grundlage eines pragmatischen Methodenmixes und treibe mich in Städten herum. Die von mir ausgewerteten Daten sind zunächst einmal überwiegend durch qualitative Methoden generiert worden. Dazu gehören etwa narrativ-biographische Interviews, Gruppeninterviews, teilnehmende Beobachtungen und Experteninterviews. Hinzu kommen Archivrecherchen und das Sampling informeller Texte bzw. so genannter grauer Literatur sowie die Einbeziehung quantitativer Aggregatdaten bzw. entsprechender lokaler Statistiken. Mitunter habe ich mich aber auch in einem sehr bescheidenen Maße in die Gestaltung quantitativer Erhebungen einbringen dürfen, so dass ich auch auf die dadurch generierten Daten zurückgreifen durfte.

Um die mich interessierenden urbanen Intergruppenbeziehungen in ihrem Wandel erfassen zu können, setze ich vor allem auf teilnehmende Beobachtungen und Interviews mit Grenzgänger_innen, und zwar solchen, die sich zwischen sozialen Gruppen, zwischen den Generationen und/oder zwischen den urbanen Räumen bewegen. Grenzbereiche sind aus meiner Sicht die fruchtbarsten Ansatzpunkte für die von mir betriebenen figurationssoziologischen Konfliktanalysen. An den Narrationen über die Widerstände, die Grenzgänger auf ihren Wegen überwinden müssen, lassen sich Intergruppen-Hierarchien und die Bedeutung symbolischer Grenzziehungen gleichsam herauslesen.

"Eher als Prozesssequenzen, denn als statische Gebilde zu begreifen"

L.I.S.A.: Theoretische Grundlage Ihrer Studie sind die Überlegungen von Norbert Elias, der die Beziehungsgeflechte zwischen Individuen als Figurationen definiert. Wie lässt sich dieses Konzept auf Einwanderungsgesellschaften übertragen?

Dr. Hüttermann: Im Zuge seines Schaffens befasste sich Elias u. a. mit dynamischen, durch Interaktion hervorgebrachten sich fortwährend wandelnden Beziehungsgeflechten. Ihn beschäftigten beispielsweise Beziehungen die Bürger und Adelige, Männer und Frauen, unterschiedliche aristokratische Gruppen bei Hofe, Etablierte und Außenseiter, Priester und Bauern, gegnerische Fangruppen im Fußball oder Lebende und Sterbende miteinander eingehen und interaktiv pflegen. Elias nannte sie Figurationen.

Die Grundidee ist, dass solche Figurationen in den Momenten, in denen die Beteiligten sie hervorbringen oder in denen sie die Figurationen stabilisieren oder auch beenden, auf eben diese Beteiligten selbst konstitutiv zurückwirken. Figurationen bestimmen ihr vermeintlich individuelles Sosein, ihre Identität oder ihre Emotionen dadurch wesentlich mit. Daher gehen Figurationen immer auch mit wechselseitigen Abhängigkeiten und Machtbalancen bzw. Hierarchien einher. Tatsächlich sind Figurationen, wie etwa diejenigen, die Tänzer und Tänzerin oder Fußgänger und Autofahrer miteinander bilden und durch die sie sich aneinander binden, eher als Prozesssequenzen, denn als statische Gebilde zu begreifen.

