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Lic. phil. Felix Engel | 04.02.2011 | 1961 Aufrufe | Artikel

Aber wie haltet Ihr es mit der Wissenschaft?
Auseinandersetzungen Amerikanischer Anthropologen

Die amerikanische Anthropologie ist für extravagante Empfindlichkeiten berühmt. Gräber indigener Bevölkerungen, Feldforschung in den südamerikanischen Nachbarstaaten, Sklavenfriedhöfe – das Fachgebiet kratzt häufig an inneren Konflikten und verdrängten Schuldkomplexen der Nationalseele. Entsprechend häufig reiben sich auch die beteiligten Forschenden aus diversen Fachgebieten. Zum Jahresende wurde die American Anthropological Association (AAA) wieder mit einem inneren Konflikt in die Öffentlichkeit katapultiert. Auf Anregung des Vorstandes wurde das Wort „Wissenschaft“ (science) aus einem Strategiepapier der Gesellschaft gelöscht – sehr zum Ärger der naturwissenschaftlich forschenden Mitglieder.

Von Felix Engel und Mareen Kästner

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Eitle Eintracht an der Fassade des University of Pennsylvania Museum for Archaeology and Anthropology in Philadelphia.

Anthropologie – nach amerikanischem Verständnis

In den USA gilt Anthropologie als Überbegriff für vier Teilgebiete: physical (oder biological) anthropology, cultural anthropology, archaeology und linguistics. Das Fach wird an einem Großteil der amerikanischen Universitäten angeboten, jedoch sind nicht überall notwendigerweise alle vier Teilgebiete gleich stark im entsprechenden Institut repräsentiert. Oft liegt der Fokus deutlich auf der cultural anthropology, d. h. die meisten Professorinnen und Professoren unterrichten und forschen auf diesem Feld. Selten sind alle Gebiete gut vertreten, wie beispielsweise an der New York University und noch seltener ist die physical anthropology am stärksten besetzt, wie unter anderem an der Ohio State University.

Die Anthropologie als Fach wird in der Regel den humanities – Geisteswissenschaften - oder den social sciences – Sozialwissenschaften – zugeordnet. So erwirbt man also trotz etwaiger Spezialisierung auf physical anthropology den Bachelor bzw. den Master of Arts. Von der Biologie ist Anthropologie akademisch klar getrennt, obwohl das Teilgebiet der physical anthropology wiederum gelegentlich als human biology bezeichnet wird, und auch die American Association of Physical Anthropologists (AAPA) benennt das Feld als eine biologische Wissenschaft.

Gibt man sich in den USA als Anthropologe zu erkennen, wird man häufig als Kulturanthropologe/Ethnologe oder Archäologe (bzw. eine Mischung aus beidem) identifiziert. Auch so zeigt sich die Dominanz dieser Teilgebiete in der akademischen Welt. Gleichzeitig ist die physical anthropology in den USA heute auf ihrem Gebiet weltweit richtungweisend.

Vertretung der Anthropologie in der amerikanischen Öffentlichkeit

Die American Anthropological Association (AAA) entstand 1902 mithilfe der bereits bestehenden Anthropological Society of Washington (ASW) und der American Ethnological Society (AES) und wird als die „weltweit größte Vereinigung von an Anthropologie interessierten Personen“ bezeichnet. Beitreten können also neben professionellen Anthropologen auch interessierte Laien. Mit ihrer Entstehung übernahm die Gesellschaft die 1888 gegründete Zeitschrift American Anthropologist. In der AAA sollen alle Aspekte der Anthropologie zusammenlaufen und dementsprechend vertreten sein.

Die für Biologische Anthropologen wichtigste Vereinigung ist die American Association of Physical Anthropologists (AAPA), gegründet 1925 von Aleš Hrdlička (der 1918 bereits das entsprechende American Journal of Physical Anthropology aus der Taufe gehoben hatte). Daneben existieren Vereinigungen wie die Human Biology Association, die Paleoanthropology Society und die Paleopathology Association, die ihre Meetings meist mit denen der AAPA zusammenlegen. Biologische Anthropologen, welche teilweise oder hauptsächlich im Bereich der Forensischen Anthropologie tätig sind, sind in der Physical Anthropology Section der American Academy of Forensic Sciences vereint.

Außerdem gibt es eine Reihe weiterer Vereinigungen, darunter die Society for Anthropological Sciences, die Society for Applied Anthropology, die Society for Medical Anthropology und die Society for American Archaeology. Die AAA hat jedoch als einzige den Anspruch, alle anthropologischen Forschungsgebiete zu repräsentieren.

