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Georgios Chatzoudis | 19.02.2010 | 4531 Aufrufe | Artikel

20 Jahre Grundsteinlegung Bundeskunsthalle -
Bonn oder Berlin?

Autorin: Dr. Agnieszka Lulinska, Projektleiterin der Bundeskunsthalle

Die Idee einer „Bundeskunsthalle“ oder „Kunsthalle Bonn“ ist so alt wie die Republik selbst und die Diskussion über die Ausgestaltung ihrer Hauptstadt. Doch während Bonn 1949 um seine politische Zukunft noch bangen musste – erst am 3. November 1949 fand die entscheidende Abstimmung im Deutschen Bundestag statt –, hatte das Projekt  Bundeskunsthalle bereits seine erste Lobby. Wie der General-Anzeiger am 17. Oktober 1949 berichtete, diskutieren 120 geladene Künstler die Möglichkeit der Errichtung einer Kunst- und Ausstellungshalle in Bonn. Nach vierzig Jahren zähen Ringens um Ausgestaltung, Standort und Funktion eines solchen Hauses legte Bundeskanzler Helmut Kohl am 17. Oktober 1989 den Grundstein für die von Gustav Peichl entworfene Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland.

Dies geschah vor dem Hintergrund politischer Umwälzungen in Mittel- und Osteuropa und wenige Tage vor der Öffnung der Berliner Mauer. Nachdem die Deutsche Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 vollzogen wurde, beschloss der Deutsche Bundestag am 20. Juni 1991 mit denkbar knapper Mehrheit, seinen Sitz von Bonn nach Berlin zu verlegen. Und während nach dem Hauptstadtbeschluss über die Zukunft der Bonner Großbauprojekte debattiert wurde, war auf der Baustelle an der B9 die Erweiterung der so genannten „Säulenallee“ von ursprünglich elf auf nunmehr sechzehn Stelen, welche die frisch vereinten Bundesländer als die „Säulen der deutschen Kultur“ symbolisieren sollen, längst beschlossene Sache.

Der markante Neubau an der einstigen „Diplomatenrennbahn“ wurde nach den Plänen des Wiener Architekten Gustav Peichl errichtet. Es war nicht zuletzt der heitere, poetische Charakter seiner Architektur, der unter den 35 eingereichten Entwürfen des vom Bundesbauminister 1985 ausgelobten Ideenwettbewerbs überzeugte – vor Josef Paul Kleihues aus Berlin und von Gerkan, Marg + Partner aus Hamburg. Dazu ein Auszug aus dem Juryprotokoll im Oktober 1986: „Der überarbeitete Entwurf versucht verstärkt, Demokratie in der Mitte Europas sowohl funktionell als auch gestalterisch in den Neubau der Kunsthalle Bonn einzubringen. Abgeschlossene funktionsgerechte Raumentwicklung einerseits und eine durch einen poetischen Charakter versuchte Ausstrahlung nach Außen geben dem Bauwerk eine eigenständige Physiognomie. (...) Die aufregenden individuell gestalteten Lichttürme mit Steinverkleidung und Kupferblechabdeckung sollen den kulturellen und künstlerischen Inhalt des Gebäudes signalisieren.“ Die drei markanten, elegant zugespitzten Lichtkegel, die heute in einer leuchtend blauen Majolikaverkleidung erstrahlen, sollten sich von Beginn an zum Wahrzeichen der Kunst- und Ausstellungshalle entwickeln.

Der Auslobungstext zum Wettbewerb um die Bundeskunsthalle fasste die Nutzungsvorgaben in die beiden großen Blöcke „Ausstellung“ und „Kommunikation“ zusammen. Nicht nur der Architekt, auch das Team der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland fühlte sich dieser Aufgabe stets verpflichtet: Seit ihrer Eröffnung am 19. Juni 1992 zeigte die Bundeskunsthalle über 150 Ausstellungen und entwickelte sich mit ihrem vielfältigen Veranstaltungsprogramm zu einem lebendigen Begegnungsforum für die Bonner Bürger wie auch für die Besucher aus dem In- und Ausland.

