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Georgios Chatzoudis | 19.02.2010 | 5136 Aufrufe | Artikel

A. Matthaei – M. Zimmermann, Stadtbilder im Hellenismus (2009)


Autor: Burkhard Emme, Universität Heidelberg

Die hellenistische Polis bildet seit geraumer Zeit einen Schwerpunkt der altertumswissenschaftlichen Forschung. Ihrer umfassenden Untersuchung ist das im Jahr 2006 begründete Schwerpunktprogramm 1209 (SPP 1209) der Deutschen Forschungsgemeinschaft gewidmet, in dem zahlreiche Einzelprojekte zusammengeschlossen sind. Mit dem hier besprochenen Band werden nun erstmals Ergebnisse des SPP 1209 einer breiteren Öffentlichkeit vorgelegt.
Die insgesamt sechzehn Beiträge des Sammelbandes sind in sechs Sektionen gegliedert. Die Beiträge der ersten Sektion behandeln das Bild, das sich anhand der literarischen Überlieferung von den Städten hellenistischer Zeit gewinnen lässt. Die zweite Sektion ist dem Verhältnis von Kult und Stadtbild gewidmet, die dritte behandelt die hellenistische Stadt vor dem Hintergrund größerer Siedlungs- bzw. politischer Verbände. Die Aufsätze der vierten und fünften Sektion handeln von der Ausstattung einzelner Städte mit Bildwerken bzw. Bauten. Die abschließende sechste Sektion rundet das Bild mit einer Reihe von insgesamt fünf Fallbeispielen ab. Im folgenden sei eine Reihe von ausgewählten Beiträgen zusammengefasst wiedergegeben.

Martin Zimmermann setzt sich mit der Frage nach dem wechselseitigen Verhältnis von „Stadtraum, Architektur und öffentlichem Leben in der hellenistischen Stadt“ auseinander. Dabei beschreibt er eingangs die in den vergangenen Jahren aus dem Bereich der archäologischen Stadtforschung gewonnene Perspektive, der zufolge hellenistische Städte in ihrer urbanistischen Struktur als Abbild einer in zahlreiche Teilöffentlichkeiten zergliederten Gesellschaft verstanden werden können. Im Gegensatz zu dieser Lesart zeigt Zimmermann im folgenden anhand inschriftlicher Belege auf, inwiefern die baulich markierten Grenzen durch performatives Handeln wie Ehrenbezeugungen, Feste, Prozessionen usf. verschiedentlich überschritten werden konnten. Aus diesem Befund wie auch aus der Bedeutung, die dem Demos als Symbol der städtischen Gemeinschaft innerhalb der Inschriften zukommt, entwickelt der Autor die These eines antiken Stadtbildes, das nicht primär von der baulichen Struktur sondern vielmehr vom Bürger geprägt gewesen sei. Stiftungswesen und Festkultur seien für den inschriftlich vielfach beschworenen Glanz der Stadt von ebensolcher Bedeutung gewesen, wie deren bauliche Ausstattung, so dass es zu einer „vollkommenen Deckung“ von Bürgerbild und Stadtbild gekommen sei.

Der zweite Aufsatz des Bandes behandelt „Stadtbilder im Hellenismus – Wahrnehmung urbaner Strukturen in hellenistischer Zeit.“ Vor dem Hintergrund dieser Fragestellung untersucht die Althistorikerin Melanie Heinle die antike Literatur in Hinblick auf die verschiedentlich darin fassbaren Beschreibungen hellenistischer Städte. So vermittelten theoretische Schriften zur Stadtanlage etwa von Aristoteles wie auch von Aenaeas Tacticus auf einer allgemeinen Ebene eine Vorstellung von den urbanistischen bzw. fortifikatorischen Erfordernissen einer griechischen Stadt des 4. Jhs. v. Chr. Demgegenüber lasse sich etwa in dem nur fragmentarisch erhaltenen Werk des Herakleides Kritikos aus dem 3. Jh. v. Chr. die Wahrnehmung zeitgenössischer Städte wie insbesondere Athen und Chalkis fassen. Besonders fruchtbar erweist sich die folgende Gegenüberstellung mit dem im 2. Jh. n. Chr. abgefassten Werk des Pausanias. So weist die Autorin überzeugend nach das bei Herakleides typische Neuerungen der  hellenistischen Architektur und Urbanistik wie die orthogonale Stadtanlage und die Einfassung von Platzanlagen vermittels Säulenhallen gelobt werden, während der mit den kaiserzeitlichen Stadtbildern gut vertraute Autor Pausanias seinerseits den ungeordneten und folglich altertümlichen Charakter der Agora von Elis hervorhebt. Unter Hinweis auf das um die Zeitenwende entstandene Werk des Geographen Strabon betont die Autorin ferner die Bedeutung des Stadtbildes in seiner Gesamtheit, wie sie exemplarisch in Strabos Beschreibung der Hafenfront von Alexandria zum Ausdruck kommt. Als Ursachen für die charakteristische Entwicklung hellenistischer Städte benennt sie zum einen die Stiftung von Gebäuden durch die hellenistischen Könige, in erster Linie jedoch das Wetteifern der Städte untereinander.