Statutenänderung der AAA

Ihre Grundsätze legt die AAA in einem Leitbild und einer Stellungnahme zu den langfristigen Zielen der Vereinigung dar. Darin verschreibt sich die Gesellschaft der Förderung des öffentlichen Verständnisses der Menschheit, der Verbreitung anthropologischer Inhalte und der Verbesserung professioneller Zunftstandards. All das ist nicht überraschend und klingt wenig spektakulär. Womit der Vorstand nicht nur die Kritik von Teilen der Mitgliedschaft, sondern auch der Öffentlichkeit auf sich zog, waren die Streichungen und Änderungen am langfristigen Strategieplan. Dieser zitiert in einer Art Präambel das Leitbild in exaktem Wortlaut und eben dieses Zitat wurde durch einen Beschluss auf der jüngsten Mitgliederversammlung am 20. November 2010 abgeändert.

Bereits während der Jahrestagung der AAA vom 17. bis 21. November bezog die Society for Anthropological Sciences (SAS) kritisch Stellung und forderte eine Revision der Änderungen, da diese „die Grundsätze und den Daseinszweck der Gesellschaft fahren lassen und den eigenen Mitgliedern die Unterstützung entziehen“. In einer Nachricht des Präsidenten der Gesellschaft, Peter Neal Peregrin, vom 23. November, wurde deutlich, dass sich der Ärger vor allem an der dreimaligen Streichung des Wortes „Wissenschaft“ (science) aus der Präambel entzündete, das nun gar nicht mehr darin vorkommt.

Leider wird der Begriff science so unterschiedlich ausgelegt, dass eine Verwirrung und die Diskussionen darum schon fast unausweichlich sind. Man kann science generell als Wissenschaft übersetzen. So werden Naturwissenschaften als natural sciences bezeichnet und den social sciences gegenübergestellt. Oft aber wird unter science jedoch nur Naturwissenschaft verstanden. Dadurch wird den anderen Zweigen die Wissenschaftlichkeit sprachlich quasi entzogen. Im Grunde geht diese Debatte um die Wertigkeiten quantitativer vs. qualitativer Methoden.

Der Ärger von Anthropologen, die sich den exakten Methoden verschrieben haben, wurde von mehreren Wissenschaftsblogs aufgenommen. Offensichtlich bestanden längst Gräben zwischen Mitgliedern der AAA, die vornehmlich geistes- oder naturwissenschaftlich arbeiten. Dabei wurde mitunter dick aufgetragen. Die Vertretung der Anthropologie werde von einer Riege von „Wirrköpfen“ an sich gerissen, der es nicht um die seriöse Erforschung der Menschheit gehe, sondern allein darum, sich selbst als politische Aktivisten im Kampf für benachteiligte Bevölkerungen und Bevölkerungsgruppen in Szene zu setzen (Alice Dreger auf „Psychology Today“). Hinter der Ausblendung exakter Methoden witterten Autorinnen und Autoren mangelnde Fachkompetenz und gar die Absicht, Fakten frei bestimmen zu können. Einige Forschende fühlen sich durch eine Generation radikalisierter Studierender bedroht, welche für Missetaten von Anthropologen während Kolonialismus und Rassenpolitik Rache am eigenen Fach nehmen wollen (Peter Wood auf „The Chronicle of Higher Education“). Außerdem schwele ein postmoderner Hass auf Wissenschaft und ihre Stellung in der Gesellschaft (Dan Berrett auf „Inside Higher ED“).

Am 1. Dezember schloss sich die Arbeitsgruppe Biologische Anthropologie der AAA dem Protest der SAS an. Zwei Tage später reagierte der Vorstand mit einer Erklärung an die Mitglieder, in der die Notwendigkeit der Umformulierungen begründet wurde. Angesichts eines Wandels in der Zusammensetzung der Gesellschaft habe der ursprüngliche Text nicht mehr die gesamte Mitgliedschaft repräsentiert. Gleichzeitig beklagte der Vorstand, in diversen Blogs sei die Angelegenheit unnötig hochgespielt worden, was eine interne Auseinandersetzung nicht unterstütze. Allerdings waren die Blogger zu einem großen Teil selbst Mitglieder der AAA, die offensichtlich das Gefühl hatten, in den eigenen Reihen nicht gehört zu werden (was sie am 10. Januar in einem offenen Brief auch mitteilten).

In einem wahren Lehrbeispiel modernen Jounalismus' übernahm die New York Times am 9. Dezember das Thema aus der Bloggosphäre und widmete ihm einen Beitrag. Gleichzeitig diskutierte Peter Neal Peregrin im öffentlichen Rundfunk mit dem AAA Vorstandsmitglied Hugh Gusterson. Der interne Disput war zu einem Medienereignis geworden.

