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Katrin Langewiesche | 10.03.2016 | 1145 Aufrufe | 2 | Artikel

Islamische Mission zwischen Afrika und Europa

Forschungsprojekt zur Ahmadiyya Bewegung

Die Aufgabe, den Islam zu verbreiten, wird jedem Muslim durch den Koran vorgeschrieben. Demnach sollte jeder Muslim ein potentieller Missionar (da’i) sein. Der zentrale Begriff für diese Aufgabe ist da‘wa. Das kommt aus dem Arabischen und bedeutet im religiösen Kontext so viel wie die Einladung, sich dem rechten Glauben oder dem Gebet anzuschließen. Viele muslimische Gruppen und Netzwerke eröffnen sich heute neue Territorien und Möglichkeiten, um zum Islam einzuladen und für Anhänger zu werben. Dabei verstehen auch muslimische Bewegungen, die im Bildungsbereich oder in der sozialen Wohlfahrt aktiv sind und religiöses mit säkularem Wissen verbinden, diese Tätigkeiten als da‘wa, als Einladung zum Islam.

Die Ahmadiyya Bewegung ist eine dieser islamischen Missionsbewegungen.

Obwohl ihre Mitglieder sich aktiv am öffentlichen Leben beteiligen und sie in Deutschland mit etwa 30.000 Anhängern die zweitgrößte Gemeinde in Europa haben, bleibt diese Bewegung relativ unbekannt. In Deutschland haben sie 2013 in Hessen den Status der Körperschaft des öffentlichen Rechtes und damit etwas mehr Aufmerksamkeit von Seiten der Öffentlichkeit erhalten.

Die Ahmadiyya Muslim Community, 1889 in Britisch Indien gegründet, ist heute in 206 Ländern der Erde vertreten. Als religiöse Glaubensbewegung mit ausgeprägtem Sendungsbewusstsein wird sie seit 1994 von Humanity First flankiert, einer Organisation die Entwicklungszusammenarbeit betreibt. Diese sammelt Spendengelder und unterstützt damit soziale Unternehmen, Nothilfen in Krisengebieten und medizinische Projekte. Beide Organisationen suchen gezielt den Dialog mit nichtislamischen, weltlichen und religiösen, Partnern.

Flagge der Ahmadiyya Muslim Community und Logo von Humanity First

Die Bewegung der Ahmadiyya lässt sich durch ihre starke missionarische Ausrichtung beschreiben, die durch ausgeprägte Mediennetzwerke unterstützt wird und Aktivitäten im Bereich des Erziehungs- und Wohlfahrtswesens nutzt, um Konvertiten zu gewinnen. Des Weiteren durch eine ausgeprägte rituelle Praxis, eine charismatische, zentralistische Organisationsform und restriktive moralische Normen. Sie zeichnet sich aus durch eine strenge Geschlechtertrennung, die erstaunlicherweise auch für Frauen attraktiv ist, durch ein rigides Regelwerk, dem der Einzelne sich zu unterwerfen hat, sowie durch die Gleichzeitigkeit von hierarchischen charismatischen Strukturen und globalen Freiräumen für Individuen.

Die Ahmadiyya, ihrem Selbstverständnis nach eine islamische Bewegung, steht in einem grundsätzlichen Konflikt zur muslimischen Mehrheit, da die Anhänger ihren Gründer, Mirza Ghulam Ahmad, nicht nur als Erneuerer des Islams sondern als „verheißener Messias und Mahdi“ verehren. Diese Auffassung steht im Widerspruch zu islamischen Glaubensgrundsätzen, wie unter anderem dem Dogma, dass Mohamed „das Siegel der Propheten“ ist. Theologische Differenzen sowie Uneinigkeit über die Nachfolge des Gründers führten bereits 1914 zu einer Trennung in zwei Gruppen: die Lahore Ahmadiyya und die Quadian Ahmadiyya, die heute die Ahmadiyya Muslim Community bildet. Der administrative Sitz der Ahmadiyya Muslim Community befindet sich seit 1984 in London. Dorthin ist das religiöse Oberhaupt der Gemeinschaft geflohen, da Ahmadis in ihrem Herkunftsland Pakistan schwer verfolgt werden. Zurzeit leitet der fünfte Kalif, Hazrat Mirza Masroor Ahmad, die weltweite Gemeinschaft.