Dem wechselseitigen Verhältnis von der Ausgestaltung kultischer Feierlichkeiten und der Architektur hellenistischer Heiligtümer ist der Beitrag von Wolfgang Ehrhardt gewidmet. Dabei geht der Verfasser von Untersuchungen des westlichen Sakralbezirks der Stadt Knidos aus, den er vergleichbaren Anlagen der Knidos benachbarten Städte Lindos auf Rhodos sowie Kos gegenüberstellt. Während andernorts eine strenge, übergeordnete Gesamtplanung der Heiligtümer zu verzeichnen sei, die durch Anlage von Treppen und axiale Bezugssysteme eine starke Rhythmisierung der Architektur bewirke, habe der Heiligtumsbezirk von Knidos auch nach einem umfassenden Neu- und Umbauprogramm im frühen 2. Jh. v. Chr. weitgehend das Bild einer „gewachsenen“ Anlage geboten. Unter Verweis auf weitere altertümliche Merkmale der einzelnen Bauten gelangt Ehrhardt zu dem überzeugenden Schluss, dass die Entscheidung gegen ein übergeordnetes Planschema bei Neuanlage des knidischen Bezirks auf einer bewusst getroffen worden sei. Dieser Überlegung stellt der Autor die inschriftliche Überlieferung gegenüber, in der einerseits die strenge Einhaltung etwa in der Anordnung von Prozessionen betont wird, andererseits das hohe Alter von kultischen Einrichtungen als prestigeträchtig zu erkennen ist. Während die strenge Ordnung kultischer Vorgänge ihre Entsprechung in den einheitlichen Entwürfen von Heiligtumsanlagen wie etwa Lindos oder Kos finde, breche sich die Wertschätzung des geschichtsträchtigen Charakters bestimmter Kulte in der knidischen Anlage Bahn.

Hans-Ulrich Wiemer befasst sich in dem folgenden Beitrag mit der repräsentativen Funktion hellenistischer Feste. Dabei unterscheidet er maßgeblich zwischen Festen, die von hellenistischen Herrschern ausgerichtet wurden und solchen, deren Ausrichter einzelne Städte waren. Exemplarisch veranschaulicht er seine Unterscheidung an der von Ptolemaios II. Philadelphos zu Ehren seines vergöttlichten Vaters in Alexandria veranstalteten Festprozession, die er der Ausgestaltung des Festes zu Ehren des Zeus Sosipolis in Magnesia am Mäander gegenüberstellt. So habe die alexandrinische Prozession in der Art ihrer Ausgestaltung auf die Repräsentation des Herrschers abgezielt und insbesondere zwischen Akteuren und Zuschauern dergestalt unterschieden, dass von einer Einbeziehung der Bürgerschaft der Stadt keine Rede sein könne. Demgegenüber gebe sich die Festprozession des im frühen 2. Jh. v. Chr. gestifteten Festes des Zeus Sosipolis in Magnesia als für die Bürgerschaft der Stadt insgesamt repräsentative Institution zu erkennen. Anders als in Alexandria sei in hohem Maße die Identität von Bürger- und Festgemeinschaft angestrebt worden. Dass es im Einzelfall auch zu einer Verquickung von städtischer und königlicher Selbstdarstellung kommen konnte, zeigt der Autor abschließend anhand einer Prozession auf, die die Residenzstadt Pergamon anlässlich der siegreichen Heimkehr ihres Königs Attalos III. ausrichtete. Hier habe die Abhängigkeit der Stadt von dem politischen Erfolg des Herrschers zu einer seltenen Einbeziehung der Person des Königs in dasjenige Bild geführt, das die Bürgerschaft in Gestalt der Festprozession von sich selbst entwarf.