Elias hat am Beispiel einer zum stadtsoziologischen Klassiker avancierten Studie gezeigt, wie es alteingesessen Arbeitern in ihrem Viertel in den 50er Jahren gelang, die damals neu in Leicester angesiedelten aus London stammenden Arbeiterfamilien zu Außenseitern zu machen, ohne dass es zu einem offenen Intergruppenkonflikt gekommen wäre. Viele kleine banale, für sich genommen unauffällige Aktivitäten hatten in dieser nicht zuletzt durch Migration bedingten Situation zur Folge, dass die besagten Arbeitergruppen im Laufe der Zeit eine Etablierten/Außenseiter-Figuration ausbildeten. Schon in diesem klassischen Beispiel einer figurationssoziologischen Studie kommen Migration, Stadt, Alltag und Intergruppenhierarchie zusammen. Daran schließe ich mit meiner aktuellen Studie und mit meinem Ansatz der figurationssoziologischen Konfliktanalyse nahtlos an. Gleichzeitig gehe ich darin aber auch über Elias‘ klassische figurationssoziologische Untersuchung in einer bestimmten Weise hinaus. Denn ich zeige nicht nur, wie sich in Städten der deutschen Einwanderungsgesellschaft Etablierten/Außenseiter-Figurationen herausbilden und reproduzieren, sondern auch was passiert, wenn sich die solchen Figurationen innewohnenden Machtbalancen verschieben. Gerade die Veränderung oder die Verschiebung solcher Figurationen führt zu Konflikten. Dies war schon in deutschen Städten der 90er Jahre zu erkennen. Im Anschluss an Überlegungen, die Elias zu in seinen letzten Lebensjahren anstellte und in Übereinstimmung mit konfliktsoziologischen Grundeinsichten über Hierarchie und Konflikt, glaube ich nachweisen zu können, dass Intergruppenkonflikte in der Einwanderungsgesellschaft an Bedeutung gewinnen, wenn große Gruppen von Zugewanderten sich nicht länger mit den ihnen ursprünglich zugemessenen Randpositionen abfinden. Selbst vermeintlich religiös begründete Kulturkonflikte zwischen Muslimen und Nichtmuslimen sind, wie ich zeigen kann, bis zu einem bestimmten Punkt auf eine Hierarchieverschiebung im Verhältnis von Alteingesessenen Zugewanderten zurückzuführen. Wie zuvor schon Elias, so bleibe aber auch ich nicht bei der Formulierung gesellschaftlicher Kausalitäten stehen, sondern spüre praktischen Alltagskontexten nach, in denen soziale Akteure mit oder ohne Migrationshintergrund selbst Veränderung und sozialen Wandel bewirken. Erst die genaue Beschreibung und Analyse solcher interaktiv generierten Alltagskausalitäten, macht meine ethnographisch ansetzenden Studien zu Argumenten. Ich führe sie insbesondere gegen den allgemeinen Trend ins Feld, soziale Konflikte der Einwanderungsgesellschaft kulturalistisch zu missdeuten.

"Struktureffekte von sind Freundschaft revidierbar"

L.I.S.A.: Inwiefern beeinflussen persönliche Beziehungen, wie Freundschaften oder Eheschließungen, Figurationsprozesse innerhalb der Migrationsgesellschaft?

Dr. Hüttermann: Weil Freundschaften ubiquitär sind und zudem oft genauso beiläufig entstehen, wie sie vergehen, ist ihr strukturbildendes, integratives Potenzial von der Migrationssoziologie lange Zeit nicht zureichend gewürdigt worden. Nachdem Simmel sich schon frühzeitig in seinem grundlegenden soziologischen Hauptwerk dem Freundschaftsthema zugewandt hatte haben erst SozialpsychologInnen die strukturbildende Funktion von Freundschaften gesehen. Sie haben erkannt, dass ganze Freundschafts- und Bekanntenkreise ihre Einstellungen zu Outgroup-Mitgliedern positiv verändern, wenn ein Ingroup-Akteur sich mit einem Outgroup-Akteur befreundet. Und es sind ebenfalls SozialpsychologInnen, die nachweisen, dass der von ihnen als „Extended Contact“ bezeichnete, quasi indirekte Vorurteilsabbau durch Freundschaft auch und gerade in Gesellschaften wirksam wird, die migrationsbedingte Diversität und entsprechende Intergruppen-Konstellationen aufweisen. Zu den genaueren Ursache-Wirkungs-Faktoren des Extended Contact-Effekts liegen heute viele sozialpsychologische Experimental- und Umfragestudien vor. Es fehlen aber analytische Tiefenbohrungen, die die Soziogenese von Freundschaft und Freundschaftseffekten erschließen. Immerhin spricht einiges dafür, dass entsprechende Untersuchungen in Diversitätskontexten u.a. die Bedeutung von Freundschaftsnarrativen und Geselligkeitsinteraktionen hervorheben müssten. Dabei könnte sich zeigen, dass Freundschaftsinteraktionen, bei allem was sie sonst noch charakterisieren mag, immer schon dazu geeignet sind, normative und kognitive Verengungen des Blickfelds der Beteiligten zumindest vorübergehend zu suspendieren, weil beide Seiten sich als Freunde auf Diskretion verständigen. Auf der Grundlage von Diskretion können Denken und Wahrnehmung ihre Richtung wechseln und ausgetretene Pfade verlassen werden, ohne dass die „Diskurspolizei“ einschreitet und auf Tabugrenzen verweist. Freundschaftsinteraktionen eröffneten somit immer schon in spielerischer Form konjunktive Räume, die als Einfallstor für bislang Undenkbares gewisse (Um-)Lernschritte erlauben, die andernorts u. a. durch Schuldängste oder die Antizipation von Blamage abgeblockt würden. Vielleicht ist dies die tiefere Bedeutung des Sinnspruchs, der da besagt, dass als guter Freund derjenige gelten mag, mit dem man Pferde stehlen könne.

