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Georgios Chatzoudis | 25.11.2014 | 1130 Aufrufe | Interviews

600 Jahre Konzil von Konstanz

Interview mit Jürgen Klöckler über das Konstanzer Konzil

Vier Jahre dauerte das Konstanzer Konzil, das einberufen worden war, um aus drei miteinander konkurrierenden Päpsten am Ende einen alleinigen zu bestimmen. Vom 5. November 1414 bis zum 22. April 1418 fanden sich dazu 600 Kleriker in Konstanz ein, rund 70.000 Besucher kamen aus ganz Europa in die Stadt am Bodensee - so berichtet es der Chronist Ulrich von Richental, eine der wichtigsten Quellen, die noch heute zum Konzil existiert. Wir haben dem Konstanzer Historiker PD Dr. Jürgen Klöckler Fragen über dieses europäische Großereignis gestellt.

Chronik des Konzils von Konstanz des de:Ulrich Richental, Szene: Sitzung der Gelehrten, Bischöfe, Kardinäle und des Papstes Johannes XXIII. im Konstanzer Münster (Kolorierte Federzeichnung, zwischen 1460 und 1465)

Google Maps

L.I.S.A.: Herr Dr. Klöckler, bei all den Jahrestagen – 25 Jahre Mauerfall, 75 Jahre Zweiter Weltkrieg, 100 Jahre Erster Weltkrieg, 200 Jahre Wiener Kongress – kommen 600 Jahre Konstanzer Konzil bisher zu kurz. Sie haben über das Konzil, das im November 1414 feierlich eröffnet wurde, intensiv geforscht. In welcher historischen Gemengelage fand der Kongress statt? Warum wurde er einberufen und was war sein Ziel? Und warum fand das Konzil in Konstanz statt?  

Dr. Klöckler: Tatsächlich wurde erst vor kurzem, nämlich am 5. November 2014, mit einem Festakt im Insel-Hotel und einem ökumenischen Gottesdienst im Münster an die Eröffnung des Konstanzer Konzils vor genau 600 Jahren erinnert. Mit deutlichen Worten hat dabei Bundestagspräsident Lammert die historische Dimension der Kirchenversammlung herausgearbeitet und insbesondere an die treibende Rolle von König Sigismund erinnert. In der Tat hatte der König ein fundamentales Interesse an der Überwindung des seit 1378 währenden großen abendländischen Schismas, schließlich wollte er von einem allseits anerkannten Papst zum Kaiser gekrönt werden.

Privatdozent Dr. Jürgen Klöckler

Die Wahl des Tagungsorts fiel auf Konstanz, weil die Stadt nördlich der Alpen im Machbereich des Königs lag und in jeder Hinsicht gut zu versorgen war. Zudem war die Stadt verkehrsgünstig gelegen und hatte sich ab dem Hochmittelalter als Versammlungsort einen Namen gemacht. Ich möchte hier nur an den in Konstanz 1183 geschlossenen Frieden der lombardischen Städte mit Kaiser Friedrich I. Barbarossa erinnern.

Sie fragen, in welcher Lage sich die spätmittelalterliche Kirche damals befand? Nun, zu Beginn des 15. Jahrhunderts beanspruchten drei Päpste mit unterschiedlichen Obedienzen, das „wahre“ Haupt der katholischen Kirche zu sein: Gregor XII. in Rom, Benedikt XIII. in Avignon und Johannes XXIII. in Pisa. Die wesentlichen Aufgaben des Konstanzer Konzils sollten die Wiederherstellung der Einheit der Kirche, des Glaubens und der Reform „an Haupt und Gliedern“ sein. 

Chronik des Konzils von Konstanz des Ulrich von Richental, Szene: König Sigismund und Königin Barbara (Slovenian: Barbara Celjska; Hungarian: Cillei Borbála) or Barbara of Cilli), rechts, und Tochter, Königin Elisabeth von Luxemburg (Frau von Albrecht II. (HRR), links) auf dem Zug ins Münster (circa 1440)

L.I.S.A.: Denkt man an das Konstanzer Konzil, denkt man nicht nur an ein zerstrittenes Papsttum sondern unweigerlich auch an Jan Hus. Wie hoch ist die Folgewirkung der Verbrennung von Jan Hus einzuschätzen?  

Dr. Klöckler: Die Verurteilung und Verbrennung von Jan Hus war sicherlich neben der Wahl des Römers Oddo Colonna am 11. November 1417 zum neuen Papst mit Namen Martin V. die folgenschwerste Entscheidung des Konzils mit Auswirkungen bis zum heutigen Tag. Die Kriegsfurie der Hussitenkrieg brach über Mitteleuropa herein und Jan Hus avancierte zum vorreformatorischen Vorläufer Martin Luthers. Hus wurde zur Identifikationsfigur der tschechischen Nation – spätestens im 19. Jahrhundert. In Konstanz wurde ihm im Oktober 1862 ein Denkmal am mutmaßlichen Ort seiner Verbrennung errichtet. Dort am Hussenstein wird an seinem Todestag alljährlich eine Gedenkveranstaltung abgehalten. Das zweite Jahr des aktuellen Jubiläums ist Jan Hus gewidmet, dessen gewaltsamer Tod sich am 6. Juli 2015 zum 600mal jährt. Die Konzilstadt Konstanz, ein für das Jubiläum geschaffener Eigenbetrieb der Stadt, hat ein vielfältiges Programm erarbeitet, das Sie jederzeit auf der gleichnamigen homepage im Internet abrufen können. 