Die Entwicklung des internationalen Mediennetzes der Ahmadiyya Muslim Community steht in direktem Zusammenhang mit ihren Vorstellungen über den friedvollen Jihad – „der Jihad mit dem Stift, nicht mit dem Schwert“. Die Bewegung besitzt heute mehrere Verlage (z.B. Der Islam in Deutschland), Druckereien in alle Regionen, Radiosender und den internationalen Fernsehsender MTA (Muslim Television Ahmadiyya). Eine weltliche und religiöse Erziehung aller Mitglieder ist angestrebtes Ziel der Bewegung. Erziehung und Ausbildung werden als Voraussetzung sowohl für individuelle als auch für nationale Entwicklung angesehen. Ahmadis gehören seit Beginn der Bewegung bis heute zu einer transnationalen muslimischen Elite, die ihre Universitätsabgänger und -abgängerinnen öffentlich ehrt und ihrer bekannten Mitglieder regelmäßig in sich immer wiederholenden Ausstellungen gedenkt. Die Ermutigung, alle Mitglieder, so gut wie ihre intellektuellen Fähigkeiten es zu lassen, auszubilden und ihren kritischen Geist zu schulen, geht Hand in Hand mit einer ständigen religiösen Weiterbildung. Die Ahmadiyya-Bewegung versucht explizit, den Islam und westliche Wissenschaft zu verbinden. Die transnationale Netzwerkorganisation basiert auf der Ausbildung von internationalen Vollzeit-Missionaren, denen die nötigen Mittel zur Verfügung gestellt werden, um sich auf der ganzen Welt niederzulassen.

Soziale Dienste der Ahmadiyya in Afrika und Europa

Die Ahmadiyya-Bewegung bietet ein weites Spektrum an sozialen Diensten und Wohltätigkeitsarbeiten an: in Afrika, Krankenhäuser, medizinische Camps, Schulen, Studentenwohnheime und Nothilfe für Krisengebieten; in Europa Blutspenden, Säubern öffentlicher Plätze und Unterstützung für Obdachlose. Doch seit 1994 hat die religiöse Bewegung der Ahmadiyya zusätzlich noch eine humanitäre Organisation gegründet: die NGO Humanity First, die ausschließlich humanitären Zielen gewidmet ist und deren Aktivitäten, der gesamten Bevölkerung eines Landes zugutekommen.

Humanity First Team beim Operieren, Benin, November 2015 und ein Medical Camp, Burkina Faso, Mai 2015

Auf der Webseite der deutschen Humanity First Gruppe können Mitglieder Almosen für das Opferfest Eid-ul-Adha spenden. Ihr Geld wird dann für den Kauf von Opfertieren verwandt und an Bedürftige in Westafrika, der Türkei oder Osteuropa verteilt. Religiöse Praktiken wie das islamische Opfern und Spenden werden so in einen humanitären Diskurs übersetzt. Andererseits wird Entwicklungszusammenarbeit als religiöse Praktik und Verehrung Allahs interpretiert, wie zum Beispiel bei einem deutschen Ahmadi, der sich verstärkt in der medizinischen Arbeit von Humanity First engagiert, weil er einen Traum hatte, in dem der Kalif selbst ihn dazu aufgefordert hat.

Spendenaufruf für Opfertiere auf der Webseite von Humanity First Germany

Humanity First kann wohl zugleich als ein philanthropisches Unternehmen und ein Versuch eine islamische Alternative zu verbreiten, beschrieben werden. Humanity First ist eine der muslimischen NGOs, die die Tendenz zur „NGOisierung“, wie sie für die christlichen Kirchen beschrieben wurde, im islamischen Bereich verdeutlicht.

Aufbauend auf einer zentralisierten, staatsähnlichen Organisation mit einem eigenen Verwaltungsapparat, einem Gerichtshof, einer eigenen Flagge und Finanzabteilung, machen die Ahmadiyya-Bewegung und Humanity First deutlich, dass ein islamisches Wohlfahrtssystem, neben einem christlichen im Rahmen von modernen, säkularen Staaten bestehen kann.  

Dr. Katrin Langewiesche,
Johannes Gutenberg Universität Mainz, Forum 6, 55099 Mainz,

Email
: langewie@uni-mainz.de

Kommentar

von Dipl.-Jur. Naweed Mansoor, LL.M. Eur. | 10.03.2016 | 17:03 Uhr
Ein hervorragender Artikel, der objektiv und zutreffend über die Ahmadiyya Muslim Jamaat (AMJ) und über den Großteil ihrer vielfältigen und auch grenzüberschreitenden Aktivitäten berichtet. Bemerkenswert ist, dass fast das gesamte Engagements der AMJ durch ehrenamtliche Mitarbeiter/innen geschultert wird.

Kommentar

von Ass. Jur. Wahaj Bin Sajid | 10.03.2016 | 21:50 Uhr
Kann mich dem Lob anschließen. Tatsächlich gut recherchiert, klug analysiert, interessante Zusammenhänge erschlossen und schön dargestellt.

Interessant ist auch das Fazit: AMJ als Beispiel dafür, dass ein islamische Wohlfahrtssystem möglich ist.
In den letzten zwei Jahren wurde das Thema Islamische Wohlfahrt in der Deutschen Islamkonferenz diskutiert. Auch die AMJ hat sich neben 8 weiteren Verbänden an diesem Prozess beteiligt. Es wird sich nun zeigen, wie und durch wen islamische Wohlfahrt auch in Deutschland etabliert werden kann. Wie der Artikel zeigt, hat die AMJ einiges zu bieten.

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