Der Untersuchung des Verhältnisses von „Sympolitien und Siedlungsentwicklung“ gilt der Beitrag von Andreas Victor Walser. Anhand von Fallbeispielen geht Walser der Frage nach, inwiefern die politische Eingemeindung kleinerer Poleis durch größere Nachbarn Auswirkungen auf die Siedlungsform sowohl innerhalb der beiden vormaligen urbanistischen Zentren wie auch in deren jeweiligem Umland hatte. So skizziert der Autor den Fall der Sympolitie zwischen Milet und dem benachbarten Pidasa, das im frühen 2. Jh. Milet eingemeindet wurde und dessen Bevölkerung teilweise nach Milet übersiedelte. Andernorts, wo der Zusammenschluss zweier Poleis sich auf Druck hellenistischer Herrscher vollzog, wurden entsprechende Maßnahmen oftmals zu einem günstigen Zeitpunkt wieder rückgängig gemacht, wie im Fall der von Antigonos Monophthalmos gegen 300 v. Chr. veranlassten Zusammenlegung von Lebedos und Teos. Schließlich zeigt der Autor am Beispiel der gegen 200 v. Chr. zusammengeschlossenen Nachbarinseln  Kos und Kalymna auf, dass auch die Aufgabe der politischen Eigenständigkeit durch das kleinere Kalymna nicht gleichbedeutend mit einem völligen Veröden der Insel gewesen sei, wie sich aus der späterhin erfolgten Errichtung eines Gymnasions und eines Theaters schließen lasse. Zusammenfassend ergibt sich Walser demzufolge ein differenziertes Bild von den möglichen Rückwirkungen des politischen Zusammenschlusses zweier Poleis auf die jeweilige Siedlungsstruktur, das vom Übersiedeln großer Teile der Bevölkerung bis hin zum Fortbestehen der ursprünglichen Siedlungsformen reichen konnte.

Während sich Walser in dem vorangehenden Beitrag ausdrücklich mit dem Zusammenschluss von Poleis zu einer einheitlichen Bürgergemeinschaft befasst, widmet sich Klaus Freitag in dem folgenden Aufsatz dem Phänomen griechischer Bundesstaaten und ihre Siedlungsstruktur. Mit den Beispielen des Boiotischen, des Arkadischen sowie des Aitolischen Bundes zeigt Freitag auf, wie unterschiedlich das Verhältnis von urbanen Siedlungsstrukturen und einem diesen übergeordneten föderalen politischen Verband ausfallen konnte. So zeige Boiotien eine Reihe alter Poleis, deren städtische Siedlungen bis in archaische Zeit zurückreichten. Wesentliche Impulse für die urbanistische Entwicklung einzelner Zentren gingen hier von seiten der hellenistischen Herrscher aus, so etwa im Fall der 335 v. Chr. durch Alexander den Großen vorgenommenen Zerstörung Thebens wie auch bei dessen Wiederbegründung wenige Jahrzehnte darauf unter dem Herrscher Kassander. In ähnlicher Weise habe auch die Begründung der Stadt Megalopolis als Zentrum des arkadischen Bundes gegen 371 v. Chr. nicht zu einer Aufgabe der älteren Poleis Arkadiens wie etwa Tegea, Mantineia oder Orchomenos geführt, wenngleich die urbanistische Ausgestaltung von Megalopolis mit spezifischen Heiligtümern und Versammlungsbauten dessen Rolle als politisches Zentrum des Bundes widerspiegele. In ganz anderer Weise gehe die Ausbildung bundesstaatlicher Strukturen mit einer zunehmenden urbanistischen Entwicklung hingegen im Gebiet des Aitolischen Bundes einher, da beide Tendenzen sich im Verlauf des späten 5. und 4. Jhs. etwa gleichzeitig vollzogen hätten.