Betrachtet man die eigentlichen Änderungen am Langzeitplan, so wird deutlich, dass diese allenfalls der Anlass des Disputs waren, kaum aber dessen Ursache. Das Wort „Wissenschaft“ (science) wird recht vage durch „öffentliches Verständnis“ ersetzt und „Wissenschaften“ (sciences) durch „Wissensdisziplinen“ (knowledge disciplines). Die Absicht dahinter ist wohl, jene Mitglieder, die nicht mit naturwissenschaftlichen Methoden arbeiten (also die deutliche Mehrheit) nicht auszuschließen. Allerdings zeigt vor allem die zweite Wortschöpfung, wie schnell der Gesellschaft in der Beschreibung ihres tatsächlichen Umfeldes die Begriffe ausgehen.

Zu den bereits zuvor genannten Unterdisziplinen der Anthropologie – Archäologie, Physische bzw. Biologische Anthropologie, Ethnologie und Linguistik – werden noch Soziale, Ökonomische, Politische, Historische, Medizinische und Visuelle Anthropologie hinzugefügt und „Ethnologie“ durch „Kulturanthropologie“ ersetzt. Während zuvor die Mehrung und Verbreitung anthropologischen Wissens angestrebt wurde, spricht die Präambel nun von „Wissen, Fachkompetenz und Interpretation“. An dieser Stelle hatte es offensichtlich Diskussionen gegeben, die Kompromisse forderten. Neben der Forschung werden nun auch Lehre und Praxis als Wirkungsweisen der Gesellschaft definiert. Letzteres bezieht sich auf die wachsende Zahl von Anthropologinnen und Anthropologen, welche die Erkenntnisse ihrer Forschung für ein soziales Engagement in den von ihnen untersuchten Gesellschaften verwenden. Gemeint sind u. U. aber auch jene Forschenden, welche Wirtschaftsunternehmen oder staatlichen Stellen (z. B. der US-Armee bei ihren Auslandseinsätzen) mit kommerzieller Beratung zur Seite stehen. Solche Tätigkeiten hatten in der Vergangenheit zu Konflikten innerhalb der AAA geführt.

Insgesamt machen die Änderungen deutlich, dass man zwar mit der alten Formulierung nicht mehr leben möchte, allerdings auch keine klar artikulierte Vorstellung von den neuen Herausforderungen hat. Der jetzige Text wirkt wie eine Verlegenheitslösung, die alles einschließt, aber sich auf nichts festlegt. Hier wäre jene interne Diskussion unter Gesellschaftsmitgliedern notwendig gewesen, die von Kritikern des Dokumentes vermisst worden ist. In der Tat ist es sonderbar, dass zwar die Präambel der langfristigen Absichten geändert wurde, nicht aber das – bisher wortgleiche – Leitbild der Gesellschaft, welches nach wie vor von Anthropologie als einer Wissenschaft spricht. Dieses hätte vom Vorstand nur durch größere Einbeziehung der Mitglieder geändert werden können, was ihn in den Verdacht setzt, aus Angst vor Konflikten mit Teilen der Mitgliedschaft, eine Auseinandersetzung heimlich umgangen zu haben.

Am 9. Januar bemühte sich Hugh Gusterson in einem Blogbeitrag im „Chronicle of Higher Education“, die Wellen zu glätten. Der AAA-Vorstand sei sich nicht bewusst gewesen, wie viel Bedeutung dem Wort science beigemessen werde. Er kündigte eine weitere Änderung des Langzeitplans und eine damit verbundene Rückkehr der Wissenschaft an. Außerdem erinnerte er an harte Auseinandersetzungen der 90er Jahre, die als „Wissenschaftskriege“ in die Geschichte eingegangen sind. Damals wurden Anthropologen gezwungen, sich für oder gegen (Natur-)Wissenschaft auszusprechen – ein Konflikt der heute hoffentlich überwunden sei.

Worum geht es eigentlich?

Wie so oft war die Aufregung wohl größer als der Anlass. Es geht aber nicht wirklich um die Änderungen an der Präambel des Langzeitplans, wenn diese auch vom AAA Vorstand ungeschickt und u. U. sogar böswillig eingefädelt worden sind. Bestimmt spielt zu einem gewissen Grad Misstrauen und persönliche Abneigung, die Akademiker gemeinhin füreinander empfinden, eine Rolle. Das zentrale Problem scheint aber Unsicherheit zu sein.

In seiner ursprünglichen Form umfasst der Text tatsächlich nicht alle Aktivitäten der Gesellschaftsmitglieder. Allerdings zeichnet sich die Neuformulierung nicht durch größere Klarheit, sondern vielmehr durch Unbestimmtheit aus, vor allem im Ausdruck „Förderung des öffentlichen Verständnisses“. Dieses wird auch durch Fernsehsendungen, Spielfilme und andere Kunstformen geprägt. Daher ist die Angst vor einer „Umwandlung der Anthropologie von einer Sozialwissenschaft in eine esoterische Spielart des Journalismus“, wie sie Alice Dreger auf „Anthropology Today“ zitiert, nicht abwegig.