Dass Freundschaft zwischen Akteuren unterschiedlicher Gruppen also grundsätzlich dazu beitragen kann, versteinerte Intergruppenstrukturen und hermetische Gruppengrenzen aufzubrechen und Figurationen zu verändern, liegt also gewissermaßen auf der Hand. Doch das ist kein Automatismus. Extreme Gewaltkonflikte, wie etwa der Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien haben gezeigt, dass die Struktureffekte von Freundschaft revidierbar sind. Analoges gilt im Übrigen auch für Ehen, bei denen wir ebenfalls einen Extended Contact-Effekt unterstellen dürfen.

"Zwei Trends, von denen nicht abzusehen ist, welcher sich langfristig durchsetzt"

L.I.S.A.: Sie schreiben, dass sich die Zeit nach der Jahrtausendwende vor allem durch ambivalente Entwicklungen definiert. Welche Prozesse sind es, die die diese Ambivalenz bestimmen?

Dr. Hüttermann: Ich beobachte zurzeit zwei Trends, von denen nicht abzusehen ist, welcher sich langfristig durchsetzt oder ob sie gar im Sinne eines stabilen Nebeneinander fortbestehen werden.

Auf der einen Seite erkenne ich einen Trend zu einem sich zuspitzenden Rangordnungskonflikt zwischen sich als angestammt verstehenden Bürgern und Zugewanderten: Folgt man meiner figurationssoziologischen Konfliktanalyse, so ergibt sich das hier sehr grob gezeichnete Bild einer Gesellschaft, in der ehedem etablierte machtüberlegene Platzanweiser aus den Zeiten der so genannten Gastarbeitermigration dadurch verunsichert sind. Das Problem: Die ehemaligen randständigen, peripheren Fremden treten ihnen nunmehr als selbstbewusste Akteure gegenüber. Aus den vermeintlichen Gästen der vermeintlichen Gastgeber, aus den stummen unbeholfenen »Man­danten« der wohlmeinenden »Anwälte« und aus den Mündeln der Paternalisten sind Arbeit­nehmer und Arbeitnehmerinnen, Mitbürger und Mitbürgerinnen und schlie­ßlich Anspruchsbürger geworden. Sie wollen auf gleicher Augenhöhe agieren. Sie nehmen mehr und mehr von ihrem Recht auf Teilhabe am öffentli­chen Interessenstreit Kenntnis und machen davon auch Gebrauch. Sie wollen nicht länger in der Dankbarkeit des Gastes oder der Sprachlosigkeit des Mandanten wohlmeinender Kümmerer und Anwälte leben. Auf der anderen Seite ist es für Alteingesessene oft ein schmerzhafter Prozess, wenn sie spüren, dass ihre in den sechziger, siebziger und achtziger Jahren selbstverständlich geltende, eingelebte Vorrangstellung und Machtüberlegenheit und schließlich sogar ihre moralische Führungsrolle nun in Frage steht. So waren und sind beispielsweise manche ehemalige Vorarbeiter aus Industrie und Bergbau schockiert, dass die Miete nunmehr an einen ehemaligen Türkeistämmigen Untergebenen überweisen müssen. Ähnliches gilt für den Gewerkschaftsfunktionär, der erleben muss, dass ein ungelernter Metallarbeiter ihm in der Nachbarschaft als Vorsitzender eines Moscheevereins gegenübertritt, der den Bau einer repräsentativen Moschee betreibt. Und noch schockierender scheint zu sein, dass die „avancierenden Fremden“ sich mit ihren Ansprüchen auf das moderne universalistische Recht oder die nicht minder universalistischen Prinzipien des kapitalistischen Marktes bzw. der Leistungsgesellschaft berufen. So entsteht auf vielen Interaktionsfeldern ein Rangordnungskonflikt zwischen insbesondere als Muslime identifizierten Menschengruppen und Alteingesessenen. In dem Maße, wie sich der Konflikt zuspitzt, verhärten sich auf beiden Seiten die Identitäten. Beide Akteursgruppen verstehen sich im Rangordnungskonflikt zunehmend als Kultursubjekte, also als Menschen, die vermeintlich inkompatiblen Kulturböden entstammen und eherne Werte verkörpern und propagieren. Da ist einerseits die Kategorie des „muslimischen Kultursubjekts“, das auf dem ihm vermeintlich schlecht bekommenden christlich-jüdisch-abendländischen Kulturboden gar nicht anders kann, als sich in immer neue Konflikte mit seinem scheinbar wesensfremden Gegenüber zu verstricken. Da ist andererseits das abendländisch-säkularisierte Kultursubjekt. In seiner Welt ist für den Islam nur insofern Platz, als er die Funktion einer Kontrastfolie ausfüllt. Das abendländische Kultursubjekt deutet Begegnungen und Konflikte der Alteingesessenen mit den Kindern und Kindeskindern jener Arbeitsmigrant_innen, die einst aus islamisch geprägten Herkunftsländern eingewandert sind, vor dem Hintergrund der Unverträglichkeit differenter Kulturkreise. Auf beiden Seiten gilt: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders!“ Gäbe es keine Gegentrends, so bestünde die Gefahr, dass sich ein kulturalistisch verbrämtes Apartheidssystem entwickelt.