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Bundeskunsthalle in Bonn

"Ich wollte nichts Modisches machen!"

Interview mit Gustav Peichl, Architekt der Bundeskunsthalle

Interview mit Gustav Peichl, Architekt der Bundeskunsthalle, am 16.10.2009 in Bonn

L.I.S.A. AUDIO

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Der Ideenwettbewerb

Im Dezember 1985 wird im Auftrag des Bundesbauministers Oscar Schneider ein beschränkter Ideenwettbewerb für die Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland ausgelobt. Von den 40 eingeladenen Teilnehmern reichen 35 ihre Entwürfe ein.

Am 3. und 4. Juli 1986 tagt unter dem Vorsitz des Architekten Joachim Schürmann das mehrköpfige Preisgericht, dem Architekten, Politiker und Ministerialbeamte sowie Vertreter aus Kunst und Kultur angehören.
Nach intensiven Beratungen werden acht Entwürfe wie folgt prämiert:

1. Preis   Arbeit Nr. 13 (Gustav Peichl, Wien)
2. Preis   Arbeit Nr. 33 (Josef Paul Kleihues, Berlin)
3. Preis   Arbeit Nr. 22 (von Gerkan, Marg + Partner, Hamburg)

Ankauf     Arbeit Nr. 34 (Bangert, Jansen, Scholz, Schultes, Berlin)
Ankauf     Arbeit Nr. 14 (Dissing + Weitling, Kopenhagen)
Ankauf     Arbeit Nr. 8 (Ernst van Dorp und Klaus Schmidt, Bonn)

1. Nachrücker Arbeit Nr. 35 (Werner H. Goehner, Tübingen)
2. Nachrücker Arbeit Nr. 25 (Andreas Sack und Joachim Böttger, München)

Die drei Preisträger werden aufgefordert, ihre Entwürfe zu überarbeiten und dem Preisgericht erneut vorzulegen. Im Rahmen der zweiten Wettbewerbsstufe spricht sich das Preisgericht am 28. November 1986 mehrheitlich für den Entwurf von Gustav Peichl aus.

„What about Bonn?“

Autorin: Dr. Agniezska Lulinska, Projektleiterin der Bundeskunsthalle

Die Hauptstadtwürde war den Bonnern 1949 gewissermaßen provisorisch verliehen worden, unter dem Vorbehalt einer Wiedervereinigung Deutschlands. Als diese vierzig Jahre später in greifbare Nähe rückte und Berlin die Hauptstadtaufgaben für sich reklamierte, galt die beschauliche Stadt am Rhein längst auch international als Sinnbild für die parlamentarische Demokratie, die soziale Marktwirtschaft und die programmatische Selbstbescheidenheit der „Bonner Republik“.

„What about Bonn?“ – diese Frage wurde im britischen Foreign Office bereits im Februar 1946 gestellt, als ein neuer Sitz für die Zentralregierung eines westdeutschen Teilstaates bestimmt werden sollte. Den darum entbrannten Wettkampf konnte Bonn vor Frankfurt am Main schließlich für sich entscheiden: Am 10. Mai 1949 hatte sich der Parlamentarische Rat  in einer geheimen Abstimmung mit 33 zu 29 Stimmen für Bonn als vorläufigen Sitz von Bundesregierung, Bundestag und Bundesrat ausgesprochen.

Der politische Status dieses Provisoriums spiegelte sich nicht zuletzt in der jahrzehntelang vernachlässigten städteplanerischen Entwicklung Bonns und der deutlichen Zurückhaltung des Bundes wider, repräsentative Bauten mit hauptstädtischem Charakter zu errichten. Bis in die 70er Jahre hinein, als eine Wiedervereinigung vollends unwahrscheinlich erschien, blieb Bonn nach den Worten des Publizisten Johannes Gross ein „kapitales Minimum“. Erst der deutschlandpolitische Kurswechsel unter Bundeskanzler Willy Brandt ermöglichte ein offizielles Bekenntnis zum Ausbau der Bundeshauptstadt (Regierungserklärung vom 18. Januar 1973). In diesem Zusammenhang führte die Forderung, auch dem kulturellen Selbstverständnis der Republik mit der Errichtung eines repräsentativen geistig-kulturellen Zentrums Ausdruck zu verleihen, zur Realisierung des kontrovers diskutierten Projektes einer  Bundeskunsthalle.

