Juden als Feinde im Islam -
"Jedem Propheten ein Feind"

Kapitel 4

Bild: Folio from a Koran: Sura 38, verses 87-88; sura 39, verse 1, [Public domain], via Wikimedia Commons, Originalquelle: http://www.asia.si.edu/collections/zoom/F1930.60.jpg

Juden als Feinde im Islam - "Jedem Propheten ein Feind" (Kapitel 4)

Ein Text von Vanessa Nieberding und Sylvana Schapals

Nachdem Nirenberg sich im vorherigen Kapitel mit der frühen christlichen Kirche beschäftigt hat, untersucht er die Anfänge des Islams. Hierfür beginnt er bei den frühislamischen Traditionen, aus denen Texte hervorgingen, mit deren Hilfe später die kanonischen Dokumente Koran sowie die Lebensgeschichte des Propheten Mohammeds, die sogenannte Sira, verfasst wurden. Aus diesen arbeitet Nirenberg die Rolle der Juden und die darauf basierende reale Entwicklung der islamischen Gemeinschaft heraus. Er formuliert das Ziel des Kapitels folgendermaßen:

„Mein Ziel in diesem Kapitel ist daher diesen Aneignungs- und Stigmatisierungsprozess zu beschreiben, sowohl im Koran als auch in der frühislamischen Überlieferung. Ich will aber auch zeigen – und das ist ungleich kontroverser –, dass die Rollen, die den Vorstellungen vom Judentum dabei zugeschrieben wurden, genauso wichtig für die Formung islamischer Ideen über die Deutung von Schrift und Kosmos waren wie für die frühen Christen, von denen der frühe Islam in dieser Hinsicht viel übernahm.“ (Nirenberg, S. 147)

Zentrale Quellen

Nirenberg beginnt mit einer abwechselnden Vorstellung des Korans und der Lebensgeschichte Mohammeds, der Sira. Hierbei geht er sowohl auf die Autoren, als auch auf den Inhalt der jeweiligen Schrift ein. Im Folgenden sollen der Koran und die Sira genauer betrachtet werden.

Der Koran basiert inhaltlich auf christlichen, jüdischen und arabischen Offenbarungen und wurde von Kalif Uthman Ibn Affat zusammengestellt. Die Niederschrift weist dabei keinen genauen Adressaten, keinen spezifischen Sprecher und keinen zeitgenössischen Kontext auf. Für das Titelthema „Antijudaismus“ sind insbesondere die Suren (Koranabschnitte) 2 und 9 von Bedeutung. In diesen wird deutlich, dass die Rolle der Juden im Koran einzigartig ist:
So schreibt Sure 2.93 den Juden eine doppelte Funktion zu. Einerseits würden die jüdischen Propheten als Empfänger der göttlichen Offenbarungen angesehen. Dies würde bedeuten, dass die Tora vom islamischen Glauben anerkannt wird. Andererseits hätten die Juden jedoch aus Deutung des Korans die Tora verfälscht und fehlgedeutet. Ihren angeblichen Widerstand gegen den Propheten Mohammed sollten sie mit ihrer Demütigung durch das islamische Volk bezahlen. Anhand dieser Demütigung sollte die Wahrheit der koranischen Schriften bewiesen werden.

Im Gegensatz zum Koran beschäftigt sich die Sira nicht mit göttlichen Offenbarungen, sondern mit der Lebensgeschichte Mohammeds. Diese wurde vom muslimischen Geschichtsschreiber Ibn Ishaq etwa 150 Jahre nach Mohammeds Tod mithilfe einer eigens erstellten Sammlung von Überlieferungen über das Leben des Propheten verfasst. Jene „wahre“ Lebensgeschichte sollte von da an als Vorbild für das Leben eines jeden Muslims gelten. Potentielle Leerstellen, die in dem Koran aufkommen könnten, sollten durch Aussagen der Sira gefüllt werden. Hierfür wurde häufig auch antijudaistische „Propaganda“ genutzt. (Nirenberg, S.164-165)

Die Rolle der Juden

Wie die frühchristlichen Gemeinden übernahmen und adaptierten auch die frühen Korangemeinden die Juden als Wächter der grundlegenden Schriften. (Nirenberg, S.147)
Die Sure 4.46 im Koran klagt die Juden jedoch des Ungehorsams, der Fehldeutung und sogar der Verfälschung der Heiligen Schriften an. (Nirenberg, S.150) Sie hätten dies absichtlich getan und Wahres mit Falschem verwechselt. (Nirenberg, S.153) Deshalb werden die Juden im Koran unter anderem als Satans Anhänger im Unglauben bezeichnet. (Nirenberg, S.152)
Aber auch wenn Feindseligkeit gegen Juden im Koran existiert, um diese zu bekämpfen und zu besiegen, solle das Volk der Juden nicht zwangsläufig ausgelöscht werden. (Nirenberg, S.156) Grund dafür sei, dass die islamische Tradition immer wieder die Bedrohung durch das Judentum beschwor, um ihren eigenen Kosmos kritisch zu deuten. Die den Juden zugewiesene Rolle war vorteilhaft, um Wahres von Falschem zu unterscheiden und gesunde islamische Tradition von ungesunder zu trennen. So wurde zum Beispiel die Frage, warum die Welt so oft vom göttlichen Willen abweicht, mit dem Judentum erklärt.
Man "judaisierte" nicht-Juden durch die Unterstellung "jüdischer" Attribute zu "Scheinjuden" bzw. Heuchlern, um ihr Ansehen oder ihre Meinung zu untergraben. (Nirenberg, S.158) Zudem bildete der Islam ein politisches und rechtliches Machtsystem, welches darauf beruhte, dass Juden als Feinde angesehen werden. Demgemäß drückten sich Wahrheit und rechte Ordnung im muslimischen System in Gegenseite zu den Gesetzen und Regeln der Juden aus.

Fazit

Zusammenfassend kann man sagen, dass Nirenberg in diesem Kapitel einen thematischen Übergang vom Christentum zum Islam herstellt. Die Muslime sprechen der jüdischen Gemeinschaft eine Doppelrolle zu. So sind einerseits die jüdischen Propheten laut Koran zwar die Empfänger der ursprünglichen Offenbarungen („gute Juden“), andererseits wird das Volk der Juden jedoch als heuchlerisch angesehen. Die Juden hätten die Schriften bewusst verfälscht und würden somit nicht mehr an die Wahrheit glauben. Juden wurden zu einem Feindbild stilisiert, das ein wichtiger Bestandteil der politischen und rechtlichen Systeme des Islams wurde. Die Juden wurden als Negativbeispiele herangezogen, wie man sein Leben als guter Muslim nicht führen sollte. Auf diesem Gedanken aufbauend wurde das Judaisieren von Muslimen und anderen Nicht-Juden als ein Mittel genutzt, um die Vorherrschaft des Islam zu rechtfertigen und zu festigen.