Aber es gibt Gegentrends: Hier gilt Hölderlins Satz: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“. So zum Beispiel im Falle von Moscheekonflikten. In den Städten der deutschen Einwanderungsgesellschaft, wo vermeintliche Kulturkonflikte konkret ausgetragen werden, ist es fast nie zu gewaltsamen Eskalationen von Konflikten um repräsentative Moscheen gekommen. Solcherart Konflikte um religiöse Symbole verlaufen weitestgehend friedlich und viele der Kontrahenten haben sich in diesen Konflikten erst kennen und in einem basalen Sinne auch schätzen gelernt. Genauso wichtig für das gedeihliche Miteinander sind neue Konfliktthemen, welche die sozialen Verwerfungen überbrücken. Im Zuge neu entstehender Konfliktlinien- und Konfliktkonstellationen, die quer bzw. über einem ethnisierten lebensweltlichen Grenzregime stehen, werden vielerorts aus ehemaligen Konfliktgegnern und einander kulturell entfremdeten Nachbarn neue Bündnisgenossen und aus ehemaligen Bündnisgenossen wiederum neue Konfliktgegner. So engagieren sich beispielsweise, wie ich selbst in einer Stadt beobachten konnte durfte, konservative Muslime und linke Kapitalismuskritiker gemeinsam gegen Investitionsvorhaben, weil sie die Sorge haben, dass das nachbarschaftliche Zusammenleben durch sie beschädigt werden könnte. Zudem gehören auch alltagsweltliche beiläufig wirkende Integrationsmechanismen zu diesem Gegentrend. Ihre Wirkungsweise ist aufgrund der Leviathan-Perspektive in der Migrationssoziologie (nämlich vom „Kopf“ nach unten, zu den „Füßen“ schauend) nicht zureichend gewürdigt worden. Von der strukturbildenden Funktion jener Freundschaften, die über Gruppengrenzen geschlossen und gepflegt werden, war schon die Rede. Man sollte u. a. aber auch die Vorbildfunktion vieler lokaler und translokaler Akteure mit Charisma und Charme anführen. Durch die Strahlkraft ihrer Person, durch ihr Tun und/oder zusätzlich durch ihre beispielgebenden biographischen Grenzgänge depotenzieren sie die symbolischen Grenzziehungen und entkräften die symbolische Gewalt des Stigmas. Und noch etwas gehört in diese Reihe: Gegenwärtig verstetigt sich in sogenannten Szenestadtteilen, die von ihren BewohnerInnen oft als Kiez beschrieben werden, eine bestimmte Art öffentlich gepflegter Geselligkeit. Im Moment ihrer Manifestation, werden ethnische und andere Schranken durch Marktgesetze und vor allem durch gesellige Konversation suspendiert. Dies kann zunächst vorübergehend und dann vielleicht auch langfristig zur Revision der Grenzen zwischen den migrationsbezogenen Gruppen in urbanen Räumen führen.