Eine wissenschaftliche – pardon: forschende – Gesellschaft sollte pointiert die Notwendigkeit strukturierter und methodisch reflektierter Beobachtung vertreten und vor allem deren öffentliche Finanzierung einfordern. Dieses Anliegen sollte auch aus ihren Grundsatzdokumenten eindeutig hervorgehen, ob man es nun science oder research nennen möchte. Mehr Klarheit würde auch den Mitgliedern die Angst vor schwarzen Schafen in der eigenen Zunft nehmen. Angesichts von Kreationismus und Intelligentem Design scheint diese in den USA nicht gänzlich unbegründet zu sein.

Unsicherheit wird allerdings auch in den Reaktionen der naturwissenschaftlich arbeitenden Mitglieder deutlich. Forschende, deren Arbeit keine direkte technische Umsetzung findet, sind sehr dünnhäutig, wenn die Notwendigkeit ihres Tuns nicht gebührend hervorgehoben wird. Man fühlt sich leicht als überflüssig abgestempelt, besonders in einer Gesellschaft der Kürzungskandidaten, in der jeder Bereich davon profitiert, andere Bereiche als noch entbehrlicher darzustellen als den eigenen. Profilierungsangst könnte ein Aspekt der zunehmenden Diversifizierung des Faches sein, die sich auch in der Aufzählung neuer Disziplinen im Langzeitplan niederschlägt. Der einfachste Weg, Spitzenwissenschaftler im eigenen Bereich zu werden, ist ihn selbst gegründet zu haben.

Das wirklich unbefriedigende an Streitereien über die eigene Disziplin ist, dass dadurch die Forschungsziele aus dem Blick geraten. Die Wahl der Methoden – ob exakt oder nicht, geistes- oder naturwissenschaftlich – sollte sich daran entscheiden, welche Probleme zu lösen sind, nicht an der Mitgliedschaft in irgendeinem altmodischen Club. Die ewigen Fragen der Menschheit haben goldenen Boden, während akademische Disziplinen auf Sand gebaut sind. Es mag Leute geben, die Forschungsgelder an Anthropologen als verschwendet ansehen. Kaum jemand aber interessiert sich nicht für die Evolution der Menschheit oder das Leben fremder Bevölkerungen.

Dieser Beitrag erschien in etwas anderer Form auch im Newsletter des wissenschaftlichen Nachwuchses innerhalb der Gesellschaft für Anthropologie (GfA).

 

Mareen Kästner ist biologische Anthropologin. Ein Jahr ihres Studiums verbrachte sie an der University of North Carolina at Wilmington. Sie hat zudem einen Abschluss in Anglistik.
Mareen.Kaestner@uniklinik-freiburg.de

Felix Engel berichtet vor Ort von einem Forschungsaufenthalt an der Anthropologischen Abteilung der Temple Universität in Philadelphia, der durch ein Dissertationsstipendium der Gerda Henkel Stiftung und vom Deutschen Akademischen Austauschdienst finanziert wird.
Felix.Engel@uniklinik-freiburg.de

Netznachweise

Aufgeführt sind jene Beiträge, die auch im Text erwähnt werden.

Die strittigen Dokumente können im Internetauftritt der AAA eingesehen werden. Während das Leitbild der Gesellschaft („AAA Statement of Purpose“) noch den ursprünglichen Wortlaut der Präambel enthält, wurde dieser im langfristigen Strategieplan („Long-Range Plan“) abgewandelt. Die Fachbeschreibung „What is Anthropology?“ wurde zeitgleich mit diesen Änderungen verabschiedet.

Auswahl einiger Beiträge in wissenschaftlichen Blogs

"No Science, please. We're Anthropologists." von Alice Dreger. „Psychology Today“ am 25. Nov. 2010

"Anthropology Association Rejecting Science?" von Peter Wood. „The Cronicle of Higher Education“ am 29. Nov. 2010.
Hier sind auch die Änderungen am langfristigen Strategiepapier der AAA detailliert dargestellt.

"Anthropology without Science" von Dan Berrett. „Inside Higher ED“ am 30. Nov. 2010.

"What if They Gave a Science War and Only One Side Came? Ask the American Anthropological Association" von Hugh Gusterson. "The Chronicle of Higher Education" am 9. Jan. 2011.

Offener Brief von Blogautorinnen und -autoren innerhalb der AAPA vom 10. Jan. 2011 in Reaktion auf deren Erklärung vom 3. Dez. 2010.

Medienecho


"Anthropology a Science? Statement Deepens Rift" von Nicholas Wade in „The New York Times“ vom 9. Dez. 2010.

Radiodiskussion zwischen Peter Neal Peregrin und Hugh Gusterson in der Radiosendung „The Brian Lehrer Show“. vom 9. Dez. 2010.

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