Obwohl König Sigismund ihm freies Geleit zugesagt hat, wird Jan Hus 1415 verhaftet und verbrannt (Jena codex).

L.I.S.A.: Wie haben die Zeitgenossen das Konzil erlebt? Wie haben die Menschen in Konstanz darüber berichtet?  

Dr. Klöckler: Wir besitzen eine eindrucksvolle und einmalige Quelle zur Alltagsgeschichte des Konstanzer Konzils. Es handelt sich um die reich illustrierte Konzil-Chronik des Ulrich Richental. Die im städtischen Rosgartenmuseum aufbewahrte Konstanzer Abschrift dieser Chronik ist als Faksimile zum Konzilsjubiläum neu aufgelegt worden. Jeder, der diese im Original um 1464/65 entstandene Abschrift der Chronik durchblättert, wird von den detaillierten und farbigen Abbildungen fasziniert sein. Anschaulich zeigen sie Marktszenen, Prozessionen, Belehnungen, Feste, aber auch fahrbare Backöfen und Musikanten. Die Stadt war angefüllt mit Konzilsteilnehmern aus ganz Europa, man kann sich die Verhältnisse in einer Stadt mit damals maximal 8000 Einwohnern nicht beengt genug vorstellen. Gar leere Weinfässer sollen als Schlafstätten genutzt worden sein. 

Gedenkplakette an das Konstanzer Konzil in Konstanz

L.I.S.A.: Wenn man die Wahrnehmung der Zeitgenossen mit der aktuellen Historisierung des Konzils vergleicht, wie tief ist der Graben, falls es überhaupt einen gibt? Anders gefragt: Wussten die Zeitgenossen um die Bedeutung des Kongresses? 

Dr. Klöckler: Den Zeitgenossen war mit Sicherheit bewusst, dass sich etwas ganz außergewöhnliches innerhalb der Mauern der Stadt abspielte. Vor allem konnten die Bewohner der Bischofsstadt Konstanz die Symbole und Riten des nach außen „sichtbaren“ Konzils richtig deuten: Prozessionen und Bittgänge, festliche Einzüge und feierliche Gottesdienste im Münster, all das vermochten die Konstanzer der Jahre 1414 bis 1418 in ihrer sakralen Bedeutung einzuordnen und zu würdigen. Von den 45 Sessionen der Kirchenversammlung, die allesamt im Münster und nicht wie oftmals fälschlich vermutet im heute als Konzilsgebäude bezeichneten Kaufhaus am Hafen stattfanden, bekamen die Konstanzer freilich wenig oder vielmehr gar nichts mit. Das war Theologie pur.

In den Jahrzehnten nach dem Konzil fand sehr schnell – und zwar parallel zum wirtschaftlichen Niedergang, zum Bedeutungsverlust und zur Provinzialisierung der Stadt – eine Überhöhung und Verklärung der Ereignisse statt. Mit der vom Rat in Auftrag gegebenen Abschrift der Richental’schen Konzilschronik, aus der übrigens der Name des Autors getilgt war, stellte sich die Stadt letztlich ein Selbst- bzw. Städtelob aus, das den Namen Konstanz in der europäischen Erinnerungskultur wachhalten sollte – was offensichtlich geglückt ist. Die Stadt Konstanz zehrt bis heute von diesem Nachruhm, was Sie etwa an dem ambitionierten Programm der mehrjährigen Konzilsfeierlichkeiten ablesen können.

L.I.S.A.: Was macht das Konzil historisch so bedeutend? Sind – bei aller gebotenen Skepsis - Analogien oder Denkspiele bis in die europäische Gegenwart erlaubt?  

Dr. Klöckler: Vergleiche und Analogien mit der Gegenwart sind generell nicht unproblematisch. Doch gerade kirchenpolitisch hat das Konzil bedeutende Fragen aufgeworfen, die durch die Jahrhunderte nicht wirklich gelöst worden sind, insbesondere die Frage nach dem Verhältnis von Papsttum und Konziliarismus. Nach der Flucht von Papst Johannes XXIII. im Frühjahr 1415 hatte sich das Konzil selbst durch das Dekret Haec sancta die Suprematie zugesprochen. Man tagte bis zur Wahl Martins V. im November 1417 einfach ohne Papst weiter. Dass das zweite maßgebliche Dekret Frequens, das zukünftig die regelmäßige Einberufung von Konzilien vorschrieb, nicht zur Wirkung kam, steht auf einem anderen Blatt. In der konziliaren Frage war das Konzil zu Konstanz zweifellos historisch bedeutend.

PD Dr. Jürgen Klöckler hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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