"Es bleibt letztlich aber nicht bei einem Wenn"

L.I.S.A.: Sie konzentrieren sich in Ihrer Studie auf geografische Räume, die von der Einwanderung der Gastarbeiter geprägt sind und definieren, wie sich die Beziehungen in den darauf folgenden Jahren wandelten. Inwiefern lassen sich die Ergebnisse auf aktuelle Migrationsbewegungen übertragen? Lassen sich Aussagen über zukünftige Entwicklungen treffen?

Dr. Hüttermann: Zur Frage der Übertragung: Aktuelle Migrationsbewegungen, wie etwa die im Zuge der so genannten „Flüchtlingskrise“ erfolgten treffen gegenwärtig auf die eben beschriebene amivalente Situation, im Spannungsfeld innergesellschaftlicher ethnischer Polarisierung und alltagsgesellschaftlicher Gegentrends, wie ich sie gerade beschrieben habe. Die neuen Einwanderer werden daher, soviel ist aufgrund der Ergebnisse meiner Studie sicher, nicht den gleichen, schrittweisen Figurationswandel vom „Gast“ zum avancierenden Fremden zum Kultursubjekt oder Mitbürger erleben, wie einst die Gastarbeitergeneration. Ein Ereignis, wie das der Kölner Silvesternacht hat ausgereicht, einen fundamentalen Figurationswandel zu bewirken. In dessen Verlauf haben sie sich – um es bewusst holzschnittartig zu formulieren – buchstäblich über Nacht von Schutzbedürftigen in bedrohlich avancierende Kultursubjekte verwandelt. Ihnen gegenüber stehen nicht mehr wohlmeinende, sondern enttäuschte Gastgeber, die sich hintergangen fühlen und sich nun vermehrt über ihre abendländischen Errungenschaften sorgen. Sie sehen, die Ergebnisse lassen sich nicht übertragen, wohl aber die Erklärungskraft der figurationssoziologischen Konfliktanalyse, für die ich mit meinem Buch stark mache.

Und zum Thema Zukunftsaussagen sage ich: Prophezeiungen: Nein! Aber zeitdiagnostisch relevante Wenn-dann-Aussagen: durchaus! Eine zeitdiagnostisch anspruchsvolle Wenn-dann-Aussage zur Entwicklung der deutschen Einwanderungsgesellschaft setzte allerdings die Erweiterung des konfliktanalytischen bzw. des figurationssoziologischen Blicks auf den weltgesellschaftlichen Kontext voraus: Um es noch einmal mit einem Holzschnitt zu versuchen: Gegenwärtig stehen sich staatliche und substaatliche globale Akteure der ehemaligen Kolonialmächte und solche Akteure gegenüber, die jenen Gesellschaften entstammen, die man den ehemaligen Kolonien und imperialen Interessengebiete zuordnen muss, oder Akteure die sich diesen Räumen selbst zuordnen. Weil wir nun aber wissen, dass die wechselseitige Stigmatisierung des Gegenübers und die Errichtung symbolischer Grenzen sowohl hierzulande als auch andernorts sich durch die mediale und durch netzwerkförmig verfasste Beobachtung globaler Konfliktarenen immer wieder aufs Neue semantisch auflädt, müssen wir vieles von dem, was hierzulande geschieht, von der weiteren Entwicklung auf globalem Gebiet abhängig machen. Sollte es auf globalem Gebiet eine Konfliktentschärfung kommen, würden sich die konstruktiven Integrationsmechanismen, mit denen ich mich in meinem Buch befasst habe, sich wahrscheinlich mittelfristig durchsetzen. Doch auch diese Wahrscheinlichkeit hängt wiederum von einem Wenn ab, nämlich z. B. der weiteren wirtschaftlichen Entwicklung. Als Konfliktsoziologen wissen wir, dass ökonomisch bedingte Ressourcenkonflikte die Tendenz haben, sich in Momenten der Eskalation kulturell oder ethnisch aufzuladen. Es bleibt letztlich aber nicht bei einem Wenn. Es kämen weitere Wenns hinzu, die u.a. mit ökologischen Entwicklungen oder etwa mit Entwicklungen innerhalb der EU verknüpft sind….

Dr. Jörg Hüttermann hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet. 

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