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Nadja Thelen-Khoder | 13.04.2019 | 394 Aufrufe | Artikel

258 von 3,5 Millionen – Der „Franzosenfriedhof“ in Meschede

Wenige Monate vor ihrem Tod erzählte meine Mutter vom Langenbachtal. Dass sie ihrem Vater, dem Warsteiner Arzt Dr. Segin, oft geholfen habe, die eiternden Geschwüre der russischen Zwangsarbeiter „auszuschaben“, hatte sie schon oft erzählt; aber dass 71 von ihnen wenige Tage vor Kriegsende im Langenbachtal ermordet wurden, nicht.

Ein „Franzosenfriedhof“ ohne Franzosen, teils nicht mehr lesbare Grabsteine ohne Geburts- und Sterbedaten und vermooste, verwitterte und gebrochene Steine mit verharmlosenden Texten – so fand ich den Mescheder Waldfriedhof bei Beginn meiner Spurensuche im Herbst 2015 vor.

Neben den namenlos Begrabenen der drei nächtlichen Massaker deutscher Soldaten am 20.3.1945 im Langenbachtal (Warstein), 21.3.1945 im Körtlinghausener Forst (Suttrop) und 22.3.1945 auf der Eversberger Kuhwiese bei Meschede künden 32 Grabsteine von 70 weiteren Zwangsarbeitern, die 1942-1945 starben.

"Hier liegen 27 der 121 anonymisierten ,umgebetteten’ Ermordeten der beiden Massaker deutscher Soldaten in Warstein und Suttrop am 20. und 21.3.1945."
Photo vom April 2019

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Lange hatte ich geglaubt, dass alle Unterlagen vernichtet worden seien – durch den Krieg, durch Unachtsamkeit, aus Not oder willentlich von Menschen, die daran ein Interesse hatten. Aber je länger ich nach Namen suchte, desto mehr Listen begegneten mir: von Arbeitsämtern, Polizeidienststellen, Krankenhäusern in Meschede und Ramsbeck, Arbeitgebern, Krankenkassen, Bürgermeistern, vom Oberstaatsanwalt in Arnsberg, vom Städtischen Gesundheitsamt Meschede und und und. Durch sie, die Exhumierungsberichte und die Sterbeurkunden in den Stadtarchiven verwandelten sich Zahlen in Menschen aus Fleisch und Blut.

3 500 000 Bürger der ehemaligen Sowjetunion sind in deutscher Gefangenschaft gestorben. Niemand kann sich diese Zahl vorstellen. Aber durch den Grabstein von Valentina und Nina Woronina etwa rufen drei Menschen nach uns: Nina (21), ihre Tochter Valentina (10 Wochen) und ihr Mann Michail Woronin (22), der nach seiner Befreiung ins „Reserve Lazarett Warstein“ kam und dort an „Lungentuberkulose“ starb, wie all die anderen, für die auf dem Friedhof der LWL-Klinik auch eine Stele steht - siehe hierzu auch "Eine Familie stirbt".

Und auch zu den Ermordeten der drei Massaker gibt es Papiere (Eidesstattliche Erklärung des Bürgermeisters von Suttrop vom 7.9.1946), Ausweise und Lohnabrechnungen (Exhumierungsberichte vom März 1947) und Ausweisreste und Ringe (Umbettungsprotokolle des „Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.“ von 1964).

Dieses Buch will Grundlage sein für weitere Recherchen vor Ort. Wie schön wäre es, wenn z.B. Schüler im Geschichtsunterricht weiter nach Toten und Ermordeten suchen könnten, um ihnen ihre Würde wiederzugeben. Die Listen aus zig Lagern in und um Meschede und Warstein sind lang, und gemeinsam können wir noch so viel finden, um den Menschen ihre Würde zurückzugeben!

Titel des Buches mit Auszug

Nadja Thelen-Khoder, Der „Franzosenfriedhof“ in Meschede. Drei Massaker, zwei Gedenksteine, eine „Gedenktafel“ und 32 Grabsteine. Dokumentation einer Spurensuche, Norderstedt 2018.

(ISBN: 978-3-7528-6971-2; edition leutekirche sauerland Nr. 14)

Auszug aus dem Buch: XII. Gewissen heißt „conscience“ (1.28 MB)

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