Marianne Mathys befasst sich in ihrem Beitrag mit den „Strategien visueller Repräsentation im späthellenistischen Pergamon“. Vorrangig anhand von Inschriften untersucht sie das Wechselverhältnis von Architekturstiftungen und Ehrungen vor dem Hintergrund der Aufgabe der Monarchie 133 v. Chr. Ab diesem Datum sei einerseits ein für die ehemalige Residenzstadt vollkommen neuartiges Stiftertum von Seiten der Bürger zu konstatieren, wie es sich in Form verschiedener Baumaßnahmen im Stadtgebiet fassen lasse. Umgekehrt seien entsprechende Ehrungen für verdiente Mitbürger nun gehäuft zu verzeichnen. Andere Formen statuarischer Repräsentation wie etwa die Ehrung von Priesterinnen des Athena-Kultes im Heiligtum der Göttin liefen demgegenüber kontinuierlich von der Königszeit bis in das mittlere 1. Jh. v. Chr. durch. Neuartig sei schließlich die Ehrung römischer Magistrate, aus dem Areal der Oberburg. Während demnach für verschiedene Ehrungen ein enger Zusammenhang mit der politischen Entwicklung der Stadt zu sehen sei, gelte dies für die genannten Statuen von Priesterinnen allenfalls in eingeschränkter Weise. Anhand der Verteilung ergibt sich mit der Verfasserin zugleich ein System von „Orte(n) mit unterschiedlicher Wertigkeit von öffentlichem Raum“. So sei die Ehrung römischer Magistrate im Gymnasion aufgrund der geringen Zahl überlieferter Inschriften augenscheinlich weniger opportun gewesen, als im Areal der Oberburg.

Im ersten der beiden Beiträge zur baulichen Ausstattung hellenistischer Städte befasst sich Ralf von den Hoff mit „Raumgestaltung und Raumfunktionen hellenistischer Gymnasia“. In einem betont architektursemantischen Ansatz geht der Verfasser dabei vom archäologischen bzw. architektonischen Befund hellenistischer Gymnasien aus, den er systematisch anhand ausgewählter Kriterien wie Lage, Zugänglichkeit und Ausgestaltung einzelner Räume analysiert. So sei für die Bauten insgesamt eine hermetische Abgeschlossenheit kennzeichnend, die sich aus dem regelmäßig wiederkehrenden Peristylschema ergebe und nur partiell durch die Gestaltung der äußeren Fassade etwa mit Pilastern oder aufwendigen Torbauten auf einen außen stehenden Betrachter ziele. Dem einwärts gekehrten Charakter der Anlagen entspreche zudem die Öffnung der Hauptaufenthaltsräume durch weite Säulenstellungen auf den zentralen Hof. Einen im späten 2. Jh. v. Chr. zu beobachtenden Wandel der Bauten zu zunehmend reich ausgestalteten Anlagen mit aufwendigen Marmorarchitekturen bringt der Autor mit den veränderten politischen und sozialen Verhältnissen des späten Hellenismus in Verbindung. Demzufolge seien vielerorts Bürger als Stifter an die Stelle der hellenistischen Herrscher getreten. Ein kurzer Katalog hellenistischer Gymnasien rundet den Artikel ab und erleichtert Vergleich und Gegenüberstellung der im Text genannten Bauten.

