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Georgios Chatzoudis | 10/08/2014 | 606 Views | Articles

8 Oct. 1914. Donnerstag. Jawór Solecki

Tagebucheintrag Harry Graf Kessler

Früh um zehn Min. vor 7. Befehl, dass Kolonne um 7 stehen u abmarschieren solle. Die Befehle kommen auf den schlechten Wegen nicht mehr durch. Um acht abmarschiert nach Norden über Ostroviec nach Sienno und Jawór Solecki. Es geht auf Iwangorod. Bei Ostroviec auf das VI Landwehr Corps (Woyrsch) getroffen, das auf derselben Strasse ebenfalls nach Sienno marschiert. Das Corps kommt über Galizien von Lublin her, wo es schwer gelitten hat. Ich fragte beim Vorbeireiten Infanteristen, ob Viele gefallen wären; Einer sagte, die Hälfte von seiner Compagnie, ein Andrer zwei Drittel. In Ostroviec in einer Conditorei Unteroffiziere. Gefragt, wie der Rückzug gewesen sei? ob geordnet oder ungeordnet? Antwort: ungeordnet; sie seien gelaufen. Die österreichische Landwehr habe 13 Tage in den Schützengräben ausgehalten, sei dann aber in wilder Flucht zurückgegangen und Alles mitgerissen. Ein Unteroffizier, der bei der Bagage war, erzählte, die Österreicher hätten beim Rückzuge ihre eigene Bagage vorgezogen, die deutsche zurückgehalten. Er habe seinem Bataillonswagen, damit er gerettet werde, befohlen, in die österreichische Bagage hineinzufahren. Da habe ein österreichischer Leutnant seinen Browning gezogen und ihm zugerufen, wenn er seinen Wagen nicht sofort halten lasse, würde er ihn niederknallen. Da habe er, der Unteroffizier, das Gewehr, das er auf dem Rücken trug, heruntergenommen und gesagt: „Ich habe auch ein Gewehr, Herr Leutnant.“ Darauf habe der Österreicher ihn weiterfahren lassen. Später kam ein Artillerie Leutnant in die Conditorei, der uns auf der Karte die ganzen Operationen des VI Corps zeigte. Sie sind bei Jósefów über die Weichsel gegangen und gleich gegen eine mächtige befestigte und betonierte russische Stellung nördlich von Jósefów angelaufen, die sich von Opole, 13 km östl. der Weichsel bis Lublin mit der Front nach Süden oder Südosten etwa 50 Kilometer lang hinzog: ein Übungslager, in das die Russen auch noch die schwere Festungsartillerie aus Iwangorod geschafft hatten. Hier seien sie abgeschmettert und dann in den Rückzug der Armee Dankl über den San nach Galizien mithinein gezogen worden. Seine Batterie habe zwei Geschütze verloren. Die Pferde seien gleich abgeschossen; sie hätten das Geschütz stehen lassen müssen. Über Galizien kommt das Corps jetzt wieder hier nach Norden in die Nähe von Josefów und vollendet so seinen Kreismarsch. Nördlich von Ostroviec im Walde hörte ich plötzlich lebhaft meinen Namen rufen, und Bernhard Stolberg kam herangesprengt: Er erzählte mir, er sei Ordonnanzoffizier bei Woyrsch, der in einem kleinen Wägelchen gleich hinter ihm herkomme; ihre Autos hätten sie verloren, auch einen Teil ihrer Registraturen. In der Tat kam bald darauf Woyrsch mit einem Adjutanten neben sich in einer Art von Droschke langsam im Sandwege grüssend an unserem Korps vorbei gefahren. Stolberg sagt, die österreichische Führung habe sehr enttäuscht. Es seien lauter gelehrte Leute aus der Schreibstube, in der Theorie ausgezeichnet; aber wenn es einmal gelte zuzupacken, seien sie nicht da. – Über entsetzliche Wege nördlich nach Sienno. Die Pferde sinken kilometerlang bis zu den Knieen in den Schlamm ein. In Jawór Solecki mit den beiden Stäben: Marschall u. Schell auf dem Gut einquartiert. Marschall erzählt, er wisse vom A.O.K., dass Schweden in Finnland einmarschiert sei und Italien an Frankreich den Krieg erklärt habe. Trotz der Quelle, glaube ich nicht recht daran. Wir haben seit dem 26ten September überhaupt keine Nachrichten, weder Briefe noch Zeitungen. Die Post versagt vollkommen. Die Postautos sollen irgendwo im Schmutz stecken. Spät kam Rantzau herein, der mit seiner Kolonne irgendwo in der Nähe des Schlosses liegen geblieben ist und nicht weiter kann, und bat um Quartier. Ich brachte seine Pferde unter einem Schuppen bei den meinigen unter und ihn in einem Bett in meinem Zimmer. Er sagte, es sei das erste Mal in Russland, dass er in einem Bett schlafe. – Die Lage jetzt die, dass wir auf Iwangorod marschieren, das XI Corps unsere rechte Flanke an der Weichsel deckt, und das VI Corps sich zwischen uns und das XI Corps einschiebt. Hindenburg hat im Ganzen sieben Corps, fünf deutsche und zwei österreichische; die Russen sollen jenseits der Weichsel mit fünf Corps, darunter ihr Gardecorps, stehen. Zur Schützenbrigade, die bei Opatów vernichtet worden ist, gehörte auch das berühmteste russische Regt. das Preobrastenski Regiment.

Paradeuniform des russischen Preobrastenski Regiments, 1910

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