Es gleicht einem Treppenwitz der Geschichte, dass die feierliche Grundsteinlegung für die  Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland am 17. Oktober 1989 nur wenige Tage vor der Öffnung der Berliner Mauer und ein Jahr vor der Wiedervereinigung stattfand, welche die Hauptstadtfrage erneut in den Mittelpunkt einer teilweise erbittert geführten politischen Debatte stellte. Streng genommen ging es gar nicht um die Frage der Hauptstadt, als solche war im deutschen Einigungsvertrag von 1990 Berlin benannt worden. Im Streit um den künftigen Sitz von Parlament und Regierung und vor allem während der als eine „Sternstunde des Parlaments“ bezeichneten Bundestagsdebatte vom 20. Juni 1991 waren weniger die sachlichen Erwägungen zugunsten einer Bonn- bzw. Berlin-Entscheidung ausschlaggebend. Es waren vielmehr abstrakte Befindlichkeiten wie „Glaubwürdigkeit“ und „Zukunft Deutschlands“ (für Berlin) oder „Föderalismus“ und „europäische Integration“ (für Bonn), die die Diskussion bestimmten und schließlich zu Schlüsselwörtern mit politischem Symbolwert und damit zum Sinnbild der jeweiligen Stadt wurden. Die abschließende geheime Abstimmung brachte ein denkbar knappes Ergebnis für Berlin: 320 Stimmen für den Bonn-Antrag, 337 Stimmen für den Berlin-Antrag.

„What about Bonn?“ Zum Zeitpunkt der Entscheidung war der von Bundeskanzler Helmut Kohl intensiv betriebene Ausbau Bonns zur Hauptstadt so richtig auf Touren gekommen. Dazu gehörte auch der von den Einen als neues Wahrzeichen der Stadt beschworene, von den Anderen als Fehlgeburt abgelehnte Bau der Bundeskunsthalle. Die Bundesregierung folgte der salomonische Empfehlung ihrer Staatsekretäre: Neubauten, die bereits begonnen waren, sollten vollendet werden. Was in der Planung war, sollte als Planung abgeschlossen werden. Die Parole hieß: „Wir hinterlassen keine Ruinen.“ Seinen Abschied vergoldete der Bund seinem ehemaligen Regierungssitz mit 2,9 Milliarden Mark – das war mehr als in den vierzig Jahren zuvor insgesamt.

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Dr. Agniezska Lulinska, Projektleiterin der Bundeskunsthalle, im Hintergrund Dr. Robert Fleck, Intendant der Bundeskunsthalle

Chronologie "Bundeskunsthalle"

20. Oktober 1949
Auf Einladung des Bonner Kulturdezernenten diskutieren 120 Künstler die Möglichkeit der Schaffung einer Kunst- und Ausstellungshalle. Der Architekt Hans Schwippert, der den Umbau des Bundeshauses verantwortet, erklärt sich bereit, einen Entwurf kostenlos auszuarbeiten.

50er und 60er Jahre
Die Diskussion über die Notwendigkeit und Ausgestaltung eines kulturellen Zentrums in der Bundeshauptstadt findet vorwiegend außerhalb der politischen Plattform statt.

25. Mai bis 27. Juni 1976
Der Bonner Kunstverein und das Städtische Kunstmuseum richten den Wettbewerb „Schüler planen die Bonner Kunsthalle“ aus, bei dem 224 Arbeiten eingereicht werden.

25. Mai 1977
Das Bundeskabinett unter Bundeskanzler Helmut Schmidt fasst einen Beschluss: „Das Bundeskabinett sieht in einem geistig-kulturellen Zentrum (Kunsthalle) einen wichtigen Beitrag zum Hauptstadtkonzept (...). Die Ressorts BMI, BMBau und BMF werden gebeten, in Absprache mit den Ländern für eine derartige Konzeption alsbald Lösungsvorschläge vorzulegen.“

2. bis 4. November 1978
Der Deutsche Künstlerbund veranstaltet unter dem Vorsitz von H.O. Hajek das prominent besetzte Kolloquium „Brauchen wir eine Kunsthalle?“.