In dem zweiten Beitrag des Bandes, der explizit auf die bauliche Ausstattung hellenistischer Städte Bezug nimmt, behandelt Henner von Hesberg die bauliche Entwicklung griechischer Theater. Der Verfasser betont dabei, dass mit dem späten 4. Jh. v. Chr. ein Wandel in der Bauform der Anlagen zu konstatieren sei. Von diesem Zeitpunkt an, der durch die Errichtung des Dionysos-Theaters in Athen unter Lykurg oder auch den Bau des Theaters von Epidauros markiert werde, sei das Theater als Bauaufgabe erstmals in Gestalt streng geometrisch komponierter Anlagen verstanden worden. Zugleich lasse sich eine zunehmende Differenzierung von Zuschauerrund und Spielfläche konstatieren, die unter anderem durch die Errichtung von Abschrankungen greifbar werde.  Durch die für den weiteren Hellenismus charakteristische zunehmende Ausgestaltung der Bühnenbauten seien die Anlagen zudem auf eine bestimmte Funktion hin ausgerichtet worden. Zwar seien auch weiterhin Kulthandlungen wie auch politische Versammlungen für Theater bezeugt. Der monumentale Bühnenbau habe diese jedoch stets vor dem Hintergrund einer Theaterarchitektur erscheinen lassen. Abschließend betont von Hesberg die Bedeutung, die der Formgebung der Theaterbauten für die Selbstwahrnehmung der Gesellschaft hellenistischer Poleis zukam. Indem die Bürgergemeinschaft in dem Sitzrund sich selbst wahrnahm und zugleich geehrte Persönlichkeiten in hervorgehobenen Sitzen Platz nahmen, dienten die Bauten einer „Ästhetisierung der Gemeinschaft“, wie sie andernfalls etwa im Zusammenhang mit Prozessionen zu beobachten sei.

Im ersten der insgesamt fünf unter der Rubrik „Fallbeispiele“ zusammengestellten Beiträge gibt Wulf Raeck einen Überblick über die urbanistische Entwicklung der im 4. Jh. v. Chr. gegründeten Stadt Priene in hellenistischer Zeit. Insbesondere aufgrund neuer archäologischer Forschungen vor Ort sei es inzwischen möglich, ein differenzierteres Bild zu gewinnen, als noch auf Grundlage der alten Grabungspublikation. So sei etwa bei Errichtung der älteren Agora-Nordhalle wie auch des Buleuterions eine gründungszeitliche Wohnbebauung niedergelegt worden, was den Schluss erlaube, dass beide Bauten zum Zeitpunkt der Stadtgründung nicht bzw. an anderer Stelle vorgesehen gewesen seien. In ähnlicher Weise habe auch die Entwicklung der Wohnhäuser maßgeblich zur Veränderung des Stadtbildes beigetragen. Während die gründungszeitlichen Wohnhäuser auf Parzellen einheitlicher Größe und vielfach mit einem schematischen Grundriss errichtet wurden, sei in den folgenden Jahrhunderten verschiedentlich eine Ausdehnung einzelner Bauten zulasten der jeweils benachbarten zu verzeichnen, was die Frage nach den zugrunde liegenden Prozessen wie vor allem einer sozialen Differenzierung aufwerfe. Abschließend umreißt der Autor die Möglichkeiten der archäologischen Forschung, anhand der verhältnismäßig gut bekannten Stadtanlage von Priene durch gezielte Untersuchungen das heutige Verständnis für die städtebauliche Entwicklungsprozesse hellenistischer Zeit weiter zu schärfen.

Mit der Entwicklung der Stadt Ephesos in hellenistischer Zeit setzt sich Annalisa Calapà in ihrem Aufsatz auseinander. Diese habe in sich einem Spannungsfeld vollzogen, dass von der Einflussnahme verschiedener hellenistischer Herrscher einerseits sowie der überregionalen Bedeutung des Artemis-Heiligtums der Stadt andererseits geprägt gewesen sei. Für das Interesse der Herrscher sei in erster Linie die militärstrategische Bedeutung des Ortes ausschlaggebend gewesen. Die Bedeutung des Heiligtums habe demgegenüber in seiner Funktion als neutraler Asyl- und Bankbezirk gelegen, die von verschiedenen Herrschern immer wieder anerkannt worden ist. Auch im Weichbild der Stadt ließen sich beide Faktoren als prägend wiedererkennen. So sei die unter dem König Lysimachos 294 v. Chr. erfolgte Neugründung der Stadt unter dem Namen Arsinoeia einerseits von einer massiven Befestigung geprägt. Andererseits richte sich das orthogonale Straßenraster nach der Orientierung des altehrwürdigen Artemis-Heiligtums, dass nun außerhalb der Stadt zu liegen kam. Insbesondere dessen Bedeutung als allgemein innerhalb der hellenistischen Welt anerkannte neutrale Institution sei es schließlich auch zu verdanken gewesen, dass die Stadt stets einen autonomen Status bewahrt habe, wie etwa an der Prägung eigener Münzen abzulesen sei. Die Voraussetzungen für den Aufstieg von Ephesos zur Metropole der römischen Provinz Asia seien mithin bereits in frühhellenistischer Zeit geschaffen worden.

In ihrem Beitrag „Zur Kulturpolitik Hierons II. in Syrakus“ befasst sich Caroline Veit mit den städtebaulichen Maßnahmen des genannten Herrschers innerhalb seiner Residenzstadt. Veit unterscheidet drei maßgebliche Bereiche, in denen die Baupolitik Hierons II. sich entfaltet habe, das königliche Palastareal, die Befestigungsanlagen der Stadt sowie eine Reihe öffentlicher Bauten vorwiegend sakraler Natur. Aus der führenden Rolle, die dem Ingenieur Archimedes beim Ausbau der Verteidigungsanlagen zugekommen sei, schließt die Autorin, dass die Bedeutung der Befestigung nicht allein militärischen Erwägungen Rechnung getragen habe, sondern der Baumeister gleichsam als „Hofkünstler“ Stellvertreter einer „prestigeträchtigen Wissenschaft“ zu verstehen sei. Vertieft eingegangen wird im folgenden auf den Ausbau verschiedener Heiligtümer der Stadt, so etwa die literarisch überlieferte Stiftung eines Heiligtums für Zeus Olympios auf der Agora sowie die Errichtung eines monumentalen Altars unweit des Theaters, der vermutlich demselben Gott gewidmet war. Auch Inschriften aus dem unter Hieron ausgebauten Theater der Stadt machen eine Bezugnahme des Herrschers auf den Gott deutlich, indem die Namen von Zeus und einer Reihe anderer olympischer Götter gleichrangig mit denjenigen Hierons und anderer Mitglieder des Königshauses zur Benennung der einzelnen Sitzbereiche des Theaters genutzt werden. Die für die charismatische Herrschaft kennzeichnenden dynastischen, religiösen sowie euergetischen Bezüge würden damit im Stadtbild sichtbar.

Im abschließenden Beitrag des Bandes behandelt Andreas Thomsen zusammenfassend die urbanistische Entwicklung Unteritaliens am Beispiel der Region Kalabrien. Während die an den Küsten gelegenen griechischen Städte Unteritaliens in spätklassischer und hellenistischer Zeit vielfach in städtebaulicher Hinsicht stagnierten, sei für das Hinterland die Bildung urbaner Siedlungen kennzeichnend. Die verschiedenen Siedlungen, die aufgrund der schriftlichen Überlieferung mit dem Stamm der Bruttier verbunden werden können, weisen dabei in der Art ihrer Anlage sowie in Bauweise und –technik die charakteristischen Merkmale griechischer Siedlungen auf. Als ein wesentliches Kennzeichen nennt Thomsen die orthogonale Stadtanlage. Auch die übrige materielle Kultur der Bruttier sei weitgehend mit derjenigen der umliegenden griechischen Poleis kongruent, wie sich exemplarisch an der Münzprägung beobachten lasse. Zwar mutet die von Thomsen gewählte Bezeichnung der „Selbstkolonisierung“ für die Übernahme griechischer Siedlungsformen durch die Bruttier ungeschickt an. Dennoch belegen die angeführten Beispiele in anschaulicher Weise die Attraktivität der entsprechenden urbanistischen Konzepte, die hier, wie andernorts etwa in Nordwestgriechenland, erstmals zur Ausbildung urbanistischer Zentren in bis dahin weitgehend ländlich geprägten Regionen führten.
  
Abschließende Bewertung

Die Qualität der einzelnen Beiträge ist durchgehend zu loben und zeugt vom Sachverstand der einzelnen Autoren. Das Textbild ist ansprechend, das Format der Abbildungen, insbesondere wo diese Pläne wiedergeben, jedoch vielfach zu klein geraten. Ein umfassendes Register am Ende des Bandes erleichtert den Umgang mit dem Werk.