21. März bis 22. April 1979
Der Bonner Kunstverein richtet die Ausstellung „Stellungnahme“ aus, in der sich 37 Künstler zu einem Kunstzentrum des Bundes in Bonn positionieren.

11. Februar 1981
Der Förderverein Kunsthalle Bundeshauptstadt e.V. wird gegründet und wählt die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Annemarie Renger, zu seiner Vorsitzenden.

Juli 1981
Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft „Mehr Kunst für Bonn“, einem Zusammenschluss von Künstlern, Galeristen, Museumsfachleuten, Kultureinrichtungen, Bürgerinitiativen und interessierten Einzelpersonen, beginnen mit der Ausarbeitung eines 20-Punkte-Programms, das die kulturellen Defizite in der Bundeshauptstadt aufarbeiten soll. Am 9. November 1982 liegt das Programm der Öffentlichkeit vor.

26. Oktober 1983
Annemarie Renger, die Vorsitzende des Fördervereins Kunsthalle Bundeshauptstadt, überreicht dem Bundespräsidenten Karl Carstens eine Mappe mit Plakaten elf namhafter Künstler, die mit dem Reinerlös ihrer Arbeiten das Projekt Bundeskunsthalle unterstützen wollen.

10. November 1983
Die Arbeitsgemeinschaft „Mehr Kunst für Bonn“, das Internationale Künstlergremium, der Deutsche Künstlerbund sowie der Bundesverband Bildender Künstler laden zu einem prominent besetzten Kolloquium „Staatskultur oder Kulturstaat? – Das Projekt einer Kunsthalle in der Bundeshauptstadt“ ein.

Januar 1984
Die Organisationen Arbeitsgemeinschaft „Mehr Kunst für Bonn“, Förderverein Kunsthalle Bundeshauptstadt, Deutscher Künstlerbund, Bundesverband Bildender Künstler, Kunstfonds und Deutscher Kulturrat schlagen die Errichtung einer „Kunsthalle Bundeshauptstadt Bonn im Theodor-Heuss-Zentrum für Kunst und Geschichte“ vor.

6. Juni 1984
Grundsätzliche Einigung der Regierungschefs von Bund und Ländern über das bis dahin umstrittene Vorhaben einer Kunsthalle des Bundes.

13. Juni 1984
Das Bundeskabinett und anschließend der Rat der Stadt Bonn beschließen ein Konzept für die kulturellen Einrichtungen der Bundeshauptstadt – des Hauses der Geschichte, des Kunstmuseums der Stadt Bonn sowie der Kunst- und Ausstellungshalle des Bundes.

16. Januar 1985
Das Bundesministerium des Inneren legt ein Konzept für eine Kunst- und Ausstellungshalle in der Bundeshauptstadt sowie ein Raum- und Personalprogramm vor.

Dezember 1985
Ausgabe der Auslobungsunterlagen für den Ideenwettbewerb „Kunst- und Ausstellungshalle“.

4. Juli 1986
Das Preisgericht zeichnet das Projekt des Wiener Architekten Gustav Peichl vor den Mitbewerbern Kleihues und von Gerkan, Marg + Partner mit dem ersten Preis aus.

28. November1986
Eine deutliche Mehrheit des Preisgerichts spricht sich für den überarbeiteten Entwurf von Gustav Peichl aus, der mit der Ausführung des Vorhabens beauftragt wird.

17. Oktober 1989
Bundeskanzler Helmut Kohl legt den Grundstein für die Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland.

12. September 1990
Richtfest nach der Fertigstellung des Rohbaus.

20. Juni 1991
Der Deutsche Bundestag beschließt, seinen Sitz von Bonn nach Berlin zu verlegen.

19. Juni 1992
Eröffnung der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland.

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