Wenngleich ein Sammelband wie der vorliegende nur selten Leser finden wird, die mit gleichbleibendem Interesse sämtliche oder auch nur den größten Teil der Beiträge des Werkes rezipieren, so darf doch abschließend die Frage aufgeworfen werden, welche Vorstellung man von den im Titel angeführten „Stadtbildern im Hellenismus nach der Lektüre eigentlich gewinnt. Hier nun ist es hilfreich, von der eingangs geschilderten Gliederung des Bandes abzusehen. Denn tatsächlich lässt das Spektrum der Beiträge erkennen, dass sich die gegenwärtigen Untersuchungen zur hellenistischen Polis auf drei Aspekte konzentrieren, die sich sehr gleichmäßig in dem Band berücksichtigt finden. An erster Stelle zu nennen sind typologische Untersuchungen, die auf eine städteübergreifende Analyse einzelner Phänomene zielen. Die Untersuchung der literarischen Stadtbeschreibungen durch Melanie Heinle ist in diesem Zusammenhang ebenso zu nennen, wie die von Henner von Hesberg angestellten Untersuchungen zur Architektur hellenistischer Theater oder der Beitrag zum hellenistischen Gymnasion von Ralf von den Hoff.
An zweiter Stelle lassen sich Studien anführen, die einzelne Städte unter verschiedenen Gesichtspunkten in den Blick nehmen, wie etwa die Beiträge von Christian Witschel und Ralf Krumeich zur Statuenaufstellung im hellenistischen Athen beziehungsweise von Marianne Mathys zu Ehrenstatuen in Pergamon. Aber auch die Untersuchungen von Wulf Raeck Priene betreffend, die Analyse des hellenistischen Ephesos durch Annalisa Calapà sowie von Syrakus durch Caroline Veit und die Auseinandersetzung mit dem Befund der Heiligtümer von Knidos durch Wolfgang Ehrhardt sind dieser Art von exemplarischen Untersuchungen zuzurechnen.
Eine dritte Gruppe von Beiträgen schließlich behandelt siedlungstopographische Fragestellungen auf einer regionalen Ebene im Sinne der historischen Landeskunde. Hierzu zählen die Untersuchung von Klaus Freitag zum Wechselverhältnis von Urbanität und bundesstaatlicher Verfassung, der Aufsatz von Christian Mileta zum Charakter neu gegründeter Städte in Kleinasien aber auch die Beiträge von Corinna Rohn und Joachim Heiden zur Siedlungstopographie der Landschaft Triphylien beziehungsweise von Andreas Thomsen zur Urbanisierung Unteritaliens.

Setzt man die einzelnen Beiträge außerhalb ihrer Anordnung miteinander in Beziehung ergeben sich daher Parallelen wie auch Gegensätze zwischen einzelnen Befunden, die über die Ergebnisse der einzelnen Aufsätze hinausreichen. Vergleichbar erscheint etwa die Förderung des Zeus-Kultes durch Hieron II. in Syrakus mit der Annäherung von Alexander dem Großen an das Heiligtum der Artemis von Ephesos. Ähnlichkeiten lässt auch der Umgang mit dem Hinterland der Siedlungszentren erkennen. So ließ Hieron II. im Vorfeld von Syrakus eine Festung errichten und werden die kleinen Nachbargemeinden von Milet und Ephesos, Pidasa beziehungsweise Pygela, von ihren größeren Nachbarn eingemeindet und zu Festungen ausgebaut. Hier wäre eine Zusammenfassung der Ergebnisse am Ende des Bandes wünschenswert gewesen, die es nicht allein dem Leser überlässt, die zahlreichen Einzelergebnisse miteinander in Beziehung zu setzen.

Wer sich mit den zahlreichen Phänomenen der hellenistischen Stadt auseinandersetzt, wird alles in allem in dem vorliegenden Werk sicher fündig werden. Man darf darüber hinaus gespannt sein, ob die zukünftigen Veröffentlichungen des SPP 1209 zu weiterreichenden Ergebnissen führen werden, die über eine Reihe äußerst gelungener Einzelforschungen hinausreichen.

http://verlag-antike.de/va/titel/978-3-938032-23-7

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Albrecht Matthaei, Martin Zimmermann (ed.), Stadtbilder im Hellenismus. Die hellenistische Polis als Lebensform Bd. 1. Berlin: Verlag Antike, 2008. Pp. 448.

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